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Bundestagswahl 2017: Was kann die Generation Z wirklich erwarten?

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SCHULKLASSE
dpa
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Jenseits vom großen Fernsehen liefen im Internetprojekt orga.tv der UniversitĂ€t des Saarlandes Politiker-Interviews mit Peter Altmaier, Heiko Maas und Markus Tressel. Der Zusammenschnitt dieser von Christian Scholz gefĂŒhrten GesprĂ€che liefert eine virtuelle GesprĂ€chsrunde: Sie lĂ€sst ahnen, was auf die junge Generation zukommt.

Von vier angefragten Politikern aus dem Saarland sagten mit Peter Altmaier (CDU), Heiko Maas (SPD) und Markus Tressel (BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen) drei spontan zu und stellten sich einer breiten Palette von Fragen.

Nur die angeheiratete SaarlĂ€nderin Sahra Wagenknecht hatte in diesem Sommer ĂŒberhaupt keinen Termin mehr frei. Die drei jeweils fast einstĂŒndigen Interviews deckten eine breite Palette von Fragen ab, die von Air Berlin bis zur Zukunft des Autos reichten.

Speziell zur Bundestagswahl entstand jetzt ein kurzer Zusammenschnitt im CNN-Stil aus solchen Antworten, die gerade die junge Generation interessieren dĂŒrften, und die bei nĂ€herem Hinschauen interessante Schlussfolgerungen zulassen.

KĂŒmmern sich die Parteien um die Generation Z?

Bereits bei der Durchsicht der Wahlprogramme wurde klar: Explizit kommt die junge Generation nahezu ĂŒberhaupt nicht vor.

FĂŒr Markus Tressel ist die Generation Z ein "Querschnittsthema". Diese Formulierung findet man hĂ€ufig. So argumentiert auch Peter Altmaier, wenn er das Schaffen von ArbeitsplĂ€tzen in den Mittelpunkt stellt, die genauso der Generation Z zugute kommen.

➚ Mehr zum Thema: FrĂŒher war nicht alles besser: Etwas mehr Mut und Optimismus wĂŒrden dem Bundestagswahlkampf gut tun

Interessant: Heiko Maas will sich speziell fĂŒr die Generation Z um das Thema DatensouverĂ€nitĂ€t kĂŒmmern, auch wenn das - wie er hinzufĂŒgt - leider kaum jemanden richtig interessiert.
Originell: Peter Altmaier möchte, dass "alle jungen Menschen fĂŒr 1 Euro am Tag mit dem öffentlichen Personennahverkehr durch Deutschland fahren können".

Ob sich mit derartigen Punkten tatsĂ€chlich die Generation Z angesprochen fĂŒhlt?

Entschuldigende Aussagen von Politikern wie "Wir machen ja keine Politik fĂŒr eine bestimmte Generation" und "keine Klientel-Politik" treffen nicht ganz den Kern: Denn natĂŒrlich adressieren Parteien bereits in ihren Wahlprogrammen bestimmte Altersgruppen (wie Ă€ltere Menschen) und ebenso wie diverse andere Gruppen. Nur eben nicht die Generation Z, also die nach 1990 Geborenen.

Bei aller Sympathie fĂŒr die drei Politiker, die sich dem Interview stellten: Irgendwie hat man den Eindruck, dass keine einzige Partei diese WĂ€hlergruppe ansprechen will, geschweige denn sich tatsĂ€chlich mit ihren spezifischen Besonderheiten auseinandersetzt. Sicherlich fallen diese JungwĂ€hler zahlenmĂ€ĂŸig kaum ins Gewicht. Aber sind sie nicht dennoch wichtig fĂŒr die Zukunft?

Wenn diese Generation in ihrer Jugend von politischen Parteien derartig links liegen gelassen wird, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie sich in Zukunft verstĂ€rkt fĂŒr Politik interessiert. Auch Wahlplakate mit Politikern im Unterhemd und SprĂŒche wie "Digital First. Bedenken Second" helfen nicht: Es fehlt bei allen politischen Parteien EinfĂŒhlungsvermögen in die sich teilweise bereits abgehĂ€ngt fĂŒhlende Generation Z. Nur: Sollte man nicht gerade die Jugend bei Zukunftsthemen mit ins Boot nehmen?

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community fĂŒr Kritiker der Rechtspopulisten

MĂŒssen wir im Job immer erreichbar sein?

Im Zusammenhang mit dem Mode-Thema Industrie 4.0 gibt es das schöne Video von Andrea Nahles, in dem ein gestresster Vater am spĂ€teren Nachmittag mit einem aufgeblasenen Dinosaurier das BĂŒro fĂŒr den Kindergeburtstag verlĂ€sst. Er verspricht aber, sich spĂ€ter kurz wĂ€hrend des Kindergeburtstags auszuklinken und per Skype ins BĂŒro einzuklinken.

Die Reaktion der drei Politiker auf das Video: FĂŒr Peter Altmaier waren im Video zu wenig VorschlĂ€ge. Er weist auf den "Rechtsanspruch auf Betreuung im Grundschulalter" hin. FĂŒr Heiko Maas gibt es viele Dinge, bei denen die Digitalisierung Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eher vor Probleme stellt, aber er findet es auch richtig, die Möglichkeiten, die sie bietet, dafĂŒr zu nutzen.

Markus Tressel sieht "positive Assoziationen, weil es heißt, wir geben den Leuten mehr Freiheiten und auf der anderen Seite natĂŒrlich negative Assoziationen, weil es heißt ‚ich schalte mich rein' und ‚ich bin immer erreichbar fĂŒr die Arbeit' ".

SpĂ€testens jetzt wird klar, worum es bei diesem Thema geht: Wollen wir tatsĂ€chlich eine totale VerfĂŒgbarkeit? Die Antwort aus Sicht der Generation Z: Ein klares "Nein!" Und sollten nicht gerade Parteien mit einem sozialen Hintergrund darauf Wert legen, dass nicht die Arbeit der dominierende Faktor im Leben ist, es also auch echtes Privatleben und Familienleben gibt?

Ist die FlexibilitÀt der Arbeitszeit eine Mogelpackung?

"Mir hat der Vorstandschef eines großen Automobilkonzerns gesagt: FrĂŒher wollten die Leute einen Porsche, einen BMW oder einen Mercedes, wenn sie als FĂŒhrungskrĂ€fte bei mir angefangen haben, als Dienstauto.

Heute fragen sie nicht mehr nach der GrĂ¶ĂŸe des Dienstautos, sondern sie fragen, ob es möglich ist Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen", erklĂ€rt Peter Altmaier.

Also: Extreme Flexibilisierung der Arbeitszeit ist angeblich stark im Interesse der Generation Z.

Nur: Wenn rund um die Uhr zumindest prinzipiell gearbeitet werden darf, entsteht Druck auf Mitarbeiter, sich anzupassen. Und spĂ€testens dann geht es nicht mehr um eine FlexibilitĂ€t fĂŒr (!) die Mitarbeiter, sondern um eine Rund-um-die-Uhr-Flexibilisierung durch (!) die Mitarbeiter.

➚ Mehr zum Thema: "Ich bin kein Nazi" - Psychologe erklĂ€rt, was im Kopf eines AfD-WĂ€hlers vor sich geht

Und dann? Die FĂŒhrungskraft bekommt das Recht, die Flexibilisierung der Arbeitszeit zu definieren. Und die Mitarbeiter als schwĂ€cherer Partner? Sie mĂŒssen sich der FĂŒhrungskraft unterordnen. Ob die Generation Z das gut findet, kann bezweifelt werden.

Da passt die Antwort von Markus Tressel eher zur Generation Z: "Ich glaub' wir mĂŒssen eine klare Trennung machen zwischen der Frage ‚Bin ich immer erreichbar? oder ‚Kann ich auch von woanders arbeiten als im BĂŒro?' ". Ich weiß, dass wir auch schleichende Prozesse gesehen haben in einigen Bereichen, wo ‚Du kannst das zu Hause arbeiten...' verwechselt wurde mit ‚Du bist jetzt immer erreichbar' ".

Nur: Wo wurde diese wichtige Botschaft von BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen im Wahlkampf ernsthaft thematisiert? Ganz klar eine verpasste Chance zur Profilierung: Denn wĂ€re das nicht ein gutes Thema gewesen, das sogar zum Markenkern gepasst hĂ€tte?

Die ErklÀrung liefert indirekt Heiko Maas: "Im Wesentlichen geht es darum, dass die meisten glauben, man wird das nicht mehr trennen können."

Also Work-Life-Blending wird kommen, weil es nicht anders machbar ist?

WĂ€hrend die CDU die Ausgestaltung vom Work-Life-Blending eher den Betrieben ĂŒberlassen will, versucht die SPD zwangslĂ€ufig-negativen Konsequenzen abzumindern: Das gilt fĂŒr das Ministerium von Andrea Nahles gleichermaßen wie fĂŒr die Hans Böckler Stiftung und ganz besonders fĂŒr INQA, einem sehr aktiven Organ der sozialdemokratischen Willensbildung.

Aber muss man sich diesem Glauben an einen industriepolitisch-digitalen Determinismus tatsÀchlich in vorauseilendem Gehorsam unterwerfen? Muss man lautstarken Lobbyisten glauben, wenn sie auf den eigenen Nutzen starrend kreischend vor einem digitalen Tsunami warnen?

Und auch wenn eine derartige dramatische Ideologie im nĂ€chsten Bundestag unter dem wirtschaftsliberalen FĂ€hnchen sitzen wird: MĂŒssen wir uns dieser Position anschließen? Kann man gegensteuern? Oder noch prĂ€ziser: MĂŒssen wir nicht gegensteuern und die Deutungshoheit ĂŒber die Arbeitswelt wieder zurĂŒckgewinnen?

Werden sich Gesetze Àndern?

Schaut man in die Wahlprogramme der Parteien, so sind Flexibilisierungen der Arbeitszeit zu erwarten. Wie weit sie gehen und ob sie bis zur totalen VerfĂŒgbarkeit reichen werden, ist teilweise noch offen.

Die Aussage von Markus Tressel "Man muss die gesellschaftliche Debatte fĂŒhren" ist in diesem Zusammenhang durchaus richtig. Doch: Soweit erkennbar findet diese Debatte nicht statt.

Heiko Maas spricht einen wichtigen Punkt an: "Aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kann man einer solchen Regelung, die auf mehr Flexibilisierung hinauslĂ€uft, nur dann vornehmen und auch beschließen, wenn man ein Regularium hat, das nicht nur formell sondern auch informell fĂŒr die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein Mindestmaß an Schutz bietet vor der totalen VerfĂŒgbarkeit. Und solange ich das nicht kenne, wĂŒrde ich einer großen Flexibilisierungsreform auch nicht zustimmen."

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Wo wird dieses Regularium herkommen? Wie wird das Machtungleichgewicht ausgeregelt?

In diesem Zusammenhang ist ein Positionspapier der deutschen PersonalvorstĂ€nde interessant, das unter der FederfĂŒhrung eines zukĂŒnftigen FDP-Bundestagsabgeordneten verfasst wurde und das - um es harmlos auszudrĂŒcken - wegen der Digitalisierung fĂŒr mehr Liberalisierung in der Arbeitswelt plĂ€diert. Die dort unter anderem geforderte "Mitbestimmung light" wird in der FDP transformiert in folgende Forderung: "Freiheitszonen für Gründer und Innovatoren.

Dort solle die digitale Ökonomie erprobt werden - ohne eine zwanghafte Regulierung im Voraus durch den Staat oder die Gewerkschaften. Eingreifen könne der Staat immer noch ex post!" Verglichen damit ist die Agenda von Gerhard Schröder ein harmloser Kindergeburtstag.

Peter Altmaier (vor dem Hintergrund der FDP-Forderung nach extremen FreirĂ€umen fĂŒr Unternehmen): "Wir wollen keine Situation haben, wo der Arbeitgeber nach GutdĂŒnken entscheidet, wie lange der Mitarbeiter arbeitet."

Gegenfrage: "Ist das bei Ihnen jetzt quasi eine rote Linie fĂŒr KoalitionsgesprĂ€che?"

Darauf Peter Altmaier: "Nein, erst einmal wollen Wahlen gewonnen werden."

Was passiert nach den Wahlen?

Wahlen mĂŒssen erst entschieden werden, bevor sich Politiker festlegen. Deshalb ersatzweise ein Blick in die Glaskugel. Dort erkennen wir drei hoch-wahrscheinliche Entwicklungen:

â–ș Flexi-Gesetze! Wir werden extreme Gesetze bekommen, die aber keine Aussagen darĂŒber machen, wer ĂŒber das Ausleben der FlexibilitĂ€t entscheidet. Im Zweifelsfall entscheidet demnach der StĂ€rkere, also der Arbeitgeber.

â–ș Flexi-Zonen! Wir werden "Freiheitszonen" bekommen, wo Unternehmen ohne die Regulierung durch Staat und Mitbestimmung vollkommen ungestört wirtschaften dĂŒrfen.

â–ș Flexi-Minister! Wir werden einen (Staats-)Minister fĂŒr Digitalisierung bekommen, der diese "liberalen" Schutzzonen fĂŒr Unternehmen schĂŒtzt und verteidigt - und zwar auch gegen die Generation Z.

Aber vielleicht kommt es doch ganz anders. Deshalb sollten wir optimistisch in die Zukunft schauen und den von den Studenten genial produzierten 15-Minuten Zusammenschnitt unserer Politiker genießen.

Wer mehrere Stunden Zeit hat, der kann sich die drei Original-Interviews jeweils in einer Langfassung anschauen (Video Peter Altmaier, Heiko Maas, Markus Tressel).

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Christian Scholz
ist Professor fĂŒr Betriebswirtschaftslehre an der UniversitĂ€t des Saarlandes und Direktor des dortigen Europa-Instituts. Er publiziert in wissenschaftlichen Zeitschriften, schreibt Kolumnen und bloggt seit 2006 als „Per Anhalter durch die Arbeitswelt". Zu seinen wichtigsten Arbeiten zĂ€hlen die Trendstudien zum „Darwiportunismus" (2003) und zur „Generation Z" (2014). Der Titel seines neuen Buches: "Mogelpackung Work-Life- Blending: Warum dieses Arbeitsmodell gefĂ€hrlich ist und welchen Gegenentwurf wir brauchen"


Dieser Beitrag erschien zuerst bei Per-Anhalter-durch-die-Arbeitswelt.

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