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Worauf man bei der Berlinale 2017 ganz besonders achten sollte

10/02/2017 12:29 CET | Aktualisiert 10/02/2017 12:29 CET
wundervisuals via Getty Images

Die Berlinale spiegelt in ihren Filmen Zeitgeist wider. Denn Filme sind immer schon Auseinandersetzung mit Zeitgeist gewesen, wobei Filmemacher Zeitgeist darstellen, ihn gleichzeitig aber normativ prägen.

Dies trifft auch für die Berlinale zu, wobei hier zusätzlich Dieter Kosslick prägend Einfluss hat.

Mehr noch als in den ganz großen Filmen, die im Berlinale-Palast im Wettbewerb laufen, spielen Ist-Zeitgeist und Wunsch-Zeitgeist bei der Sektion „Generation" und vor allem „Generation 14plus" eine zentrale Rolle: Denn diese Sektion zielt auf Jugendliche - vor allem auf die Generation Z.

Nun haben wir die Filme der Berlinale 2017 noch nicht gesehen und wissen nicht, was uns Sektionsleiterin Maryanne Redpath präsentieren wird. Aber ein Rückblick auf das Jahr 2016 ist schon ziemlich aufschlussreich und zeigt, worauf wir auch in diesem Jahr achten sollten.

Die Entwicklung von Mädchen als Kernbotschaft

„Ein Mädchen, das sich selber findet. Darum geht es in jedem Scheißfilm, der hier im Programm läuft." So fasste eine junge Besucherin den Themenschwerpunkt „Generation 14plus" auf der Berlinale 2016 zusammen.

Und damit liegt sie in ihrer Kritik nicht verkehrt: fast überall die gleiche Botschaft von jungen Mädchen, denen mit erhobenem Zeigefinger erklärt wird, wie sie sich in dieser Welt verhalten müssen.

Florencia als traurige Heldin im Film „Las Plantas"

So dreht sich der mit dem großen Preis der Internationalen Jury ausgezeichneten Film „Las Plantas" um die 17-jährige Florencia, die sich im schwülen chilenischen Sommer eingebettet in Comic-Fantasien mit ihrer Persönlichkeit beschäftigt.

Wie in vielen anderen Filmen spielen Männer kaum eine relevante Rolle: Es gibt keine Spur von einem Vater, manchmal taucht ein alkoholkranker Onkel auf. Der ältere Bruder liegt im Wachkoma: Florencia wechselt die Windeln, liest ihm vor und kümmert sich fürsorglich um ihn.

Interessant auch die sexuelle Rollenverteilung, die immerhin zu einer Alterseinstufung von „ab 16" geführt hat - bei umgekehrter Rollenverteilung wäre eine Einstufung „über 25" vorprogrammiert.

Florencia macht wie viele andere „Heldinnen" aus Generation 14plus in der Berlinale 2016 keinen glücklichen Eindruck.

Sie und ihre Geschlechtsgenossinnen sollen sich immer irgendwie nach vorne oder nach oben kämpfen und sich lautstark zu den Attributen der modernen Leistungsgesellschaft bekennen. Leichtigkeit, Spaß und Lebensfreude fehlen weitgehend.

Generation Z als Gegenbewegung zum Hamsterrad der Leistungsgesellschaft

Die Generation 14plus gehört zur Generation Z: Sie hat gesehen, wie sich Ältere für den Job aufgerieben haben, weil sie auf große Karrieren hofften. Sie hat gesehen, was an Schulen und in Betrieben passiert.

Sie traut den Versprechungen von Politikern und allen anderen nicht mehr, die ihr erklären, wie sich Jugendliche in unserer Welt zu verhalten haben.

Die Generation Z will eine klare Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit. Vorstellungen, wonach Berufs- und Privatleben fließend ineinander übergehen, werden eher als bedrohlich eingestuft. Die Generation Z ist weniger materialistisch. Ein kleineres Auto und eine kleinere Wohnung reichen aus.

Interessant: Diese Bewegung hin zur Denkrichtung der Generation Z fällt bei Mädchen und jungen Frauen sogar noch etwas stärker aus als bei Männern.

Der weibliche Teil der Generation Z tendiert teilweise noch stärker als der männliche zum Muster Z als dem Soundtrack „ihrer" Generation Z: Harmonie, Umgang mit netten Menschen und gesundheitsbewusstes Leben ohne Stress.

Frauen und Mädchen der Generation Z sind nicht gegen Leistung: Sie haben aber die Gefahren von Hamsterrädern sowie Ellenbogenchecks erkannt - und reagieren.

Junge Frauen sind „mehr Z" als die jungen Männer - aber nicht auf der Berlinale

Wie in „Las Plantas" und anderen Filmen aus der Generation 14plus wurde auf der Berlinale 2016 völlig entgegen der Grundhaltung der Generation Z ein Rollenbild entworfen, bei dem die kämpferische Frau sich nach oben durchboxt und über Leichen gehend dort ankommt.

Typisch auch „Die Tribute von Panem": Hier kämpft Katniss Everdeen erfolgreich gegen Ungerechtigkeit, Diktatur und andere Widrigkeiten, wobei sie ihre männlichen Kollegen deutlich in den Schatten stellt und sich selbst zu einer bemerkenswert rebellisch-tödlichen Waffe entwickelt. Auch Jyn Erso als Heldin aus Rogue One passt in dieses Bild.

Worauf sollte man bei der Berlinale 2017 achten?

In welche Richtung gehen die für das Programm ausgewählten Filme? Wie votiert die Jury und gibt es unterschiedliche Reihenfolgen von der „Kinder"-Jury und der „Experten"-Jury, die erzieherisch im letzten Jahr stark auf die Wegentwicklung der Mädchen vom Profil der Generation Z gesetzt hat? Und: Wie reagiert vor allem das jugendliche Publikum? Also Grund genug, ins Kino zu gehen, genau aufzupassen und mitzudiskutieren.

Quelle: Per-Anhalter-durch-die-Arbeitswelt.de

Prof. Christian Scholz ist Autor des Buchs Generation Z: Wie sie tickt, was sie verändert und warum sie uns alle ansteckt

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