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Ansichtssachen: unveränderlicher Islam und zeitgenössisches Islamverständnis

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(Eine Zusammenfassung seht ihr im Video oben)

In der deutschen Öffentlichkeit wird der Islam zunehmend als Gefahr für die westliche Zivilisation und Lebensweise angesehen. Kritiker meinen, der Islam vermittle andere Werte, sei im Kern nicht anpassungsfähig und erstrebe einen islamischen Gottesstaat.

Während die einen die Reformunfähigkeit des Islam betonen, drängen andere Stimmen auf die Notwendigkeit, eben diesen Islam zu reformieren, um ihn an die Moderne anzupassen.

Erklären lässt sich dieser offenkundige Widerspruch zumindest teilweise damit, dass sich beide Seiten auf unterschiedliche Aspekte "des Islam" beziehen.

Regionale Unterschiede

Zunächst einmal müssen wir unterscheiden zwischen dem Islam als einer Weltreligion mit ihren Glaubensinhalten einerseits und den Anhängern dieser Religion andererseits. Letztere sind die gläubigen und weniger gläubigen Muslime, die ihre Religion unterschiedlich praktizieren und darüber hinaus sehr unterschiedliche Auffassungen zu sozialen, politischen und religionspraktischen Phänomenen haben.

Hierbei spielen neben regionalen Unterschieden in den Ursprungsländern auch die Lebensumstände in der Diaspora, etwa im Westen, eine Rolle. Der Islam beinhaltet, wie jede Religion, zentrale Kernlehren (Dogmen), die ohne Identitätsverlust kaum veränderbar erscheinen.

Als spezifisches Merkmal des Islam wird häufig die sakrale Bedeutung vieler detaillierter Einzelregeln, nicht nur für die Religionsausübung (kultische Pflichten), sondern auch im zwischenmenschlichen Umgang, die sogenannte Scharia, betont.

Die Vorstellung einer unveränderlichen Scharia als Kern des Islam wird pikanterweise sowohl von muslimischen Fundamentalisten, als auch von westlichen Islam-Kritikern vertreten.

Den einen ist sie Sinnbild für Gottes ewiges Gesetz (Allah ist das arabische Wort für Gott, auch bei Christen) - den anderen dient sie zur Stigmatisierung der Rückschrittlichkeit des Islam.

Der unveränderliche Islam ist ein Trugbild

Um es vorweg zu nehmen: Der unveränderliche Islam ist ein Trugbild, und die von heutigen Fundamentalisten im Rückgriff auf die heiligen Texte, Koran und Prophetentraditionen, als einzig authentisch proklamierte Lehre, hat in dieser Form während der ganzen Geschichte des Islam niemals existiert.

Hierfür gibt es teils ganz praktische Gründe: Die heute als autoritativ herangezogenen Traditionen stammen zumeist aus mehreren schriftlichen Sammlungen des 9. Jahrhunderts, welche damals von Gelehrten aus einer Vielzahl kursierender Überlieferungen nach bestimmten Kriterien ausgewählt wurden.

Wären authentische Überlieferungen vom Propheten neben dem Koran von Beginn an einzige Grundlage des islamischen Gesetzes gewesen, wie von den einen reinen Frühislam propagierenden Salafisten postuliert, hätte man sie wohl nicht erst Jahrhunderte später herausfiltern und sammeln müssen.

Vielmehr entwickelte sich die islamische Rechtsauslegung über Jahrhunderte hinweg in einer Vielzahl konkurrierender Ausrichtungen, von denen langfristig vier sunnitische Rechtsschulen und mehrere schiitische Richtungen überdauerten.

Das traditionelle islamische Religionsgesetz wurde von Rechtsspezialisten, geprägt und ausgelegt, denen die Muslime folgten und zusammen mit anderen Formen der Frömmigkeit lebten.

Erst in der Moderne, als Reaktion auf westliche Dominanz und später unter tatkräftiger Unterstützung wahhabitischer Gelehrter aus Saudi-Arabien, gewannen die allein auf Koran und Prophentenaussprüche fixierten fundamentalistischen Strömungen ihre heutige Bedeutung gegenüber den Rechtsschulen.

Keine Reformunfähigkeit des Islam abzuleiten

Islam und Islamverständnis haben sich also im Laufe der Zeit verändert und den Gegebenheiten angepasst. Prinzipiell ist aus der Geschichte keine Reformunfähigkeit des Islam abzuleiten, und dies wird aller Voraussicht nach auch in Zukunft gelten.

Selbst die fundamentalistische Rückbesinnung auf eine gloriose Frühzeit und die direkte Übernahme einzelner Vorschriften als Handlungsanweisung für die Gegenwart stellen eine - rückwärtsgewandte - Reformbewegung dar.

Spätestens hier erfolgt der Einwand gegen die Veränderlichkeit des Islam, es handele sich bei diesen historischen Entwicklungen um Menschenwerk, welches nicht die gottgewollte Scharia beträfe. Letztere habe sich keineswegs verändert, da Korantext und Prophetentraditionen über Jahrhunderte textgetreu überliefert worden seien.

Doch selbst wenn der Wortlaut von Koran und Traditionen unveränderlich blieben, galt dies keinesfalls für ihre Bedeutung im Rahmen der Scharia.

Zwar wird Scharia heute regelmäßig als wörtliche Zitate aus Koran und Sunna verstanden, doch bezeichnet der Begriff Scharia im Koran selbst die von Gott seinem Propheten gegenüber gewährte Wegweisung oder Quelle, der er folgen solle (Q45:18).

Muhammad als Sprecher der Tradition wird nirgends mit dem Begriff "Scharia" zitiert, der erst später zum Synonym göttlich inspirierter Normativität in seiner Form des sakralen Rechts wurde.

Welchen Regeln und Autoritäten folgen die Muslime?

Die Debatte um die Reformbedürftigkeit des Islam erscheint aus westlicher Perspektive als erforderliche Anpassung an eine moderne, offene Gesellschaft.

Diese Debatte geht jedoch in mehrere Richtungen und wird von verschiedenen Gruppen unterschiedlich geführt: ein saudischer Scheich wird sie anders beantworten als eine deutsche Muslima.

Die eigentliche Frage für die Situation in Deutschland ist demnach nicht die nach Reformfähigkeit oder Reformbedürftigkeit des Islam, sondern welchen Regeln und Autoritäten folgen die Muslime und welche Rolle wünschen sie sich für den Islam in der Gesellschaft.

Bedingt durch die Lebensbedingungen haben in Deutschland, vor allem unter muslimischen Jugendlichen, die traditionellen Rechtsschulen immer weniger Gewicht, während fundamentalistische Ansichten in islamischen Ländern aufgrund einer massiven wahhabitischen Unterstützung in den letzten Jahrzehnten stark an Boden gewonnen haben.

Bei der fundamentalistischen Zugrundelegung von Heiligen Schriften (Koran und Traditionssammlungen) als konkrete Handlungsanleitung stellen sich drei Grundprobleme:

1) Die Auslegung der arabischen Begriffe und Regeln sowie ihre passende Übersetzung in andere Sprachen.

2) Die engere oder weitere Auswahl handlungsrelevanter Texte welche dann die Regel bestimmen.

3) Die Stellung des Religionsgesetzes innerhalb der Gesellschaft, sei es als ethische Regel oder als durchsetzbare Rechtsvorschrift. Alle diese Aspekte stellen sich unweigerlich für die praktische Umsetzung der schariatischer Regeln, sie führen innerhalb jeder Gesellschaft zu variablen Ergebnissen, selbst wenn man die ursprünglichen Einzelregeln als unveränderlich ansehen mag.

Religiöse Ethik

Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime, sowie ihre Vertreter einer islamischen Theologie, sehen die Regelungen des Religionsgesetzes als eine religiöse Ethik an, die für den einzelnen Gläubigen verbindlich, aber nicht notwendigerweise Teil der Rechtsordnung ist.

Nur vereinzelt wird das Primat der staatlichen Ordnung als unislamisch gebrandmarkt: Jedoch lehnen einige Vertreter des politischen Salafismus jede "Menschenherrschaft" als gegen die islamische Gottessouveränität gerichtet ab, und bekämpfen dabei sowohl westliche Staaten als auch die des Nahen und Mittleren Ostens.

Nun sind im Internet die fundamentalistischen Ansichten dank großzügiger finanzieller und logistischer Unterstützung sehr leicht zugänglich, zunehmend auch in europäischen Sprachen.

Sobald derartige Ansichten in eine Ablehnung des modernen Staates oder gar zur Propagierung des bewaffneten Kampfes gegen Ungläubige in Europa münden, sollten sich der Verfassungsschutz und die Gerichte damit befassen.

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Angesichts der gleitenden Übergänge in der Rechtfertigung derartiger Auffassungen - so basiert die dschihadistische Ideologie auf einigen wenigen Koranstellen unter Ausklammerung der übrigen - ist die strafrechtliche Verfolgung jedoch nicht ausreichend und muss durch präventive Maßnahmen ergänzt werden.

Freie Religionsausübung

Zur Vermeidung einer dschihadistischen Radikalisierung gerade unter hier lebenden Jugendlichen auf der Suche nach religiöser und kultureller Identität, sind andere Angebote nötig: Je mehr Wissen über die historische Entwicklung islamischer Gesellschaften und die Stellung des Religionsgesetzes vermittelt wird, umso vielschichtiger und normaler stellt sich der Islam als Religion und Zivilisation dar.

In diesem Sinne müssen wir auch in Deutschland "mehr Islam wagen": Dies beinhaltet einerseits, ihn im öffentlichen Raum ankommen zu lassen und sich dort mit muslimischen Positionen - durchaus kritisch - auseinanderzusetzen, sowie andererseits die im Grundgesetz garantierte freie Religionsausübung zu ermöglichen.

Diese beinhaltet keinesfalls die Forderung nach einem islamischen Staat in Deutschland. Vor dem Hintergrund der hier kurz skizzierten Vielschichtigkeit muslimischer Auffassungen entlarvt sich damit die grassierende Islamphobie als reine Fremdenfeindlichkeit in einem zivilisationskritischem Mäntelchen.

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