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Obama nimmt Schwule, Lesben, Bi und Transgender in den amerikanischen Mythenkanon auf

24/01/2015 20:29 CET | Aktualisiert 26/03/2015 10:12 CET

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Ein Tabubruch, zumindest für konservative Wähler in den USA: Niemand hat es bisher gewagt, Schwule, Lesben, Bis und Transgender mit den Kernmythen der Amerikaner in Verbindung zu bringen!

Zum ersten Mal wurde in einer US-amerikanischen Rede zur Lage der Nation vom Präsidenten ausdrücklich auf die Gleichstellung von Transgender, Bisexuellen und Lesben hingewiesen. Präsident Barack Obama sagte am Dienstag während der traditionell bundesweit beachteten Rede:

„Als Amerikaner respektieren wir die menschliche Würde, auch wenn wir bedroht sind. Deshalb müssen wir die Redefreiheit verteidigen, die Rechte politisch Gefangener, religiöse Minderheiten sowie Menschen, die lesbisch, schwul, bisexuell oder transgender sind. Wir tun das nicht nur, weil es richtig ist, sondern weil es unser Leben sicherer machen wird."

Sicherheit ist ein zentrales Thema in der US-amerikanischen Öffentlichkeit. Dass Obama es nun mit LSBTI verbindet, ist ein starkes Zeichen.

„Das wird Transgender Selbstbewusstsein geben, um sich noch intensiver für das Wohl der Nation einzusetzen."

„Es besteht Grund zur Hoffnung, dass wenn Obama das Wort bisexuell aussprechen kann, dass es dann auch die ganze Welt kann", so Faith Cheltenham, Präsident der Organisation of BiNet USA.

Auch eine Vertreterin des National Center for Transgender Equality, Mara Keisling, war entzückt:

„Es ist ermutigend, dass Präsident Obama sich entschieden hat, in einer Rede, die von amerikanischen Werten handelt, sich auch für Transgender einzusetzen. Noch wichtiger als sie in einer Rede zu erwähnen, sei es natürlich, dass Transgender durch die Politik vor Diskriminierung geschützt würden. Aber es ist von entscheidender Wichtigkeit, dass der Präsident der Vereinigten Staaten die Verfolgung von Transgender verurteilt. Das wird Transgender Selbstbewusstsein geben, um sich noch intensiver für das Wohl der Nation einzusetzen."

Dass eine Vertreterin einer Transgender-Organisation auffordert, sich „intensiv für das Wohl der Nation einzusetzen", mag hierzulande verwundern, sind doch LSBTI-Organisationen traditionell eher kritisch gegenüber Regierungen und Nationen.

Doch Obama versucht, einen Gründungsmythos der amerikanischen Kultur zu beschwören, nämlich den unbedingten Zusammenhalt der Nation - dass er hierbei auch Bisexuelle, Transgender und Lesben einbezieht, ist wirklich eine neue Qualität im Kampf für LSBTI-Gleichstellung. Denn noch deutlicher kann Obama nicht sagen, LSBTI gehören zu uns, als die zum Teil des nationalen Mythos zu machen.

„Ich möchte, dass unsere zukünftigen Generationen wissen, dass wir unsere Unterschiede als ein großes Geschenk ansehen"

Zwar sind Transgender, Lesben und Bisexuelle nicht gerade wie Lord Voldemort aus Harry Potter, dessen Namen man nicht sagen darf, und von Gays hat Obama bereits in mehreren großen Reden gesprochen. Von den genannten drei Gruppen allerdings noch nie - weiß er doch genau, dass die konservativen Bevölkerungsteile bereits gay für das Böse schlechthin halten. Und nun wagt er es, weitere Minderheiten klar und deutlich in den in den USA heiligen Zusammenhalt einzubeziehen:

„Ich glaube immer noch, dass wir ein Volk sind. Und ich glaube, dass wir gemeinsam Großes erreichen können, auch wenn es Mühen kosten wird. Ich glaube das, weil ich während meiner sechsjährigen Amtszeit Amerika immer wieder von seiner besten Seite gesehen habe. Und ich habe gesehen, wie versucht wurde, die Homoehe zu verwenden, um einen Keil zwischen uns zu treiben. Aber aus der Homoehe wurde eine Geschichte der Freiheit. Sieben von zehn Amerikanern können heute sagen, dass in ihrem Bundesstaat die Homoehe legal ist.

„Wir achten die Würde und den Wert eines jeden Menschen: Männer, Frauen, Jung und Alt, Schwarz und Weiß, Latinos, Asiaten, homosexuell, heterosexuell, Amerikaner mit psychischen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen"

Ich möchte, dass unsere zukünftigen Generationen wissen, dass wir unsere Unterschiede als ein großes Geschenk ansehen. Wir achten die Würde und den Wert eines jeden Menschen, Männer, Frauen, Jung und Alt, Schwarz und Weiß, Latinos, Asiaten, homosexuell, heterosexuell, Amerikaner mit psychischen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen. Ich möchte, dass die neuen Generationen aufwachsen in dem Wissen, dass wir immer noch mehr sind als republikanisch oder demokratisch wählende Staaten: Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika."

In Deutschland wird man auf solche Töne wohl noch lange warten

Man mag den vor Patriotismus strotzenden Ton dieser Rede ungewöhnlich finden - Amerikaner sind das gewohnt. Nicht gewohnt sind sie - wie gesagt - dass ein Präsident auch LSBTI explizit in die nationalen Mythen einbezieht.

Auch in Deutschland wird auf höchster politischer Ebene debattiert, wer dazugehört. Dass Schwule, Transgender, Lesben und Bisexuelle auch zur Nation gehören - auf solche Töne wird man hier wohl noch lange warten. Obama geht, neben aller berechtigten Kritik an seiner Politik, wieder einmal in Führung, was die Relevanz von LSBTI-Gleichstellung angeht. Er ist der einzige Politiker von Weltrang, der den Mut dazu hat und die Notwendigkeit verstanden hat.

(c) Foto: PR / public domain of the U.S. federal government

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