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Der Soundtrack des Herbstes

19/09/2015 14:20 CEST | Aktualisiert 19/09/2016 11:12 CEST

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Gründe im Sommer nach Usedom zu fahren gibt es viele. Doch auch im Frühling, Herbst und Winter ist an der deutschen Ostseeküste viel zu entdecken.

Neben touristischen Attraktionen, Bäderarchitektur und Kulinarik ist auch das Handwerk ein guter Grund auf der Insel mit jährlich rund zweitausend Sonnenstunden auf Entdeckungstour zu gehen. Vielerorts leben engagierte Einwohner bis heute alte Traditionen und bieten Urlaubern und Einheimischen kunsthandwerkliche Produkte an.

Wer selbst aktiv werden möchte, kann an vielen Orten Workshops buchen und so auf Usedom selbst in die Welt des auf Usedoms ganz lebendigen traditionellen Handwerks eintauchen.

Wer in Zinnowitz über die Promenade flaniert, kann die überall am Wegesrand aufgestellten Werke der Holzbildhauer nicht übersehen. Seit mittlerweile elf Jahren hat das Ostseebad die Holzarbeiten als gute Ergänzung zur Bäderarchitektur entdeckt und richtet jedes Jahr im Mai ein Holzbildhauer-Symposium aus. Schöne Werke wie „Lippenbekenntnis" von Jesco Lange, „Verlassene Haut" von Paul Brockhage oder „Zeitgeisel" von Ronny Tschierske stehen nun hinter den Dünen und inspirieren die Besucher der Stadt mit der 315 Meter langen Seebrücke.

Wer in die reiche Geschichte der Stadt, die zunächst nur ein Fischerdorf war, einsteigen möchte, kann zahlreichen Infotafeln folgen oder einen Rundgang mit Sabina Kähler von der Kurverwaltung machen. Sie führt mit großem Engagement durch Zinnowitz und verbindet dabei Erfahrungen aus ihrer eigenen Zeit in der DDR mit umfangreichem Hintergrundwissen und aktuellen Informationen aus der Urlaubsregion zu einem kurzweiligen und spannenden Potpourri.

„Hier können Sie Ihren Urlaub in der Bäderarchitektur verbringen", strahlt sie und erklärt wie sich ab dem Jahr 1895 die Bäderarchitektur aus Elementen der verschiedenen Stilrichtungen entwickelte. Allein am Palace Hotel zeigt sie Elemente aus Klassizismus, Neugotik und Jugendstil. Es liegt inmitten einer Reihe historischer Bauwerke, die zum Teil mit Türmchen und Erkern verziert sind.

Gemeinsam haben die meisten Gebäude, dass sie im Jahr 1952 im Zuge der Aktion „Rose" enteignet und in staatliche Ferienheime umgewandelt wurden. Nach Jahren des Verfalls wurden sie nach der Wende mit viel handwerklicher Präzision wieder auf Vordermann gebracht.

„Häuser erzählen Geschichten", heißt deshalb auch eine Stadtführung, die man in Zinnowitz buchen kann. Nicht zu überhören ist bei Sabina Kähler die besondere Begeisterung für die Holzbildhauerfiguren.

„Holz ist etwas Lebendiges", erklärt sie die Veränderungen der Figuren mit den Jahren und kennt zu jeder Figur eine Geschichte und den jeweiligen Schöpfer. Ausdrücklich lädt sie die Gäste dazu ein, die Figuren zu berühren, um ein Gefühl für das Holz zu bekommen. Kleine Gäste können nebenbei in den Bäumen mit ihren Blicken auf Suche nach dort gut versteckten Eulenfiguren gehen.

Im Jahr 2016 wird das Treffen der Holzbildhauer unter dem Motto „Feuer & Flammen" stehen. Gäste können dann zuschauen wie aus dem Holz eindrucksvolle Werke entstehen.

Einen Premium-Platz haben dann unter anderem die Gäste des Travel Charme Strandhotel Zinnowitz. Das Vier-Sterne-Superior-Hotel liegt wie mehrere andere Hotels in der ersten Reihe mit direktem Ausgang zur „Garten der Sinne" genannten Promenade, auf der die Bildhauer arbeiten werden.

Hoteldirektorin Astrid Hempel und ihr Team kümmern sich um die Gäste in 75 Zimmern, die alle mit Balkon ausgestattet sind. Je nach Lage blicken diese entweder aufs Meer oder genießen bei Südlage die Nachmittagssonne.

In Zinnowitz sind die Wege kurz, sodass man fußläufig in wenigen Minuten nicht nur an der Spitze der Seebrücke mit der bekannten Tauchgondel steht, sondern auch in die Innenstadt mit zahlreichen Cafés und Restaurants sowie zum kilometerlangen Sandstrand kommt.

Je weniger Gäste am Meer unterwegs sind, umso größer ist die Chance gerade an windigen Tagen Bernstein am Strand zu finden. Wer dieses seltene Glück hat, kann seinen Fund bei einem Bernstein-Schleifkurs veredeln. Die Gäste können sich anschließend mit ihrem neuen Schmuckstück in einen Strandkorb auf der Terrasse eines der Hotels setzen und den anderen Urlaubern eine besondere Geschichte erzählen.

Den ersten Strandkorb überhaupt soll im Jahr 1882 Hofkorbmeister Wilhelm Bartelmann in Rostock geschaffen haben. Damals wie heute haben die Körbe das Ziel, den Sommer am Meer auszudehnen und den Gästen eine windgeschützte und komfortable Zeit am Strand zu ermöglichen.

Seit 1925 werden die Körbe in Heringsdorf gefertigt. In Deutschlands ältester Standkorbmanufaktur entstehen Jahr für Jahr rund 1.000 Strandkörbe. Wer sich für eine Führung durch das „korbwerk" entscheidet, erfährt nicht nur, dass sich Körbe für die Ostsee von denen an der Nordsee unterscheiden, sondern auch wie ein traditioneller Strandkorb in Handarbeit entsteht.

Dabei können die Kunden zwischen verschiedensten Materialien, Größen und Ausstattungen wählen. Während ein einfacher Korb schon für unter tausend Euro zu haben ist, können Premium-Modelle mit Extras wie Bullaugen, Bistrotisch, Kühlschrank und Soundsystem den Preis eines Kleinwagens erreichen. Selbst für Hunde gibt es inzwischen einen eigenen Hundekorb.

Bei einer Führung erfahren die Gäste, dass nur die sichtbaren Teile des Strandkorb- Rahmens aus Kiefern-, Teak- oder Iroko-Holz gefertigt werden, während der Rest zum Teil aus Sperrholz besteht. Die Haube des Korbs wird heute nicht mehr mit Naturgeflecht, sondern mit Kunststoff umflochten, da die Pflege von Naturmaterial zu aufwändig wäre.

Zudem ist nur mit hochwertigem Kunststoff eine Lebensdauer des Korbs von 20-25 Jahren zu erreichen. „Es gibt keine Flechtmaschinen, daher haben wir viel Handarbeit", erklärt Vertriebsmitarbeiter Ingo Groth die Entstehung eines neuen Strandkorbs. Die Preisklasse eines Korbs erkennt der Experte am Detail.

So können die Kunden wählen, ob ihr Korb mit dünnem, runden Material geflochten wird oder mit breiterem Flachband. Bei dem ist die Haube in 3,5 h fertig geflochten, beim anderen dauert es einen ganzen Arbeitstag. Auch der G8-Strandkorb, in dem 2008 die nach Heiligendamm gereisten Regierungschefs der führenden Industrienationen Platz nahmen, stammt aus der Heringsdorfer Produktion.

Bis nach Amerika verkauft die Manufaktur mit 25 Mitarbeitern ihre Körbe heute. Mancher Urlauber bestellt bei seiner Ostseereise einen Korb, um das Urlaubsgefühl zu Hause zu erhalten oder seinen Garten aufzuwerten. Größte Kunden sind aber weiterhin Hotels und Strandkorbvermieter, denen die Strandkorbmanufaktur für die Zeit von Oktober bis April die Einlagerung und Wartung der Körbe anbietet.

Um Holz geht es auch in der Bootswerft Freest. 1889 wurde das Unternehmen gegründet und blieb über Jahrzehnte in Familienhand. Schließlich geriet die Werft in schweres Fahrwasser und lag nach einer Insolvenz jahrelang brach. Bootsbauerin Kirsten Dubs nutzte die Gunst der Stunde und kaufte die Werft vor einigen Jahren.

Mit ihren zehn Mitarbeitern bietet die Unternehmerin neben dem klassischen Angebot einer Werft auch ein umfangreiches Kurs- und Workshopprogramm an. Dabei profitieren die Kursteilnehmer von der praktischen Arbeit in der Werft. Die beschäftigt sich nicht nur mit Yacht- und Kutterbau, sondern auch mit der Restaurierung historischer Schiffe.

So arbeitet man gerade an der Restaurierung des Seefahrtskreuzers „Mutafo" aus den 30er Jahren. Das Projektschiff soll als Kulturgut erhalten werden und eines Tages wieder auf der Ostsee segeln. Für exklusiven Familienurlaub interessant sein kann die Familienbauwoche.

In zehn Tagen baut die Familie mit Unterstützung eines Werftmitarbeiters aus vorbereiteten Teilen eine Jolle, die sie anschließend mitnehmen kann. Ein umfangreiches Projekt sind auch die Werfthallen selbst, die Kirsten Dubs mit einer großen Population Schwalben teilt.

Über die Wintermonate soll ein altes Sägegatter aus der Nachkriegszeit wieder in Funktion gebracht werden und so den museumsgleichen Maschinenpark der Werft erweitern. Neben Kursen als kreativer Ausgleich und zum Kompetenzgewinn für Holzschiff-Enthusiasten bietet die Werft im Herbst erstmals an, in fünf Tagen eine Seemannskiste zu fertigen, in der der Besitzer irgendwann seine letzte Reise antreten kann.

Wer sich für ein neues Schiff entscheidet, setzt vielleicht auf die Arbeit von Segelmacher Burghardt Streuber. Im Hafen von Kröslin bietet dieser seine Einzelanfertigungen aus Kunstfasern den Bootsbesitzern an.

Bis zu 100 Euro pro Quadratmeter kosten die vor Ort aus Stoffbahnen genähten Segel. Auf dem Schnürboden in seinem Atelier hat der Segelmacher die Schnittmuster eingezeichnet. 2 mm dicke Nadeln helfen ihm und seinen vier Mitarbeitern dann, das Schwergewebe in haltbare und funktionale Segel zu verwandeln.

In Kröslin entstehen Segel bis zu 160 Quadratmetern genauso wie kleine Maßanfertigungen. Neben Schiffsplanen hat Burghardt Streuber auch Taschen aus altem Segeltuch im Angebot.

Wenn das Wetter mitspielt, ist ein Ausflug mit dem Zeesenboot von Rika Harder ein besonderes Vergnügen. Vom Hafen der Stadt Usedom im Südwesten der Insel aus sticht die Eignerin der „Romantik" mit bis zu 12 Gästen in See.

Vor zwei Jahrhunderten waren die Zeesenboote für die örtlichen Fischer ein großer Fortschritt. Zuvor waren jeweils zwei Boote nötig, um mit einem Schleppnetz zu fischen. Mit dem Zeesenboot konnten sie sich treiben lassen und das Fischernetz mit nur einem Boot einsetzen. Wie die Schleppnetzfischerei mit Hilfe von Schiffs-Schwert und Ösenkonstruktionen gelang, erfahren die Gäste bei einer Bootstour mit Rika Harder.

Ihr Boot wurde in den 20er-Jahren gebaut und verlor seine Einsatzmöglichkeiten als Fischerboot vor 50 Jahren. Buchen kann man die „Romantik" zum Beispiel für einen Ausflug über den Usedomer See auf das Stettiner Haff. Vom liebevoll restaurierten Zweimaster sieht man zum Beispiel die Karniner Eisenbahnbrücke.

Das technische Denkmal galt 1933 als die modernste Hubbrücke Europas. Heute ist von der ehemaligen Eisenbahnbrücke nur noch der eindrucksvolle, mitten im Wasser stehende Hubteil in der Mitte erhalten geblieben. Ändern könnte sich das, wenn die Pläne der Region für die Wiederherstellung der Eisenbahnanbindung von Usedom nach Berlin über das polnische Swinemünde Wirklichkeit werden sollten.

Bis dahin sorgen nur die Kraniche für den Soundtrack des Herbstes. Hoch über ihnen gleiten majestätische Seeadler mit einer Spannweite von bis zu 2,50 Meter durch die Luft. Rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit nach einem Picknickaufenthalt am Ufer kehren die Gäste von Rika Harder zurück an Land.

Zuvor holen sie gemeinsam mit der Eignerin die traditionell roten Segel ein. Einst ergab sich diese Farbe bei der Imprägnierung der Baumwolle, bei der unter anderem Rinderblut zum Einsatz kam. Heute ist die Farbe nur noch ein Zeichen für die Tradition und ein interessanter optischer Reiz zwischen dem Grün der Wälder und dem Blau von Himmel und Wasser.

Gar nicht weit entfernt ist in den frühen Morgenstunden Fischer Uwe Krüger unterwegs. Seine Familie ist schon in der sechsten Generation auf dem Meer unterwegs und hat sich dem Fischfang verschrieben. Das werde immer schwieriger, beklagt der 56jährige. Früher habe man pro Schiff 100 Tonnen Hering im Jahr gefangen. Heute seien ihm nur noch 4,5 Tonnen erlaubt.

Parallel sei die Zahl der Berufsfischer deutlich gesunken. In Ahlbeck gebe es nur noch zwei von einst zweihundert hauptberuflichen Fischern. Auf der ganzen Insel seinen lediglich 20 bis 30 verblieben, schildert der Fischer, auf dessen Unterarm ein Fisch tätowiert ist. Nicht jeden Tag macht Uwe Krüger einen guten Fang.

Heute jedoch freut er sich über einen 10 kg Hecht mit der stattlichen Größe von einem Meter. Der soll das Kühlfahrzeug ganz frisch erreichen und liegt nach Luft japsend auf einer Kiste mit anderen gefangenen Fischen. Uwe Krüger ist seit 40 Jahren Fischer und möchte seinen Beruf in einigen Jahren gerne an den heute 9jährigen Enkel Nils übergeben.

Ein möglicher Abnehmer für seinen Fisch könnte die Räucherei Thurow im Fischerdorf Freest sein. 1891 eröffnete Großvater Robert Thurow dort seine Fischbraterei. Heute werden in einem Gebäude aus den 20er Jahren 15 Sorten Fisch geräuchert und verkauft. Flundern, Aale, Hering stammen aus der Region, alle anderen Fischarten werden aus den sechs anderen Weltmeeren zugekauft, wie Joachim Thurow vor seinem Altonaer Räucherofen erzählt.

Das Räuchern geschieht in zwei Phasen. In der ersten wird der Fisch über hellem Feuer gegart. Dann folgt das Räuchern und Schmoren bei geschlossenen Ofentüren und mit viel Holz. Es sorgt für den Geschmack und die Farbe des Räucherfischs. „Aal schmort schon bei geringen Temperaturen, die Flunder braucht mehr", weiß der Besitzer des Familienbetriebs, der zwischen den Anforderungen des Denkmalschutzes und denen der EU-Zulassung lavieren muss.

Eigentlich möchte Thurow sich vor allem dem Fisch und der Räucherei widmen, doch der Diplom-Ökonom muss mit der Zeit gehen. Nachdem er festgestellt hat, dass bei den weniger werdenden Fischwagen auf den Dörfern in erster Linie ältere Menschen einkaufen, bietet er seine Ware nun auch zum Versand an und baut zusätzlich den Verkauf direkt an der Räucherei aus.

Mitnehmen können den Fisch dann auch die Gäste von Berit Poppe. Diese betreibt den nach ihrer Auskunft konsequent ökologischen Stolperhof im Dörfchen Stolpe. 20 km von den Kaiserbädern entfernt hat Poppe in den letzten Jahren eine alte Hofanlage rekonstruiert und zu einem Anziehungspunkt gerade für Familien gemacht.

Diese können in einer von 14 Kammern mit Alkoven-Betten übernachten, die pommersche Küche genießen und Landluft schnuppern. „Andere Frauen hatten einen Pelzmantel, ich besaß eine Sau", erklärt Berit Poppe. Aktuell ist der Platz von Sau Annabella nicht besetzt, dafür gibt es mit Fritz VIII. und den Emmis andere Tiere. Auf dem Hof leben inmitten von 200.000 m² Feld und Wald unter anderem Pferde, Kühe, Ziegen, Gänse und Bienen.

Mit ihrer zupackenden Art hat Berit Poppe diese nummeriert, sodass Fritz VIII. den Kindern besser nicht alle Details der Geschichte seiner sieben Vorgänger erzählt. Die können die Gäste in der schmackhaften Küche des Hofs erleben. Dort entsteht zum Beispiel eine köstliche Würstchensuppe. Auch die hofeigene Wurst schmeckt hervorragend.

Berit Poppe, die früher Vogelschutzinseln betreut hat, hat auf dem Hof viele kreative Ideen umgesetzt. So braut sie mit den Gästen ein eigenes Hofbier. „Bierbrauen ist keine Wissenschaft. Das ist altes Handwerk", erklärt sie und lädt zu ihren wöchentlichen Bier-Workshops ein. Wer dabei war, kann laut der Hofbesitzerin künftig in der heimischen Küche sein eigenes Altbier mit einem Alkoholgehalt von 4,2-4,3 % brauen.

Während viele Väter noch über das Bier fachsimpeln, toben und spielen die Kinder im eigens eingerichteten Spielzimmer oder plantschen bis in den Herbst im Badeteich direkt vor dem Haus. Auch am Abend wird es in diesem Dorf im Usedomer Hinterland nicht langweilig. Wenn Met und Honig gewonnen, Rauch- und Mehlschwalben in den Süden geflogen und die meisten Gäste längst in ihren Kammern liegen, kommt das Wild zum Vorschein.

„Das geilste Geräusch der Natur überhaupt", beschreibt Berit Poppe die herbstliche Hirschbrunft. Dann deutet die Geschäftsfrau auf die neueste Errungenschaft des Hofes: Eine Vitrine mit Tassen, Töpfen und ähnlichen Produkten ermöglicht es den Gästen, besondere Souvenirs mit nach Hause zu nehmen.

Interessante Mitbringsel gibt es auch in der Töpferei Susi Erler in Mellenthin. Die Katzenliebhaberin verkauft dort Original Stettiner Ware. Zwar erlebte das Töpferhandwerk seine Blütezeit im 18. Jahrhundert, doch auch heute hat Töpferware als modernes Gebrauchsgeschirr ihre Liebhaber.

Susi Erlers „Pommersche Keramik Manufaktur" setzt unter anderem auf die weiß glasierte und mit blauen Motiven aus der Region bemalte Traditionsware. „Kunden von Danzig bis Hamburg finden Freude daran", weiß die Unternehmerin, die erst drei Jahre als Angestellte in der Töpferei arbeitete, bevor sie den Betrieb im Jahr 2009 übernahm.

Großen Wert legt sie auf die positiven Eigenschaften der Töpferware, die sich für Spülmaschine, Mikrowelle und Backofen eignet. Ein aktuelles Zertifikat weist zudem nach, dass Ton und Glasur schadstofffrei sind und ohne Bedenken eingesetzt werden können. „Der Töpfer ist immer mit der Zeit gegangen", holt Susi Erler aus und berichtet dann nicht nur von den viermal im Jahr stattfindenden Tagen der offenen Töpferei, sondern auch von besonderen Auftragsarbeiten.

„Fragen Sie, wir machen´s" könnte das Motto des kleinen Handwerksbetriebs sein. So entstand auf Kundenwunsch nicht nur ein längst ins Sortiment aufgenommener Fettabscheider für die Weihnachtsgans, sondern auch ein einzelner Dachziegel mit Lüftungspilz zur Reparatur eines defekten Daches. Zunehmend beliebt sind auch Hochzeitsteller und mit Namen versehenes Kindergeschirr. Die Produktion erfolgt in mehreren Schritten.

Zunächst wird die Tonmasse auf der Töpferscheibe in Form gebracht. Dann trocknet das Werk an der Luft bis der Ton einen lederharten Zustand hat. Ist dieser erreicht geht es bei 900 Grad zum ersten Mal in den Ofen. Anschließend wird die Ware mit Dekoren wie Perlenketten, Wellen, Pusteblumen oder Rohrkolben bemalt und dann zum zweiten Mal gebrannt.

Diesmal steigt die Temperatur bis auf 1220 Grad, sodass das Abkühlen bis zur Öffnung der Ofentür bei unter 100 Grad rund drei Tage dauert. Wer selbst mitgestalten möchte, kann bei einer Malaktion des Fachgeschäfts für Keramik aktiv werden. An anderen Tagen kann man der Töpferin und einer Malerin bei der Arbeit zuschauen, da Geschäft und Werkstatt miteinander verbunden sind.

Pommersche Tradition lässt sich ganz unterschiedlich umsetzen. Dass beweist das Restaurant Bernstein im Strandhotel Ostseeblick in Heringsdorf. Mit Blick auf die Seebrücke kann man dort ein pommersches Menü genießen, das in vielen Punkten überrascht. So macht der Kopfsalat zu den Muscheln klare Anleihen bei der molekularen Küche.

Der Salat wird als schnittfeste Creme serviert. Auch die Scholle mit Speck und Birne sieht anders aus als erwartet. Wie in der feinen Gastronomie üblich wird nicht der ganze Fisch serviert, sondern nur zarte Filets. Fast schon rustikal wirkt dagegen die Kartoffelsuppe mit Schweinebauch.

Rote Grütze als Dessert rundet dieses ungleiche und doch harmonische Trio hervorragend ab. Nach dem Essen kann man in Heringsdorf die Bäderarchitektur bewundern oder einen Spaziergang auf die abends beleuchtete Seebrücke machen.

Auch das Textilhandwerk hat eine lange Geschichte. Einen Ausschnitt daraus zeigt die Heimatstube Freest. Im Jahr 1928 brachte der Wiener Textilkünstler Rudolf Stundl den durch die Weltwirtschaftskrise verarmten pommerschen Fischern die Teppichknüpferei bei. Dabei nutzte er die vorhandene Tradition des Knüpfens von Netzen und eröffnete den Fischern für die Wintermonate eine zusätzliche Einnahmequelle.

Schnell entwickelten sich die Freester Fischerteppiche mit Motiven der Fischerei und aus der Boddenlandschaft in stilisierter Form. Aus reiner Schurwolle entstanden auf hölzernen Knüpfstühlen wertvolle Teppiche. Ein besonders eindrucksvolles Werk hängt bis heute in der Krösliner Kirche. Helga Grabow aus Spandowerhagen beherrscht das Handwerk bis heute und führt es in der Heimatstube gelegentlich vor.

„Pro Quadratmeter braucht man 57.600 Knoten. Das ist rund ein Monat Arbeit", erklärt die 65jährige die einstige Norm bei der Teppichproduktion. Wer heute einen Teppich mit traditionellen Motiven aus der Heimat wie Dreifisch, Flunder, Kogge und Wappen bestellt, bekommt ein echtes Unikat, ist Helga Grabow doch eine der wenigen verbliebenen Teppichknüpfer überhaupt.

Neben den Teppichen zeigt die Heimatstube eine Sammlung von Alltagsgegenständen aus dem vergangenen Jahrhundert.

Um das Weben, Spinnen und Stricken dreht sich alles bei „De Spinndönz" in Usedom Stadt. Inhaberin Annelene Lühmann-Jesewski hat es vor 12 Jahren aufgegeben mit ihrer Ware von Markt zu Markt zu ziehen und ist auf der Insel heimisch geworden. „Bei mir hat alles Geschichte", begrüßt sie Besucher in ihrem Geschäft und erzählt sogleich von den von ihr entwickelten Usedomer Regenbogenläufern.

Diese groben Teppiche aus Wolle mit Jutekern sind bunt gefärbt und erinnern sie an die Farben des Regenbogens auf der Insel. Pro Tag entsteht auf dem 200 Jahre alten Webstuhl im Eingangsbereich des Geschäfts rund ein Meter Teppich in Handarbeit. Dort können die Gäste von „De Spinndönz" das alte Handwerk nicht nur sehen, sondern bei Workshops auch selbst ausprobieren.

Die Kosten der Schnupperkurse werden dabei nach Materialeinsatz und Ergebnis berechnet. In der oberen Etage geht es filigraner zu. Dort entsteht an eigenen Webstühlen Usedomer Pommernleinen passend zur Keramik aus der Region. Blaue und türkise Bänder durchziehen das gebrochene Weiß des Halbleinenstoffs, den zu weben dreimal so aufwändig ist wie die Produktion des Regenbogenläufers. Mit ihrer Schauwerkstatt möchte die 63jährige Inhaberin, die in ihrem beruflichen Vorleben Altenpflegerin und Bürokauffrau war, das alte Handwerk erhalten.

Einen engagierten Mitstreiter hat sie in ihrem Mann Harry Jesewski. Der ehemalige Maschinenschlosser widmet sich nicht nur der Beratung zu Farben, Mustern und Materialien, sondern sitzt auch mit Geduld und Zufriedenheit am Spinnrad.

Dort entstehen in vier bis sechs Stunden aus 100g Wolle strickfertige Fäden. „Für einen Pullover braucht man ein Kilogramm Wolle. Das heißt mehr als eine Woche Spinnen", informiert der 61jährige und erklärt damit auch, warum ein handgesponnener und -gestrickter Pullover je nach Muster „nur" 180 - 360 Euro kostet.

Erfunden wurde das Spinnrad erst im 11. oder 12. Jahrhundert, so dass Dornröschen sich wohl an einer Handspindel gestochen haben muss. Bei „De Spinndönz" gibt es nur reine Naturprodukte, was nicht nur für hohe Qualität spricht, sondern auch für Allergiker wichtig ist. Während in jeder Bauernstube ein Webstuhl stand, sind diese heute selten geworden.

Wer das alte Handwerk lernen und für sich nutzen möchte, kann im Laden an Schnupperkursen im Weben, Spinnen und Stricken teilnehmen. Einmal im Jahr findet gleich vor der Haustür der traditionelle Lämmermarkt statt. Wann der nächste Termin ist? Dafür greift Annelene Lühmann-Jesewski als moderne Handwerkerin zum Tablet und nennt dann mit dem 7. Mai 2016 den nächsten Termin.

Usedom hat deutlich mehr zu bieten als die wunderschöne Ostseeküste und die eindrucksvolle Bäderarchitektur. Auch zwischen Achterwasser, Peene und Haff gibt es das ganze Jahr über viel zu entdecken. Deshalb lohnt sich die Reise nach Usedom mit dem Auto, der Bahn oder dem Fernbus auch außerhalb der Hauptsaison. Das traditionelle Handwerk ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem reichen Repertoire, das die Insel im äußersten Nordosten Deutschlands ihren Gästen bietet.

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