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Kaum ein Tag ohne blutige Proteste: Venezuelas Weg in die energiepolitische Bedeutungslosigkeit

14/06/2017 16:08 CEST | Aktualisiert 14/06/2017 16:09 CEST
FEDERICO PARRA via Getty Images

Venezuela durchlebt eine tiefgreifende ökonomische und politische Krise mit ungewissem Ausgang. Die Unfähigkeit der linkspopulistischen Regierung, den heimischen Öl- und Gasreichtum für die Entwicklung des Landes einzusetzen, ist dafür mitverantwortlich.

Venezuela droht, in die energiegeopolitische Bedeutungslosigkeit zu fallen, mit schwerwiegenden Konsequenzen für zukünftige Generationen.

Ressourcenreichtum als Politikmodell

Venezuela besitzt die größten unerschlossenen Öl- und Gasreserven weltweit. Für die sozialistischen Regierungen unter Hugo Chavez und Nicolás Maduro stellt(e) der Ressourcenreichtum eine bequeme innenpolitische Ausgangslage dar, um sich die öffentliche Zustimmung durch selektive Wohlfahrtsgeschenke zu erkaufen.

Die Einnahmen des mittlerweile nahezu vollständig verstaatlichten Ölkonzerns Petróleos de Venezuela S.A. (PDSVA) müssen dabei einen wachsenden Anteil an den Staatsausgaben abdecken.

Wirtschaftspolitik im Sinne der Schaffung von Anreizen für die Privatwirtschaft und eines diversifizierten Wirtschaftssystems war damit bisher nicht notwendig.

In der Außenpolitik garantierte das Petrocaribe-Abkommen Ölexporte zu besonders günstigen Konditionen in karibische und zentralamerikanische Staaten wie Kuba, Nicaragua, Jamaika oder die Dominikanische Republik.

Diese waren im Gegenzug verlässliche Partner, wenn es darum ging, venezolanische Interessen vor allem innerhalb der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) durchzusetzen.

Dazu kommt eine besondere Beziehung zwischen Venezuela und den USA. Trotz anhaltender heftigster anti-amerikanischer Rhetorik seitens der venezolanischen Regierung sind die USA nach wie vor der größte Handelspartner Venezuelas.

Darüber hinaus sind die USA immer noch der Hauptabnehmer venezolanischen Öls. In den vergangenen Jahren hat sich zudem China als wichtiger Ölabnehmer herauskristallisiert. Der Tausch von Geldkrediten für Öl hat sich dabei anfänglich für beide Seiten als ein "gutes" Geschäft dargestellt.

Öl-Inflation und regionaler Machtverlust

Heute erodiert das politische Geschäftsmodell Ressourcenreichtum in Venezuela. Kaum ein Tag vergeht, an dem keine blutigen Proteste stattfinden.

Die niedrigen globalen Ölpreise, das anhaltende Mismanagement in der venezolanischen Ölindustrie sowie der Verlust kompetenter Mitarbeiter verringern die Ölproduktion und damit die Staatseinnahmen stetig.

Auf der anderen Seite stehen wachsende Staatsausgaben, um zum einen die Rezession des Landes zu bekämpfen und zum anderen politisch konforme Eliten, Militär, Regierung sowie Partei ruhig zu stellen.

Mittlerweile ist die ökonomische Situation derart eskaliert, dass die öffentliche Daseinsvorsorge akut gefährdet ist. Milch und Brot sind Luxusgüter, die unter Militärschutz selektiv verkauft werden.

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Strom ist zeitweise zu einem raren Gut geworden, das es nur noch an wenigen Stunden am Tag gibt. Einfache Krankheiten können mangels Medikamente wie Antibiotika nicht mehr behandelt werden. Rettung in Form eines Anstiegs des Ölpreises ist nicht in Sicht.

Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC), in der Venezuela immerhin Gründungsmitglied ist, konnte sich, trotz jüngster Initiativen wie das Programm zur Kürzung der eigenen Fördermengen, nicht auf wirksame Maßnahmen zur Verringerung der globalen

Ölproduktion einigen. Staaten wie Jamaika und die Dominikanische Republik haben sich aus dem Petrocaribe-Abkommen freigekauft. Geld, das Venezuela in seiner gegenwärtigen Situation dringend brauchte. In dessen Folge musste es in seiner regionalen Außenpolitik aber deutlich an Einfluss einbüßen.

Der angekündigte Austritt aus der Organisationen Amerikanischer Staaten (OAS) und der Ausschluss aus dem Gemeinsamen Markt Südamerikas (MERCOSUR) spiegelt den regionalpolitische Bedeutungsverlust deutlich wider.

Venezolanisches Öl "made" in Amerika

Die Energiehandelsbeziehungen zwischen den USA und Venezuela verändern sich ebenfalls dramatisch. Zum einen nimmt das Handelsvolumen insgesamt ab. Und zum anderen verlagern sich die Import- und Exportmengen von Öl.

So ist Venezuela zwar reich an Öl, sieht sich aber einem Mangel an Benzin gegenüber. Den Hintergrund dafür bildet das venezolanische Schweröl, das hierfür nicht ohne weiteres genutzt werden kann.

Es bedarf einer aufwendigen Aufbereitung, um weiterverarbeitet werden zu können. Der Modernisierungsrückstand der venezolanischen Raffinerien verhindert das jedoch.

Die Weiterverarbeitung des venezolanischen Öls, findet deshalb unter anderem außerhalb des Landes statt bzw. muss über den Import und der Beimischung von Leichtöl aus den USA erfolgen. Die USA nehmen dabei eine wichtige Funktion ein. So betreibt PDSVA in den USA mit Partnerunternehmen Raffinerien.

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Außerdem sind die Kosten für den Import von Leichtöl aus den USA aufgrund der geografischen Nähe mitunter sehr gering.

Hieraus ist auch die scheinbar paradoxe Situation eingetreten, dass Venezuela aufbereitetes Öl aus den USA importieren muss, um überhaupt sein heimisches Öl exportieren zu können.

Die wachsenden venezolanischen Zahlungsausfallrisiken haben zudem dazu geführt, dass PDSVA seine Raffinerien in den USA als Sicherheiten hinterlegen musste. Venezuela gerät damit immer stärker in eine energieökonomische Abhängigkeit der USA.

China, die "geduldige" Schwester

Für Venezuela ist China mittlerweile der wichtigste internationale Finanzpartner. Ohne die chinesischen Kredite, die sich heute auf über 60 Milliarden USD belaufen, wäre Venezuela vermutlich schon zahlungsunfähig.

Venezuela verschifft im Gegenzug Öl direkt nach China und lässt chinesische Firmen bevorzugt bei Infrastrukturprojekten zum Zuge kommen.

Überblick: Kredite und Investitionen Chinas im lateinamerikanischen Energiesektor in Mrd. USD zwischen 2005 bis 2016:

  • Venezuela 55
  • Brasilien 34,3
  • Ecuador 6,1
  • Argentinien 2,7
  • Bolivien 1,1
  • Mexico 1
  • Summe 100,2

Für China ist Venezuela wiederum ein wichtiger aber nicht der wichtigste Ressourcenpartner. Allerdings haben die Kredite mittlerweile ein Volumen erreicht, das auch ein "geduldiges" und langfristig agierendes China an seine Toleranzgrenze bringt.

China hat bereits inoffizielle Vertreter nach Venezuela geschickt, um mit Vertretern der Opposition Gespräche über etwaige Rückzahlungen zu führen.

Ein klares Signal, dass auch China eine Post-Sozialismus-Zeit für Venezuela für möglich hält. Jüngste Verzögerungen bei den Öllieferungen dürften die chinesische Seite ebenfalls aufhorchen lassen.

Es ist nicht klar, inwieweit Chinas Geduld mit Venezuela gehen wird. Schon heute lässt sich beobachten, dass die Investitionen Chinas nach Venezuela abnehmen.

China erkennt nach wie vor Venezuelas konsequente Partnerschaft und Loyalität in seinen außenpolitischen Positionen bspw. mit Blick auf die Taiwanfrage an.

Allerdings bewegt sich auch China in einem ökonomischen Rahmen, der wirtschaftlichen Kriterien zu folgen hat. China kann und wird deshalb auch Maßnahmen ergreifen müssen, um seine Kredite und Investitionen zu schützen.

Wenig für die Zukunft

Venezuela hat es nicht geschafft, aus seinem großen Ölreichtum langfristig Wohlfahrtsgewinne für sein Volk zu generieren. Die linkspopulistischen Regierungen haben den politischen wie ökonomischen Wert des venezolanischen Ölreichtums verspielt.

Auch der weitere Blick nach vorn, für den Fall, dass es zu politischen Veränderungen kommen sollte, ist leider nicht gut. In Lateinamerika aber auch weltweit verändert sich die energiepolitische Landkarte drastisch. Die Erneuerbaren Energien sind ökonomisch auf dem Vormarsch.

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Mögliche Investitionen in die venezolanische Energiewirtschaft fänden unter erheblich verschärften Wettbewerbsbedingungen statt. Zumal China in Anbetracht seiner erheblichen Investitionen langfristig Zugriff auf venezolanische Energieressourcen hätte.

Auch müssten die etwaigen Investitionen von einer Größenordnung sein, die womöglich nicht verfügbar ist. Venezuelas Regierung hat sich energiepolitisch bereits heute irrelevant gemacht und zukünftigen Generationen ein schweres Erbe hinterlassen.

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