BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Prof. Dr. Christian Hesse Headshot

Schafft die Schulfächer ab, wir müssen den Unterricht revolutionieren

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TEENS IN MATHS CLASS
AlexRaths via Getty Images
Drucken

Die Frage ist Äonen alt und trotzdem immer aktuell, denn es geht um unsere Kinder. Sie lautet: Wie soll in der Schule Wissen vermittelt werden? Spezieller: Wie und was soll gelehrt und gelernt werden?

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Antworten auf diese Fragen ganz erheblich dem Zeitgeist unterworfen sind. Das zeigt sich am Wandel der Bildungsideale über die Jahrhunderte.

Die Bildungsideale hängen auch von der Einflussnahme bestimmter Instanzen ab, die verschiedene Interessen hinsichtlich der Erziehungsziele haben, etwa die Wirtschaft, die Kirchen, die Regierung.

Ökonomische Interessen im Vordergrund

Im 19. Jahrhundert waren Gehorsam, Disziplin, Ordnung und Fleiß die maßgeblichen Erziehungsziele.

Sie wurden vermittelt in den Fächern Religion, Lesen, Schreiben, Singen und nach Geschlechtern differenziert: Hauswirtschaft für die Mädchen, Rechnen für die Jungen sowie das Fach Leibesertüchtigung, das sie auf den Militärdienst vorbereiten sollte. Heute gibt es ein vielfältiges Fächerspektrum mit Kernfächern, Wahlpflichtfächern und mehreren AGs.

Die Zeitgeistabhängigkeit zeigt sich bis in die Gegenwart. So war die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von G9 nach G8 insbesondere auch ökonomischen Interessen geschuldet, denn mit einer verkürzten Schulzeit bis zum Abitur, treten die Abiturienten früher in den Arbeitsmarkt ein, sie zahlen früher Steuern und unterstützen so die Sozialsysteme.

Die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr wird in Deutschland inzwischen weithin als Fehler betrachtet. Nach Umfragen favorisieren 80 Prozent der Eltern das G9-Modell. In anderen Ländern, wo die verkürzte Schulzeit positiv aufgenommen wird - etwa in England oder in Japan - ist sie an Ganztagsschulen geknüpft, mit Unterricht bis mindestens 16 Uhr.

Das Fachwissen rückt in den Hintergrund

In Deutschlang gibt es gegenüber dem Ganztagsunterricht immer noch starke Widerstände. Deshalb war beim Übergang zu G8 eine Verminderung der Anzahl der Vollzeit-Unterrichtsstunden bis zum Abitur unvermeidlich: in Deutschland sind das etwa 10.000 Stunden, in England und Japan dagegen mindestens 2.000 Stunden mehr.

Das erzwang eine inhaltliche Ausdünnung der Lehrpläne. Besonders eklatant geschah dies im Fach Mathematik. Eine weitere einschneidende Reform wurde Anfang des Jahrhunderts eingeleitet.

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt, was Kinder mehr als alles andere von ihren Eltern brauchen

Der Grund war die PISA-Studie 2001, die international vergleichend die Leistungen 15-jähriger Schüler untersuchte. Das außerordentlich schlechte Abschneiden deutscher Schüler führte hierzulande zum PISA-Schock.

In seiner Folge kam es zur Überarbeitung der Lehrpläne. Seither wird im Unterricht mehr Gewicht auf die Vermittlung von Kompetenzen gelegt, statt auf Grundlagenwissen. Es geht verstärkt um den Umgang mit Fachwissen statt um das Fachwissen selbst.

Es gibt eben einen Unterschied zwischen Englisch und Mathematik

Ein Beispiel, wo die Kompetenzorientierung bereits den Unterricht und mit ihm die Fähigkeiten der Schüler verbessert hat, ist das Fach Englisch. Heutzutage kommt es darauf an, dass die Schüler in der Fremdsprache intuitiv kommunizieren können und weniger darauf, dass sie alle Aspekte der Grammatik verstehen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Kein Zufall ist, dass bei der Kompetenzorientierung, wie so oft, der Mathematik- Unterricht im Zentrum der Diskussion steht. Der Grund liegt darin, dass die Mathematik zugegebenermaßen ein extremes Bildungsgut ist, an dem sich die Gemüter regelmäßig erhitzen.

Und gerade in der Mathematik kann man nur dann Fachwissen anwenden, wenn man Grundlagenwissen besitzt. Wer nicht weiß, wie man Brüche miteinander multipliziert wird auch mit deren Anwendung bei Zinsen und anderen finanzmathematischen Fragen nicht klarkommen.

Wie in keinem anderen Fach, bauen in der Mathematik verschiedene Themenbereiche aufeinander auf.

Studienanfänger haben nicht mal mehr Mittelstufenwissen

Vor einigen Wochen verfassten nicht weniger als 130 Pädagogikexperten einen gemeinsamen Brandbrief unter anderem an die Bundesbildungsministerin. Sie fordern darin eine Rücknahme der Kompetenzorientierung im Mathematik-Unterricht.

Wörtlich heißt es, dass man an "Deutschlands Schulen wieder zu einer an fachlichen Inhalten orientierten Mathematikausbildung zurückkehren solle" und dass "symbolische, formale und technische Elemente der Mathematik und abstrakte Inhalte wieder stärker gewichtet werden sollen."

Mehr zum Thema: Ich sehe keine glücklichen Kinder mehr

Die Autoren des Brandbriefes fordern also im Wesentlichen das Rad der Geschichte um knapp zwei Jahrzehnte zurückzudrehen, und die abstrakteren Formen des mathematischen Fachwissens wieder stärker in den Vordergrund zu stellen.

Sie hoffen damit der Tatsache entgegenzuwirken, dass ein beachtlicher Teil der Studienanfänger in den MINT-Disziplinen - das sind Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - teils über mathematisches Mittelstufenwissen nicht mehr verfügt.

Themen-Module statt Fächer

Zwar ist die Symptombeobachtung korrekt, viele Erstsemester an den Hochschulen weisen tatsächlich eklatante Lücken in Mathematik auf, doch die Ursachenforschung ist falsch. Der Grund ist nicht in der Kompetenzorientierung zu suchen, sondern zuallererst an der Ausdünnung der mathematischen Lehrpläne an den Schulen.

Ich sehe die Kompetenzorientierung als Schritt in die richtige Richtung. Wenn auch als zu kleinen Schritt. Für das 21. Jahrhundert ist eine revolutionäre Abkehr vom gymnasialen Oberstufenunterricht wie wir ihn kennen notwendig.

Mehr zum Thema: Politische Bildung: Kinder und Jugendliche müssen gegen Populismus gewappnet werden

Überwunden werden muss das Schubladendenken, dass im Mathematik-Unterricht nur Mathematik, im Physik-Unterricht nur Physik, im Englisch-Unterricht nur Englisch gelehrt wird.

In einer globalisierten, stark vernetzten Welt ist auch die Welt des Wissens nicht derart schubladisiert. Vielmehr erfordert eine angemessene schulische Behandlung der meisten Themen Fachwissen aus mehreren Bereichen. Dieser Tatsache muss durch Einführung von Themen-Modulen statt Fächern Rechnung getragen werden.

Fächer vernetzen

So könnte es etwa als eines von vielen das Modul "Globale Erwärmung" geben, bei dem biologische, physikalische, chemische, mathematische, historische Aspekte diskutiert werden, oder das Thema "USA", bei dem historische, politische, philosophische, ethische Belange angesprochen werden müssen und der Unterricht zudem in englischer Sprache abgehalten werden sollte.

Das Modul "Behandlung von Krankheiten" hätte biologische, historische, ethische und im Zuge der Entwicklung hin zu personalisierten Medizin auch daten-analytische und computerbasierte Aspekte.

Das Modul "Vektoren" würde schrittweise zunächst diese mathematischen Objekte einführen, anschließend aufzeigen welche Arten des Rechnens es mit Vektoren gibt, diese kurz an Beispielen verdeutlichen und dann demonstrieren, welche Anwendungen mit Vektoren verbunden sind: etwa das Verständnis von Kraftwirkungen in der Physik oder in der Philologie Stiluntersuchungen bei literarischen Texten.

Die Sinnfrage "wofür brauch ich das?" erübrigt sich

Selbst auf den allerersten Blick so unscheinbare Themen wie etwa die Blattanordnung bei Pflanzen um den Stängel beinhaltet faszinierende fachübergreifende Aspekte.

Sie betreffen irrationale Zahlen als Erweiterung der Brüche sowie architektonische Größen wie den Goldenen Schnitt, physikalische Prinzipien der Statik und verfahrenstechnische Methoden der Optimierung. Und das ist nur ein Beispiel unter vielen.

Mehr zum Thema: Die deutschen Schulen sind Ruinen: Es droht eine Bildungskatastrophe

Ganz sicher führt diese Art der Interdisziplinarität bei der Wissensvermittlung und die Abkehr von der traditionellen Schubladisierung des Schulstoffes in voneinander abgegrenzte Fächer zu einer Steigerung der Lernmotivation bei den Schülern.

In Bezug auf die abstrakten Aspekte der Mathematik erübrigt sich die Sinnfrage "Wofür braucht man das", wenn abstraktes Fachwissen mit Anwendungen verknüpft ist.

Ein zu hoher Abstraktionsgrad im Mathematik-Unterricht vergangener Jahrzehnte hat oft dazu geführt, das große Teile der Schülerschaft nicht nur das Interesse verloren, sondern mit Unlust bis hin zu Ängsten den Unterricht über sich ergehen ließen.

Dies, mehr als alles andere, führt dazu, dass große Teile der Bevölkerung nicht mehr über das für den modernen Alltag notwendige mathematische Wissen verfügen. Zudem vermittelt der klassische Mathematik-Unterricht ein klischeehaftes Bild.

Unsere Zeit fordert quantitatives Denken

Mathematik ist nicht schwerpunktmäßig Rechnen, vielmehr ist es die Kunst, Rechnen durch Denken so weit wie möglich überflüssig zu machen.

Und unsere moderne Zeit erfordert mehr quantitatives Denken als jemals zuvor. Wir stehen an der Schwelle fundamentaler Umwälzungen des Alltags. Bald werden Autos selbständig fahren und menschliches Eingreifen weitgehend überflüssig machen und so für weniger Unfälle sorgen.

Mehr zum Thema: Eine Erzieherin warnt: "In Deutschland wird oft nur Kindern geholfen, die keine Hilfe brauchen"

Eine personalisierte Medizin wird daten-analytisch eine auf jeden einzelnen Kranken individuell zugeschnittene Therapie realisieren und ärztliches Know-how bei weitem überbieten und so mehr Leben retten. Das sind nur zwei einschneidende Beispiele aus einem größeren Fundus.

Alle diese Beispiele sind zahlengestützte Hochtechnologien.

Wir brauchen eine neue Ausbildung der Lehrkräfte

Es ist nötig, Schüler ins Leben nach der Schule zu entlassen, die über stärker ausgeprägte quantitative Kompetenzen verfügen als frühere Generationen. Die interdisziplinäre Art der Wissensvermittlung denkt die gegenwärtige Kompetenzorientierung konsequent weiter.

Es ist die zeitgemäße Lernform. Fächerübergreifender Unterricht orientiert sich an den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts.

Mehr zum Thema: Alle loben Deutschland für seine Werte, die Wahrheit ist jedoch: Unser Land verändert sich

Klar ist natürlich, dass diese Neuorientierung des Unterrichts nicht von heute auf morgen im Hauruck-Verfahren eingeführt werden kann, sondern sorgfältig vorbereitet werden muss.

Klar ist auch, dass diese revolutionär neuen Wege der Wissensvermittlung auch neue Wege der Ausbildung der Lehrkräfte erfordern. Ihre Position muss gesellschaftlich zudem aufgewertet werden. Auch durch eine bessere finanzielle Honorierung ihrer Arbeit. Das aber ist ein anderes Thema.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.