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Ich bin zum Islam konvertiert und bete jetzt 5 Mal täglich - so hat mein Chef reagiert

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MUSLIM PRAYING
FS-Stock via Getty Images
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Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein: Mein Chef bei Siemens kam in die Büro-Toilette uns sah mich dort stehen, wie ich meinen Fuß ins Waschbecken hängte.

Er hat mich im schönsten Münchner Dialekt gefragt: "Spinntst jetzad?" Und ich habe geantwortet, dass ich als praktizierender Muslim Füße waschen muss, vor jedem meiner fünf Gebete täglich. Er grinste und sagte: "Roll' bloß dein' Teppich net in meim Büro aus." Ich hab zurückgegrinst und meinen Teppich in meinem Büro ausgerollt.

So einfach war's.

Ich bin in Oberbayern geboren, evangelisch getauft, nach einem beruflich Aufenthalt in Indonesien - einer Demokratie mit der größten muslimischen Bevölkerung weltweit - 1999 zum Islam konvertiert. Und ich habe noch nie erlebt, dass jemand aus meinem beruflichen Umfeld an meiner Religion Anstoß genommen hätte. Nicht während meiner Arbeit für große Firmen und erst recht nicht danach - ich bin inzwischen Miteigentümer zweier Firmen in Indonesien und coache nebenher deutsche Muslime, die private oder berufliche Probleme haben.

"Weiß dein Chef, dass du Muslimin bist?"

Meine Klienten sind überwiegend Akademiker und auch von ihnen habe ich nicht gehört, dass sie wegen ihrer Religion diskriminiert worden wären.

Eine Klientin kam zu mir und sagte, sie würde so gerne in der Arbeit ihr Kopftuch tragen. Bislang zog sie es an, wenn sie aus dem Haus ging und legte es ab, bevor sie in der Arbeit durch die Tür ging. Am Abend dann das gleiche Spiel wieder. Sie hatte Angst, anzuecken.

Ich habe sie gefragt: "Weiß dein Chef, dass du Muslimin bist?" Und sie sagte Nein.

Sie hat mit ihm geredet, hat gefragt, ob sie das Kopftuch im Büro tragen dürfe. Und ihm war es schlicht egal. Sie könne das machen, wie sie wolle.

Die meisten Leute sind gar nicht so intolerant, wie man denkt.

Bei Mittelständlern ist das wohl anders, aber die großen Arbeitgeber haben die Diversität tief inhaliert, die leben das. Man muss sich nur einmal ansehen, wer am morgen zu BMW läuft: Da sind Frauen mit Kopftuch, Sikhs mit Turban.

Beten und fasten kann man verschieben, wenn es in der Arbeit nicht reinpasst

Wenn ein Muslim fünf Mal am Tag betet, braucht der Arbeitgeber keine Sorge zu haben, dass das den Ablauf unterbricht. Andere machen schließlich auch Pause, gehen zwischendurch eine rauchen. Und 10 bis 15 Minuten reichen zum Beten. Das arbeiten wir nach.

Und wenn es gerade nicht passt, darf man Gebete auch am Abend zusammenlegen. Ein Polizist kann ja schlecht auf Streife seinen Gebetsteppich ausrollen. Das macht er denn eben später.

Wenn im Hochsommer Ramadan ist und ich Seminar habe, dann bin ich nach zwei bis drei Stunden reden ohne Wasser so unkonzentriert, dass ich das niemandem zumuten will. Dann muss ich das Fasten eben verschieben.

Und wenn ich volle Kanne Jetlag habe, weil ich in der Nacht aus Jakarta nach München zurückgekommen bin, stehe ich auch nicht um vier auf, um zu beten. Muss ich auch nicht. So flexibel ist der Islam.

Ich brauche keine Extrawurst

Es ist schön, wenn man die Möglichkeit bekommt, seinen Glauben zu leben. Aber ich brauche deswegen keine Extrawurst.

So wie diese völlig bescheuerte Idee mit einem islamischen Feiertag. Meine beiden Söhne haben noch jeden hohen Feiertag zu Hause verbracht. Ich habe vorher mit dem Lehrer gesprochen und meine Kinder haben frei bekommen. Und meine Chefs haben gesagt: Kein Problem, nimm halt Urlaub.

"Du siehst ja gar nicht aus wie ein Muslim"

Privat gibt es wegen meines Glaubens tatsächlich mehr Diskussionen. Was ich öfter höre: Du siehst gar nicht aus wie ein Muslim.

Ja, wie soll ich denn schon aussehen? Mein Bart ist kürzer als der der meisten Hipster, ich schreie nicht den ganzen Tag Allahu Akbar, und renne draußen nicht im Kaftan herum. Das ist mir im Winter zu kalt und immer zu unpraktisch, wenn ich Treppen steigen muss. Ich nehm gern drei auf einmal, das geht im Kaftan nicht. Ich trag ihn nur gern zu Hause, weil er so bequem ist, als Jogginganzug-Ersatz. In diesem Aufzug habe ich nur mal den Briefträger erschreckt.

Meine Frau ist übrigens ebenfalls Muslima, sie trägt kein Kopftuch und als kaufmännische Leiterin gern Hosenanzüge.

Muslime sind nicht so seltsam. Sie haben eine Eigentumswohnung, zahlen ihren Kredit ab. Und die Männer geben am Freitag in die Moschee.

Viele reden über den Islam - aber nicht über das, an was sie glauben

Ich musste mit meiner Oma früher jede Woche in die Kirche gehe - sie hat da übrigens immer ein Kopftuch umgebunden. Daran war nichts komisch. Komisch war nur, wenn einer nicht in die Kirche ging.

Ich vermisse es, dass in Deutschland so viele Menschen über den Islam reden aber so wenig über das, an was sie glauben.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

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