BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Christian Friedrich Headshot

Venezuela: Urlaub im Armenhaus?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

2017-03-28-1490709880-4400565-Bild_Venezuela_Tafelberg.jpg

Bild: Venezuela, Wasserfall vom Tafelberg/Viventura.de

Venezuela ist ein reiches Land. Gut 2,5 Mal so groß wie Deutschland liegt Venezuela im Süden der Karibik. Es hat die größten Ölreserven der Welt, am Orinoco besitzt es riesige Eisenerzminen, ein Großteil des Urwaldes ist noch unerschlossen und an 2.800 km karibischer Traumküste könnte der Tourismus blühen.

Traumhafte Naturvielfalt und unberührtes Hinterland

In keinem anderen Land Südamerikas ist die Natur so vielseitig: fast 5.000 m erreichen die verschneiten Anden im Nordwesten. Die zerklüfteten Orinocotäler reichen zum Maracaibo-See mit seinem Tiefland. An der Küste findet sich die Wüstenlandschaft bei Coro ebenso, wie die Palmenstrände von Margarita und weiterer Karibikinseln.

Das karibische Bergland reicht bis zu den Sümpfen von Amacuro. Auch im südöstlichen Hochland von Guayana mit seinen imposanten Tafelbergen findet sich in Venezuela alles, was dem zivilisationsgeplagten Teutonen fehlt.

Ein reiches Land vor dem Bankrott

Doch statt die tropische Sonne zu genießen, demonstrieren tausende der etwa 31 Millionen Venezuelaner gegen die Unfähigkeit ihrer Regierung. Das Land ist pleite, hat mit über 800% die weltweit höchste Inflation, die Rating Agenturen geben Venezuela ein miserables Caa3 (negative). Das Parlament hat Präsident Nicolás Maduro abgesetzt, doch der stützt sich auf sein von ihm handverlesenes Oberstes Gericht.

Im Mai 2016 verhängte Maduro den Ausnahmezustand, die Häfen stehen unter militärischer Kontrolle, um Strom zu sparen wurde eine 4-Tage-Woche eingeführt, der Flugverkehr wurde weitgehend eingestellt, Benzin ist im ölreichsten Land Mangelware. Das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, Strom und Wasser sind knapp, die Menschen hungern. Im Januar wurde der Mindestlohn auf 12 Dollar pro Monat verdoppelt, doch zehntausende Venezuelaner reisen ins kolumbianische Ausland, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen.

Chavismus sollte einst Gerechtigkeit bringen

Dabei ist es erst vier Jahre her, das Nicolás Maduro nach dem Tod der Ikone Hugo Chávez die Wahl mit 50,78% gewann. Sein Problem: seit 2014 ist der Ölpreis wegen weltweiter Überproduktion auf 1/3 eingebrochen. Da in Venezuela 2014 96% der Staatseinnahmen aus dem Ölgeschäft stammten, rief Maduro 2016 den „Wirtschaftsnotstand" aus.

All die sozialen Fortschritte, für die sein Vorgänger Chávez einst gefeiert wurde, konnte sein Vize Maduro nun nicht mehr bezahlen. Verarmte Bauern protestieren jetzt gemeinsam mit den alten Eliten, die Hugo Chávez besonders durch seine Enteignungen gegen sich aufbrachte, für ein Ende des Chavismus und Neuwahlen.

Ölpreissturz und Unfähigkeit

Zum Absturz des staatlichen Ölkonzerns Petróleos de Venezuela kamen Maduros eigene Fehler von Missmanagement, mangelnden Investitionen und selbstherrlichem Umgang mit Kritik. Nicolás Maduro ließ Proteste gewaltsam niederschlagen und machte ausländische Verschwörungen für das Desaster in seinem Land verantwortlich.

Außenministerium rät von Venezuela-Reisen ab

Es fehlt nahezu an allem in Venezuela, das Auswärtige Amt rät von nicht dringenden Reisen nach Venezuela ab. Trinkwasser, Strom und medizinische Versorgung seien nicht jederzeit gewährleistet, Überfälle, Entführungen und Piraterie nähmen zu, Busse und Taxis seien in riskantem Zustand, Uniformierte oftmals korrupt und ebenfalls kriminell. Touristen sollten allenfalls Los Roques, Roraima, den Canaima-Nationalpark, die Isla Margarita oder das Amacuro-Delta in organisierten Gruppen bereisen.

Tourismus ist trotzdem nicht erledigt

Der Tourismus spielte in Folge des Öls in Venezuela nie die zentrale Rolle, wie in benachbarten karibischen Staaten. Trotzdem besitzt das Land eine Tourismusbranche, die sich vorwiegend auf die Karibikküste mit dem Zentrum der Isla Margarita und vereinzelte Touren ins tropische Hinterland konzentriert.

Interessant ist, dass mehrere Reiseanbieter hierzulande Venezuela trotz dessen desolater Lage bislang nicht aus ihrem Programm gestrichen haben. Denn die Missstände im Land haben langfristig strukturellen Charakter. Demgegenüber können Touristen kurzfristig dringend benötigtes Geld ins Land bringen.

Venezuela-Reisen sind unkomfortabel und riskant

Die Touristen müssen mit manchen Einschränkungen leben: viele Hotels sind geschlossen, Pools nicht gefüllt, Aufzüge und Klimaanlagen oft außer Betrieb, Strom und Wasser rationiert. Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, Überfälle sind nicht auszuschließen. Trotzdem herrscht in Venezuela kein Bürgerkrieg, die Proteste richten sich absehbar gegen die Regierung, die Straßenkriminalität dient vor allem der Selbstversorgung.

Abenteuer im Real Life

Das ist zwar wenig tröstlich für einen Überfallenen, dennoch finden sich immer noch Reisende, die all diese Risiken und Widrigkeiten für einen Venezuela-Besuch auf sich nehmen. Nicht für einen Entspannungsurlaub, sondern für eine Reise in ein wunderschönes Armenhaus, das seine Geschicke zunehmend selbst in die Hand nimmt.

Für die einen ist das dekadente Sozialromantik, für andere ein Abenteuerurlaub wie in Laos oder Südafrika. Wie sich Tourismus mit Moral verbindet, mag sich jeder zwischen Mallorca, Kreuzfahrt und den Malediven selbst beantworten.

Erfahrung des Veranstalters ist wichtig

Wer unter den heutigen Bedingungen nach Venezuela reisen möchte, sollte allerdings auf einen erfahrenen Veranstalter wie Viventura.de aus Berlin setzen. Denn in Zeiten des Umbruchs sind Kontakte und Erfahrungen umso wichtiger, damit die Reise nicht zum Desaster, sondern einem Abenteuer in der sozialen Wirklichkeit wird.

Die Situation in Venezuela wird sich durch ein paar Touristen nicht verändern. Aber vielleicht deren Sicht auf ein reiches südamerikanisches Land, dem fast 20 Jahre Chavismus nicht genügten, um es auch in ein glückliches gerechtes Land zu verwandeln. Wer Südamerika mit offenen Augen bereist, findet diesen Verteilungskonflikt in jedem Land. Es braucht nur ein bisschen Mut, die Dinge aus der Nähe zu betrachten.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.