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Onlinesucht: Die digitale Revolution frisst ihre Kinder

02/09/2017 17:14 CEST | Aktualisiert 02/09/2017 17:14 CEST
baona via Getty Images

In Deutschland nutzten 2016 etwa 79% der Bevölkerung das Internet regelmäßig privat, unter den Schülern war es mit 98% nahezu jeder. Das sind etwa 58 Millionen User, von denen 29,7 Mio. männlich und 28,3 Mio. weiblich sind. Jeder elfte ist hierzulande täglich länger als fünf Stunden freiwillig im Internet, ein Prozent der Bevölkerung sogar mehr als zehn Stunden pro Tag. Das sind etwa 800.000 Hardcore-User täglich. Hinzu kommen Milliarden Online-Stunden, die hierzulande beruflich vor dem Monitor verbracht werden und wenn gerade kein Gerät flimmert, sind immer noch Millionen Handys und Smartphones auf Stand-by.

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Wenn das Handy wichtiger als das Gegenüber wird

Durchschnittlich drei Stunden verbringen Jugendliche täglich am Handy, etwa 135 Mal am Tag schauen Sie auf das Gerät, im Schnitt alle 7 Minuten. Mädchen bewegen sich mehr in sozialen Netzwerken, Jungen bevorzugen Computerspiele. Womit die Menschen sonst Ihre Zeit im Netz verbringen ist unterschiedlich. Von der Banküberweisung über Informationssuche, Einkäufe oder Unterhaltung und Chats reicht das Spektrum bis zu exzessiven Rollenspielen, Glücksspielen oder Pornokonsum. Gemeinsam ist ihnen, dass die virtuelle Welt die reale Welt zunehmend beeinflusst und mitunter sogar verdrängt. Die Menschen sind unkonzentriert, abgelenkt, jederzeit in Erwartung einer neuen Überraschung und oft in einer anderen Welt.

Online-Süchtige suchen Spannung ohne Verantwortung

Das gilt besonders für jene, die selbst den lebendigen Teil der Online-Welt ausblenden, und offline exzessiv in einer virtuellen Spielewelt versinken, nur noch Videos schauen oder sich nach und nach als gänzlich anderer Charakter fühlen. Nicht die reale Welt, sondern die Anforderungen des Netzes bestimmen zunehmend den Alltag. Hier kann jeder auswählen, in welcher Welt er Leben möchte, welchen Herausforderungen er sich stellt und welche er ausblendet. Statt Selbstverantwortung für alle Lebensbereiche zu übernehmen, sucht sich der Süchtige eine Welt, die ihm Spannung ohne Anstrengung oder Ängste bietet.

Mehr zum Thema: Handysucht: Warum wir nicht mehr »ohne« sein wollen

Online-Süchtige isolieren sich und zerstören ihre sozialen Kontakte

Etwa fünf bis sieben Prozent aller Internet-User gelten hierzulande als onlinesüchtig. Wie bei Alkohol, Drogen oder Spielsucht beeinflusst diese selektive Wahrnehmung der virtuellen Welt die Alltagsgewohnheiten massiv. Bewegung, Ernährung, Körperpflege und Schlaf kommen zu kurz, soziale Kontakte veröden. Gesundheitliche Folgen wie Hör-, Seh- oder Haltungsprobleme nehmen ebenso zu, wie Konzentrations- und Schlafstörungen oder Depressionen. Wie bei anderen Süchten gehen durch das gestörte Sozialverhalten teils Beziehungen und Familien zu Bruch, nicht wenige Online-Süchtige können ihren Beruf nicht mehr ausüben.

Virtuelle Welt ersetzt den Alltag

Ersatz für die realen Kontakte finden Online-Süchtige in der Netzcommunity. Ob Games, Flirtchats oder Pornos, - diese Gleichgesinnten verstehen den Süchtigen, ohne mit Alltagserwartungen zu stören. Oft entwickeln Online-Süchtige ein schützendes Überlegenheitsgefühl gegenüber den Nichtigkeiten des Alltags, schließlich ist ihre virtuelle Welt viel spannender als die Realität. Inwieweit Avatare von Gamern zunehmend ihre Konfliktfähigkeit verändern, wird nach jedem Amoklauf erneut spekuliert. Auch Flirt- und Pornokanäle, auf denen Sex in den abenteuerlichsten Varianten jederzeit verfügbar ist, kollidieren mit der Wirklichkeit. Bei Spielsüchtigen kommt zu einer veränderten Selbstwahrnehmung die realitätsferne Erwartung, schon bald mit einem Hauptgewinn über die Realität zu triumphieren.

Online-Sucht ist medizinisch noch kaum anerkannt

Medizinisch werden Computersucht oder Internetabhängigkeit bisher nicht von den Krankenkassen anerkannt, weil fließende Übergänge die Diagnose schwierig machen. Als Diagnose ICD-10 F63.8‚ `sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle' können die Kosten therapeutischer Maßnahmen jedoch übernommen werden. Tatsächlich sind die Ursachen von Onlinesucht vielfältig. Gemeinsam scheint allen eine Realitätsflucht vor Verantwortung in eine angenehmere spannendere Welt. Auch Einsamkeit spielt bei der Illusion eine Rolle, im Netz hunderte Freunde zu besitzen. Verlockend sind die Anonymität des Netzes und die vermeintliche Kontrolle, sich dort nur so zu präsentieren, wie und wo man sich gefällt.

webC@RE hilft Süchtigen und Co-Abhängigen

Verschiedene Organisationen bieten mittlerweile umfangreiche Hilfen für Online-Süchtige aller Art an. Bei den Therapien helfen die Erfahrungen mit anderen Süchten wie Alkohol oder Drogen, denn auch bei Onlinesucht gibt es Co-Abhängigkeiten und das gesamte Spektrum von Verleugnung, Lügen, Isolation und Selbstzerstörung. Die Hessische Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS) hat zusammen mit der Techniker Krankenkasse (TK) das gemeinnützige Projekt webC@RE ins Leben gerufen. Betroffene und ihre Angehörigen jeden Alters können sich in Online-Selbsthilfegruppen unter Betreuung von erfahrenen Therapeuten auf Skype über Ihre Erfahrungen und Probleme austauschen.

Kampagne soll Medienkompetenz und Verantwortung stärken

Mit der Kampagne „Support webC@RE" suchen die Initiatoren von webC@RE derzeit weitere Organisationen und Unternehmen als Unterstützer (supportwebcare@hls-online.org), um Medienkompetenz in jedem Alter zu stärken, damit das Internet und Social Media verantwortungsbewusst als gewinnbringendes Kommunikationsinstrument genutzt werden kann. Mittels webC@RE Partnersiegel weisen Unterstützer auf ihren Websites auf das Projekt hin und dokumentieren damit zugleich ihr soziales Verantwortungsbewusstsein für nachhaltige Medienkompetenz.

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