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Onlinesucht: Die digitale Revolution frisst ihre Kinder

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baona via Getty Images
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In Deutschland nutzten 2016 etwa 79% der Bev├Âlkerung das Internet regelm├Ą├čig privat, unter den Sch├╝lern war es mit 98% nahezu jeder. Das sind etwa 58 Millionen User, von denen 29,7 Mio. m├Ąnnlich und 28,3 Mio. weiblich sind. Jeder elfte ist hierzulande t├Ąglich l├Ąnger als f├╝nf Stunden freiwillig im Internet, ein Prozent der Bev├Âlkerung sogar mehr als zehn Stunden pro Tag. Das sind etwa 800.000 Hardcore-User t├Ąglich. Hinzu kommen Milliarden Online-Stunden, die hierzulande beruflich vor dem Monitor verbracht werden und wenn gerade kein Ger├Ąt flimmert, sind immer noch Millionen Handys und Smartphones auf Stand-by.

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Wenn das Handy wichtiger als das Gegen├╝ber wird

Durchschnittlich drei Stunden verbringen Jugendliche t├Ąglich am Handy, etwa 135 Mal am Tag schauen Sie auf das Ger├Ąt, im Schnitt alle 7 Minuten. M├Ądchen bewegen sich mehr in sozialen Netzwerken, Jungen bevorzugen Computerspiele. Womit die Menschen sonst Ihre Zeit im Netz verbringen ist unterschiedlich. Von der Bank├╝berweisung ├╝ber Informationssuche, Eink├Ąufe oder Unterhaltung und Chats reicht das Spektrum bis zu exzessiven Rollenspielen, Gl├╝cksspielen oder Pornokonsum. Gemeinsam ist ihnen, dass die virtuelle Welt die reale Welt zunehmend beeinflusst und mitunter sogar verdr├Ąngt. Die Menschen sind unkonzentriert, abgelenkt, jederzeit in Erwartung einer neuen ├ťberraschung und oft in einer anderen Welt.

Online-S├╝chtige suchen Spannung ohne Verantwortung

Das gilt besonders f├╝r jene, die selbst den lebendigen Teil der Online-Welt ausblenden, und offline exzessiv in einer virtuellen Spielewelt versinken, nur noch Videos schauen oder sich nach und nach als g├Ąnzlich anderer Charakter f├╝hlen. Nicht die reale Welt, sondern die Anforderungen des Netzes bestimmen zunehmend den Alltag. Hier kann jeder ausw├Ąhlen, in welcher Welt er Leben m├Âchte, welchen Herausforderungen er sich stellt und welche er ausblendet. Statt Selbstverantwortung f├╝r alle Lebensbereiche zu ├╝bernehmen, sucht sich der S├╝chtige eine Welt, die ihm Spannung ohne Anstrengung oder ├ängste bietet.

Ô×Ę Mehr zum Thema: Handysucht: Warum wir nicht mehr ┬╗ohne┬ź sein wollen

Online-S├╝chtige isolieren sich und zerst├Âren ihre sozialen Kontakte

Etwa f├╝nf bis sieben Prozent aller Internet-User gelten hierzulande als onlines├╝chtig. Wie bei Alkohol, Drogen oder Spielsucht beeinflusst diese selektive Wahrnehmung der virtuellen Welt die Alltagsgewohnheiten massiv. Bewegung, Ern├Ąhrung, K├Ârperpflege und Schlaf kommen zu kurz, soziale Kontakte ver├Âden. Gesundheitliche Folgen wie H├Âr-, Seh- oder Haltungsprobleme nehmen ebenso zu, wie Konzentrations- und Schlafst├Ârungen oder Depressionen. Wie bei anderen S├╝chten gehen durch das gest├Ârte Sozialverhalten teils Beziehungen und Familien zu Bruch, nicht wenige Online-S├╝chtige k├Ânnen ihren Beruf nicht mehr aus├╝ben.

Virtuelle Welt ersetzt den Alltag

Ersatz f├╝r die realen Kontakte finden Online-S├╝chtige in der Netzcommunity. Ob Games, Flirtchats oder Pornos, - diese Gleichgesinnten verstehen den S├╝chtigen, ohne mit Alltagserwartungen zu st├Âren. Oft entwickeln Online-S├╝chtige ein sch├╝tzendes ├ťberlegenheitsgef├╝hl gegen├╝ber den Nichtigkeiten des Alltags, schlie├člich ist ihre virtuelle Welt viel spannender als die Realit├Ąt. Inwieweit Avatare von Gamern zunehmend ihre Konfliktf├Ąhigkeit ver├Ąndern, wird nach jedem Amoklauf erneut spekuliert. Auch Flirt- und Pornokan├Ąle, auf denen Sex in den abenteuerlichsten Varianten jederzeit verf├╝gbar ist, kollidieren mit der Wirklichkeit. Bei Spiels├╝chtigen kommt zu einer ver├Ąnderten Selbstwahrnehmung die realit├Ątsferne Erwartung, schon bald mit einem Hauptgewinn ├╝ber die Realit├Ąt zu triumphieren.

Online-Sucht ist medizinisch noch kaum anerkannt

Medizinisch werden Computersucht oder Internetabh├Ąngigkeit bisher nicht von den Krankenkassen anerkannt, weil flie├čende ├ťberg├Ąnge die Diagnose schwierig machen. Als Diagnose ICD-10 F63.8ÔÇÜ `sonstige abnorme Gewohnheiten und St├Ârungen der Impulskontrolle' k├Ânnen die Kosten therapeutischer Ma├čnahmen jedoch ├╝bernommen werden. Tats├Ąchlich sind die Ursachen von Onlinesucht vielf├Ąltig. Gemeinsam scheint allen eine Realit├Ątsflucht vor Verantwortung in eine angenehmere spannendere Welt. Auch Einsamkeit spielt bei der Illusion eine Rolle, im Netz hunderte Freunde zu besitzen. Verlockend sind die Anonymit├Ąt des Netzes und die vermeintliche Kontrolle, sich dort nur so zu pr├Ąsentieren, wie und wo man sich gef├Ąllt.

webC@RE hilft S├╝chtigen und Co-Abh├Ąngigen

Verschiedene Organisationen bieten mittlerweile umfangreiche Hilfen f├╝r Online-S├╝chtige aller Art an. Bei den Therapien helfen die Erfahrungen mit anderen S├╝chten wie Alkohol oder Drogen, denn auch bei Onlinesucht gibt es Co-Abh├Ąngigkeiten und das gesamte Spektrum von Verleugnung, L├╝gen, Isolation und Selbstzerst├Ârung. Die Hessische Landesstelle f├╝r Suchtfragen e.V. (HLS) hat zusammen mit der Techniker Krankenkasse (TK) das gemeinn├╝tzige Projekt webC@RE ins Leben gerufen. Betroffene und ihre Angeh├Ârigen jeden Alters k├Ânnen sich in Online-Selbsthilfegruppen unter Betreuung von erfahrenen Therapeuten auf Skype ├╝ber Ihre Erfahrungen und Probleme austauschen.

Kampagne soll Medienkompetenz und Verantwortung st├Ąrken

Mit der Kampagne ÔÇ×Support webC@RE" suchen die Initiatoren von webC@RE derzeit weitere Organisationen und Unternehmen als Unterst├╝tzer (supportwebcare@hls-online.org), um Medienkompetenz in jedem Alter zu st├Ąrken, damit das Internet und Social Media verantwortungsbewusst als gewinnbringendes Kommunikationsinstrument genutzt werden kann. Mittels webC@RE Partnersiegel weisen Unterst├╝tzer auf ihren Websites auf das Projekt hin und dokumentieren damit zugleich ihr soziales Verantwortungsbewusstsein f├╝r nachhaltige Medienkompetenz.

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