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8 Punkte in Flensburg - und jetzt?

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Bild: Polizeikontrolle, Fotolia©abr68

Egal, wie Sie das geschafft haben, - als Verkehrsrowdy, mit Alkohol oder durch einen schuldhaft schweren Unfall, - wenn das Flensburger „Fahreignungsregister" acht Punkte zählt, ist Ihr Führerschein abgelaufen. Die Entziehung der Fahrerlaubnis wird von der Verwaltungsbehörde nach §§ 3 und 4 StVG bei acht oder mehr Punkten ausgesprochen. Oder sie ist eine richterliche Maßregel zur Besserung und Sicherung nach § 69 StGB. Meist geht sie mit weiteren Strafen und Auflagen einher. Das können je nach Grund des letzten Verstoßes Haft- oder Geldstrafen sein, aber auch die Aufforderung zu einer Medizinisch Psychologischen Untersuchung/MPU.

Führerscheinentzug vor allem bei Männern

Viel teurer Ärger also, aber wie geht es nun ohne Führerschein weiter? 2015 erwischte es in Deutschland 95.962 Menschen, die Ihren Führerschein auf Dauer abgeben mussten, darunter 49.124 wegen Alkohol und Drogen am Steuer, 5.136 Personen hatten einfach ‚nur' ihre 8 Punkte erreicht. 84% der abgegebenen Führerscheine stammten 2015 von Männern, meist zwischen 25 und 44 Jahren alt. Hinzu kamen 2015 376.462 befristete Fahrverbote nach §44 StGB von ein- bis drei Monaten.

Keine mildernden Umstände

Wie geht es weiter, wenn das Auto vor der Haustür rostet? Egal, ob Sie auf dem Verwaltungsweg durch ein überzogenes Konto oder von einem Strafrichter aus dem Verkehr gezogen wurden, - Sie gelten als ungeeignet, ein Kraftfahrzeug zu führen, das nagt schon mal am Ego.

Auf mildernde Umstände sollte niemand bei einem Führerscheinentzug spekulieren. Schließlich gab es zu jedem gesammelten Punkt entsprechende Belehrungen und Hinweise zu möglichen Nachschulungen. Der Bußgeldkatalog ist öffentlich einsehbar. Bei einem schuldhaften Unfall oder einer Verkehrsstraftat verbietet der Gleichbehandlungsgrundsatz, einen Verkehrssünder milder zu betrafen, nur weil von seinem Führerschein vielleicht sein Job oder auch seine Existenz abhängig sein könnte. Im Gegenteil: gerade wenn der Job vom Führerschein abhängig ist, erwarten Gerichte ein besonders verantwortungsbewusstes Verhalten im Straßenverkehr.

Härtefälle nur mit gutem Anwalt

Seltene Ausnahmen sind in Einzelfällen lediglich bei befristeten Fahrverboten möglich: wenn Sie beispielsweise der einzige Fahrer Ihres Taxiunternehmens sind und keinen Ersatz finanzieren könnten, kann das Fahrverbot in Härtefällen in eine verdoppelte Geldstrafe umgewandelt werden. Kann, aber muss nicht. Doch dazu benötigen Sie nicht nur einen guten Anwalt wie etwa den Berliner Verkehrsrechtler Achim H. Feiertag. Sie müssen das Gericht, etwa mit der Teilnahme an Fahreignungsseminaren oder nach einer verkehrspsychologischen Maßnahme, davon überzeugen, dass Sie Ihr Fehlverhalten eingesehen haben und künftig ändern.

Sie müssen zeigen, dass Sie doch zum Fahren geeignet sind

Denn kein Richter kann etwa einem Taxi-, Bus- oder Fernfahrer, der wiederholt mit Alkohol am Steuer aufgefallen ist, seinen Führerschein nur deshalb lassen, weil der sonst arbeitslos wäre. So jemand ist tatsächlich ungeeignet zum Autofahren und für diesen Job. Deshalb gibt es bei der endgültigen Entziehung der Fahrerlaubnis nicht einmal die Möglichkeit, dies in eine erhöhte Geldstrafe umzuwandeln.

Ist der Führerschein erst einmal dauerhaft weg, liegt die Beweislast bei Ihnen, dass Sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder geeignet sind, ihn erneut zu machen.

Ist der EU-Führerschein eine Alternative?

Beliebt ist, diese mühsame, teure und zeitaufwendige Beweisführung mit einem EU-Führerschein aus einem anderen Land zu umgehen: Mehrere tausend Deutsche machen jährlich etwa in Ungarn oder Tschechien einen neuen Führerschein, der als offizielles EU-Dokument auch in Deutschland anerkannt werden muss.

Der Haken: nicht die Polizei in einer Verkehrskontrolle, aber deutsche Gerichte können die Gültigkeit eines EU-Führerscheins nach Art. 11 Abs. 4 EU-Führerscheinrichtlinie für Deutschland aberkennen, wenn dem Besitzer hierzulande der Führerschein eingeschränkt, ausgesetzt oder entzogen wurde. Sie können, müssen es aber nicht, denn die EU-Konformität der Gesetzeslage ist umstritten. Dazu allerdings muss es erst einmal zum Prozess kommen, - und außerhalb Deutschlands gilt ein solcher EU-Führerschein unzweifelhaft.

Der offizielle Weg zum neuen Führerschein

Der offizielle Weg zum neuen Führerschein ist steiniger: mit der Entziehung der Fahrerlaubnis wird Ihnen meist eine Sperrfrist von mindestens sechs Monaten, je nach Entzugsgrund manchmal auch mehreren Jahren auferlegt, nach denen Sie erst einen neuen Führerschein beantragen können. In Fällen von Alkohol- oder Drogenmissbrauch, aber auch bei manchen Verkehrsstraftaten, wird von Ihnen zudem eine positiv verlaufene Medizinisch Psychologische Untersuchung/MPU verlangt. Dieser „Idiotentest" wird meist ab einem Blutalkoholwert von 1,1 Promille verlangt, bei 1,6 ‰ ist er obligatorisch.

Vorbereitung auf die MPU ist sinnvoll und teuer

Etwa 90.000 Menschen in Deutschland unterziehen sich jährlich einer MPU. Die Durchfallquote der umstrittenen Prüfung ist mit gut einem Drittel zwar gesunken, dennoch empfinden viele den Test als Schikane. Ohne Vorbereitung durch Literatur, Selbsthilfegruppen oder Verkehrspsychologen ist die Durchfallwahrscheinlichkeit erheblich höher. Da es die MPU bereits seit 1954 gibt, hat sich um sie ein mehr oder weniger hilfreiches Beratungsbusiness entwickelt. Vom TÜV über die Dekra bis zu Instituten und Psychologen bieten verschiedenste Experten ihre nicht immer ganz billige Hilfe an.

Es kostet mehrere Monate Vorbereitungszeit und Geld für Vorbereitungskurse und Untersuchungen, um für den MPU-Test gewappnet zu sein. Die reine MPU-Prüfung kostet je nach Grund des Führerscheinentzuges mindestens 350 €, mit Vorbereitungsberatung können daraus auch 2 - 3.000 € werden.

Wie funktioniert die MPU?

Die Medizinisch Psychologische Untersuchung gliedert sich in vier Schritte: Zunächst wird ein mehrseitiger Fragebogen zu Lebenslauf, Gesundheit und dem Grund des Führerscheinentzuges ausgefüllt. Geht es dabei um Alkohol oder andere Drogen, spielt das frühere und das aktuelle Konsumverhalten eine wichtige Rolle. Hilfreich sind hier Bluttests, die bereits zuvor gemacht wurden.

Phase zwei ist ein Leistungstest am Computer, bei dem Konzentration, Wahrnehmung, Reaktionsvermögen und Belastbarkeit des Prüflings im Straßenverkehr getestet werden. Nach etwa 20 Minuten wird das Ergebnis von einem Verkehrspsychologen ausgewertet.

Phase drei ist eine medizinische Untersuchung, bei der die körperliche und neurologische Verfassung des Prüflings festgestellt wird. Hierzu werden Nerven, Reflexe, Herz und Kreislauf betrachtet, bei Alkoholproblemen werden Leberenzyme erhoben, bei Drogenproblemen wird Urin überprüft, - weitere Labortests runden die Untersuchung ab.

Phase vier ist schließlich das entscheidende Prüfungsgespräch mit einem psychologischen Gutachter, für das die Befunde der vorangegangenen Schritte eine wichtige Rolle spielen. In etwa 45 Minuten muss der Prüfling den Gutachter überzeugen, dass er seine Verfehlung nicht nur eingesehen hat, sondern dass er auch seinen Lebenswandel glaubhaft verändert hat, sodass der Gutachter eine günstige Verhaltensprognose bescheinigen kann.

Wer nicht überzeugt, muss wieder antreten

Das Ergebnis erfährt der Prüfling nach Vorliegen der Laborwerte etwa zwei Wochen später. Sollte er durchgefallen sein, kann er das Ganze von vorn beginnen. War die MPU erfolgreich kann er beantragen, einen neuen Führerschein zu machen.