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Integration gescheitert? So ein Quatsch!

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Die hohe Zustimmung der Deutschtürken zu Präsident Erdogan hat nichts mit gescheiterter Integration in Deutschland zu tun. Im Gegenteil: Deutschlands Kommunen sind in Sachen Integration erfolgreicher als fast alle anderen Länder der Welt, meint Christian Erhardt.

„Die Zustimmungswerte für Präsident Erdogan durch die hier lebenden Türken sind wieder ein Beweis für die gescheiterte Integration". Es dauerte nur Stunden nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse, bis diese Behauptung wieder einmal reflexartig durch die Medien geisterte. „Im Umgang mit unseren türkischen Mitbürgern haben wir Fehler gemacht", erklärte etwa Claudia Roth. Und so habe ich mich erschrocken gefragt: Was um Gottes Willen haben die Kommunen - die ja zentral für die Integration der Menschen verantwortlich sind - jetzt schon wieder falsch gemacht? Beruhigung fand ich beim kanadischen Schriftsteller Doug Saunders. Für seinem internationalen Bestseller „Arrival City" ist er viele Jahre weltweit der Frage nachgegangen, wie Migrationsströme Gesellschaften und Städte verändern.

2017-06-01-1496322994-7376032-123rf_50687143_xxl_calexlmx.jpgSein Ergebnis: In Deutschland läuft die Integration weit besser als in den meisten anderen Ländern der Erde.Logisch erscheint mir das gemalte Bild ohnehin nicht. Die These: „Weil die Menschen in ihrer neuen Heimat diskriminiert und abgehängt werden, finden sie weniger Demokratie in der alten Heimat irgendwie ganz gut", ist ziemlich krude. Natürlich sind Wahlen immer auch ein Protest von Menschen, die Missstände beklagen. Das dürfte auch auf 80 Prozent der Deutschen zutreffen. Aus diesem Grund bilden Bürger Interessensvertretungen. Wir haben schließlich auch kein Drei-Parteien-System mehr, in dem sich die große Mehrheit der Bevölkerung jederzeit wiederfindet. Die Deutschtürken - die übrigens bei uns überdurchschnittlich häufig SPD und Grüne wählen - bilden hier keine Ausnahme.

Was aber hat dann zu dem Wahlergebnis geführt?

Präsident Erdogan ist offenbar als Person eine Identifikationsfigur für viele Deutschtürken. Es geht dabei viel um Gefühle, um Stolz, um eine Art Gruppenstolz. Ein Begriff, der in der politischen Kultur in Deutschland leider auf der roten Liste steht. „Gefühle haben in der Politik nichts zu suchen", behaupten viele. Emotionen, etwa zur Heimat, landen oft in einer „völkische Ecke". Wenn in Deutschland - außerhalb einer Fußball-WM - Menschen die deutsche Flagge hissen, rümpfen „selbsternannte Gutbürger" schnell die Nase. Genau dieses unterdrückte Gefühl des Gruppenstolzes ist es aber, das weltweit von Populisten ausgenutzt wird. „Make America great again" war nichts anderes als die erfolgreiche Verkörperung dieses Gruppengefühls. Die in Frankreich nur knapp unterlegene rechtsextreme Marine Le Pen nannte es „Frankreich wieder in Ordnung bringen", die Brexit-Entscheidung wurde von den EU-Gegnern mit ähnlichen Parolen geführt, die AfD nutzt die gleichen Methoden, um ihre Hassparolen zu verbreiten.
Daher ist es für mich nicht erstaunlich, dass vor allem in den großen Städten in Deutschland die Zahl der Erdogan Anhänger so riesig war. Die emotionale Bindung an einen Heimatbegriff, das Verkörpern von Gruppenstolz funktioniert - bei „Biodeutschen" ebenso wie bei Menschen mit Migrationshintergrund - in kleineren Städten eben immer noch besser als in der anonymen Großstadt.

Und die Folgen für die Integrationspolitik in Deutschland?

Doch was folgt nun in der Politik aus der Erkenntnis? Der häufigste Satz dieser Tage, nicht nur von Claudia Roth lautet: „Wir müssen die Migranten dort abholen, wo sie sind!" Das klingt für mich leider viel zu sehr nach „zur Demokratie erziehen", „Umerziehungslager" oder noch krasser gesagt: Entmündigung!Was soll das konkret heißen? „Zwangs-Halal-Angebote an allen deutschen Schulen?" oder „Kopftuch-Quote in Rathäusern"? Deutschlands Kommunen haben in ihrer Geschichte noch nie so viele Hilfen für Zuwanderer angeboten, wie in den vergangenen Jahren. Das ist auch gut so. Es geht aber nicht ums „anbiedern" sondern um Angebote. Verschiedene Lebensentwürfe sind normal, auch wenn uns die teils sicher autoritär geprägte Meinung zahlreicher Deutschtürken nicht gefällt. Unsere Aufgabe als Kommune ist es, Chancengerechtigkeit für alle Menschen zu erstreiten. Das tun deutsche Kommunen vorbildlich! Und am Ende gilt, wie im Buch von Doug Saunders beschrieben: „Die Arrival City ist entweder der Ort, an dem der Traum vom sozialen Aufstieg gelingt, oder der, an dem er platzt." Im ersten Fall löst sich die Parallelgesellschaft langsam auf. Im zweiten Fall gerät die Parallelgesellschaft als Folge von Ausgrenzung in einen Strudel des Scheiterns.