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Schwach an den Urnen, stark auf der Straße - Südafrikas "unpolitische" Born Free-Generation

01/02/2016 19:31 CET | Aktualisiert 01/02/2017 11:12 CET
dpa

Die Erwartungshaltung war hoch, die darauf folgende Enttäuschung fast noch größer: Als im Mai 2014 in Südafrika erstmals Menschen wählen durften, die nach dem Ende der Apartheid geboren waren, hoffte das ganze Land auf neue Impulse für die Politik. Der zu erwartende Einfluss der sogenannten "born free"-Generation auf die nationalen Wahlen beschäftigte Heere von Journalisten, Analysten und Akademikern.

Doch für die frei Geborenen hatten 18 bis 20 Lebensjahre ausgereicht, um zu einer Erkenntnis zu gelangen: Mit politischen Mitteln können wir keinen Einfluss auf unsere Zukunft nehmen. So registrierte sich gerade mal ein Drittel der potentiellen Wähler in dieser Altersgruppe, um an ihren ersten Wahlen teilzunehmen.

Das Ergebnis ist bekannt. Der African National Congress (ANC), der mit zahlreichen Fällen von Korruption und Missmanagement weit von den glorreichen Tagen unter Nelson Mandela entfernt ist, gewann auch die fünften nationalen Wahlen nach Ende der Apartheid deutlich. Die Partei regiert Südafrika mit deutlicher Mehrheit im Parlament und weitestgehend unbeeindruckt von der Kritik der Opposition.

Der African National Congress ist mit mit zahlreichen Fällen von Korruption weit von den glorreichen Tagen unter Nelson Mandela entfernt

Allerdings dauerte es nicht mal ein ganzes Jahr, bis die südafrikanische Jugend doch noch beweisen sollte, dass ihr das Label "unpolitisch" vorschnell angeheftet worden war. Im März 2015 begannen Studenten an der University of Cape Town (UCT) gegen die 1934 enthüllte Statue von Cecil Rhodes auf dem Universitätscampus zu protestieren. Rhodes war von 1890 bis 1896 Premierminister der damals britischen Kapkolonie, wo er nicht nur als erfolgreicher Geschäftsmann, sondern auch als Rassentheoretiker auftrat.

Als höhnischer Gruß aus der Apartheidszeit sei das Denkmal im heutigen Südafrika nicht länger tolerierbar, argumentierten daher die Protestierenden - mit Erfolg. Nachdem die Statue am 9. April 2015 entfernt wurde, weitete sich der Protest gegen ähnliche Symbole an weiteren Universitäten im Land und später auch international aus. In einer zweiten Protestwelle fordern die Studenten nun seit Oktober 2015 die landesweite Abschaffung der Studiengebühren. Aus dem früheren Schlagwort "#rhodesmustfall" wurde "#feesmustfall", die Gebühren müssen fallen.

Noch ist es zu früh, ein abschließendes Urteil über diese neue Protestwelle zu fällen. Es ist unbestritten, dass sich im Zuge dieser Proteste auch ausgewiesene Krawallmacher zu Studentenführern aufgeschwungen haben, dass die Protestaktionen nach Angaben der Universitäten bisher Schäden in Höhe von rund 8,5 Millionen Euro verursacht haben und dass politische Parteien versuchen, die Proteste in ihrem Sinne zu instrumentalisieren.

Dennoch hat das Kernanliegen der Protestierenden tatsächlich einen deutlichen Bezug zu Südafrikas Entwicklung seit dem Ende der Apartheid. Denn auch fast 22 Jahre nach der Wahl Nelson Mandelas zum ersten demokratischen Präsidenten des Landes ist die schwarze Bevölkerung klar benachteiligt. Das Durchschnittseinkommen eines schwarzen Haushalts lag 2001 bei einem Zehntel des "weißen" Durchschnittseinkommens.

Die schwarze Bevölkerung ist klar benachteiligt

Bis 2011 hatte sich dieser Wert auf ein Sechstel "verbessert". Dennoch ist es vor diesem Hintergrund klar, dass vor allem die teuren Privatschulen weiterhin hauptsächlich von weißen Schülern besucht werden, während die öffentlichen Schulen in vielen Fällen eine nur unzureichende Ausbildung anbieten. Die Verbesserung der Bildung für die bis dato Benachteiligten, die der ANC 1994 zu einem der wichtigsten Projekte ausgerufen hatte, ist weitreichend gescheitert.

Nun also nehmen sich die Studenten dieses Missstandes an. Sie reißen damit gesellschaftliche Wunden auf, die der Truth and Reconciliation Prozess im Land zwischen 1996 und 2000 bedeckt, aber nicht geheilt hatte. Und sie folgen damit einem interessanten zeitlichen Muster. In Deutschland hat es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 23 Jahre gedauert, bis die Studenten auf die Straße gingen, um die Vergangenheitsbewältigung und die Wertvorstellungen im Land zu hinterfragen.

Die Regenbogennation hat nun bereits 21 Jahre nach Ende der Apartheid eine Bewegung, die zumindest im Kern ähnliche Züge trägt. Sie sollte also in der Tat nicht zu früh abgeschrieben werden, die wahlfaule junge Generation in Südafrika.

Eine ausführliche Analyse von Flora Hartmann zur südafrikanischen #feesmustfall-Bewegung und ihrer Nutzung der Sozialen Medien gibt es hier zu lesen.


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