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Selbstmord auf Verordnung: Über Ueckermünde und über Elisa

Veröffentlicht: Aktualisiert:
PSYCHIATRY DARK
Sebastian Wahsner via Getty Images
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Der unter Mitwirkung von Judi Klein entstandene Beitrag ist als Ergänzung zu meiner Tagebucherzählung "Die Stimmen der Übriggebliebenen" erschienen. Er versteht sich als Plädoyer für eine lückenlose Aufklärung der unglaublichen Menschenrechtsverletzungen in den Psychiatrien Neubrandenburg und Ueckermünde. Bis heute wissen wir nicht, wie viele Opfer es gibt.

Elisas lebloser Körper wurde in der Wohnung ihrer Mutter gefunden. Sie soll sich eine Plastiktüte über den Kopf gezogen haben. Eine in zittrig geschriebener Handschrift verfasste Abschiedsnotiz hinterließ sie auf die an ihre Mutter zum 60. Geburtstag gerichtete Karte. Auf dieser entschuldigte Elisa sich bei ihrem ehemaligen Lebensgefährten und auch bei Judi Klein.

Schon einen Tag nach Elisas Suizid räumten Mitarbeiter des Stegs ihre Wohnung aus. Judis Versuch, dem entgegenzuwirken, scheiterte. Zwei Tage nach Elisas Ableben erfolgte die Verlegung ihrer Mutter in ein Altenpflegeheim, gegen die sich Elisa lange Zeit gewehrt hatte.

Ueckermünde und seine dunkle Vergangenheit

In Ueckermünde treffe ich eine ehemalige Mitarbeiterin, die ab 1939 in der Anstalt beschäftigt war und heute die Gräber auf dem Friedhof pflegt. Ich möchte wissen, wo die Kinder ermordet wurden. Sie sieht mich erstaunt an: "Hier hat es keine Kindertötungen gegeben", sagt sie, "schlimm waren die Abtransporte, und es sind auch viele verhungert. Aber Kinder sind keine umgebracht worden, das höre ich zum ersten Mal."

Ueckermünde, ein kleiner Erholungsort am Stettiner Haff, wurde in der Vergangenheit für Familien und Seniorenfreundlichkeit ausgezeichnet. Ein Städtchen, das durch die modernisierte Altstadt und der Nähe zum Wasser ein Touristenmagnet geworden ist. Als historischer Ort ist die Stadt zugleich Schauplatz mehrerer Kapitel dunkelster Geschichte. Im Jahr 1875 eröffnete in Ueckermünde „die älteste der pommerschen "Provinzialirrenanstalten".

Während der NS-Zeit waren dort grausame Verbrechen an der Menschheit begangen worden. Zur gezielten Tötung von Kindern mit Behinderungen errichteten die Nazis 1941 die „Kinderfachabteilung". Das seit 1940 bestehende Krematorium diente der Beseitigung von zahlreichen Todesopfern. Auf dem heutigen Gelände der AMEOS-Klinik erinnert ein Mahnmal an die grauenhaften Verbrechen. Dunkle Schatten, die trotz der idyllischen Lage der Stadt an ihr haften geblieben sind.

Die Psychiatrie in Ueckermünde: historischer Abriss

Als Menschenrechtler war Ernst Klee für seine kritische Berichterstattung und Haltung gegenüber den Psychiatrien in der ehemaligen DDR bekannt. Im Jahr 1991 klärte er die Öffentlichkeit über Missstände in diesen Einrichtungen auf. Die Psychiatrie Ueckermünde war eine von vielen Einrichtungen, die durch ihren menschenverachtenden Umgang mit Patienten traurige Berühmtheit erlangte.

Dort wurden neben geistig behinderten auch psychisch erkrankte Menschen aus dem Umkreis in riesigen Schlafsälen ohne Rücksichtnahme auf das Bedürfnis nach Intimität untergebracht. Medikamentöse Zwangsbehandlungen und Wegsperren von Unangepassten in Netzbetten gehörten zum psychiatrischen Alltag.

Mit der Versorgung von Patienten war die Psychiatrie maßlos überfordert. Es standen lediglich 65 Betten für psychisch akut Erkrankte zur Verfügung. Die Klinik hatte den Zuständigkeitsbereich des Kreises abzudecken, in dem 530.000 Bürgerinnen und Bürger wohnten.

1993 berichtete Klee in der Reportage Die Hölle von Ueckermünde über die unwürdige Unterbringung von Schutzbedürftigen mit Mehrfachbehinderungen. Obwohl Klee zur Aufdeckung dieser Menschenrechtsverletzungen beitrug, erntete er für die Art und Weise der Berichterstattung starke Kritik.

Mit den bloßstellenden Filmaufnahmen verletzte er zwar Persönlichkeitsrechte, aber nur dadurch konnte der Öffentlichkeit das Ausmaß der an Menschen begangenen Misshandlungen verdeutlicht werden.

Süß wirft ihm „krasse Schwarzmalerei" vor und betont, dass es sich bei den im Film gezeigten Szenen, um eine „Altlast" des bis dato bereits „reformierten psychiatrischen Krankenhaus[es] Ueckermünde" handelt. Menschen mit psychischen Erkrankungen hätten zu diesem Zeitpunkt längst von eingeleiteten Reformen profitiert.

Wie sehr nach 1989 versucht wurde, das an Menschen begangene Unrecht unter den Teppich zu kehren, belegt der Rapport Zur Lage der Psychiatrie in der ehemaligen DDR, für dessen Bearbeitung nach der Wende überwiegend ostdeutsche „PsychiatrieExperten" beauftragt worden waren.

In diesem heißt es, dass die in den Psychiatrien der ehemaligen DDR tätigen Mitarbeiter durchaus motiviert und nicht für die Zustände und Arbeitsbedingungen verantwortlich waren. Diese fragwürdige Erkenntnis ändert aber nichts an der Tatsache, dass die in der Reportage Gezeigten an der Zerstörung von Menschenleben mitgewirkt hatten.

Aller Kritik an Klee zum Trotz bleibt der menschenunwürdige Umgang in der benannten Psychiatrie nicht das einzige ungenügend aufgearbeitete schwarze Kapitel in der Psychiatriegeschichte. Klee malte nie schwarz, sondern dokumentierte mahnende Bilder für nachkommende Generationen.

Über Elisa

Elisa wurde 1966 in Neubrandenburg im heutigen Mecklenburg-Vorpommern geboren und wuchs dort bei ihrer Mutter auf. Aufgrund der fehlenden schulischen Qualifikation übte Elisas Mutter überwiegend Hilfstätigkeiten aus, was unmittelbar nach Elisas Geburt zu ihrer Unterbringung in der Wochenkrippe führte.

In jungen Jahren übernahm Elisa früh Verantwortung und unterstützte ihre Mutter bei der Kontaktaufnahme zu Behörden. Im Alter von 16 Jahren unternahm Elisa kurz vor dem Abitur den Versuch, öffentlich eine Partei zu gründen. Um dieses Anliegen durchzusetzen, traf sie sich regelmäßig mit drei Anhängern in der Gaststätte Kranich.

Die Lokalität war in der Stadt Neubrandenburg als zwielichtiger Treffpunkt verrufen, was Elisa nicht davon abhielt, öffentlich in den Schriften von Marx und Engels politische Aussagen abzuändern. Dieser Umstand führte sie zur psychiatrischen Zwangsbehandlung in die ortsnahe Psychiatrie nach Ueckermünde. [...]

Die Aufarbeitung und Bearbeitung des Umgangs mit Patienten hinter verschlossenen Türen in Ueckermünde zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen politischen Systemen ist noch längst nicht abgeschlossen.

Da kaum dokumentierte Zeugenberichte von ehemals in Ueckermünde behandelten Patienten vorliegen, stellen wir nun die ersten Erkenntnisse und Interpretationen zu Elisas Geschichte vor, die ausführlicher in weiterführenden Beiträgen behandelt werden. Elisa war eine langjährige Freundin von Judi Klein und ist Protagonistin in meinem Buch Die Stimmen der Übriggebliebenen.

Anmerkungen zu Elisa

Prägend für Elisas Lebensentwicklung könnte die von ihrer Mutter veranlasste Unterbringung in der Wochenkrippe gewesen sein. Die Forschungsliteratur belegt, dass aufgrund des im „Programm für die Erziehungsarbeit in Kinderkrippen"der DDR formulierten „Kontrollanspruchs gegenüber dem Individuum" eine individuelle Entwicklung des Einzelnen von vornherein eingeschränkt worden war. [...]

Die Indoktrinierung setzte sich in der sozialistischen Schule durch die Lehrkräfte fort, deren Orientierung in ihrem politischen Selbstverständnis an marxistischleninistischer Lehre erfolgte. [...]

Die frühkindliche Trennung von ihrer Mutter [...], die mit der Alphabetisierung einsetzende Übernahme der Verantwortung für die Regelungen behördlicher Angelegenheiten sowie der Identitätskonflikt in der Jugendzeit, der zur Auseinandersetzung mit dem politischen System der DDR führten, hinderten Elisa nicht an der Entwicklung einer kritischen Haltung gegenüber der Diktatur.

Nur wenige Tage nach dem ihr erteilten Hausverbot in der Gaststätte Kranich wurde sie nach Ueckermünde in die Psychiatrie eingewiesen. [...] Die mit dem Aufenthalt in der Psychiatrie verbundene Ausgrenzung, die nicht nur in der eigenen Familie durch den Bruder mütterlicherseits vorgenommen wurde, sondern auch die öffentliche Stigmatisierung im sozialen Umfeld ihrer Heimatstadt verhinderten die Rückkehr in das von ihr erträumte Leben.

Nach ihrem Aufenthalt in der Klinik für Psychiatrie in Ueckermünde war sie zunächst an der weiteren Ausübung des Schulbesuchs gehindert. [...] Nicht nur dieser, sondern weitere Ausbildungsmaßnahmen blieben ihr verwehrt. Lediglich die Ausübung einer Tätigkeit in der Landwirtschaft zur Mindestsicherung ihres Lebensunterhaltes wurde ihr gestattet, was sie bis zu ihrem Ableben im Jahr 2002 nie verkraften konnte.

Auch die mangelhafte Ausbildung des betreuenden pädagogischen und psychiatrischpsychologisch tätigen Personals in Neubrandenburg nach 1989 [...], der zwar mit der Eröffnung der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie 1993 entgegengewirkt werden sollte [...], brachten für Elisa nicht den erhofften Erfolg.

Die Übernahme der Betreuung ihrer durch die Einnahme von Neuroleptika an Parkinson erkrankten Mutter, der alltägliche Kampf gegen Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle Steg, die mit aller Vehemenz eine Unterbringung ihrer Mutter in einem Altenpflegeheim herbeiführen wollten, das fehlende Verständnis in der eigenen Partnerschaft und die Ausweglosigkeit ihrer Lage zu jener Zeit, ließen die Hoffnungslosigkeit in ihrem Leben überwiegen. [...]

Elisa musste einen Lebensweg gehen, der aus Fremdbestimmung und Ausgrenzung bestand. Von den so hoch gelobten Reformen, die durch die Rodewischer Thesen, und später gefolgt von den Brandenburger Thesen, postuliert wurden, profitierte Elisa genauso wenig wie andere in der benannten Klinik behandelten Menschen. [...]

Die strukturelle Diskriminierung in Neubrandenburg und Ueckermünde durch das Personal hatte zu DDR-Zeiten begonnen, setzte sich nach 1989 bis heute fort. Elisa hatte Kraft für andere, am Ende nur unzureichend Ressourcen für sich. [...]

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Plädoyer für eine Aufklärung

In den letzten Jahren erfolgte die wissenschaftliche und öffentliche Aufarbeitung mit der Psychiatrie in Ueckermünde ziemlich einseitig und beschränkte sich auf die Reportage Die Hölle von Ueckermünde Psychiatrie im Osten, in der das Leid von Menschen mit Mehrfachbehinderungen dargestellt wird.

Die Hölle von Ueckermünde sollte bis in alle Ewigkeit ein mahnendes Beispiel bleiben. Zahlreiche Projekte zur Verbesserung der psychiatrischen Praxis und Pflege wurden vom Landesverband Sozialpsychiatrie ins Leben gerufen.

Nach 1993 kam es auf dem Gelände des damaligen Christophorus-Krankenhauses und auf dem heutigen AMEOS-Klinikum sogar zu einer teilweisen Neugestaltung der Gebäude und zu einer Personalaufstockung bzw. Umstrukturierung.

Dennoch ist bekannt, dass bis in die 2000er ein fragwürdiges komplextherapeutisches Programm durchgeführt wurde, das u.a in einer gemeinsamen Unterbringung von Menschen mit psychischen und geistigen Behinderungen im sozialistischen Plattenbau Haus 40 bestand.

Für den letztgenannten Personenkreis dient dieses baufällige Gebäude noch heute als Wohnheim, das gegenüber der Kita Morgenstern angesiedelt ist, die sich je nach Perspektivlage vor bzw. hinter dem Sportplatz des Maßregelvollzugs befindet. Auf dem Internetauftritt der AMEOS-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Ueckermünde wird stolz von einer 140-jährigen Tradition gesprochen.

Kritische Besucherinnen und Besucher der Webseite mögen sich wohl fragen, was aus Sicht der Klinik unter Tradition zu verstehen sein mag? Die Öffentlichkeit wurde bis zum heutigen Tag nicht über den Verbleib und der weiteren gesundheitlichen Entwicklung der in der Reportage von Ernst Klee gezeigten Menschen informiert. Geschweige denn liegen ausführliche Auskünfte über den beruflichen Werdegang des mit Klees Reportage in Verbindung stehenden Personals vor.

Zahlreiche der zu DDR-Zeiten und Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs an diesem Ort psychiatrisch behandelten Patienten, wichtige Zeitzeugen, wurden bisher nicht zu ihren Erfahrungen mit dem medizinischen Fachpersonal befragt.

Psychiatrischer Machtmissbrauch in dieser Einrichtung wie in anderen entsprechenden Kliniken der ehemaligen DDR wurde nach 1993 in offiziellen Berichten wie in den Mainstreammedien kaum diskutiert.

Von daher empfiehlt sich auch noch heute eine genaue und transparente Betrachtung der Behandlungsmethoden auf der "Geschlossenen" in Ueckermünde und in anderen Psychiatrien vorzunehmen.

Um eine systematische Aufarbeitung der Vergangenheit zu gewährleisten, sollte sich die Forschungsarbeit mit qualitativ und quantitativ ausgerichteten Erhebungsverfahren an ehemals in Ueckermünde behandelte Patienten wenden.

Die Zusammenarbeit in einer interdisziplinären Forschungsgruppe scheint bedeutsam zu sein, um ein realitätsgetreues Abbild der Wirklichkeit zu gewährleisten. Die Rolle und der Umgang des medizinischen, pädagogischen und psychologischen Fachpersonals mit den Patienten sowie die Beziehungen zwischen der Psychiatrie in Neubrandenburg und in Ueckermünde müssen detailliert untersucht werden.

An dieser Stelle könnte die politische Rolle der in Neubrandenburg ambulant tätigen Ärzte, deren Beziehungen zur Psychiatrie in Ueckermünde und den daraus resultierenden Umgang mit ihren Patienten, sowohl zu DDR-Zeiten als auch nach der Wende und heute einer ausführlicheren Betrachtung unterzogen werden.

Zudem sollte die Patientenperspektive über die Erfolge und Misserfolge, der im Jahr 1993 eröffneten Klinik für Psychiatrie in Neubrandenburg, des Sozialpsychiatrischen Dienstes und weiteren Betreuungseinrichtungen für psychisch Erkrankte einbezogen werden.

Beispielsweise bietet es sich an, nach der im Jahr 1994 gegründeten Psychosegruppe zu forschen, die Rolle des im Eilverfahren umgeschulten Personals für psychisch Erkrankte zu hinterfragen und dabei auf einen möglichen Machtmissbrauch in diesen Positionen näher einzugehen.

Die Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen in diesen Psychiatrien muss vorangetrieben werden. Nur in einer aufgeklärten Gesellschaft können sich in Krisensituationen auf psychiatrisch-psychotherapeutische Unterstützung angewiesene Menschen sicher fühlen.

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