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Die Stimmen der Übriggebliebenen werden nicht zur Ruhe kommen

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DAHLITZ
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"Eine Geschichte, so unfassbar wie aufrüttelnd und ein Plädoyer für eine respektvolle Psychiatrie" [1],hieß es im September 2015 über Die Stimmen der Übriggebliebenen. Nach dem Erscheinen der Tagebucherzählung waren die Rückmeldungen der Leserschaft beachtlich. Die regionale Presse wurde auf das Buch aufmerksam und berichtete über das unmenschliche Vorgehen der Ärzte in den Psychiatrien Ueckermünde und Neubrandenburg. [2]

Mit der medialen Resonanz, den zahlreichen Mut machenden Rezensionen und E-Mails der Leserschaft war die Hoffnung verbunden, Aufklärung und Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen auch durch die Unterstützung offizieller Stellen herbeiführen zu können. Die Schreiben an die Zuständigen der Kommunen bzw. Ministerien auf Länder - und Bundesebene bleiben jedoch bis heute unbeantwortet.

Nicht einmal die im Nordkurier erschienene Reportage "Gefangen in der Psychiatrie" veranlasste das "Ministerium für Arbeit, Gleichstellung und Soziales" in Mecklenburg-Vorpommern zur Veröffentlichung einer Stellungnahme. Unerklärbar ist in diesem Zusammenhang die Aussage Rolf Schmachtenberg's, der im "Bundesministerium für Arbeit und Soziales" für die Belange behinderter Menschen zuständig ist und während der Staatenberichtsprüfung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im März 2015 im Beisein der Bundesbehindertenbeauftragten Verena Bentele[3] äußerte: "Ein Konzept der Folter gibt es in Deutschland nicht. Die Bundesregierung teilt die Auffassung des Sonderberichterstatters nicht." [4]

Wie sehr die politische und soziale Realität auseinanderklafft, Menschenrechtserklärungen nichts weiter als abstrakte Schriftstücke bleiben und theoretische sowie praktische Psychiatrie miteinander genauso wenig zu tun haben wie das Bundesteilhabegesetz und Inklusion, belegt die Aussage dieses Fachmannes an so einem bedeutenden Tag.

Auch die schweigende Haltung der politischen Verantwortlichen in der Sache "Die Stimmen der Übriggebliebenen" erinnert an die in Ernst Klee's gezeigte Szene aus dem Film "Die Hölle von Ueckermünde-Psychiatrie im Osten", in der lediglich der einmalige Besuch der "Anstalt" des damaligen Sozialministers die Gemüter der Bevölkerung beruhigen sollte. [5]

Sonja Süß trug mit der Veröffentlichung ihrer Meinung zum Thema dazu bei, die im Film gezeigten Szenen als „Altlast" herunterzuspielen und die Psychiatrie Ueckermünde schon 1993 als reformierte Einrichtung zu loben[6], ohne jedoch tatsächlich hinter die Kulissen geschaut zu haben.

Zwar hatte sich das äußere Gewand teilweise geändert, aber hinter den Fassaden setzte sich das unmenschliche Treiben fort. Ein Erklärungsversuch dafür gibt Chefarzt-Psychiater Dr. Rainer Kirchefer im Interview mit dem Nordkurier ab und gelangt zur Überzeugung, Ursachen für Zwangsbehandlung und Folter mithilfe der Krankenakte begründen zu können.[7]

Unrechtsbewusstsein scheint in diesen Kliniken nicht vorhanden zu sein. Die Aufarbeitung der massiven Menschenrechtsverletzungen hat selbst im Jahr 2016 noch nicht einmal angefangen. Wenn es 1997 nur wenige Stunden bedurft hatte, mich durch das zwangsreiche Verabreichen der chemischen Substanzen 1,5 Jahre sprach- und handlungsunfähig zu machen und davon auszugehen ist, dass die in der Tabelle und Grafik dargestellten, zum Teil noch im Jahr 2016 tätigen Ärzte, die im Buch beschriebene "Behandlungspraxis" beibehalten haben, müssen folgende Fragen mit Nachdruck öffentlich beantwortet werden.

Wie viele Menschen mussten in den letzten 20 Jahren in deutschen Psychiatrien ähnliche, wie die im Buch beschriebenen Szenen durchleben und sind nach derartigen Torturen nicht mehr ins Leben zurückgekehrt?

Wessen Kinder, Eltern, Großeltern oder Angehörige wurden bzw. werden noch heute von den Tätigen fehldiagnostiziert bzw. falsch begutachtet und verschwinden danach unbemerkt in Einrichtungen? Solange diese Netzwerke der Zerstörung die deutsche Politik unberührt lassen, wird sich die Geschichte von Verletzung und Unrecht in Deutschland unaufhörlich wiederholen.

Hier geht es zur Porträtserie, die Opfer und Überlebende psychiatrischer Folterbehandlung zeigt.

[1] https://twitter.com/hashtag/gleichlautmag?src=hash

[2] Mittlerweile unterstützt neben zahlreichen internationalen Berichten auch der mehrsprachige Blog[2] "The Forgotten and The Hell in Ueckermünde" die in den USA von Tina Minkowitz ins Leben gerufene Kampagne gegen psychiatrische Zwangsbehandlung und Folter. Summary: Campaign to support CRPD Absolute Prohibition of Commitment and Forced Treatment: https://absoluteprohibition.wordpress.com

[3] „Die über 30-köpfige Delegation der Bundesregierung wurde angeführt von der Parlamentarischen Staatssekretärin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales Gabriele Lösekrug -Möller." Zudem waren die behindertenpolitischen Sprecher und Sprecherinnen Kerstin Tack (SPD), Uwe Schummer (CDU) und Corinna Rüffer (Bündnis 90/Die Grünen) dabei.: http://www.diefachverbaende.de/files/fachthemen/2015-03-26-Kurzbeitrag-Genf-Staatenpruefung.pdf

[4] https://www.youtube.com/watch?v=vUkQpwjoh7M.

[5] Ernst Klee 1993: Die Hölle von Ueckermünde- Psychiatrie im Osten: https://www.youtube.com/watch?v=AhgpSk4i5Xo

[6] Süß (1999:82) Sonja Süß: 1999. Politisch mißbraucht? Psychiatrie und Staatssicherheit in der DDR. Ch. Links Verlag, Berlin. 2. Auflage (Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der Ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik;14).

[7] Interview erschienen am 10. Februar 2016 im Nordkurier: "Gefangen in der Psychiatrie" von Wilhelm Frank.

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