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So hart kann das Leben in einer Psychiatrie sein

21/03/2016 11:50 CET | Aktualisiert 22/03/2017 10:12 CET
VASILY MAXIMOV via Getty Images

Ziemlich müde betrat ich das Gebäude. Wir stiegen die Treppe hinauf, klingelten an der Tür. Ein älterer Herr mit Brille und einem weißen Kittel bat uns hinein. »Kommen Sie und verhalten Sie sich ruhig! Er führte mich in ein geräumiges Zimmer.

Auch wenn Mila nirgends zu sehen war, setzte ich mich auf den Stuhl.Ich wunderte mich über die unerwartete Verabschiedung von Frau Rudi und saß für einen kurzen Moment allein in dem Raum. Die Luft war stickig. Ich wollte das Fenster öffnen und rüttelte am Griff.

»Das ist zu Ihrer eigenen Sicherheit!«

Diesen Satz verstand ich nicht. Zu Hause waren die Fenster doch auch nicht verschlossen.

»Bitte legen Sie sich auf das Bett.«

»Warum soll ich mich auf das Bett legen? Bin ich jetzt hier, weil ich etwas Schlechtes getan habe?« Darauf bekam ich keine Antwort.

»Sagen Sie mir Ihren Namen und Ihr Geburtsdatum!« »Christian Discher, 10.11.1979.«»Wo wohnen Sie?«»In der Bergmannstraße 79a.«

»Was haben Sie heute gegessen?« »Ein Ei.« Was für eine blöde Frage. Will der mich verarschen?

Ich schmunzelte in mich hinein. »Möchten Sie sich umbringen?« Natürlich nicht. Was sollte das?

»Ich muss Sie das fragen. Ich bin Arzt und es gehört zu meinen Aufgaben, herauszufinden, ob Sie Suizidabsichten haben.«

»Bin ich in einem Krankenhaus?«

»Na, was dachten Sie denn?« Kleinlaut ließ ich die Untersuchung über mich ergehen.

»Legen Sie sich bitte aufs Bett, winkeln Sie die Beine an, schließen Sie die Augen und führen den rechten Zeigefinger an Ihre Nasenspitze. Halten Sie beide Arme gestreckt vor sich. Bemerken Sie einen Unterschied?«

»Nein, nicht wirklich.«

Eine Überprüfung der Reflexe und anderer körperlicher Funktionen folgte. Danach kündigte der Arzt Besuch für mich an und verließ das Zimmer. In dem Haus herrschte eine angenehme Stille. An den Fenstern hingen bemalte Glasfiguren.

Ziemlich kitschig. Alles kam mir fremd vor. Im Raum gegenüber von meinem Zimmer reihten sich alte Blumentöpfe, Stühle und Tische aneinander. Es musste kurz vor Mitternacht gewesen sein.

Ich stand auf und blickte neugierig aus dem Fenster auf einen Parkplatz und auf zwei hochgewachsene Ahornbäume.

Aber was würde Mila bloß sagen?

»Ach, Christian, alles wird gut. Hier wird dir geholfen.« Die Tür klackte, Bea schaute hinein und verabschiedete sich. Ich legte mich zurück ins Bett. Vielleicht war dies der Anfang. Endlich ist mein altes Leben vorbei.

Jetzt kann ich die Vergangenheit abschließen und meine Zukunft beginnen. Noch bevor ich die Augen schloss, betrat eine junge Frau das Zimmer und entnahm mir Blut.

»Muss ich mich ausziehen?«

»Bleiben Sie im Bett und schlafen. Hier ist noch etwas zur Beruhigung.«

»Warum bekomme ich Medikamente?« »Damit Sie einschlafen.« »Sagen Sie meinen Eltern Bescheid?«

»Das haben wir schon getan.« Erschöpft schlief ich ein. Ein lautes Geräusch weckte mich am nächsten Morgen.

Ich erschrak, wusste im ersten Moment nicht, wo ich war, fühlte mich schlapp. Mein Mund war ausgetrocknet. Ein merkwürdiges Gefühl. Ich hatte eigentlich ganz gut geschlafen, länger als in den letzten Tagen. Auf dem Tisch stand das Frühstück bereit.

Auf dem Teller lagen eine Scheibe Mischbrot und Käse. Der Tee war viel zu heiß. Nicht unbedingt appetitanregend. Ich musste in die Schule, der Unterricht hatte längst angefangen. Rasch warf ich mir etwas über und suchte das Bad. Die Wanne war riesig. Das habe ich jetzt wirklich gebraucht. Ein guter Start in das neue Leben. Ich ließ mir Wasser ein.

Eingehüllt in warmen Schaum malte ich mir voller Enthusiasmus in leuchtenden Farben meine Zukunft aus. Nach dem Abitur ein Umzug nach Frankfurt, ein Leben mit Stefan und natürlich wollte ich den Führerschein machen.

Jetzt kann ich allen erzählen, dass ich schwul bin, zu mir stehen und so sein wie ich bin. Kein Versteckspiel mehr, dachte ich bei mir. Ein Klopfen an der Tür unterbrach meine Gedanken. Ich zog den Stöpsel aus der Wanne, denn die Stimme vor der Tür forderte Eile.

Richtig so. Nach dem Zähneputzen wurde ich auf den Flur zum Blutdruckmessen gerufen. Überall liefen Männer und Frauen in weißen Kitteln umher.

»Wann kann ich endlich los? Ich muss in die Schule.«

Lächelnd antwortete mir die Schwester: »Gar nicht!«

»Gar nicht? Aber ich muss doch fürs Abitur lernen!«

Obwohl mir der Schlaf gut getan hatte, war ich plötzlich sehr traurig, fühlte mich alleingelassen, unverstanden. Es fiel mir schwer, in zusammenhängenden Sätzen zu sprechen. Die Frau, die den Blutdruck überprüfte, wirkte gestresst. »Welchen Arm nehmen wir?«

»Warum messen Sie Blutdruck? Ich bin nicht krank.«

Außer Bauchschmerzen hatte ich doch keine weiteren Beschwerden. »Das sagen sie alle hier.« Dabei lachte sie. Auch ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen, weil sie sympathisch war und ich ihre Antwort nicht verstand.

Ich hatte gut geschlafen und wollte nach Hause.

»Ich bin Leistungssportler. Mit dem Blutdruck habe ich keine Probleme.« »Ja, ja.«

Mittlerweile war es schon nach acht Uhr. Meine morgendliche Zigarette fehlte mir. Auf dem Schulweg hätte ich um diese Zeit bereits die zweite geraucht.

»Kann ich nach unten vor die Tür? Ich will eine rauchen.« »Moment!« Sie hielt Rücksprache und forderte mich auf, die Zigaretten aus dem Zimmer zu holen.

Draußen schien die Sonne. Jetzt freute ich mich auf einen Spaziergang. Verwundert fragte ich, als sie den Schlüssel in die Tür steckte: »Warum schließen Sie ab?« »Weil man das so macht.«

Ich folgte ihr die Treppe hinunter und stellte mich neben den Aschenbecher.

»Ihre Mutter wird Sie gleich besuchen.«

Über diese Nachricht freute ich mich. An meine Eltern hatte ich gar nicht mehr gedacht. Unten angekommen schaute ich mich um. Eigentlich kannte ich diese Ecke gut. Auf dem Weg ins Katharinenviertel lief ich hier häufiger vorbei.

Für die Menschen, die dort auf der Bank saßen, interessierte ich mich nicht. Sie wirkten alle ziemlich niedergeschlagen, waren weit über 40, rauchten und benutzten zum Abaschen einen aus Eisen gefertigten Kübel, der fest im Boden verankert war.

Als Jugendlicher machte ich mir kaum Gedanken, schon gar nicht über Menschen, die deprimiert auf einer Bank saßen und sich nichts zu erzählen hatten.

In Begleitung der Schwester rauchte ich nun vor der Tür, beobachtete die Leute und wollte spazieren gehen. Das hätte mir wahrhaftig gut getan. Das Mühlenholz, ein dicht bewachsenes Waldstück, in dem ich kürzlich mit Anna war, wäre auf dem Fußweg in 15 Minuten zu erreichen gewesen.

»Bitte, kommen Sie!« »Ja, ja. Wo sind wir hier eigentlich?«

»In der psychiatrischen Abteilung des Klinikums Neubrandenburg.«

»Was? Ich bin in der Psychiatrie?« Irgendwie glaubte ich ihr nicht. Aus dem Fernsehen wusste ich, dass Verbrecher in die Psychiatrie eingewiesen werden.

Was hatte ich denn angestellt? Hatte Frau Rudi ihnen erzählt, was für ein schlechter Mensch ich war? »Rauchen Sie Ihre Zigarette, beeilen Sie sich ein bisschen!«

Ich zog ein letztes Mal, als ich den älteren Herrn, deutlich vom Alkohol gezeichnet, links außen auf der Bank wahrnahm. Ich schaute ihn an und drückte dabei meine Zigarette in den Aschenbecher:

»Es tut mir leid. Über Menschen wie Sie habe ich früher immer gelacht. Dafür möchte ich mich entschuldigen.« Regungslos nahm er meine Worte zur Kenntnis.

Ich hingegen war glücklich, voller Freude, meine Gedanken aus- gesprochen zu haben. Mit dieser Ansage waren die Zeiten beendet, in denen ich hinter dem Rücken anderer Menschen redete.

Ab heute spreche ich jeden direkt an und werde keine Geheimnisse mehr in mir tragen. Leicht beschwingt kehrte ich in Begleitung der Schwester ins Gebäude zurück. Im Zimmer saßen meine Mutter und die Ärztin. Auf dem Tisch standen eine Flasche Mineralwasser und zwei Gläser.

»Setzen Sie sich doch zu uns.«»Mama! Kommst du mich abholen?« »Herr Discher, wissen Sie, dass Sie schwer krank sind?« Ich saß auf dem Stuhl, blickte der Ärztin in die Augen. Sie trug

eine Goldkette um den Hals und stellte sich als Frau und Kollegin des Chefarztes Doktor Robin vor.

»Bin ich wirklich krank? Mama, sag was. Ich bin doch nicht krank!« Ratsuchend schaute meine Mutter zur Ärztin. Verunsichert wusste sie nicht, was sie mir antworten sollte.

»Herr Discher, Sie sind sehr krank«, übernahm die Ärztin das Gespräch und sorgte im Raum sichtlich für Erleichterung.

»Ich will weg hier, nach Frankfurt ziehen. Meine Sachen könnt ihr behalten. Ich fange ein neues Leben an.«

»Das kannst du auch, aber erst musst du gesund werden.« »Gehen Sie nun besser nach Hause. Ich melde mich bei Ihnen.« Noch ein Abschiedsküsschen auf die Wange. Mama und die Ärztin verließen das Zimmer.»Tschüss«, rief ich noch hinterher.

Beunruhigt über dieses Gespräch ließ ich meine Zukunftsvorhaben im Geiste an mir vorbei- ziehen, als eine Frau das Zimmer betrat. Sie war Assistenzärztin auf der Station. Dass ich nach Frankfurt gehen, das Abitur und den Führerschein machen wollte, wusste sie bereits aus den Vorgesprächen mit meiner Mutter. Sie war nicht nett, aber sehr engagiert.

»Ich bin Frau Doktor Klein. Herr Discher, mit diesem Krankheitsbild wird es wohl nichts mehr mit dem Abitur und schon gar nicht mit dem Führerschein!« Die Schwester kam herein und unter- brach das Gespräch.

»Hier sind Ihre Medikamente!« Traurig und unverstanden legte ich mich aufs Bett. Mit diesem Krankheitsbild? Was? Kein Abitur, keinen Führer- schein? Panik schnürte mir die Brust zu. Das konnte doch nur ein falscher Film sein.

Ich versuchte, mich zu beruhigen. Sicherlich wer- de ich gleich nach Hause dürfen. Das hier war bestimmt nur ein Test, weil ich als Kind immer so frech zu den Erwachsenen gewesen bin und so viel über andere gelästert habe.

Obwohl ich ziemlich erschöpft war, trieb es mich in die Nähe des Fensters. Ich blickte hinaus und traute meinen Augen nicht. Mila schaute vom Parkplatz aus zu mir hoch. Ich winkte ihr zu und versuchte, mit Handzeichen zu erklären, dass ich nicht nach Hause durfte.

Kurz vor den Sommerferien freuten sich alle auf den Strand und auf die Erholung. Mila ganz besonders. Wir saßen gern am Wasser und unterhielten uns stundenlang.

Heute durfte sie mich nicht mehr treffen. Hilflos und traurig ging sie fort. Und wieder öffnete sich die Tür meines Zimmers. Frau Doktor Klein mit ihren blonden Locken und der markanten Nase trat ein.

»Hatten Sie in der letzten Nacht irgendwelche Träume?« »Nein. «Ohne ihre Frage zu kommentieren, verließ sie das Zimmer. Auch wenn sich niemand über meine Probleme unterhalten wollte, sollte die Zeit des Schweigens vorbei sein. Ich möchte einen Neuanfang. Ich legte mich aufs Bett und starrte an die Decke.

Bisher wusste niemand außer Sabine und Mila von meiner Homosexualität. Um ein neues Leben beginnen zu können, musste ich mich von negativen Gefühlen freimachen, neu geboren werden, mich entkleiden und mein Innerstes nach außen kehren.

Noch im Zimmer zog ich mich aus, öffnete die Tür und stellte mich in den Aufenthaltsraum, in dem die Ärztin mit Patienten Gespräche führte.

»Ich bin schwul«, rief ich in die Runde.

Endlich hatte ich mich getraut, es laut auszusprechen. Befreiung lag auf meiner Seele. Dass ich etwas falsch gemacht hatte, entnahm ich dem Gesichtsausdruck der Ärztin. Mit einem Lächeln sagte sie: »Aber Herr Discher, gehen Sie in Ihr Zimmer und ziehen Sie sich bitte Ihre Sachen an.«

Ohne zu zögern, drehte ich mich um und folgte ihrer Anweisung. Anziehen wollte ich mich noch nicht. Ich legte mich unter die Bettdecke und schloss die Augen. Wenig später kam Frau Doktor Robin und schaute nach mir. Ich ruhte mich aus und war froh über meine mutige Aussage. Getrübt wurde meine Freude von den Bauchkrämpfen.

Seit Wochen hatte ich keine feste Nahrung mehr zu mir genommen. Ich musste auf die Toilette. Ich kleidete mich an, aber die Zimmertür war verriegelt. Gestern waren doch nur die Fenster verschlossen. Warum ließ sich die Tür nicht mehr öffnen? Von Panik ergriffen machte ich mich mit Klopfzeichen bemerkbar.

»Warum geht die Tür nicht auf? Ich will nicht eingeschlossen werden. Lassen Sie mich raus. Was habe ich falsch gemacht? Was machen Sie mit mir?« Mila, wenn du mir nur helfen könntest. Warum sperren die mich ein?

»Ich wollte doch nur über meine Gefühle reden. Hallo? Hallo? Hört mich jemand?«

Durch das Überwachungsfenster beobachteten mich die Schwestern.

»Ich muss auf die Toilette. Schnell! Bitte, bitte!«

Nervös lief ich auf und ab. Auf keinen Fall wollte ich in die Hose machen. Seit Wochen hatte ich mich enormen körperlichen Strapazen ausgesetzt, Entwässerungstees getrunken und massiv an Gewicht verloren. In mir zog sich alles zusammen. Ich hatte wahnsinnige Schmerzen.

Ich hörte, wie jemand den Schlüssel im Loch drehte. Die Schwester ließ mich aufs WC. Ich setzte mich auf die Toilettenbrille und hielt mir den Bauch. Völlig fassungslos und benommen sah ich Blut im Becken.

Das ist deine Strafe, Christian, schwirrte mir noch durch den Kopf. Du hättest mehr essen müssen. Aber das spielte jetzt keine Rolle. Mein Körper war krank.

Um niemanden zu verärgern, säuberte ich die Toilette und meine Beine, die einige Spritzer Blut abbekommen hatten. Es dauerte länger als gedacht. Ich wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser und machte mich auf den Weg zurück ins Zimmer.

Auf dem Flur warteten zwei Ärzte und vier männliche Pfleger, die in meine Richtung starrten.

»Was wollen Sie von mir? Warum gucken Sie mich so an?« Eine Antwort erhielt ich nicht.

Eingeschüchtert und überrascht von diesem Männerauflauf ergriff mich die Panik. Sie kreisten mich ein. In die Enge getrieben schubste ich den Arzt zur Seite, der mir den Weg versperrte.

»Pack ihn!«

Von hinten ergriff Doktor Robin meinen Arm und drehte ihn bis zum Anschlag hoch. Es tat höllisch weh, meine Gelenkknochen knackten. Meine Kräfte hatte ich in den letzten Wochen verloren. Ich war zu schwach, um mich zu wehren.

»Entschuldigung, Entschuldigung, das wollte ich nicht. Ich dachte, Sie wollen mir weh tun.«

Es war zu spät. Sie öffneten die Tür zum Wachzimmer und warfen mich aufs Bett. Ich hatte keine Ahnung, was mit mir passieren würde. Von allen Seiten fixierten sie mich. Der blutige Vorfall auf der Toilette war in diesem Moment vergessen.

Jetzt standen sie um mich herum, hielten und befestigten mich gleichzeitig mit den Gurten an Handgelenken und Füßen.

Das Anlegen des Bauchgurtes war kaum noch zu spüren. Die Schwester hatte zwischenzeitlich ein Medikament aufgezogen und es mir routiniert ins Bein gespritzt. Kurzzeitig schlief ich ein. Als sich nach dem Aufwachen der Brustkorb nicht mehr heben ließ, dachte ich an Gott.

Es war offensichtlich klar. Für meine Sünden wurde ich nun bestraft.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Die Stimmen der Übriggebliebenen" von Christian Discher. Es erschien 2015 im Underdog-Verlag.

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