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Personelle Verstrickungen von Politik und Gesundheitswesen bedrohen Aufklärungen der Hölle von Ueckermünde

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Neben den bisher bekannten Protagonisten meiner Tagebucherzählung „Die Stimmen der Übriggebliebenen" wie z.B. die Psychiater-Ehepaare Gold und Krause wird es im Lichte der jüngsten Entwicklungen um den Petitionsausschuss Zeit, weiteres mit der Geschichte in Verbindung stehendes Personal vorzustellen.

"Qualität durch moderne Diagnostik und Therapie", lautet im Juli 2017 der Slogan auf der Seite der Neurologie der Asklepios Klinik in Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern. Chefarzt André Gille „behandelt bei Erkrankungen des Gehirns, des Rückenmarks, der Nervenbahnen und der Muskulatur". Regelmäßig steht der heutige in der Neurogeriatrie tätige André Gille der Öffentlichkeit in Interviews mit der Presse oder als Referent auf Fachtagungen bei Fragen rund um die Themen lebensbedrohlicher Krankheiten wie Schlaganfall, Demenz oder Parkinson zur Verfügung. André Gille kann 2017 auf eine lange Karriere zurückblicken, die er neben anderen Medizinern im roten Backsteingebäude der Akutpsychiatrie Haus 12 und dem noch heute auf dem Gelände des AMEOS-Klinikums stehenden sozialistischen Plattenbau Haus 40 in Ueckermünde begonnen hat.

Was schutzbedürftigen Menschen 1997 dort hinter verschlossenen Türen angetan wurde, fasst Roland R. Ropers in seiner Rezension über die Tagebucherzählung „Die Stimmen der Übriggebliebenen" wie folgt zusammen. "Discher schildert, wie er in einem grauenvollen Herrschafts- und Willkürsystem erniedrigt wird. Therapie und Heilung sind offenbar gar nicht das Ziel der Anstalt. Menschen werden regelrecht lahmgelegt und als Verwaltungsobjekte benutzt, mit denen man Geld verdienen kann. Discher schreibt von Schicksalen seiner Mitpatienten, die zum Teil im Suizid enden. Der Staat schaut diesem Treiben zu, ohne wirkungsvoll einzugreifen."

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Bis zum heutigen Tag zeigt das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit kein Interesse an der Aufklärung der in der Petition Dischers zur Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen geschilderten Vorkommnisse. Vielmehr widerspricht es den Schilderungen der bisher zu Wort Gekommenen und meint, dass die Psychiatrie in Mecklenburg-Vorpommern keinesfalls von Machtmissbrauch, menschenunwürdiger Behandlung bzw. Folter und Zwangsbehandlung geprägt sei.

Auf die Frage hin, wie es möglich war, dass der vom Magazin Spiegel entlarvte Medikamententester Dr. med. Rainer Gold, in der Zeit von 1993-2010 als Chefarzt der Neubrandenburger Psychiatrie, dessen Gutachten über das weitere Schicksal einer Vielzahl von Menschen entschieden, tätig sein durfte, verweist das Ministerium für die Personalauswahlentscheidung auf den zuständigen Krankenhausträger. Erfreulich ist dabei die Mitteilung, dass es nach Inkrafttreten des neuen Psychischkrankengesetzes seit 2016 auf die persönliche Beleihung des jeweiligen Leitungspersonals nunmehr des Einvernehmens mit dem für Gesundheit zuständigen Ministeriums bedarf.

Auf die in der Petition und in meinen Antwortschreiben aufgeworfene Frage über das spurlose Verschwinden der in der Reportage „Die Hölle von Ueckermünde" gezeigten Menschen, verweist das Ministerium auf die ärztliche Schweigepflicht. Sämtliche Vorgänge und Eingriffe seien aus Sicht des Ministeriums justiziabel.

Hier muss ich fragen, wie hätten die in der Reportage gezeigten, mehrfachbehinderten Menschen, die seit Jahren unter Verschluss waren, meine Wegbegleiter und ich, nach geschlossener Unterbringung und dem erlebten Martyrium in der Lage sein sollen, selbst gegen das medizinische Vorgehen sowie die zugrundliegende behördliche Unterbringungsentscheidung Rechtsbehelfe einlegen, geschweige denn in einem durch medizinisches Personal hervorgerufenen, schwer traumatisierten Zustand dem Richter oder Verfahrenspfleger den Sachverhalt nach der eigenen Erinnerung schildern können?

Indem das Ministerium vorschlägt, mich mit meinen Begehren auch an andere Institutionen u.a. in Mecklenburg-Vorpommern zu wenden, muss ich Ihnen mitteilen, dass, wie aus der oben beschriebenen Personalentwicklung ersichtlich wird, auch in Behörden das Personal weiterbeschäftigt wird, das bereits zur damaligen Zeit tätig war und kein eigenes Interesse an einer Aufklärung hat. Etliche, wie Minister Harry Glawe oder André Gille selbst, bekleiden nach einer Vergangenheit in Ueckermünde oder der DDR heute hohe Ämter und Posten in Politik und Gesundheitswesen.

Ich appelliere an die Entscheidungsträger des Petitionsausschusses, einen Untersuchungsausschuss einzuberufen, der mit staatsanwaltschaftlichen Kompetenzen ausgestattet ist, Aufklärung in der vorgetragenen Angelegenheit herbeizuführen. Nur so können die Opfer entschädigt, mit Gedenktafeln gewürdigt und die Wahrheit ans Licht gebracht werden. Unabhängig davon, wie der Petitionsausschuss entscheiden wird, hat uns die Geschichte gelehrt, dass jedes Unrecht seine Zeit braucht bis zu seiner endgültigen Aufklärung.

Dr. Christian Discher

Lehmann, Peter: "Irreconcilable memory culture in psychiatry.
Congratulation to Dorothea Buck's 100th birthday", in: Journal of
Critical Psychology, Counselling and Psychotherapy, Vol. 17 (2017), No.
2, pp. 112-120