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Dr. phil. Christian Discher Headshot

Liebe sperrt keiner ein- Bianca Perez deckt auf

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Mit ihrem Buch "Die Schwarze Liste Nazi-Paragraf 63 StGB - weggesperrt und weggespritzt" macht Bianka Perez auf das unglaubliche Schicksal ihres Bruders aufmerksam. Die couragierte Autorin beschreibt eindringlich, wie Michael Perez dem System der forensischen Psychiatrie, den darin handelnden Personen und deren Entscheidungen unterworfen ist und dem Willen anderer Menschen völlig hilflos ausgeliefert bleibt. Michael Perez' Geschichte steht beispielhaft dafür, wie die Folgen jahrelanger Unterbringung in der Forensik verbunden mit jahrelanger interner Unterbringung in Isolation, die zwangsweise Verabreichung von Neuroleptika und wochenlange Fixierungen zu Traumata, körperlichen und psychischen Schädigungen geführt haben, die Michael bei Folgebegutachtungen als Bestandteil eines einst diagnostizierten Krankheitsbildes zugerechnet werden. Recht und Gerechtigkeit - leider sind diese Worte in diesem Zusammenhang nicht mehr als Begrifflichkeiten, die nicht in jedem Falle gleichermaßen für "Täter" und "Opfer" gelten.

Lesen Sie das erste Kapitel der Autorin Bianka Perez, das ich mit der Einwilligung des underdog Verlages an dieser Stelle veröffentliche. Um das Anliegen zu unterstützen, Menschenrechtsverletzungen aufzudecken, wurden in dem Buch ein Gastbeitrag von Rosel Zierd, ein Auszug aus der Stellungnahme der Buchautorin und Psychologin Eva Schwenk sowie meine Petition veröffentlicht. Diese wird zeitnah an den Petitionsausschuss des deutschen Bundestages geschickt.

Dr. Christian Discher

Behördenwillkür

Seit ich begonnen habe, für und mit meinem Bruder Michael zu kämpfen, bin ich ständig auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, um mehr öffentliches Interesse für seinen Fall zu schaffen. Dieser ist eng verknüpft mit dem Maßregelvollzug, dem Paragrafen 63 des Strafgesetzbuches (StGB), der die Unterbringung von psychisch kranken Straftätern regelt. Ich will hier auf Justiz- und Behördenwillkür aufmerksam machen und auf Menschen, die ähnliche Schicksale erlitten haben wie Michael oder sie noch erleiden. Ich versuche vor allem, über sämtliche sozialen Netzwerke den Missbrauch und die Straftaten aufzuzeigen, die im Namen des Gesetzes an Menschen wie meinem Bruder begangen werden.

Über ein solches Netzwerk kam ich auch in Kontakt mit dem Autor Christian Discher. Ich stieß zunächst auf einen Artikel, der ein komplettes Kapitel aus seinem Buch „Die Stimmen der Übriggebliebenen" umfasst. Bereits dieser Artikel hat mich dazu getrieben, das Buch unbedingt lesen zu wollen, denn was dort geschrieben steht, ähnelt sehr den Erzählungen meines Bruders. Gleichzeitig habe ich über dieses Netzwerk Kontakt zu Christian Discher selbst aufgenommen und mich kurz mit ihm ausgetauscht. Ich konnte es kaum erwarten, sein Buch endlich zu lesen, und als es dann so weit war, habe ich es nicht mehr aus der Hand gelegt, bis ich damit fertig war. Ich habe sein Buch an einem Tag verschlungen, denn ich musste unbedingt wissen, wie es für ihn ausgegangen ist.

Sein Buch hat mich sehr begeistert und mir gezeigt, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, auf solche Skandale aufmerksam zu machen. Etliche Verlage und Zeitungen hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits angeschrieben und darum gebeten, Michael und mich zu unterstützen oder für neue Informationen aus dem Bereich der Psychiatrie ein öffentliches Interesse herzustellen. Alle möglichen Beweise hatte ich mitgeschickt, doch leider kam entweder keine Reaktion oder man bat mich um Verständnis, dass man mir nicht weiterhelfen könne. Doch damit wollte ich mich nicht abfinden. Deshalb machte ich mich schlau, welcher Verlag den Mut hat, Berichte über solche Lebenswege und Skandale zu verlegen, denn am Ende von Christian Dischers Buch kann man Beispiele für weitere Geschichten solcher Art finden.

Die Autorin Bianka Perez

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Menschenrechte sind unteilbar

Natürlich recherchierte ich zunächst im Internet über den underDog Verlag und fand durchweg positive Meinungen und Kommentare. Danach suchte ich den Verlag auf Facebook und notierte mir sicherheitshalber die E-Mail-Adresse. Aber selbst dann fehlte mir der Mut, eine E-Mail zu schreiben. Denn wie schreibt man so eine E-Mail? Was genau wollte ich erreichen, und wie kann man in einem so kurzen Text einen Überblick über acht Jahre psychiatrische Folter vermitteln? Ich habe lange hin und her überlegt, was genau und wie ich es am besten formulieren könnte. Allerdings gibt es keinen perfekten Ausdruck oder einen perfekten Text, der Michaels Lebensweg schildern könnte, denn dieser wurde und wird fremdbestimmt. Also habe ich auf meinen Bauch gehört und einfach das geschrieben, was mir auf dem Herzen lag und wichtig war. Immer mit dem Gedanken: Du hast doch nichts zu verlieren. Mehr als ein Danke, kein Interesse oder gar nichts kann doch nicht kommen. Aber wenn du es gar nicht erst versuchst, hast du schon verloren!

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Bereits wenige Tage, nachdem ich ihm die Nachricht geschickt hatte, nahm der Verlagsgründer Olaf Junge, zunächst ebenfalls per E-Mail, mit mir Kontakt auf. Ich hatte erst Angst die Nachricht zu öffnen, denn ich hatte schon so viele negative Rückmeldungen bekommen, dass ich fast damit rechnete, wieder eine Absage zu erhalten. Sehr zu meiner Überraschung erklärt er sich jedoch bereit, mir ein paar Ideen vorzuschlagen, und bot mir ein Telefonat an.
Wir haben sehr lange telefoniert und jeder konnte sich einen Eindruck von dem anderen machen. Natürlich wollte Olaf Junge zuerst einmal ein paar nähere Informationen zu Michael, und ich musste ihm von meiner Seite her versichern, dass alles der Wahrheit entspricht. Ich war froh, dass er mir überhaupt die Möglichkeit gab, ihm Beweise zu schicken. Meistens war es ja so gewesen, dass ich angeboten hatte, alles zu belegen, aber keiner fragte nach und die Sache wurde einfach abgetan. Ich erzählte Olaf Junge im ersten Gespräch grob, worum es bei Michael geht und wie es dazu kam, dass er in der Psychiatrie landete, und vor allem, wie er dort behandelt wird. Dies weckte sein Interesse und er hat mir schließlich seine Hilfe und Unterstützung angeboten. Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Endlich hatte ich jemanden gefunden, der bereit war, sich näher mit Michaels Schicksal und dieser menschenverachtenden Unterbringung zu beschäftigen.

Nur wenige Menschen trauen sich an das Thema heran, weil fast alle glauben, wenn Michael in der Psychiatrie ist, wird das schon seinen richtigen Grund haben. Alles wird schon nicht so schlimm sein, wie es die kleine Schwester darstellt, denn die ist logischerweise befangen. Das bin ich tatsächlich, er ist ja mein Bruder. Aber ich würde mich niemals mit dem allen an die Öffentlichkeit wagen, wenn ich nicht alles schwarz auf weiß hätte. Erst durch die ganzen Dokumente, die ich gesammelt habe, konnte ich so richtig begreifen, was dort vor sich geht, und bei jeder weiteren Dreistigkeit bin ich von Neuem geschockt, wie so etwas überhaupt sein kann. Von Olaf Junge erfuhr ich dann auch, was ihn dazu bewogen hat, einen solchen Verlag zu gründen, nämlich nicht zuletzt sein eigenes Schicksal.

Auch ihm wurde in der Vergangenheit übel mitgespielt, und sein Buch „Kein Heimvorteil" beschreibt dies. Er wurde von einer Psychologin im Alter von zehn Jahren in Pflege genommen. Diese Psychologin hatte vorher ganz klar bescheinigt, dass er nicht in eine Pflegefamilie könne, weil er nicht in der Lage sei, sich dort anzupassen. Seiner Patentante, die ihn liebend gerne weiter betreut hätte, wurde dies verwehrt wegen eines angeblichen Missbrauchsverdachts. Olaf Junge sagt, dass er sich noch heute sehr gut mit seiner Patentante versteht und auch damals zu ihr wollte. Nun könnte man meinen, dass er es doch gut gehabt hat, immerhin war es doch eine Psychologin, die ihn aufnahm. Wer wäre dafür besser geeignet, mit einem laut ihrem Gutachten unvermittelbaren und schwierigen Jungen umzugehen? Das sollte jemandem wie ihr liegen und ihr Schützling müsste theoretisch eine gute Zeit bei ihr gehabt haben. So wäre es auch sicher gewesen, wenn diese Frau nicht so makabere Beweggründe für die Aufnahme Olafs gehabt hätte. Ihr Mann, ein Äthiopier, und sie hatten bereits ein leibliches Kind, eine Tochter. In Äthiopien sind Frauen jedoch nicht viel wert, und ihr Ehemann bestand auf einem Sohn, damit seine Ehre nicht verletzt w.re. Man kann sich nur annähernd vorstellen, welch ein Verhalten diese Psychologin Olaf gegenüber an den Tag legte, sah sie doch in ihm immer und immer wieder ihr Versagen, keinen Jungen zur Welt gebracht zu haben. Ständig verkörperte Olaf ihren Schmerz, dem Ehemann nicht zu genügen. So gut es dem Jungen mit seinem Stiefvater in Äthiopien ging, umso schlechter ging es ihm hier in Deutschland. Die seelische und physische Folter, die er hier erleiden musste, entspringt ebenso einer Art Behördenwillkür.

Freiheit für Michael Perez

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Vielleicht macht es gerade sein schlimmes Schicksal so einfach, sich mit Olaf Junge zu unterhalten. Man hat einfach nie das Gefühl, von ihm nicht ernst genommen zu werden oder als Lügner dazustehen. Olaf Junge war von Beginn an sehr interessiert und stellte viele Fragen, er ließ mich vor allem ausreden und meinen Frust loswerden, ich habe mich sofort gut aufgehoben gefühlt. Wir telefonierten danach öfter und es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass wir ein ähnliches Ziel verfolgen. Daher planten wir dieses Buchprojekt. Ich bin dankbar für all seine Unterstützung, denn ich hatte niemals gedacht, irgendwann selbst ein Buch zu schreiben, aus welchem Grund auch immer.

Er half mir viel bei der Struktur und wir entwickelten eine Art Konzept und einen Ablauf. Alleine wäre mir das niemals möglich gewesen, denn für mich als Schwester von Michael ist es oft unheimlich schwer, objektiv zu bleiben. Wie sie mit ihm umgehen, schmerzt mich so sehr, es tut so unglaublich weh und man fühlt sich so hilflos, denn fast niemanden scheint dies zu kümmern. Olaf und ich sind uns aber vor allem in einem einig: Wir wollen nicht nur auf Michaels persönliches Schicksal aufmerksam machen, sondern die Menschen endlich aufrütteln und zum Umdenken bewegen. Mit diesem Fall, der sich genau jetzt, im 21. Jahrhundert, in Deutschland und mitten unter uns abspielt. Es gibt in der Psychiatrie so viele Opfer wie Michael! So viele Menschen, die keine Familie haben oder deren Familie sich nicht traut, etwas dagegen zu unternehmen. So wie es auch uns lange Jahre erging. Wir wollen die Zusammenhänge aufzeigen und anderen Menschen Mut machen, für ihre Angehörigen zu kämpfen. Auch wenn es schlimm genug ist, dass man überhaupt für Dinge kämpfen muss, die eigentlich selbstverständlich sein sollten. Aber das sind sie leider nicht. Man muss dafür kämpfen, dass die Menschenrechte in der Psychiatrie gewahrt oder überhaupt beachtet werden. Das allein ist schon ein Skandal - ohne Wenn und Aber. Aber wenn man einfach nur stillschweigend zuschaut, wie einer seiner Lieben systematisch zerstört wird, wird man genau dies sicherlich eines Tages bereuen, jedenfalls würde es mir so gehen.

Niemand gibt mir die Garantie oder Sicherheit, dass all meine Mühe und Arbeit und der ganze Frust, den dies mit sich bringt, irgendwann durch Michaels Freiheit belohnt werden. Doch es lohnt sich schon allein dafür, Michael ein besseres Gefühl zu geben, ihm ein klein wenig Hoffnung zu schenken und vor allem die Gewissheit, nicht allein zu sein. Er weiß, dass wir als Familie geschlossen hinter ihm stehen und mit ihm für sein Recht und seine Freiheit kämpfen; ebenso wie mittlerweile einige andere. Mein Motto war und ist: Wer nicht wenigstens versucht zu kämpfen, zu hinterfragen und anzuzweifeln, der hat bereits von Anfang an verspielt.

Bianka Perez