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Helikopter-Eltern: Höher, schneller, weiter - wenn Eltern abheben

15/07/2014 09:13 CEST | Aktualisiert 14/09/2014 11:12 CEST
Andrew Rich via Getty Images

Etwas hält dich gefesselt. Du möchtest etwas an deinem Leben ändern, weißt aber nicht was? Du suchst noch nach etwas, das dich erfüllt, das deinem Leben einen Sinn gibt? Du hast das Gefühl, jeder um dich herum ist selbstbewusster als du? Der permanente Druck schnürt dir die Kehle zu. Besser, schöner, toller sollst du doch eigentlich sein. Wer kann eine solche Macht über dich haben? Es sind deine Eltern! Du lachst - wohnst du doch seit Jahren nicht mehr zu Hause. Emotional bist du aber noch ein Kind, wenn du dich nicht befreist. Diese Fesseln wirst du nicht so einfach los, denn es ist eine Kunst, sein Ding zu machen.

Welche Belastung Eltern für ihre Kinder werden können, kann man auf jedem Bolzplatz der Welt beobachten. Die Flügel der Helikopter-Eltern peitschten mir förmlich durchs Gesicht, als ich Basketballtrainer einer Jugendmannschaft war. Das Wunderbare an diesem Job ist, dass neben den Gewinnen vor allem die Entwicklung des Potenzials der Kids im Mittelpunkt steht. In meinem Team hatte ich Jungs, die mit unterschiedlichsten Talenten und Fähigkeiten ausgestattet waren und meine Aufgabe war, ihnen bei der Entwicklung ihres Potenzials zu helfen.

Vor allem ein Spieler fiel mir dabei besonders auf. Meiner Meinung nach gehörte er zu den besten Spielern auf dem Platz. Das Problem bei ihm war aber, dass er sein volles Potenzial nicht auskostete. Er war irgendwie gehemmt. Dem Grund für seine langsame Entwicklung kam ich bei einem Turnier endlich auf den Grund: Alles lief super für mein Team, sie hatten ein perfektes Zusammenspiel, das sich schließlich bezahlt machte. Ein Spielzug klappte so hervorragend, dass meiner Mannschaft ein wunderschöner Dreier gelang. Ich sprang auf, freute mich über diese grandiose Teamleistung und auch die Mannschaft jubelte. Aus der Publikumsreihe kamen aber die lautesten Jubelrufe: „JAAAAA" freute sich ein Mann und war völlig außer sich.

Es war der Vater des Jungen, der den Dreier getroffen hatte. Später kam er auf mich zu und prahlte von dem unglaublichen Wurf seines Sohnes. Ein typisches Muster einer Eltern-Kind-Beziehung: Die Eltern projizieren die Leistungen ihrer Kinder auf sich.

Warum ist das so? Als Kind brauchtest du Sicherheit. Die hast du von deinen Eltern bekommen. Durch die emotionale Bindung zu deinen Eltern konntest du dann deine Selbstsicherheit aufbauen. Und Selbstsicherheit ist wichtig, um die Welt zu erforschen und eigene Erfahrungen zu sammeln. Du wusstest ja immer: wenn etwas schief geht, helfen mir meine Eltern. Das heißt aber: Du hast nicht dir selbst vertraut, sondern deinen Eltern. Genau so ähnlich war es bei deinen Eltern: Sie projizierten deine Leistungen. Hattest du Erfolg, war es auch ein Erfolg für sie. Hattest du einen Fehler gemacht, wurde es zu ihrem Fehler: Du warst ihr erweitertes Selbst.

Das alles ist schön und gut und vor allem auch ganz normal solange du ein Kind warst. Aber irgendwann, ungefähr ab der Zeit der Pubertät, wandelte sich diese Eltern-Kind-Beziehung: Ab jetzt wuchs dein eigenes Selbst und folglich auch dein Selbstvertrauen. Problematisch kann es genau dann werden, wenn deine Eltern die Entwicklung deines Selbst nicht akzeptiert haben und die gewohnte Eltern-Kind-Bindung aufrechterhalten: Sie verweigert dir damit die Chance der zu werden, der du bist! Und du konntest diese Abhängigkeitsbeziehung nicht durchbrechen, weil dein Selbstbewusstsein (noch) nicht groß genug war.

Genau so erging es auch meinem Spieler mit seinem Vater. Der Vater wollte nur das Beste für sein Kind und das war in seinen Augen, einen Top-Basketballer aus seinem Kind zu machen. Was aber sein Sohn wollte, darüber machte er sich keine Gedanken. Und diese Einstellung hatte enormen Einfluss auf den Jungen. Als ich ihn beim Training weiter beobachtete fiel mir auf, dass er nicht mit Freude an der Sache war.

Er wirkte verkrampft. Und diese Haltung verstärkte sich sogar noch, sobald sein Vater die Halle betrat. Nicht der Junge zeigte die Begeisterung für Basketball, die ich mir von meinen Spielern wünschte, sondern sein Vater. Und das auch nur solange sein Sohn am Spiel beteiligt war und punktete. Es war eindeutig: Der Vater wollte, dass sein Sohn das schaffte, was ihm verwehrt geblieben ist: Eine Basketball-Karriere. Er projizierte seine Wünsche auf seinen Sohn.

Solche „Erziehungsmaßnahmen" können nur nach hinten losgehen. Das Ergebnis: Auch wenn du körperlich und geistig bereits erwachsen bist, einen Beruf ausübst, einen Lebenspartner hast und vielleicht sogar selbst schon Kinder hast, fällst du trotzdem immer wenn du in Kontakt mit deinen Eltern bist, in ein kindliches Stadium zurück. Und für deine Eltern bleibst du immer das kleine Kind, das es zu umsorgen gilt, da es nicht alleine zurecht kommt. Wie soll so dein Selbstvertrauen wachsen, wenn deine Eltern dich nicht als eigenständige Persönlichkeit akzeptieren?

Warum machen Eltern das? Es liegt an der mangenden Selbstreflexion der Eltern. Sie benutzen dich dazu, um ihrem eigenen Leben einen Sinn zu geben! Oft ist solch eine Übermutterung oder Übervaterung Ausdruck eigener Probleme, die es zu kompensieren gilt. Erst wenn die Eltern ihr eigenes Problem erkennen, kann das Kind frei werden. Solche Eltern nennen viele Helikopter-Eltern: Sie nehmen ihre Kinder als Partnerersatz, als Ersatz für den fehlenden beruflichen Erfolg oder als Ersatz für innere Leere. Es ist allerdings immer nur eine kurzfristige Lösung der Eltern, damit sie sich besser fühlen. Damit sie ihrer eigenen Misere entkommen, sie sich nicht ihren eigenen Problemen stellen müssen. Denn wer wendet sich nicht gerne einfachen Aufgaben zu, um schwierigen Situationen zu entkommen?

Es ist nach wie vor bequemer für deine Eltern, von deinen Erfolgen zu profitieren, als eigene zu erringen. Das bedeutet allerdings nicht, dass dich deine Eltern nicht lieben! Eltern lieben ihre Kinder immer! Liebe ist nicht die Belohnung für etwas. Egal was ein Kind anstellt, die Liebe der Eltern ist immer da.

Und genau so kannst du dich befreien: Wenn deine Eltern dich mit ihrer Macht erdrücken, erkenne, dass sie ihre eigenen Schwächen haben, dass sie nur innerhalb ihres eigenen Weltbilds handeln können und das sie oft gar nicht bemerken, was sie dir damit antun. Und dann: Vergib ihnen.

Der junge Basketballspieler aus meiner Mannschaft schaffte es schließlich sich von den Fesseln seines Vaters zu befreien. Das funktionierte aber erst, nachdem er herausgefunden hatte, was sein Ding ist, was seinem Leben einen Sinn gibt. Und da gehörte Basketball eben nicht dazu.

Du sagst dir vermutlich: Ich werde nicht so, wie meine Eltern! Aber wie stellst du das an? Zunächst einmal musst du erkennen, dass dein Kind eine selbstständige Person ist. Es hat einen eigenen Willen und eigene Verhaltensweisen, die nichts mit dir zu tun haben. Erst wenn du das erkannt hast, kannst du eine gesunde Beziehung zu deinem Kind aufbauen.

Das setzt voraus, dass du dein Kind bedingungslos liebst. Egal was es tut, sagt oder nicht macht: Es ist dein Kind und du liebst es! Wenn es sich selbst entdeckt hat, kannst du ihm dabei helfen seinen Weg zu gehen Erziehung funktioniert nur bis zur Pubertät, danach bleibt dir nur noch die Beziehung zu deinem Kind.

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