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Helikopter-Eltern: H├Âher, schneller, weiter - wenn Eltern abheben

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CONFIDENCE
Andrew Rich via Getty Images
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Etwas h├Ąlt dich gefesselt. Du m├Âchtest etwas an deinem Leben ├Ąndern, wei├čt aber nicht was? Du suchst noch nach etwas, das dich erf├╝llt, das deinem Leben einen Sinn gibt? Du hast das Gef├╝hl, jeder um dich herum ist selbstbewusster als du? Der permanente Druck schn├╝rt dir die Kehle zu. Besser, sch├Âner, toller sollst du doch eigentlich sein. Wer kann eine solche Macht ├╝ber dich haben? Es sind deine Eltern! Du lachst - wohnst du doch seit Jahren nicht mehr zu Hause. Emotional bist du aber noch ein Kind, wenn du dich nicht befreist. Diese Fesseln wirst du nicht so einfach los, denn es ist eine Kunst, sein Ding zu machen.

Welche Belastung Eltern f├╝r ihre Kinder werden k├Ânnen, kann man auf jedem Bolzplatz der Welt beobachten. Die Fl├╝gel der Helikopter-Eltern peitschten mir f├Ârmlich durchs Gesicht, als ich Basketballtrainer einer Jugendmannschaft war. Das Wunderbare an diesem Job ist, dass neben den Gewinnen vor allem die Entwicklung des Potenzials der Kids im Mittelpunkt steht. In meinem Team hatte ich Jungs, die mit unterschiedlichsten Talenten und F├Ąhigkeiten ausgestattet waren und meine Aufgabe war, ihnen bei der Entwicklung ihres Potenzials zu helfen.

Vor allem ein Spieler fiel mir dabei besonders auf. Meiner Meinung nach geh├Ârte er zu den besten Spielern auf dem Platz. Das Problem bei ihm war aber, dass er sein volles Potenzial nicht auskostete. Er war irgendwie gehemmt. Dem Grund f├╝r seine langsame Entwicklung kam ich bei einem Turnier endlich auf den Grund: Alles lief super f├╝r mein Team, sie hatten ein perfektes Zusammenspiel, das sich schlie├člich bezahlt machte. Ein Spielzug klappte so hervorragend, dass meiner Mannschaft ein wundersch├Âner Dreier gelang. Ich sprang auf, freute mich ├╝ber diese grandiose Teamleistung und auch die Mannschaft jubelte. Aus der Publikumsreihe kamen aber die lautesten Jubelrufe: ÔÇ×JAAAAA" freute sich ein Mann und war v├Âllig au├čer sich.

Es war der Vater des Jungen, der den Dreier getroffen hatte. Sp├Ąter kam er auf mich zu und prahlte von dem unglaublichen Wurf seines Sohnes. Ein typisches Muster einer Eltern-Kind-Beziehung: Die Eltern projizieren die Leistungen ihrer Kinder auf sich.

Warum ist das so? Als Kind brauchtest du Sicherheit. Die hast du von deinen Eltern bekommen. Durch die emotionale Bindung zu deinen Eltern konntest du dann deine Selbstsicherheit aufbauen. Und Selbstsicherheit ist wichtig, um die Welt zu erforschen und eigene Erfahrungen zu sammeln. Du wusstest ja immer: wenn etwas schief geht, helfen mir meine Eltern. Das hei├čt aber: Du hast nicht dir selbst vertraut, sondern deinen Eltern. Genau so ├Ąhnlich war es bei deinen Eltern: Sie projizierten deine Leistungen. Hattest du Erfolg, war es auch ein Erfolg f├╝r sie. Hattest du einen Fehler gemacht, wurde es zu ihrem Fehler: Du warst ihr erweitertes Selbst.

Das alles ist sch├Ân und gut und vor allem auch ganz normal solange du ein Kind warst. Aber irgendwann, ungef├Ąhr ab der Zeit der Pubert├Ąt, wandelte sich diese Eltern-Kind-Beziehung: Ab jetzt wuchs dein eigenes Selbst und folglich auch dein Selbstvertrauen. Problematisch kann es genau dann werden, wenn deine Eltern die Entwicklung deines Selbst nicht akzeptiert haben und die gewohnte Eltern-Kind-Bindung aufrechterhalten: Sie verweigert dir damit die Chance der zu werden, der du bist! Und du konntest diese Abh├Ąngigkeitsbeziehung nicht durchbrechen, weil dein Selbstbewusstsein (noch) nicht gro├č genug war.

Genau so erging es auch meinem Spieler mit seinem Vater. Der Vater wollte nur das Beste f├╝r sein Kind und das war in seinen Augen, einen Top-Basketballer aus seinem Kind zu machen. Was aber sein Sohn wollte, dar├╝ber machte er sich keine Gedanken. Und diese Einstellung hatte enormen Einfluss auf den Jungen. Als ich ihn beim Training weiter beobachtete fiel mir auf, dass er nicht mit Freude an der Sache war.

Er wirkte verkrampft. Und diese Haltung verst├Ąrkte sich sogar noch, sobald sein Vater die Halle betrat. Nicht der Junge zeigte die Begeisterung f├╝r Basketball, die ich mir von meinen Spielern w├╝nschte, sondern sein Vater. Und das auch nur solange sein Sohn am Spiel beteiligt war und punktete. Es war eindeutig: Der Vater wollte, dass sein Sohn das schaffte, was ihm verwehrt geblieben ist: Eine Basketball-Karriere. Er projizierte seine W├╝nsche auf seinen Sohn.

Solche ÔÇ×Erziehungsma├čnahmen" k├Ânnen nur nach hinten losgehen. Das Ergebnis: Auch wenn du k├Ârperlich und geistig bereits erwachsen bist, einen Beruf aus├╝bst, einen Lebenspartner hast und vielleicht sogar selbst schon Kinder hast, f├Ąllst du trotzdem immer wenn du in Kontakt mit deinen Eltern bist, in ein kindliches Stadium zur├╝ck. Und f├╝r deine Eltern bleibst du immer das kleine Kind, das es zu umsorgen gilt, da es nicht alleine zurecht kommt. Wie soll so dein Selbstvertrauen wachsen, wenn deine Eltern dich nicht als eigenst├Ąndige Pers├Ânlichkeit akzeptieren?

Warum machen Eltern das? Es liegt an der mangenden Selbstreflexion der Eltern. Sie benutzen dich dazu, um ihrem eigenen Leben einen Sinn zu geben! Oft ist solch eine ├ťbermutterung oder ├ťbervaterung Ausdruck eigener Probleme, die es zu kompensieren gilt. Erst wenn die Eltern ihr eigenes Problem erkennen, kann das Kind frei werden. Solche Eltern nennen viele Helikopter-Eltern: Sie nehmen ihre Kinder als Partnerersatz, als Ersatz f├╝r den fehlenden beruflichen Erfolg oder als Ersatz f├╝r innere Leere. Es ist allerdings immer nur eine kurzfristige L├Âsung der Eltern, damit sie sich besser f├╝hlen. Damit sie ihrer eigenen Misere entkommen, sie sich nicht ihren eigenen Problemen stellen m├╝ssen. Denn wer wendet sich nicht gerne einfachen Aufgaben zu, um schwierigen Situationen zu entkommen?

Es ist nach wie vor bequemer f├╝r deine Eltern, von deinen Erfolgen zu profitieren, als eigene zu erringen. Das bedeutet allerdings nicht, dass dich deine Eltern nicht lieben! Eltern lieben ihre Kinder immer! Liebe ist nicht die Belohnung f├╝r etwas. Egal was ein Kind anstellt, die Liebe der Eltern ist immer da.

Und genau so kannst du dich befreien: Wenn deine Eltern dich mit ihrer Macht erdr├╝cken, erkenne, dass sie ihre eigenen Schw├Ąchen haben, dass sie nur innerhalb ihres eigenen Weltbilds handeln k├Ânnen und das sie oft gar nicht bemerken, was sie dir damit antun. Und dann: Vergib ihnen.

Der junge Basketballspieler aus meiner Mannschaft schaffte es schlie├člich sich von den Fesseln seines Vaters zu befreien. Das funktionierte aber erst, nachdem er herausgefunden hatte, was sein Ding ist, was seinem Leben einen Sinn gibt. Und da geh├Ârte Basketball eben nicht dazu.

Du sagst dir vermutlich: Ich werde nicht so, wie meine Eltern! Aber wie stellst du das an? Zun├Ąchst einmal musst du erkennen, dass dein Kind eine selbstst├Ąndige Person ist. Es hat einen eigenen Willen und eigene Verhaltensweisen, die nichts mit dir zu tun haben. Erst wenn du das erkannt hast, kannst du eine gesunde Beziehung zu deinem Kind aufbauen.

Das setzt voraus, dass du dein Kind bedingungslos liebst. Egal was es tut, sagt oder nicht macht: Es ist dein Kind und du liebst es! Wenn es sich selbst entdeckt hat, kannst du ihm dabei helfen seinen Weg zu gehen Erziehung funktioniert nur bis zur Pubert├Ąt, danach bleibt dir nur noch die Beziehung zu deinem Kind.