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Das schöne Leben gibt es nur auf Pump: Warum sich die Mittelschicht immer mehr verschuldet

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Im dritten Jahr in Folge ist die Zahl der überschuldeten Haushalte in Deutschland angestiegen. Trotz Rekordbeschäftigung, trotz boomender Wirtschaft gelten fast sieben Millionen Deutsche über 18 Jahren als verschuldet.

Im vergangenen Jahr sind die Zahlen vor allem in den wohlhabenden Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg gestiegen. An dieser Stelle erzählt ein Schuldnerberater, warum so viele Deutsche auch aus der Mittelschicht gefährlich tief in die Miesen rutschen.

Ich bin Schuldnerberater in München. Täglich spreche ich mit Klienten, die sich hoch verschuldet haben.

Jeder Mensch kann in eine Situation kommen, in der einem die Schulden über den Kopf wachsen und man sich nicht mehr zu helfen weiß: Es gibt Schicksalsschläge, wie beispielsweise der unerwartete Verlust des Arbeitsplatzes oder eine gescheiterte Selbstständigkeit. Auch eine Scheidung, Krankheit oder ein Unfall können die Ursachen hierfür sein.

Doch oft verschulden sich meine Klienten gar nicht aus existenzieller Not heraus.

Die Werbeindustrie suggeriert, dass man heutzutage alles haben und teure Produkte schon für "geringe" monatliche Leasingraten erwerben kann. Dadurch kaufen sich die Menschen Produkte, die sich eigentlich gar nicht leisten können, auf Pump. Und davon sehr viele.

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Wenn nun mehrere Leasingraten monatlich zusammenkommen (PKW, Handy, PC, TV) werden die monatlichen Belastungen immer größer, bis im schlimmsten Fall die Zahlungsunfähigkeit eintritt.

Die aggressive Werbung spricht vor allem junge Leute an, denn sie wollen mithalten und lassen sich leicht manipulieren.

Wettbewerbsdenken spielt hier eine große Rolle.

Ich höre oft so Sätze wie: "Wenn mein Kumpel das hat, dann will ich das auch". Und schon wird der BMW geleast oder ein Kredit für den neuen Fernseher aufgenommen. So tappen sie immer tiefer in die Schuldenfalle.

Auch die Mittelschicht ist von Schulden immer mehr betroffen

Auch der leichte Zugang zu Bankkrediten mit aktuell sehr niedrigen Zinsen kombiniert mit rasant gestiegenen Immobilienpreisen - zum Beispiel in München - können dazu beitragen, dass man sehr schnell Schulden anhäuft.

Es sind nicht nur die unteren Gesellschaftsschichten von Überschuldung betroffen, sondern auch immer mehr Menschen aus der Mittelschicht. Gerade hier sind kreditfinanzierte Immobilien beliebt - leider ist das oft der erste Schritt in die Schuldenfalle. In München verschulden sich Immobilienkäufer im Schnitt mit 340.000 Euro.

Denn nach einer Kündigung und dem Verlust des Arbeitsplatzes - was häufiger vorkommt als man denkt - müssen die Kreditraten ja weiterhin in gleicher Höhe finanziert werden. Das ist dann allerdings nicht mehr jedem möglich.

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Gegebenenfalls kommt noch eine Scheidung oder Unterhaltszahlungen für Kinder hinzu. Dann ist der Traum vom Eigenheim bald beendet und die Immobilie muss zwangsversteigert werden.

Aber auch im Rentenalter steigt das Risiko, sich zu verschulden.

Denn das Erwerbseinkommen fällt weg und die Rente ist meist nicht ausreichend. Die Lebenshaltungskosten sind hoch und vielen Rentner reicht das Geld einfach hinten und vorne nicht. Ab 55 Jahren steigt die Wahrscheinlichkeit in die Verschuldung abzurutschen stark an. Das ist meine Erfahrung.

Lehrer und Eltern müssen die Kinder aufklären

Was ich meinen Kunden rate?

Wenn sie keinen Ausweg mehr finden, sollten sie frühzeitig etwas unternehmen und Hilfe suchen. Was allerdings meiner Meinung nach noch viel wichtiger wäre, sind Präventionsmaßnahmen.

Das muss schon in der Schule beginnen.

Wie gehe ich mit Geld um? Warum sind Schulden so gefährlich? Welche Gefahr steckt hinter aggressiver Werbung und Lockangeboten? Für welche Produkte lohnt es sich, einen Kredit aufzunehmen? Solche und viele andere Fragen müssen im Unterricht behandelt werden.

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Ich sehe aber nicht nur die Schulen in der Verantwortung, sondern auch die Eltern.

Auch zu Hause muss der Umgang mit Geld besser gelehrt und vorgelebt werden. Wenn Vater oder Mutter bereits Schulden haben und mit Geld nur schwer umgehen können, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die Kinder in die Schuldenfalle abrutschen. Schule und Eltern müssen sich hier ergänzen.

Von der Politik würde ich mir wünschen, dass sie dieses wichtige Thema in die Hand nimmt und in die Lehrpläne integriert, um die nächsten Generationen vor hoher Verschuldung zu schützen.

Der Beitrag wurde von Julius Zimmer und Katharina Hoch verfasst.

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(ben)