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Zur These der wachsenden Armut in Deutschland - war „früher alles besser"?

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Die Beiträge in der aktuelle Themenwoche in der Huffington Post sind ein wichtiger Bestandteil für eine gelungene öffentliche Debatte zum Thema Armut in Deutschland. Allerdings scheint die Debatte besonders unübersichtlich und bereits die Zustandsbeschreibungen sind widersprüchlich.

Die Ursache dafür liegt nicht nur in der Herkunft der Analysen aus unterschiedlichen politischen Lagern. Vielmehr verwundert es, dass auch in unserer "Informationsgesellschaft" immer wieder persönliche Überzeugungen mit Fakten verwechselt werden und immer noch zahlreiche Mythen über die Entwicklung von Armut und Ungleichheit in Deutschland bestehen.

Ein Wettkampf der Argumente macht aber nur Sinn, wenn alle Beteiligte auf fundierte Informationen zur aktuellen Lage und Entwicklung aufbauen können. Richtige politische Schlussfolgerungen lassen sich nur auf einer möglichst aussagekräftigen Informationsgrundlage ziehen.

Verbesserte Informationslage

Umso erfreulicher ist es, dass sich kürzlich - jedoch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit - die Informationslage zum Thema Armut und Reichtum in Deutschland elementar verbessert hat! Und diese enthalten einige wichtige Erkenntnisse.

Rückblickend ist zunächst frappierend, dass die Geschichte der offiziellen Berichterstattung zu Armut und Reichtum in Deutschland noch recht jung ist. Denn 1995 weigerte sich die damalige Regierungskoalition in Anfragen noch, überhaupt von der Existenz von "Armut" im Wohlstandsland Deutschland zu sprechen.

Ein erster Durchbruch für mehr Transparenz war somit die Einführung einer regelmäßigen Berichterstattung von Seiten der Bundesregierung mit dem ersten Armuts- und Reichtumsbericht im Jahre 2001. Ein vielleicht gleichsam bemerkenswerter Durchbruch ist die Tatsache, dass die Bundesregierung jüngst Ergebnisse zur Entwicklung wichtiger Kennzahlen im Internet auf den Seiten des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) dokumentiert.

Vielfältigkeit des Verständnisses von Armut

Hier kann sich nun jeder informieren, um aktuelle Entwicklungen oder Behauptungen in der Debatte auf den Prüfstand zu stellen (siehe Armuts- und reichtumsbericht). Das Portal bietet einen Überblick über gleich mehrere der etablierten Kennzahlen zur Ungleichheit in Deutschland.

Das ist wichtig, denn eine der weiteren Ursachen für die Widersprüchlichkeit der aktuellen Zustandsdiagnosen ist die Vielfalt an Verständnissen davon, was Armut eigentlich ist.

Im Rahmen einer meiner "Kindervorlesungen" vor einigen Jahren war die Mehrheit der anwesenden jungen Menschen der Meinung, dass reich ist, wer "ein gutes Leben führt", "viel zu essen hat", "viele Freunde hat", wer "viel Glück hat", oder wer "eine gute Arbeit hat". Die finanzielle Dimension der Armut kam im Verständnis der Kinder erst an hinterer Stelle.

Finanzielle Armutsmaße

In der öffentlichen Diskussion dagegen verfangen meist die finanziellen Armutsmaße - durchaus mit gutem Grund, denn die finanziellen Kennzahlen sind griffig und vor allem über die Zeit hinweg relativ gut vergleichbar.

Eine zentrale Kenngröße ist die sogenannte Armutsrisikoquote (dies ist der Anteil der Menschen, die über weniger als 60% des mittleren Einkommens, des sogenannten Medianeinkommens, verfügen). Sie liefert wichtige Antworten auf die Frage, ob nun die Armut in Deutschland zunimmt oder nicht.

Allerdings scheinen einige Eckdaten nicht allgemeinhin bekannt zu sein. Wichtig ist zunächst die Erkenntnis, dass die Armutsrisikoquote in Deutschland Ende der 1990er Jahre stark angestiegen ist, von etwa 10% auf rund 14% im Jahr 2005. Verschiedene Faktoren haben zu diesem starken Anstieg Anfang dieses Jahrhunderts geführt.

So wird die durchschnittliche Haushaltgröße in Deutschland immer kleiner, immer weniger Menschen teilen sich damit die Kosten eines Haushalts. Die schlechte Lage auf dem Arbeitsmarkt hat vielen Haushalten die Einkommensgrundlage entzogen. Schließlich hat sich auch die damalige sogenannte große Steuerreform negativ auf die Einkommensverteilung ausgewirkt.

Genauso wichtig ist es aber zu Kenntnis zu nehmen, dass dieser starke Anstieg der Armutsquote einige Zeit her ist. Denn seit 2005, also in den letzten zehn Jahren, hat sich die Armutsrisikoquote nicht wesentlich verändert und bewegt sich zwischen etwa 14% bis 15%.

Vor dem Hintergrund der Stabilität der Ergebnisse in den letzten zehn Jahren ist somit die These einer stetigen Zunahme des Armutsrisikos in Deutschland eindeutig zu verwerfen. Gleichwohl verdeckt die weitgehende Konstanz der Armutsrisikoquote einige wichtige politrelevante Entwicklungen.

Politischer Handlungsbedarf

Auf der einen Seite sind einzelne gesellschaftliche Gruppen weiterhin besonders stark von Armutsrisiko betroffen. Dazu zählen insbesondere die Alleinerziehenden, meist Frauen, sowie deren Kinder. Hier besteht politischer Handlungsbedarf.

Denn die Zahlen belegen, dass offensichtlich der Beitrag der Alleinerziehenden zur Bekämpfung des demografischen Wandels von Seiten der Gesellschaft und Politik insgesamt nicht hinreichend honoriert wird.

Weiterhin wird eine zunehmende Schere der Einkommen zwischen Menschen mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen deutlich. Während die Einkommen der Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen in den letzten 10 Jahren gestiegen sind, sind die Einkommen der Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen gefallen.

Dies zeigt, dass der wesentliche, langfristige und nachhaltige Schlüssel zur Sicherung von Wohlstand der Menschen in Deutschland in der Sicherung einer hochwertigen individuellen Bildung und Fortbildung besteht.

Eine eignungsgerechte Bildungsexpansion, also eine Förderung höherer Bildungsabschlüsse, die gleichzeitig die individuellen Bedürfnisse und Talente der Menschen berücksichtigt, ist somit der richtige Weg zu einer fairen Verteilung von Lebens- und Aufstiegschancen.

Bildungsexpansion ist auch die beste Medizin gegen künftige Herausforderungen aus dem demografischen Wandel. Denn nur so kann das notwendige Leistungsvermögen der Menschen in Deutschland gewonnen werden, das notwendig ist, um die nahenden Herausforderungen des demografischen Wandels, eine geringe Altersarmut, internationale Wettbewerbsfähigkeit und stabilen Wohlstand zu erringen.

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