BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Chicgoua Noubactep  Headshot

Was ich als schwarzer Bürgermeister in Deutschland erlebt habe

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHICGOUA NOUBACTEB
chicgoua noubacteb
Drucken

Vor fast einem halben Jahr wurde ich zu Niedersachsens erstem Bürgermeister afrikanischer Herkunft gewählt. Ich wohne in Rittmarshausen, einer kleinen Dorfgemeinschaft im Landkreis Göttingen, die wohl nur die wenigsten kannten. Aber als ich gewählt wurde, interessierte sich plötzlich ganz Deutschland für den Ort. Wohl, weil meine Wahl ein Zeichen in einer so schwierigen politischen Zeit war.

Ich bedauere, dass die Flüchtlingssituation bei so vielen Menschen so viel Wut hervorgerufen hat. Dass es überhaupt so etwas wie Pegida gibt, ist sehr, sehr schade. Entweder haben die Menschen nicht verstanden, worum es geht. Oder sie sind absichtlich böse, was ich nicht hoffe.

Mehr zum Thema: Pegida: 6 Wahrheiten über die derzeit wohl gefährlichste Bürgerbewegung Deutschlands

Die Flüchtlingskrise spielte auch in unserem Dorf eine Rolle. Als ich mit meiner Familie hierhergezogen bin, gab es hier mehr als 20 Flüchtlinge. Das war vor drei Jahren. Als die Flüchtlingskrise anfing, lebten schon weniger hier. Heute gibt es nur noch knapp zehn Flüchtlinge.

Und selbst, wenn es doppelt so viele gewesen wären (d.h. 40 oder 50) - für unseren Ort, in dem etwa 750 Menschen leben, wäre das kein Problem gewesen. Ich kann mir vorstellen, dass es in den allermeisten Orten in Deutschland so gewesen ist.

Rechtsextremistische Bedrohung

Ich will nicht behaupten, dass die Kommunen nicht großartiges leisten mussten, um der Lage Herr zu werden. Aber dass Deutschland in Gefahr gewesen ist, wie viele behauptet haben, finde ich für weit übertrieben. Es waren Menschen, die geflüchtet waren und Schutz suchten. Und keine, die unser Land mit irgendwelchen bösen Absicht betraten.

Sorgen macht mir auch der Freundeskreis Thüringen Niedersachsen, eine rechtsextremistische Gruppe im Raum Göttingen, die schon angekündigt hat, zur kommenden Landtagswahl antreten zu wollen. Solche Gruppierungen haben Bürger mit Migrationshintergrund wie mich im Visier - und das finde ich extrem traurig.

Mehr zum Thema: Rechter Terror ist real und global

Alle, die glauben, dass diese Republik in eine Provinz der dummen Gedanken versinken könnte, möchte ich einladen, sich endlich der Wahrheit zu stellen: Deutschland ist seit geraumer Zeit Teil der Wertegemeinschaft im Geben und Nehmen. Das Rad der Geschichte wird nicht so leicht umzudrehen sein.

Ich selbst wurde zwar noch nicht körperlich bedroht, obwohl es die eine oder andere unschöne Reaktion im Netz von Rechten gab, als ich gewählt wurde. Aber die Wut dieser Nazis richtet sich pauschal gegen alle Menschen, die anders sind.

Ein Freund von mir wurde in Jena zusammengeschlagen, weil den Nazis seine Haare nicht passten. Solche Geschichten machen mir echt Sorgen. Aber ich habe volles Vertrauen in unserem Staat, vor allem mit der Polizei und der Justiz, und in den demokratischen und weltgewandten Kräften in diesem Land.

Überhaupt kratzen diese rückwärtsgewandten Gruppierungen nur das positive Image ab, das man mühsam von Deutschland nach außen gesendet hat.

Deutschland ist weltoffen und tolerant

Insgesamt hoffe ich, dass sich die Situation in Deutschland wieder beruhigt. Dass Menschen wie ich, die nicht hier geboren sind, die Chance bekommen, als Bürgermeister oder woanders in den Staatsorganen zu dienen, finde ich großartig und es macht mich optimistisch. Deutschland ist ein weltoffenes und tolerantes Land - und ich bin fest davon überzeugt, dass es das auch bleiben wird.

Das habe ich auch gemerkt, als ich vor drei Jahren nach Rittmarshausen gezogen bin. Ich wurde hier von Anfang an gut aufgenommen.

Seit drei Jahren lebe ich in Rittmarshausen. Die Nachbarn haben überall geholfen, als ich hierher gezogen bin. Sie haben Werkzeuge hergebracht, mit angestrichen und beim Umzug mit angepackt. Sofort habe ich mich hier wohlgefühlt.

Als ich gefragt wurde, ob ich für die Kommunalwahlen in Rittmarshausen antreten wollte, habe ich sofort zugesagt. Ich empfand es als Ehre, dass man an mich gedacht hatte. Ehrlich gesagt habe ich nicht damit gerechnet, dass ich zum Bürgermeister gewählt werde. Als das Ergebnis dann doch so eindeutig war, habe ich zwei Tage gebraucht, um es wahrzunehmen.

Immer erreichbar für die Mitbürger

Nun ist mein Büro im Feuerwehrhaus, wo ich die Amtsgeschäfte erledige. Zwei Stunden sind dafür pro Woche vorgesehen, aber es sind natürlich viel mehr. Ich bin immer für meine Mitbürger erreichbar. Außerdem gehe ich zu Vereinsfesten, Altersjubiliäen und anderen Feiern. Ich bin meinen Ortsratskollegen, unseren Beratern und meinen Mitbürgern für die gute Zusammenarbeit bzw. die tolle Unterstützung sehr dankbar.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Das alles mache ich neben meinem Hauptberuf. Ich bin Privatdozent und arbeite als Wissenschaftler und Forscher im Bereich Trinkwasseraufbereitung an der Universität Göttingen. Meinen Studenten bringe ich zum Beispiel bei, wie man mit einfachen Mitteln Filter zur Trinkwassergewinnung zusammenbauen kann. Meine Studenten kommen aus allen Teilen der Welt.

Im Jahr 1995 bin ich nach Deutschland eingereist, zuerst für einen Sprachkurs in Bremen und dann für die Doktorarbeit in Dresden. So lange lebe ich schon in Deutschland, habe mittlerweile die Staatsbürgerschaft. Ich bin mit einer Schar von Kindern und Eltern in Kamerun aufgewachsen - in unserem Haus waren damals nie weniger als 19 Menschen.

Als ich nach dem Sprachkurs in Bremen im Oktober 1995 nach Dresden gekommen bin, musste ich mein eigenes Essen zubereiten und alleine essen. Das war ein Schock.

Doch dieser Schock hatte sich schnell gelegt. Ich habe mich relativ schnell in Deutschland eingelebt und bin nie wieder weggezogen. Jetzt bin ich hier und will Deutschland etwas zurückgeben. Das mache ich mit aller Kraft und bestem Willen.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

Flüchtlingskrise - Bürgermeister schickt Merkel Rechnung über 736.000 Euro