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Cheyenne Dean Headshot

An die Frau im Restaurant, die mich verurteilt hat, weil ich mein Kind mit dem Handy spielen lasse

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BOY HANDY
Marcus Donner / Reuters
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An die Restaurantbesucherin, die sich ein vorschnelles Urteil über mich erlaubt hat:

Du erinnerst dich wahrscheinlich gar nicht mehr an mich oder meine Familie. Du hast dir ein schnelles Urteil über uns gebildet.

"Wir werden niemals zulassen, dass sich unsere Kinder bei einem Familienessen mit elektronischen Geräten ablenken", hast du mit Nachdruck zu deinem Mann gesagt und dabei mit dem Kopf in unsere Richtung gedeutet. So einfach.

Du würdest deinen zukünftigen, rein hypothetischen Kindern niemals erlauben, so unaufmerksam und unhöflich zu sein wie mein Kind es ist.

Ich bin mir sicher, dass du den restlichen Tag keinen weiteren Gedanken mehr an die Kinder verschwendet hast, die beim Brunchen mit einem Handy spielten.

Und ich kann dich sogar verstehen. Wirklich. Auch ich habe früher solche Sachen gesagt.

Damals, als ich selbst noch nur zukünftig und rein hypothetisch Kinder hatte. Damals, bevor ich dann real existierende Kinder hatte. Damals, bevor mir klar wurde, dass eines meiner Kinder ein bisschen anders ist als die meisten Kinder in seinem Alter. Damals, bevor der Arzt das bedeutungsvolle, beängstigende Wort ausgesprochen hatte, das mit A anfängt.

Weißt du, man kann leicht über andere urteilen, wenn man nicht selbst in der Situation steckt. Denn du siehst einfach nur ein Kind, das mit einem Handy herumspielt. Doch ich sehe etwas anderes.

Du siehst einfach nur ein Kind, das vom Geschehen am Tisch überhaupt nichts mitbekommt. Ich sehe jedoch ein Kind, das sich wirklich großartig schlägt, weil es sich zusammenreißt und keinen Wutanfall bekommt.

Du siehst einfach nur ein Kind, das sich mit einem Handy ablenkt. Ich sehe jedoch ein Kind, das sich heute früh, wie so oft wieder einmal in den Vorhängen eingewickelt hat, weil es sich nicht anziehen wollte.


Dieses Kind ist gerne nackt
. Für dieses Kind ist Kleidung unbequem und einengend, selbst wenn man sie ihm zwei Nummern zu groß kauft. Sogar ein weiches Baumwoll-T-Shirt kann sich für dieses Kind manchmal wie eine Zwangsjacke anfühlen. Während du also ein Kind siehst, das sich mit einem Handy ablenkt, sehe ich ein Kind, das überhaupt angezogen ist.

Du siehst einfach nur ein Kind, das seine Familie ignoriert und auf dem Handy herumspielt. Ich sehe jedoch ein Kind, das heute früh mit seiner Mama in einen öffentlichen Park gehen musste, weil dort Familienfotos gemacht wurden, obwohl das Kind eigentlich nicht mitgehen wollte.


Während wir uns auf das Fotoshooting vorbereiteten
, entdeckte dieses Kind hoch oben in den Bäumen eine Bank aus Ästen, und es wäre gerne immer wieder hochgeklettert und heruntergesprungen, damit es in diesen kurzen Momenten des freien Falls vergessen kann, wie eng sich sein T-Shirt anfühlt. Doch es durfte nicht.

Es musste stillsitzen, lächeln und Blickkontakt halten, was für das Kind nicht besonders angenehm ist. Während du also einfach nur ein Kind siehst, das seine Eltern ignoriert, sehe ich ein Kind, das eine ganze Stunde lang für Familienfotos posiert hat.

Du siehst einfach nur ein Kind, das das Essen auf seinem Teller links liegen lässt und sich lieber Videos ansieht. Ich sehe jedoch ein Kind, das 30 Minuten lang darauf gewartet hat, einen Platz an einem überfüllten Tisch zu bekommen und auf sein Essen zu warten.

Nur, um am Ende enttäuscht feststellen zu müssen, dass es nichts essen kann, weil auf seinem Teller statt Frikadellen ein Paar Würstchen liegt.

Hätte es die Würstchen denn nicht trotzdem essen können? Schmecken sie denn nicht so ähnlich? Wahrscheinlich, ja. Doch Würstchen sind neu für das Kind und sie sind ihm nicht geheuer. Außerdem könnten sie komisch schmecken. Also isst das Kind sie nicht.

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Es bleibt lieber hungrig, bis wir nach Hause kommen und es sein gewohntes Essen bekommt, das genau so schmeckt, riecht und aussieht, wie das Kind es gewohnt ist. Während du also einfach nur ein Kind siehst, das nichts isst, sehe ich ein Kind, das großen Hunger hat und darauf wartet, zu Hause endlich etwas essen zu können.

Du siehst einfach nur ein Kind, das alles um sich herum ausblendet - und auch ich sehe dieses Kind. Ich sehe jedoch auch, dass dieses Kind an diesem Morgen von seiner ganzen Umgebung so überfordert ist, dass es völlig in Ordnung ist, dass es alles komplett ausblendet ...


Du siehst einfach nur ein Kind, das vom Geschehen am Tisch überhaupt nichts mitbekommt. Ich sehe jedoch ein Kind, das sich wirklich großartig schlägt, weil es sich zusammenreißt und keinen Wutanfall bekommt.

Denn eigentlich hätte bereits eines dieser Erlebnisse an diesem Tag ausreichen können, um dem kleinen Kerl gehörig den Tag zu vermiesen. Und dann gleich alles auf einmal? Eigentlich hätte das bei ihm zu einem absoluten Super-GAU führen müssen. Doch das hat es nicht. Er reißt sich die ganze Zeit zusammen.

Und weißt du, warum er sich zusammenreißt? Weil die grellbunten Figuren in den Videos, die er sich ansieht, ihn gerade genug stimulieren, dass er alles andere "ausblenden" kann und nicht über all die anderen Dinge nachdenken muss, die ihn stören. Dass sein TSshirt sich so eng anfühlt, als müsste er darin ersticken. Dass er innerlich immer mehr Druck aufbaut und fast platzt. Dass sein Magen so laut knurrt, dass man es wahrscheinlich sogar schon am Nachbartisch hören kann.

Du siehst einfach nur ein Kind, das alles um sich herum ausblendet - und auch ich sehe dieses Kind. Ich sehe jedoch auch, dass dieses Kind an diesem Morgen von seiner ganzen Umgebung überfordert ist.

Es ist völlig in Ordnung, dass es alles komplett ausblendet und sich stattdessen auf den kleinen 3-Zoll-Bildschirm konzentriert, um diesen Familienbrunch irgendwie durchzustehen.

Ich möchte der Frau im Restaurant gerne sagen: Dass sie beim nächsten Mal, wenn sie mitbekommt, dass ein Kind sich bei einem Familienessen mit einem elektronischen Gerät ablenkt, doch bitte an eines denken soll.

Auch wenn ihre zukünftigen, hypothetischen Kinder zwar vielleicht einmal perfekt sein werden, so kann es gut sein, dass das Kind am Nebentisch sich gerade wunderbar schlägt, weil es keinen Wutanfall am Tisch bekommt und dass dieses Kind es nur schafft, sich zusammenzureißen, weil es alles um sich herum ausblendet.

Mit besten Grüßen,

die stolze Mutter dieses Kindes


Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(juk)