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Gesellschaft ohne Geld? Die digitale Transformation unserer Marktwirtschaft.

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHERNO JENS SPAHN
getty, reuters
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Bitcoin ist als virtuelle Währung in aller Munde, aber noch viel mehr Phantasie löst das dahinterstehende Prinzip aus: Die Technologie hinter Bitcoin ist die sogenannte Blockchain, vergleichbar mit einem gigantischen virtuellen Kassenbuch, das alles dokumentiert.

Blockchain ist genauer gesagt ein Datenspeicherprinzip, also eine Kette von Datenblöcken, die Transaktionen dezentral speichert. Alles Neue kommt in die Kette, ist sichtbar, und kann danach nicht verändert werden, weil die Infos auf zu vielen Rechnern verteilt sind.

Es ist quasi eine sich dauernd aktualisierende transparente und dazu noch dezentrale Datenbank. Und genau hier liegt die Revolution: Ein Netz übernimmt Funktionen, die bislang nur zentrale Plattformen leisten konnten. Mit weitreichenden Auswirkungen.

Fragen der HUFPOST-Leser

Bitcoin & Co, Blockchain und die Auswirkungen sind das Thema der UdLDigital Talkshow mit dem Parlamentarischen Staatssekretär im Finanzministerium Jens Spahn und der Gründerin des BlockchainHubs Shermin Voshmgir.

Kommt wirklich eine neue Zeit, verändern sich Geld und Geschäft? Gibt's gar ein neues Internet? Es ist ein komplexes Thema mit vielen offenen Fragen. Und ihr könnt mitfragen! Schreibt mir!

Paradigmenwechsel im Internet

Ein "Internet des Wertes", so Digitalguru Don Tapscott, tritt nun an die Stelle des uns bekannten Internet der Information. "Blockchain ist eine Art Vertrauensprotokoll, eine automatisierte und für alle einsichtige Notarfunktion für alle Transaktionen im Netz".

Mehr zum Thema: Blockchain wird ein neuer Grundbaustein der Wirtschaft

Statt zentraler Prozessinstanzen wie eben Notare, Treuhänder oder Makler, könnte die Blockchain zukünftig eine schnellere und vor allem kostengünstigere Alternative sein. Fans der Blockchain glauben, dass sich durch diese Technik alles verändern wird:

Nicht nur internationaler Zahlungsverkehr, sondern beispielsweise auch Aktienhandel, Onlinemarktplätze, Lieferkettenkontrolle, Echtheitszertifikate, sogar das Internet der Dinge soll sich hiermit viel einfacher managen lassen.

Auch die Öffentliche Verwaltung würde endlich effektiver, etwa Grundbuchregister, Energiewirtschaft oder Sozialhilfeleistungen. Künstler träumen von einer neuartigen Verwaltung von Urheberrechten.

Bitcoin, wie alles anfing

Im Silicon Valley ist die libertäre Ideologie einer staatsfreien Gesellschaft weit verbreitet. Und genauso denkende Nerds gründeten vor gut 10 Jahren die Bitcoin-Bewegung. Sie mögen keine Banken, Zentralbanken schon gar nicht. Für den Traum von Geld ohne Staat hatten die Bitcoin-Jünger sogar ein Vorbild:

Wirtschaftsnobelpreisträger Hayek schlug einen "freien Wettbewerb privater Währungen vor: Das bessere Geld setzt sich durch, das schlechtere wird verdrängt."

Wie werden wir also in Zukunft bezahlen? Werden herkömmliche Währungen verschwinden? Werden Staaten auf Finanz und Währungspolitik verzichten?
Wird es gar eine neue Ära des Kapitalismus geben?

Bitcoin als neue universelle Währung

Weil gerade Zahlungsabläufe wesentlich effizienter werden, arbeiten praktisch alle Geldhäuser irgendwie an dieser Technologie. Nach wie vor haben Milliarden Menschen kein Konto. Würden nun alle Erdbewohner ihre Transaktionen, auch die kleinsten, bargeldlos und damit kostengünstig buchen, wären die herkömmlichen Banken schnell an ihrer Kapazitätsgrenze.

Denn Banken brauchen heute immer noch sehr lange für Transaktionen. Mit der neuen Währung und der neuen Technik wären, so die Vision, alle Probleme des Finanzsektors und der Kunden gelöst.

Ist Bitcoin nicht nur eine Glaubensfrage? Es gibt ja keinen Wert dahinter, keinen Staat, der mit seiner Wirtschaft Vertrauen schaffen könnte, wie kann ein mögliches Vertrauensdefizit gelöst werden? Kann es eine Marktwirtschaft ohne Bargeld und Banken geben?

Bitcoins, so sagen Volkswirte, sei zu instabil und krisenanfällig. Das starre Geldangebot führe selbst bei einem kleinen Schluckauf zu großen Wirkungen für die Wirtschaft. Ist das Risiko für Gesellschaften nicht zu groß?

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Investoren aus Japan, Südkorea und China sind zeitweilig für rund 70% des Bitcoin-Handelsvolumens verantwortlich, taugt das als Weltwährung?

Wenn Bitcoin wegen ihrer absoluten Obergrenze als Zahlungsmittel ausfällt, weil alle sie wegen des enormen und ständig steigenden Wertes nur noch horten anstatt auszugeben, was dann? Könnte Bitcoin über sich selbst stolpern? Ist die Gefahr durch den kürzlichen Split gebannt?

Während die G20-Länder ein modernes Banken- und Zahlungssystem haben, trifft das auf die restlichen rund 180 Staaten nicht unbedingt zu. Sind Bitcoin & Co also eher etwas für die Nicht-Industrieländer?

Kryptowährungen haben niedrige Transaktionskosten. Handelsketten und Internetkaufhäuser mit kleinen Margen könnten sich so vom Joch der Kreditkarten mit deren üblichen bis zu drei Prozent des Handelsvolumens befreien. Wird der Handel zum Durchbruch verhelfen?

Blockchain, eine Revolution

Die Blockchain-Technologie hinter Bitcoin ist mittlerweile Mainstream, ganz ohne den langjährigen Nerd-Status, und schickt sich nicht nur die digitale Wirtschaft komplett zu verändern. Blockchain-Fans wie der berühmte Wagniskapitalfinanzierer Marc Andreesen bremst Kritiker und Skeptiker gerne mit dem Argument aus, es sei wie der Durchbruch des PC 1975 und das Internet des Jahres 1993 - kurz bevor es den ersten Browser gab. Die Technik reife halt noch.

Aber: Wird der Staat die Beweisbarkeit von Blockchain-Einträgen anerkennen? Viele Blockchain-Startups gründen daher lieber im schweizerischen Zug oder amerikanischen Delaware, die Gründern mehr Rechtssicherheit bieten. Verpasst Deutschland mal wieder was? Blockchain bedroht Etablierte, wäre es möglich, dass sich die Etablierten die Technik zu eigen machen und für sich privatisieren?

Ist die Blockkette nicht die Chance für die Banken, eines ihrer größten Probleme zu lösen: die zu hohen Kosten? Warum sind sie nicht euphorischer? Viel wird geredet von sogenannten intelligenten Verträge. Können diese smart contracts auch juristisch verbindliche Verträge repräsentieren? Peer to Peer, Handel ganz ohne Vermittler?

Hörten wir das nicht schon mal zu Anfangszeiten des Internets? Welches Recht gilt eigentlich in einem P2P Netzwerk ohne zentrale Instanzen?

Die verrückteste Blase aller Zeiten?

Die Börsen-Zeitung spöttelte dieser Tage, es sei nur wieder einmal "die Formel zur Schaffung unermesslichen Reichtums aus Luft entdeckt worden. Oder genauer, aus Elektrizität, die es zur Schaffung von Bitcoin per Rechnerleistung braucht". Anfang des Jahres lag der Bitcoin-Wert noch unter $800, im Sommer überschritt die $4000er Grenze.

Aktuell gibt es rund 840 Digitalwährungen, Bitcoin ist die bekannteste, Tendenz weiter steigend. Die Marktkapitalisierung der Währungen hat sich gerade verdoppelt. Also eher eine verrückte Blase, wie das Wirtschaftsmagazin Forbes vermutet, bei der einige sehr reich werden?

Ständig neu entstehende Kryptowährungen finanzieren sich durch sogenannte ICOs (Initial Coin Offering), quasi digitale Börsengänge. Diese Mischung aus Crowdfunding und Börsengang wird nicht reguliert. Vitalik Buterin, ein gebürtiger Russe kreiert mit Anfang zwanzig eine der neuen Kryptowährungen: Ether. Dessen Wert steigert sich binnen Monaten um 500%!

Ether ist Währung und Abrechnungsstelle zugleich, übernimmt eine Kontrollfunktion. Was erstmal toll klingt, wirkt bei diesen Zahlen schnell als Blase. Eine weitere Währung ist Onecoin. Hier können Nutzer "nur" Tokens, also Ansprüche auf das neue Geld kaufen. Onecoin selbst produziert das neue Geld. Wie ist eigentlich der Rechtsstatus von Blockchain Tokens? Wie will man Skeptiker überzeugen, dass es eine Revolution ist und nicht nur Überschlaue nicht ganz so Schlaue mit einer erschaffenen Blase über den Tisch ziehen?

Regulierung

Banken, Börsen und ziemlich viel, was mit Geld zu tun hat wird von Staaten reguliert. Wie muss Regulierung nun angepasst werden, um Kryptowährungen und alles was mit der Blockchain zu tun hat erfolgreich zu machen?

Die Winklevoss-Zwillinge, die berühmt wurden mit ihrem Vorwurf, Mark Zuckerberg habe ihnen Facebook geklaut, betreiben die Bitcoin-Tauschbörse Gemini.

Dieser Handelsplatz wird von US-Behörden anerkannt und reguliert. Warum eigentlich nicht bei uns? Den bereits geplanten "Bitcoin-ETF" für Privatanleger erlaubte die US-Börsenaufsicht dann aber doch nicht: Sie hielt den Bitcoin Handel für zu anfällig für Manipulationen. Also was nun?

Sicherheit

Die Geschichte lehrt uns, alles was als sicher galt, wurde irgendwann geknackt. Und überhaupt: Wenn nur noch Maschinen kommunizieren, also smarte autonome Agenten in Umlauf sind, können die dann nicht wie Computerviren Amok laufen...

Unidentifizierbarkeit durch Verschlüsselung ist toll für Dissidenten in autoritären Ländern. Bitcoin & Co werden anderswo schon mal als Drogenwährung bezeichnet. Da alles anonym ist, sorgen sich viele um Betrug, Geldwäsche und Gewalt. Man kann Dinge bezahlen, die man von Rechts wegen gar nicht kaufen kann.

Die Drogenbörse Silk Road zeigte doch eindrücklich, was Kriminelle mit der neuen Technik machen können und gilt manchen als Beweis, dass Bitcoins erfunden wurden um illegalen Handel zu treiben. Sind Bitcoin-Jünger nicht zu naiv?

Bei aller Fälschungssicherheit der Krypto-Währungen, Hacker zielen auf die virtuellen Geldbörsen der Nutzer: So ging etwa die Börse Mt Gox pleite, viele verloren Geld. Dazu kommt noch: von Hackern geklaute Bitcoins sind weg. Die Verschlüsselung der Währung erlaubt zwar, die Bewegung des Geldes nachzuvollziehen, es ist aber unmöglich, den Kontoinhaber zu identifizieren. Irgendwie schwer nachzuvollziehen, jedenfalls für Otto Normalverbraucher.

Und wie sieht es mit den Krypto-Börsianern aus? So wurde der Boss der Börse BitInstant, wegen des Verdachts auf Geldwäsche verhaftet. Er soll auch Drogen auf der Webseite Silk Road gekauft haben. Wie will man bei diesem Problem ansetzen?

Hätte Ulli Hoeneß seine Börsenspekulationen mit Bitcoins getätigt, wäre er nie in den Bau gegangen. Braucht diese schöne neue Welt nicht doch mehr Aufsicht, mag sich da manch einer fragen...

Blockchain-Governance

Die Firma Bitnation plant eine Art Staat 2.0: Verwaltungsakte, Bildungswesen und andere Staatsleistungen werden für die Bürger dieser "Kryptonation" mit der Blockchain abgewickelt. Das ist allerdings mehr als ein der vielen Silicon Valley Übertreibung, denn Estland nutzt für sein E-Residency Programm Bitnation als Notarisierung.

Experten lächeln diese Idee jedoch weg, indem sie betonen, dass es Staaten freistehe zu regeln, ob "rechtlich relevante Vorgänge durch Verwaltungsakte oder private Akte zu dokumentieren sind." Estnisches bleibt also bei Estland. "Eine "Blockchain-Jurisdiktion" sei nicht gegeben".

Einen Staat dazu nur als Legitimierer von Transaktionen zu sehen, wirkt auch reichlich naiv: Staaten sind auch dafür da, bestimmte Dinge zu verhindern und gegebenenfalls zu bestrafen. Dazu wären in einer Gesellschaft mit Blockchain-Governance Techies wahrscheinlich stark privilegiert.

Mehr zum Thema: Jeder Mensch sollte uns einen Teil seines Vermögens überweisen - und damit die Welt verbessern

Macht hätte der Algorithmus. Aber wer bestimmt dann eigentlich, was nicht geht, oder gehen sollte?

Demokratische Willensbildung kann man dazu nicht durch bloße Transaktionen ersetzen. Droht da nicht eine Diktatur der Zahlencodes?

Wäre die Aufgabe des für uns fast "heiligen" Prinzips der Gewaltenteilung, nicht ein sehr hoher Preis für die neue Technik?

Sind wir als Gesellschaft zum kulturellen Wandel der Wirtschaft bereit?

Viel wahrscheinlicher werden sich Staaten der neuen Technik bedienen, allein aus Effizienzgründen. Das World Economic Forum glaubt, das bis 2023 der erste Staat Lohnsteuern durch eine Datenblockkette erheben wird.

Was meint Ihr?

Schickt mir Eure Fragen! Welche Punkte interessieren Euch außerdem? Jetzt seid Ihr dran:

Was würdet Ihr in der UdLDigital Talkshow im Berliner BASECAMP den Parlamentarischen Staatssekretär im Finanzministerium Jens Spahn fragen, was die Gründerin des BlockchainHubs Shermin Voshmgir? Schreibt mir unter sekretariat@cherno-jobatey.de! Einige Fragen werde ich stellen.

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Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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