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Cherno Jobatey Headshot

Eine Woche Huffington Post

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Eigentlich sollte ja alles ganz anders sein: Ich sollte als Überraschung am Schluss der Pressekonferenz quasi aus der Torte springen.
Am Vortag kam ich mit dem Team zusammen. Das war ein schöner Moment: Die Leidenschaft aller für unser „Produkt" war im Raum deutlich spürbar. Nicholas aus New York sagte, er habe schon mehrere Launches erlebt, auch in Südeuropa. Aber das hier sei doch schon etwas Besonderes. Es wurde gelacht, gefachsimpelt und wir warteten auf Arianna.
Plötzliches Fluchen aus Nicholas Richtung: „Shit, we are leaked! Hollywood Reporter just put you on the Web Cherno!" Und der sorgfältig geplante Überraschungseffekt war hin. Dann erschien die Meldung auf Twitter! Verblüffend, wer das alles abonniert hat! Eine Minute später fing mein Handy an zu klingeln.
Und dann kam Arianna, sie lächelte und begrüßte jeden einzelnen ihres „zehnten Babys, HuffPost Deutschland". Sogleich übernahm sie die Führung und wir bereiteten uns weiter auf unseren großen Tag vor.

Als Huffington Post am nächsten Vormittag dann endlich gestartet war, verblüffte mich die Euphorie der Kollegen, die mit dem Projekt eigentlich nichts zu tun hatten. Bevor ich nach Berlin zurückflog, war da noch eine Konferenz, bei der ich die HuffPo vorstellen sollte. Freundliche Reserviertheit schockfrostete den Raum zunächst, aber man war bereit zunächst mal zuzuhören. Und dann gingen die Fragen los zum Aggregieren, zum Bloggen, zu Nachrichten allgemein. Einen graumelierten Gentleman habe ich mir gemerkt, der nochmal genau wissen wollte, was es mit den Infos auf sich habe, die er morgens im Deutschlandfunk gehört hätte: Wie das denn nun sei mit den Inhalten, dem Urheberrecht und den Links. Also erklärte ich wie ein Link funktioniert, der den Leser von A nach B bringe. Allerdings wolle der Leser schon wissen, was er hinter dem Link zu erwarten habe. Also gibt es zwei Sätze dazu. Der Nadelstreifen-Mann nickte. „OK, aber dann geht doch der Traffic woanders hin?" „Ja!", antwortete ich, „ Internet ist wie das Leben: Es ist ein Geben und Nehmen." „Aber dann müssten doch FAZ, BILD oder Handelsblatt dankbar sein für die Leser. Warum der Lärm?" Darauf konnte ich keine sinnvolle Antwort geben. Und das Urheberrecht? „Ja," lächelte ich, „Huffington Post befolgt deutsches Recht. Geht auch gar nicht anders."

Nachdem sich herumgesprochen hatte, dass die Huffington Post eine Online-Zeitung und gleichzeitig eine Plattform ist, auf der jeder mitmachen kann, watete ich in den letzten Tagen förmlich knietief durch Nachrichten über verpasste Anrufe, Bitten, doch zurückzurufen, Bewerbungen per SMS oder Email.

TV-Kollegen fragten begeistert, ob man da nicht auch bloggen könne, und baten, noch einmal zu erklären, wie das eigentlich technisch funktioniere. Teenager mit Stylingfimmel fragten genauso an wie Ältere, die einfach mal Dampf ablassen und über die Regierung schimpfen wollten. Regierungssprecher fragten an, wie man ihre Chefs, die Ministerpräsidenten, unterbringen könne. Ich entgegnete, sie / er müsse eine eigene Meinung äußern, am besten zugespitzt, damit sich eine Diskussion entwickeln könne. Wie? Einfach so einen längeren Gedanken raushauen? Ja erwiderte ich, wie damals in der Uni, nur das Publikum passe halt in keinen Seminarraum. Geduldiges Erklären war angesagt, Merkels verspottete Neuland-Bemerkung ist offensichtlich näher an der Realität als ich mir vorgestellt hatte.
Nie hätte ich geglaubt, dass die Schwellenangst im Internet einen Blog zu erstellen so hoch ist, dass das Einrichten einer WordPress-Seite wohl eine etwas höhere (technische) Hürde ist. Wie einfach nur eine Mail an blog@huffingtonpost.de, das reiche? Wie geil ist das denn...
Ein habilitierter Professor bewarb sich zum Bloggen gleich ganz akkurat mit detailliertem Lebenslauf!"

„Putting the public back to the public relations!", mir wurde im Laufe der Woche immer deutlicher, was diese Line vom Social Media Guru Brian Solis bedeuten kann.

Am meisten gefreut habe ich mich über die Mail eines - meines alten Professors des Konservatoriums in Los Angeles, an dem ich zu einer Zeit studierte, als Musik eine größere Rolle in meinem Leben spielte. Der Mann, von dem ich seinerzeit neben Improvisation vor allem Performance und Bühnenarbeit lernte, ist Pianist und heißt Carl Schroeder. Er lehrt immer noch und steht fast jeden Tag auf einer Bühne. Und den Hollywood Reporter, das Branchenblatt der Entertainment-Hauptstadt, das liest er morgens immer noch als erstes.