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Wie viel Digitalisierung verträgt Kultur?

16/01/2016 14:46 CET | Aktualisiert 16/01/2017 11:12 CET

Wie viel Digitalisierung verträgt Kultur?

Digitalisierung ist ein Segen der Menschheit, bringt uns eine nie gekannte Vielfalt, wir können alles sehen, lesen, erlernen, sie macht die Welt kleiner und demokratischer. Trotz dieser Heilsversprechen macht sich gerade bei Kulturschaffenden eine Skepsis breit. Immer hörbarer steht eine Frage im Raum: Wie viel Digitalisierung verträgt Kultur, oder besser wie viel Digitalisierung verträgt der Kulturbetrieb?

Hauptsächlich geht es darum, dass Künstler für ihr Werk fair entlohnt werden: schlicht davon leben können. Die frühere Financiersrolle der Mäzene - meist Kirchen oder Fürsten - übernahm in moderneren Zeiten eine Kombination aus Urheber- und Leistungsschutzrecht und Abgaben. Was nach Alter Väter Sitte reibungslos rollte, rumpelt und schlittert nun vielfach.

Fragen der Huffington Post Leser

Ist Digitalisierung nun ein Segen oder nichts weiter als eine gigantische Enteignungsmaschine, wie manche befürchten? Wie sollen wir damit umgehen? Dazu werden Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters und Popstar Smudo von den Fantastischen Vier in der UdLDigital Talkshow diskutieren.

HuffPost Leser können wie immer mit Fragen dabei sein. Mailt mir, ich werde eure Fragen stellen. Da Kultur ein weites Feld ist, werden wir uns begrenzen auf Musik, Bücher und Filme.

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Neues angepasstes Recht

Neue Technologien bringen neue Möglichkeiten und diese bedürfen früher oder später angepasste Regeln. Brauchen wir neue gesetzliche Regulierungen? Was würden die bewirken? Gerade Urheber- und Leistungsschutzrecht regelt jedes Land, auch innerhalb Europas anders. Was würde also ein neues Recht bewirken, wenn eine Firma, die ein Produkt für den deutschen Markt anbietet, in Luxemburg beheimatet ist, oder in Irland, oder in Neuseeland oder den USA? Oder in einem Land, in dem es überhaupt kein Urheberrecht gibt? Gibt es da überhaupt eine Lösung? Und wäre die dann auch durchsetzbar?

Digitalisierung metzelt Musik

Die erste Kulturform, die die Digitalisierung „erwischte", war Musik. Es traf die Musikindustrie oder genauer - die Tonträgerindustrie völlig unvorbereitet. Kompressionsverfahren wie mp3 dampften große Musikdateien ein. Jeder konnte Musik tauschen und verteilen. Die Tauschbörse Napster steht für das Wanken einer ganzen Kulturform. Umsätze der Industrie und der Musiker brachen weg.

Mittlerweile sind 20 Jahre vergangen, die Branche hat gelernt, und lebt mittlerweile ganz gut mit den (eigentlich nicht mehr ganz so) neuen Technologien. 2014 erreichten die digitalen Umsätze, also Download- und Streaming-Angebote, das Volumen der Umsätze des „physischen" Geschäfts mit Datenträgern. Warner Music, als eines der größten Musiklabels, verzeichnete im letzten Jahr weltweit erstmals mehr Umsätze mit Streaming als aus dem Download-Angebot.

Kultur wie aus dem Wasserhahn

Das Konsumverhalten von Musikfans hat sich massiv verändert. Die CD-Sammlung wich einem ständigen unbegrenzten Zugriff auf eine Bibliothek vieler Millionen Songs. All das bieten Streaming-Angebote, werbefinanziert oder gegen eine monatliche „flat rate"-Gebühr. Nur so, rühmen sich die Anbieter, gelang es, die Massenpiraterie auf illegalen Tauschbörsen endgültig in den Griff zu bekommen.

Trotzdem stehen Streaminganbieter bei vielen Künstlern unter starker Kritik. Der Vorwurf: Musik werde unter Wert verkauft. Oder sie werden verklagt, weil sie Künstler gar nicht bezahlen. Legende ist mittlerweile, wie Popstar Taylor Swift mit ihrem zweistelligen Millionenheer von treu ergebenen Social Media-Fans Apple von seinem Vorhaben abbrachte, Musik erstmal drei Monate an seine Kunden zu verschenken, ohne den Künstlern etwas dafür zu zahlen.

Brauchen also Künstler ohne Millionen-Fans die Hilfe des Staates in dem ansonsten ungleichen Kampf? Wie müsste das neue Recht aussehen, was brauchen Künstler, um von ihren Werken leben zu können? Muss man - und wenn ja, wie kann man Streaming regulieren?

Von Musik lernen?

Wurde die Musik damals von den Gesetzgebern im Stich gelassen, die das Urheberrecht einfach nicht schnell genug angepasst haben? Oder haben die Konzerne den Wechsel verschlafen? Und wenn ja wohin? Wo soll der Schwerpunkt liegen? Bei den Künstlern, oder eher wie es jetzt laut einer Studie der Fall zu sein scheint bei der Tonträgerindustrie?

Ende aller Bücher? NEIN!!

Digitalisierung war und ist für viele in der Verlagswelt eher Bedrohung als Chance, wird hier doch eine sehr konservative Branche aufgebrochen. Dazu kam ein eher burschikoses Auftreten der Firma Google. Copyright-geschützte Bücher wurden digitalisiert und waren online durchsuchbar. Erwartbare Klagen wurden in Kauf genommen. Kürzlich, nach 10 Prozessjahren, wurde dieses Vorgehen von US-gerichten als „fair use" und damit legal gewertet.

Ist Digitalisierung nun das Ende der gedruckten Bücher? So einfach ist es nicht. Zum einen ist der Google-Books-Fall so nicht übertragbar auf deutsches Recht. Zum anderen lesen wir anscheinend nicht so gerne Bücher auf Bildschirmen, wie prognostiziert. In England etwa brechen die E-Reader-Absätze ein, Verkäufe gebundener Bücher stieg 2015 um fünf Prozent.

Verlagswesen demokratisiert sich

Der Verlagsbetrieb hat bestimmte Regeln, auch bestimmte Marktregeln. Und wer den Marktzugang regulierte, konnte auch bestimmen, was erschien, und was nicht. Was den Entscheidungsträgern nicht gefiel, passierte nicht, drang einfach nicht durch. Ist es also nicht ein Segen, dass diese verschlossene Welt demokratisiert wurde? Also wir jetzt beispielsweise Bücher lesen können, die früher wohl nie veröffentlicht worden wären?

„Mammi-Porno" wird durchs Internet Weltbestseller

Eine Hausfrau in Australien erzählte in einem Internet-Tagebuch die Geschichte ihres Lieblings-Vampirfilms „Twilight" weiter, gewürzt mit ihren sexuellen Fantasien. Wegen Copyright-Problemen wurde in ihrer Story der Vampir zum Banker, die Schülerin zur Studentin. Der Blog verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Irgendjemandem fiel dieses Phänomen auf und produzierte daraus das E-Book: "50 Shades of Grey".

An keinem Lektor wäre der Internet-Hit, den Etablierte den Internet-Hit als "Mummy-Porn" verhöhnten, wohl je vorbeigekommen. aber die gigantischen Zahlen ließen dann doch Verlage anklopfen. Aus dem E-Book wurde ein billiges Taschenbuch, aus dem Taschenbuch ein Paperback, dann sogar ein Hardcover.

Weil es in Australien so gut lief, ging das gleiche Spiel in den USA los. Von dort aus startete das Buch einen beispiellosen Siegeszug um die Welt. Die Versteigerung der Filmrechte gerierte zu einer wahren Schlacht in Hollywood. Letztendlich war es eines der erfolgreichsten und ertragreichsten Bücher aller Zeiten.

Ist die Digitalisierung also wirklich so schlimm? Denn letztendlich lief die Verbreitung doch herkömmlich, per Verlag. Haben jetzt nicht viel mehr Künstler eine Chance, die sonst nie eine Chance bekommen hätte? Der Gegensatz Etablierte gegen Neulinge ist so alt wie die Menschheit. Manch einer argumentiert, die Etablierten wollen sich mit Ihrem Einfluss nur ihre Stellung erhalten. Wie kann man beide Seiten im Blick behalten?

Filmförderung verringerte sich durch Digitalisierung

Wenigen ist bewusst, dass durch das digitalisierte Konsumentenverhalten Kulturabgaben ins Schleudern geraten: da wir, lieber Filme gestreamt auf dem Handy oder dem heimischen Großbildschirm sehen, und weniger ins Kino gehen, ist die Summe der Abgabe, die etwa auf der Kinokarte war, und Filme finanziert hat, immer kleiner geworden. Ein wesentlicher Teil staatlicher Film-Fördermittel stammt aus Abgaben rund um Filme. Netflix, iTunes und Co führen zur Verschiebung von Umsätzen vom Kino ins Netz.

Wie die Förderlücke füllen?

Da Betreiber von Streamingdiensten häufig für deutsche Gesetze unerreichbar im Ausland sitzen, wird darüber diskutiert, Internetzugangsanbieter, die Streaming durch ihre Leitungen ermöglichen, in die Pflicht zu nehmen. Wäre das fair? Hat man da alle Interessen im Blick, also die der Künstler, der Netzbetreiber und die von uns Konsumenten?

Soll die Lücke bei der Förderung überhaupt gefüllt werden? Findet hier - so Kritiker - nicht nur eine längst fällige Marktbereinigung statt? Filmförderung ist für diese Kritiker ein undurchschaubares, zersplittertes Subventionssystem, das um sich selbst kreist und falsche Anreize schafft. Da sich Filme nicht am Markt refinanzieren müssen, werden viele schlicht nicht für den Markt, also uns Zuschauer produziert, laufen nie in Kinos.

Kulturfinanzierung durch Urheberrechtsabgabe wankt

Vor 50 Jahren erfand Deutschland als erster Staat weltweit ein System gerätebezogener urheberrechtlicher Abgaben als Reaktion auf neue Vervielfältigsmöglichkeiten mit Tonbandgeräten. Pragmatisch legalisierte man diese Urheberrechtsverletzungen durchs kopieren mit Einführung des Terminus Privatkopie, die dafür aber ausgleichspflichtig sein sollte. Gerätehersteller, Importeure und Händler mussten die Abgaben einpreisen und so Kopieren für den privaten Gebrauch quasi in Rechnung stellen.

Das System wurde mehrfach ausgeweitet: Abgabepflichtig ist inzwischen jedes Gerät, also Handy, PC, Tablet, TV-Receiver aber auch Speichermedien wie USB-Sticks oder Festplatten.

Urheberrechtsabgaben ein europäischer Flickenteppich

Nicht nur in der Höhe unterscheiden sich Urheberrechtsabgaben stark, in einigen Ländern existiert sie gar nicht. Dazu knirscht es gewaltig im Räderwerk, dank des Online-Handels innerhalb des europäischen Binnenmarktes mit seinem freien Warenverkehr: Theoretisch muss für jedes Gerät beim Export bei den Verwertungsgesellschaften ein Erstattungsantrag gestellt werden. In der Realität floriert ein Graumarkt: Onlinehändler, die zwar in der EU, aber außerhalb von Deutschland verkaufen und versenden, umgehen die Abführung der Urheberrechtsabgabe.

Politik ist gefragt

Wie kann die Politik da eingreifen? Ist es realistisch, das Europa da an einem Strang zieht? Ein offenes Geheimnis ist es, dass es globale Giganten dahin ziehen, wo lokale Regeln Schlupflöcher und damit Preisvorteile ermöglichen. Abgaben sind, wie Steuern, Standortpolitik. Und bei Ansiedlung von Firmen und damit Arbeitsplätzen, herrschten schon immer nationale Egoismen.

Privatkopie in Zeiten der Cloud

Aber ist dieses System - Privatkopien mit Abgaben zu belegen - in seiner Logik überhaupt noch zeitgemäß? Musik wird zunehmend nicht mehr lokal auf Abspielgeräten gespeichert wird, sondern „kommt" per Streamingdienst direkt aus der Cloud. Die Kopierfunktion verliert zunehmend an Bedeutung. Warum sollte kopiert werden, wenn jederzeit Zugriff auf Unzähliges möglich ist? Das Konzept der legalen Privatkopie stößt perspektivisch an Grenzen.

Wie kann man einen Ausgleich finden, zwischen dem Interesse der Kunst und Kultur, Kulturschaffenden, Handyproduzenten, Netzbetreibern und uns Konsumenten? Was ist fair? Ganz konkret: wie viel muss sagen wir ein Handy bezahlen, damit sein Kultur nutzen fair abgegolten ist? Die Kulturindustrie setzte einst 35 € pro Handy durch, seit diesem Jahr wurde auf fünf Euro reduziert.

Pessimistisch oder optimistisch?

Bei all den komplexen Zusammenhängen muss man doch sagen, das für Pessimismus nicht so viel Grundlage besteht: Konzerte sind voll, Museen vermelden Rekorde. Kann es sein, das die ständige Verfügbarkeit und Abbildung von Kunst zu einem Hunger auf Originales führt? Hilft Digitalisierung letztendlich Künstlern, die ihr „Geschäftsmodell" nur den neuen Realitäten anpassen müssen?

Schreibt mir!

Wie viel Digitalisierung verträgt Kultur? Was meint Ihr? Wir wollen viel Debatte dazu im Berliner BASE_camp in der UdLDigital Talkshow stattfinden lassen. Was würden Sie Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters und Popstar Smudo von den Fantastischen Vier in der UdLDigital Talkshow fragen?

Mailt mir. sekretariat@cherno-jobatey.de

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