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Cherin Kasper Headshot

Wie es sich anfühlt, an dem einen Morgen als Frau aufzuwachen und am anderen als Mann

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CHERIN KASPER
Cherin Kasper
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"Cherin, du bist so toll! Wenn du ein Junge wärst, dann wäre ich mit dir zusammen!" Ich war in meinem ersten Lehrjahr in meiner Ausbildung für Grafikdesign als ich - schon wieder - diesen Satz hörte. Ich lachte und sagte: "Tja, da kann man leider nichts machen."

Als ich nach Hause kam, schloss ich die Tür hinter mir und stellte mich vor den großen Spiegel in meinem Zimmer. Ich betrachtete meinen Körper - dann fing ich an zu weinen.

Ich hasste, was ich sah. Ich fühlte mich unwohl mit meinem Körper. Ich fragte mich, ob es besser werden würde, wenn ich meine Brüste nicht mehr hätte.

"Wenn du ein Junge wärst, dann wäre ich mit dir zusammen!" Es war nicht das erste Mal, dass ich diesen Satz hörte und nicht das erste Mal, dass ich mir wünschte, ich würde nicht in diesem Körper stecken.

"Du hättest vielleicht ein Kerl werden sollen", sagte meine Mutter zu mir

Als Kind besaß ich beinahe 20 Barbies. Ich konnte ewig mit ihnen spielen. Aber auch das Spielzeug von meinem großen Bruder bereitete mir großen Spaß.

Im Kindergarten war ich immer mit den Jungs unterwegs. Die hatten einfach die besseren Spiele und waren immer draußen - es gefiel mir, mit ihnen rumzuräubern, wild zu sein.

Ich wollte nicht immer nur in der Puppenecke sitzen. Ich wollte beides. Es ergab einfach keinen Sinn für mich, sich nur für eins zu entscheiden.

Ich erinnere mich noch, dass meine Mutter damals lachend sagte: "Du hättest vielleicht lieber ein Kerl werden sollen." Dieser Satz hat sich in meinen Kopf eingebrannt.

Mit 15 war ich das Erste mal bei einem Psychologen. Ich wurde mit Burn-Out diagnostiziert.

Verwunderlich war es nicht: Ich hatte keine Freunde und mit meinen Hobbys konnte keiner etwas anfangen. Es fiel mir schwer, mich auf Lernstoff zu konzentrieren, doch irgendwie musste ich versuchen, meinen Hauptschulabschluss zu schaffen.

Ich steige aus, ich brauche das alles nicht

In der Schule wurde ich von allen Seiten gehänselt. Ich war nicht wie die anderen Mädchen in meiner Klasse. Sie hatten sich schon immer als Mädchen gefühlt, die meisten von ihnen entsprachen dem klassischen Frauenbild: lange Haare, geschminkt, sie trugen Kleider und Röcke.

Das war ich alles nicht und das wollte ich auch nicht sein. Ich dachte nur "Da hab ich kein Bock drauf, ich steige aus. Ich, als Cherin Josephine Kasper, brauche das alles nicht."

"Bist du ein Junge, oder was?" wurde ich ständig gefragt. Ich verneinte natürlich, aber innerlich war ich am Zweifeln. Ja? Nein? Es hätte mir nichts ausgemacht, wenn sie mich als Junge gesehen oder angesprochen hätten.

Die Jungen in meiner Klasse wollten aber auch nichts mit mir zu tun haben. Sie fanden mich seltsam, ich hatte eben die klassischen Geschlechterrollen abgelegt. Ich war nicht wie die anderen Mädchen aber eben auch nicht wie die Jungs.

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Dass ich seltsam bin, haben schon oft Leute zu mir gesagt. Und das ist auch heute noch so.

Der Psychologe half mir nicht weiter, ich konnte mich ihm gegenüber nicht öffnen. Ich hatte das Gefühl, dass er mich nicht versteht.

Nach dem Hauptschulabschluss kümmerte sich ein Sozialarbeiter um mich. Jede Woche versuchte er herauszufinden, warum ich einen emotionalen Burn-Out hatte und warum man das nicht vorhergesehen hatte können.

Ich fühlte mich in meinem Körper gefangen

Kurz danach lernte ich einen transsexuellen Menschen kennen. Das war vollkommen neu für mich. Endlich jemand, der sich in seinem Körper auch nicht zu Hause fühlte. Mein Kopf fing an sich zu drehen. War ich vielleicht auch transsexuell? War ich im falschen Körper geboren?

Doch es gab auch Tage, an denen ich mich wohl mit mir fühlte - als Frau. Die weiblichen Attribute sind da, und sie sind eigentlich gar nicht so schlecht. Aber es gab eben auch die anderen Tage, an denen ich mich maskulin fühlte. Was war ich also?

Wenn du anfängst, nach solchen Themen im Internet zu suchen, ist das Erste, worauf du stößt, Transsexualität. Aber ich war auch nicht transsexuell. An manchen Tagen wollte ich mich einfach nur hübsch machen und an anderen meine Männlichkeit ausleben.

Meine Mutter machte sich Sorgen und fragte mich, ob alles in Ordnung sei und ob ich mich in meinem Körper wohl fühle. Fakt war: Nein, das tat ich nicht.

Mein Burn-Out entwickelte sich über die Zeit zu einer Depression. Meine Gedanken wurden düsterer. Ich fühlte mich gefangen.

Wenn ich in den Spiegel sah, trennte ich meinen Körper gedanklich in zwei Teile. Der untere Teil musste weg - aber alles ab dem Hals aufwärts war ein unbeschriebenes Blatt. Es kann Frau sein, es kann Mann sein. Es kann Mensch sein.

Ich bin nicht seltsam, ich bin nicht alleine

Ich habe versucht, alles zur Seite zu schieben. Es kam aber immer wieder. Ich machte mir Vorwürfe, ob ich nicht doch lieber ein Junge hätte sein sollen.

Vielleicht hätte mein Vater uns dann nicht verlassen. Vielleicht hätte ich nicht die Menschen verletzt, die sich in mich verliebten und dachten, ich hätte ein anderes Geschlecht. Vielleicht hätten meine Beziehungen dann gehalten.

Immer wieder stieß ich mich von den Geschlechterrollen ab. Ich wollte kein Geschlecht haben oder sein. Ich wollte Mensch sein und auch von anderen als das gesehen werden.

In meinem zweiten Jahr der Ausbildung, ich war 23, saß ich mit meinen Mitschülern während einer Pause in einer gemütlichen Runde zusammen. Inzwischen hatte ich dort neue Freunde gefunden, mit denen ich über alles offen reden konnte.

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Wir sprachen auch über Sexualität und plötzlich sagte jemand zu mir: "Du bist doch sowieso genderfluid oder non-binary!" Ich wusste gar nicht, was er mir da für Begriffe an den Kopf knallte. Hatte er mich gerade beleidigt?

Mein Gesicht muss Bände gesprochen haben, denn er sagte verwirrt: "Das bist du doch, oder? Dachte ich zumindest."

Ich hatte diese Begriffe noch nie gehört und fing an, danach im Internet zu suchen. Deutsche Seiten halfen mir nicht weiter, diesen Begriff gab es nirgends. In anderen Foren hatte ich das Gefühl, dass dort nur merkwürdige Menschen waren, mit denen ich mich nicht identifizieren konnte.

Doch irgendwann fand ich einen englischen Blog, der sich speziell an genderfluide Menschen richtet ("Gender" ist der englische Begriff für das soziale Geschlecht, "fluid" bedeutet "fließend"; genderfluide Personen wechseln die Geschlechtsidentität).

Plötzlich fühlte ich mich verstanden - alles was ich las, traf auf mich zu. Das Gefühl, sich an manchen Tagen als ein Mann zu sehen, an anderen als Frau. Oder eben nichts von beidem. Non-Binary (Nicht-binäre Geschlechtsidentität; Geschlechtsidentität außerhalb des Systems).

Es gab also eine Bezeichnung für das, was ich bin. Ich bin nicht seltsam, ich bin nicht alleine - ich bin genderfluid.

Ich bin einfach nur Mensch

Ich fühlte mich so wahnsinnig befreit. Viele Menschen fragen mich: "Warum brauchst du eine Schublade, wenn dir die Geschlechter doch egal sind?" Aber jeder kennt vermutlich das Gefühl, Angst vor Dingen zu haben, die man nicht einordnen kann.

Deswegen ist es eine große Erleichterung für mich, dass es einen Begriff - eine Schublade - für mich gibt.

Das heißt nicht, dass ich meinen Körper dadurch plötzlich liebe. Ich weiß, dass mein Körper für eine Frau gut aussieht, aber ich fühle mich nicht wirklich hübsch.

Ich war wegen meinen Depressionen weiter mehrfach in Therapie. Da habe ich das Thema meiner Identität auch angesprochen. Doch mir wurde immer nur gesagt, ich solle eben Dinge finden, die mich glücklich machen, Tabletten nehmen oder einfach anfangen, meinen Körper zu lieben - aber sie haben nie gesagt, wie ich das machen soll.

Mehr zum Thema: Wie es ist, wenn man sich fremd im eigenen Körper fühlt

Ich kann meinen Körper nicht genießen. Ich wünsche mir eigentlich nur, dass die Gesellschaft von diesen Gendernormen Abstand nimmt und es keine Kritik an deinem Geschlecht gibt. Vielleicht wäre dieser Druck der Identifikation dann auch nicht so groß.

Meine Mutter und meine Freunde haben sehr gut auf mein "Outing" reagiert. Sie mögen mich als Cherin, nicht als sie oder er.

Wenn man mich nach meinen Pronomen fragt, nehme ich trotzdem "sie" und "ihr" - biologisch wurde ich schließlich auch mit einer Vagina geboren. Ich erwarte von niemanden, richtig gegendert zu werden und will auch niemanden dabei Steine in den Weg legen.

Ich weiß immer noch nicht zu 100 Prozent, wie ich mich bezeichnen würde. Am liebsten aber schlicht als Mensch. Dass jeder das akzeptieren würde, ist mein Wunsch. Ein bisschen utopisch, aber dafür sind Wünsche schließlich da.

Dieser Text wurde von Martina Zink aufgezeichnet.

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(lk)