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GLOBALER KONSENS - europäische Aussenpolitik und globale Verantwortung

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Auf was beziehen wir uns, wenn wir die Perspektiven unseres Planeten betrachten. Wir reden vom Klimawandel, knapper werdenden natürlichen Ressourcen , von Über -und Unterbevölkerung. Reden wir über die Bevölkerungsexplosion betrifft dies in der Regel die ärmeren Gebiete der Erde; beziehen wir uns auf Begriffe eines demographischen Wandels oder der Veralterung einer Gesellschaft, reden wir von unser eigenen. Vertrauen und die Definition von gemeinschaftlichen, auch gesellschaftlichen Zielen und Werten schafft wirtschaftliches Wachstum. So zumindest sieht es der Wirtschaftswissenschaftler Francis Fukuyama in seinem Werk "Trust".

Aber Europa jedoch befindet sich noch in einer gemeinsamen Findungsphase; nicht nur was kulturelle, sondern auch wirtschaftliche Befindlichkeiten anbelangt. Man denke an die latent schwellenden und schon länger existierenden Zwistigkeiten zwischen französischer und deutscher Automobilindustrie, die nun auf EU- Ebene ausgetragen werden. Denn im Einandernahekommen liegt die Möglichkeit, dass man sich plötzlich mit gesellschaftspezifischen Unterschiedlichkeiten konfrontiert sieht, die bislang aus größerer Distanz so nicht wahrnehmbar waren oder relativ unbedeutsam eingestuft wurden.

Da wir zudem dem Gedanken einer Globalisierung Rechnung tragen müssen, wirtschaftlich zumindest, reden wir aber nicht nur von Europa. Wir reden von der Welt als gesamtes. Und diese befindet sich nun spätestens seit der fortschreitenden Transformation von Entwicklungs- in Schwellenländer, in Industrienationen, allen voran China, in einem wie es scheint, unaufhaltsamen Wandel. Plötzlich reden wir von BRICS und MIST- Staaten, alles relativ neue Begriffe aus dem Vokabular der volkswirtschaftlichen Terminologie.

Die Machtverhältnisse auf unserem gesamten Planeten wurden damit neu verteilt. Dies sind nicht nur aus Sicht der westlichen Hemisphäre neuen Voraussetzungen, sondern gerade in Bezug auf die Nachhaltigkeit für alle an der Globailsierung Beteiligten, neue Herausforderungen. Während nun inständigst versucht wird, Europa von nationale Egoismen und interreligiösen Scharmützeln zu befreien, Amerika um seinen Haushalt kämpft, China sein eigenes Süppchen ob mit oder ohne Geschmacksverstärker in Richtung Lohn- und Währungsdumping kocht, wartet vor unserer Tür niemand geringerer als der geballte Globus selbst.

Der Mensch und die Natur und zwar in ihrem ureigenen Verhältnis zueinander. Ein erdrückenden Zusatzfaktor zu diesem Verhältnis heißt Zeit und die zentralen Frage lautet: Wie werden politisch Verantwortliche nicht nur mit den natürlichen Ressourcen wie Wasser, Öl und den von der Industrie benötigen Bodenschätzen, sondern auch mit der Ressource Mensch, überwiegend jenen mit geringen ökonomischen Perspektiven umgehen. Bedarf es hierzu eines globalen Konsens und die nächste Frage lautet damit folgerichtig: Wie könnte dieser aussehen. Wie stehts um das Verhältnis zwischen verbleibenden Ressourcen auf der einen und der wachsenden Anzahl von Menschen auf der anderen Seite, wie werden diese künftig verteilt werden und wer sieht sich als erster von dieser Einsicht zum Handeln genötigt.

Bislang niemand. Anders als Amerika, welches dabei ist, sich strategisch auf den südpazifischen Raum zu konzentrieren, werden die Optionen für eine europäische Einflusssphäre ausserhalb Europas zunehmend kleiner. Was nun aus unserer Sicht außer der Orientierung in Richtung Osten, z.B. nach Russland bleibt, China ist ja nun auf der einen Seite Wirtschaftspartner, auf der anderen Seite gleichzeitig Konkurrent, ist die strategische Ausrichtung nach Süden. Der geographische Partner wäre demnach dass sich schon seit längerer Zeit im perspektivischen Vakuum befindliche Afrika.

Für so eine Partnerschaft, falls als gesamteuropäische Strategie, nicht nur als en passant skizzierter Entwurf angedacht, bräuchte Europa , wie auch für sich selbst, eine Vision. Die ist aber im konkreten Sinne bislang nicht erkennbar. Dafür im umgekehrt Sinne sehr wohl und zwar im Sinne einer von mediterranen Schreckenszenarien untermalten Migration von Afrika nach Europa. Dabei wäre der umgekehrte Weg der für beide Seiten konstruktivere und mit Sicherheit der weniger tragische.

Zudem hätte hier in jedem Falle das Prinzip der Nachhaltigkeit eine größere Chance, da dieser Gedanke auch in der europäischen Politik mehr Beachtung findet als beispielsweise in Asien. China hat sich klugerweise auf den geographisch, aber auch kulturell vergleichsweise wesentlich weiteren Weg nach Afrika gemacht und sich binnen kurzer Zeit zum erfolgreichen Protagonisten ausländischen Engagements auf dem gesamten Kontinent implementiert. Wir Europäer haben anstatt der Förderung schwacher subsaharischer Volkswirtschaften auf der Ebene des sektoralen Wachtums Zäune gebaut, um Bevölkerungsströme in Richtung Norden aufzuhalten., welche sich jedoch auf Dauer wegen der stark anwachsenden Bevölkerung, kaum aufhalten lassen werden. Das erneute Lampedusa- Schreckenszenario, eigentlich ein schon gängiges Phänomen, ist erst ein Vorgeschmack auf das, was uns im Zuge einer solchen Völkerwanderung noch erwarten wird.

Teile der Weltbevölkerung sind, ihre Volkswirtschaften miteingeschlossen, auf Armutsniveau. Für Sie ist kein Land in Sicht. Und es sind gerade diese, welche sich selbst auf den Weg machen. Wenn Rousseau im 18. Jahrhundert im Zuge der europäischen Aufklärung, von einem gesellschaftlichen Vertrag, von einem pacte sozial gesprochen hatte, muss dieser auf Grund der globalen Entwicklung, nicht mehr nur im nationalen oder europäischen reflketierenden, sondern im globalen Kontext und zwar im Sinne einer globalen Verantwortung verstanden werden.

Das Bewusstsein hierfür gestaltete sich unter den Industrienationen aber nicht einheitlich. Bis zum Jahr 2100 wird laut Erhebungen der UN die afrikanische Bevölkerung, die sich 2011 auf einer Milliarde befand, 2050 schon auf ca. 2 Milliarden steigen, um dann im Jahre 2100 mit 3 Milliarden ( plus 600 Millionen in der Diaspora lebenden Afrikaner), fast mit der asiatischen, mit 4,6 Miliarden gleichziehen zu können, mit dem Unterschied, dass die europäische inklusive der nord -und südamerikanischen welche sich jeweils um die 500 Millionenzone befindet, stagniert, bzw. sogar noch leicht abnimmt.

Wir brauchen nicht nur eine europäische Flüchtlingspolitik, sondern vielmehr eine gemeinsame Agenda für europanahe, schwächere Volkswirtschaften, nicht etwa aus dem Grunde, um den humanphilosophischen Reflektionen der christlichen Abendlandes Rechnung zu tragen, sondern um ein Chaos zu vermeiden, dass sich schon seit Längerem in trauriger Weise vor den Toren Europas, vor der italienischen Küste abspielt. Es betrifft dort nicht nur Afrikaner, sondern auch Flüchtlinge aus dem Irak und anderen Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens. Europa hat es nicht nur versäumt, große Areale vor seiner unmittelbaren Haustür unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit mit zu gestalten.

Man hat es anderen überlassen, die dem Prinzip der Nachhaltigkeit schon allein deshalb nicht im größeren Umfang Rechnung tragen müssen, weil man Dinge aus einer sicheren geographischen Distanz heraus entscheiden kann. Für uns stellt sich die Situation jedoch anders dar, ebenso für die Afrikaner.Denn für sie ist der Weg nach Shanghai in jedem Falle weiter, als nach Lampedusa. Geographisch sowie kulturell.

 
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