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Wie sich Deutschlands Blick auf Migranten verändert hat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
YOUNG ENTREPRENEUR
Bloomberg via Getty Images
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Es ist mir eine Freude, hier zu sein.

Mein Dank gilt Frau Laura Frader, sowie Elaine Papoulias vom Minda de Gunzburg Center for European Studies der Harvard University. Ebenfalls ein großes Dankeschön geht an das John F. Kennedy Memorial Stipendium sowie Frau Roumiana Theunissen für die Organisation und Zusammenarbeit mit meinem Berliner Büro.

Sie werden sich wahrscheinlich fragen, warum ich gerade dieses Thema für meinen Vortrag ausgewählt habe.

Nun, ich reise als deutscher Abgeordneter für verschiedene Ausschüsse durch die Welt. Für den Auswärtigen Ausschuss, den Ausschuss für Wirtschaft und Energie sowie für den Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Was für Sie in Amerika nun keine Besonderheit ist, ist für Europa und den Rest der Welt nicht ganz so selbstverständlich, nämlich dass Menschen, die nicht dem klassischen europäischen Erscheinungsbild entsprechen, dort als Volksvertreter aktiv sind; noch dazu, wie in meinem Falle, für Deutschland, dies vor dem Hintergrund seiner Geschichte.

Ich rede von der Zeit der Inszenierung des Rassenwahns eines größenwahnsinnigen Diktators und dessen Umsetzung, dem Holocaust, welchem Millionen, hauptsächlich jüdischer Bürger, zum Opfer fielen.

Wie es nun möglich ist, dass sich das Bewusstseinsbild der deutschen Bevölkerung, Europas Sicht auf den nicht-autochthonen Teil seiner Bevölkerung innerhalb seiner jüngeren Geschichte verändert hat, davon handelt mein Vortrag.

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Da ich als erster Abgeordneter anderer Hautfarbe quasi exemplarisch für diesen Wandel stehe, zumindest aus Sicht von außen, erlaube ich mir, auch einige autobiografische Aspekte mit in Betracht zu ziehen.

Mein Einzug in den Deutschen Bundestag zog reges internationales Medieninteresse nach sich: international, inner- und außereuropäisch - überall fast noch stärker als in Deutschland selbst; dies zu meiner eigenen Überraschung. Noch dazu für eine Partei der konservativen Mitte, für die CDU.

Denn üblicherweise werden Sie als sogenannter „Deutscher mit Migrationshintergrund" dem politischen Lager der Grünen oder der Linkspartei zugeordnet, mindestens aber dem der SPD, welche mehr oder weniger den US Demokraten nähersteht.

Von der New York Times, über Herald Tribune, aus Südamerika, Russland, Südkorea - von überall her kamen neugierige Journalisten und die alles entscheidende Frage war, wie es denn dazu kam, dass ich als Mensch mit afrikanischen Wurzeln, nun in einem nationalen, europäischen Parlament vertreten bin?

Frei nach dem Motto: Was haben sich denn die Deutschen dabei gedacht?

Zu dieser Zeit war Religion, hauptsächlich die Diskussion um den Islam in der europäischen Gesellschaft, bereits ein großes Thema und man hegte den Verdacht, dass alles, was fremd und südländisch, sprich nicht-europäisch aussah, besonders in Deutschland, mehr Argwohn als Sympathie erwecken würde - was sich als falsch herausstellte.

Trotzdem zog ich als „Branchenfremder", als jemand, der keine Parteikarriere hinter sich hatte, über die Parteiliste in den Bundestag ein, nachdem ich das Direktmandat gegen eine ehemalige Ministerin der SPD in einem traditionellerweise von SPD und Grünen dominierten Wahlkreis nur knapp um 2000 Stimmen verfehlt hatte.

Die besten Ergebnisse erzielte ich interessanterweise in den konservativsten Gebieten meines Wahlkreises.

Die Transformation der europäischen, auch der deutschen Gesellschaft, die Bewusstseinsbildung von Individuen aus dem Lager alteingesessener Europäer, die Angst vor Überfremdung und Islamisierung haben, sich seit der Syrienkrise verstärkt und sind daher im Moment nicht nur besonders interessante, sondern für Politik und Gesellschaft sogar hochbrisante Themen.

In fast allen europäischen Ländern können wir einen rasanten Zuwachs rechtsextremer Parteien beobachten, sei es nun die von Russland unterstützte Front National in Frankreich, die Alternative für Deutschland in Deutschland, die Lega Nord in Italien sowie die Jobbik in Ungarn.

Diese haben unsere politische Landschaft verändert, auch in Hessen, wo die Ergebnisse der AfD in den jüngsten Kommunalwahlen Anlass zur Sorge gaben.

Aber wie gesagt, mir geht es hier in erster Linie nicht nur um die Sicht rechtsextremer Parteien auf die europäische Gesellschaft, sondern vor allem um den Blickwinkel der breiteren Bevölkerungsschichten auf die hier lebenden Migranten.

Wichtig erscheinen mir hier zudem auch die Perspektiven der mitteleuropäischen Kernländer wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die der Beneluxländer, auf jene Europäer, welche vor der Gründung der EU, aus den damals unterstrukturierten, ärmeren Ländern außerhalb dieser Kernzone kamen.

Wie hat sich da das Bild gewandelt? Der Blick beispielsweise jener Europäer, welche in den wohlhabenderen Gesellschaften gewohnt haben, auf jene, die in wirtschaftlich benachteiligten Regionen gelebt haben?

Zum Beispiel in Osteuropa, welches lange Zeit hinter dem Eisernen Vorhang versteckt war - und die damals selbst als Armutszuwanderer gesehen wurden?

Und wie gestaltet sich wiederum deren Blick auf „die neuen Migranten", die nicht aus Europa kommen? -

Hat doch einst ein Teil derer selbst, unter derselben Kennzeichnung als „Asylsuchender und Flüchtling" den europäischen Kultur-und Wirtschaftsraum mit all den Vorzügen seiner Sozialsysteme, auf legale oder illegale Weise, betreten.

Ich erinnere mich, als während des sogenannten „Deutschen Wirtschaftswunders" die ersten „Gastarbeiter" nach Deutschland kamen, überwiegend Italiener und Jugoslawen, später Türken, Griechen und andere.

Gibt es eine Konnotation zwischen kultureller Akzeptanz und wirtschaftlichem Erfolg der Ursprungsländer? Dies auch unter dem Gesichtspunkt der gesamtgesellschaftlichen Leistung, der Arbeitsmoral, der guten Regierungsführung und nicht nur unter dem makro-ökonomischer Parameter, sondern vielmehr unter dem der Inklusion und Teilhabe.

Sprich: dem Umgang der jeweiligen Eliten mit ihrem sogenannten Humankapital.

Hier möchte ich auf Francis Fukuyamas Theorie verweisen, die er in seinem Buch „Trust" beschreibt: Demnach erleichtert die Wechselwirkung zwischen Ehrlichkeit und Loyalität unter Individuen einerseits und der makroökonomischen Leistung einer Nation andererseits die Konfliktbewältigung.

Deutschland, wie die USA und Japan waren laut dieser Theorie sogenannte „high trust countries" (Länder hohen Vertrauens). Meines Erachtens hat diese Theorie besonders für den wirtschaftlichen Erfolg des Nachkriegs-Deutschland eine hohe Bedeutung.

Interessant erscheint mir im Gesamtkontext, was den sozialen Frieden anbelangt, auch die Überlegung des Sozialpsychologen Erich Fromm. Sein Konzept des „autoritären Charakters" beschreibt, inwiefern bestimmte Muster der sozialen Einstellung das Sozialverhalten von Menschen negativ prägen.

Darunter fallen Konformität, Autoritarismus, extremer Gehorsam gegenüber Autoritäten und Ethnozentrismus.

Diese Evaluierungskriterien sollten nicht nur in Bezug auf die Europäer Bestandteil einer ehrlichen, zielführenden Diskussion um die Integration sein, sondern auch auf die Einwanderer, welche zum Teil aus totalitären Staats- und Gesellschaftsformen kommen.

„Mit Migrationshintergrund" - das ist ein Begriff, den ich in Bezug auf die Selbstwahrnehmung, besonders junger Einwanderer, als kontraproduktiv ansehe und unter dem ich mich persönlich niemals eingeordnet habe.

Ich weiß nicht, ob es diesen Begriff in Ihrem Land überhaupt gibt, besonders wenn von Menschen gesprochen wird, die bereits den Status der Einbürgerung vollzogen haben oder Nachfahren von bereits eingebürgerten Zuwanderern sind.

Würden wir jedoch den Begriff „Migrationshintergrund" in der Form, wie er in Deutschland angewendet wird, auf amerikanische Verhältnisse anwenden, hätten 95 Prozent der Amerikaner einen sogenannten „Migrationshintergrund". Dies einfach einmal am Rande.

Vielen Journalisten, egal von wo her, musste ich hier erst einmal erklären, dass, laut soziologischer Definition, Hautfarbe allein kein Indiz für einen Migrationshintergrund ist.

Ich bin, neben der deutschen Sprache, zuerst einmal ohne zweite Sprache im Sinne einer Fremdsprache aufgewachsen, wenn man den bayrischen Dialekt nicht dazurechnen will - auch wenn er neben der Aussprache so viele eigene Idiome besitzt, dass der Rest Deutschlands dies tun würde.

Bayern ist ja ein sogenannter Freistaat, in dem das Gedenken an König Ludwig II, den Erbauer von Schloss Neuschwanstein - manchem von Ihnen, neben dem Oktoberfest, vielleicht bekannt -weiterlebt. Wenn man diese Region als eigenes kulturelles und politisches Biotop innerhalb Deutschlands bezeichnen will, liegt an damit nicht ganz so falsch.

Denn, um hier kurz ins parteipolitische abzugleiten: Bayern hat als einziges Bundesland eine eigene christdemokratische Partei, welche als Schwesterpartei der größten deutschen Volkspartei CDU fungiert, nämlich die CSU; dies ist einmalig in Deutschland.

Ich bin praktisch ein „expatriierter Bayer", der nach Hessen - bekannt durch den Finanzstandort Frankfurt am Main oder die Rhein-Main-Airbase - und somit in die CDU abgewandert ist.

Mein Vater stammt, ähnlich wie bei Ihrem derzeitigen Präsidenten, Barack Obama, aus Afrika. Sein Vater aus dem Osten, aus Kenia, meiner aus dem westlichen Senegal.

Meine Sozialisierung fand jedoch rein auf deutsch-katholischem Terrain statt, da mein afrikanischer Vater und meine bayrische Mutter sich kurz nach der Geburt trennten.

Meine Mutter war in der Landeshauptstadt München berufstätig, so dass ich meine Kindheit in der Obhut meiner Großmutter im ländlichen Niederbayern, nahe der tschechischen Grenze, verbrachte. Eine überwiegend glückliche Kindheit, wie ich anmerken möchte.

Ein zufälliger Blick in eine alte Illustrierte, die meine Großmutter aufbewahrte, offenbarte mir, dass mein Vater ein afrikanischer Diplomat und mein Großonkel der ehemalige Staatspräsident, Philosoph und Humanist, Leopold Sedar Senghor, war.

Für mich ergab sich daraus ein eher surreales Bild, da ich ja als lederhosentragender Junge in einem kleinen bayrischen Bauerndorf von 1200 Einwohnern, praktisch zwischen Kühen und Kartoffelacker hin- und her lief.

Da passte die große weite Welt von Politik und Academie Francaise, der Senghor als einziges afrikanisches Mitglied angehörte, nicht so dazu.

Eine weitere, häufig gestellte Journalistenfrage war, warum Deutschland erst so spät einen „dunkelhäutigen" Politiker ins Parlament gebracht hatte. In Frankreich und Großbritannien gab es das wohl schon früher.

Ich wies zudem darauf hin, dass ehemalige Kolonialmächte wie Frankreich oder England ganz andere gesellschaftliche Strukturen hatten, einen viel höheren nicht-europäischen, auch afrikanischen Bevölkerungsanteil als zum Beispiel Deutschland und ich mich nicht als ein Vertreter der afrikanischen Diaspora im Deutschen Bundestag sah, sondern als Vertreter aller deutschen Bürger, unabhängig von Hautfarbe und Herkunft.

Die Wählerstimmen der Afrikaner, welche in Deutschland leben, hätten mich höchstens zum Kassenwart in einem deutsch-afrikanischen Fußballverein wählen können, aber nicht als Vertreter ins nationale Parlament.

Das bedeutet nicht, dass ich jemals meine Wurzeln väterlicherseits verleugnet hätte. Entgegen der allgemeinen Auffassung repräsentiert dieser Teil meiner Abstammung die intellektuelle Komponente, waren meine deutschen Vorfahren doch stark bäuerlich geprägt.

Thema Kolonialismus

Deutsche Kolonien und Schutzgebiete wurden vom Deutschen Kaiserreich gegen Ende des 19. Jahrhunderts erworben und gemäß dem Versailler Vertrag im Jahr 1919 wieder aufgegeben.

Andere europäische Mächte hingegen engagierten sich bereits ab dem 15. Jahrhundert im Bereich der Schaffung von Kolonien in Übersee. Deutschland hatte daran so gut wie keinen Anteil.

Wenn wir über Konflikte zwischen Europa und seinen Migranten reden, spielt die Kolonialzeit in den Debatten eine große Rolle, allerdings weniger in Deutschland als etwa in Frankreich, England oder Holland. Bedauerlicherweise sind dies heute die Länder, aus denen die meisten Djihadisten kommen, die in Syrien kämpfen.

Ich würde sagen, man kann das Problem einer gescheiterten Integration unter zwei Gesichtspunkten sehen:

Zum einen unter dem individuellen Mangel an Willen, an Unterstützung aus dem Elternhaus, Mangel an Disziplin, zum anderen unter dem der realen Benachteiligung. Sprich: der direkten Diskriminierung.

Ich denke, beide Betrachtungsweisen haben ihre Berechtigung.

Wenn wir von europäischer Kolonialgeschichte sprechen, sprechen wir von zwei Hauptakteuren: Großbritannien und Frankreich.

Sicher waren auch die Spanier aktiv, überwiegend in Südamerika, die Holländer in Indonesien und der Karibik; die Italiener haben im Abessinienkrieg das erste Mal Giftgas gegen Äthiopien eingesetzt, welches sich bis zum Schluss nicht kolonialisieren lassen wollte.

Neben König Leopold II von Belgien waren längst auch Muslime auf dem afrikanischen Kontinent vertreten und haben große Teile nach und nach islamisiert.

In den Migrantenforen der sozialen Medien sind es jedoch hauptsächlich diese beiden Länder, die aufgrund ihrer noch bestehenden Verbindungen zu ihren ehemaligen Kolonien genannt werden: Großbritannien und seine Verbindungen in den Mittleren und Nahen Osten sowie den ostafrikanischen Raum; Frankreich in Bezug auf seinen nach wie vor bestehenden engen politischen und wirtschaftlichen Dialog mit Nord- und Westafrika.

Hier vermischen sich Elemente der Außenpolitik mit der innenpolitischen Wahrnehmung der Migranten in den Gastländern.

Osteuropa spielte in diesem Kontext im Windschatten des großen Bruders, der Sowjetunion, eine untergeordnete Rolle, ebenso die DDR, welche einigen Studenten aus Übersee Studienplätze anbot, oder sie als Leiharbeiter beschäftigte.

Es ist unbestritten, dass die Kolonialisierung auf einer, ja man muss es so ausdrücken, „rassistischen Ideologie" beruhte, die, wie bei Hitler als Rechtfertigung zur Ausbeutung anderer Länder und Kontinente diente.

Einige Europäer hatten sogar Angst vor einem Aufstand Andersfarbiger gegenüber der weißen Vorherrschaft, wie es in dem Bestseller „The Rising Tide of Color against White World Supremacy" von Lothrop Stoddard beschrieben wurde.

Während des Sieges der Türken über die Griechen im Jahre 1923 hieß es in der europäischen Gesellschaft, dass dies in jedem Bazar in Indien diskutiert würde, ebenso von Studenten aus Kairo und Dehli, über Peking bis nach Tokio. Man hatte Angst vor dem Verlust der Einflusssphäre.

Es gab jedoch auch einige einflussreiche Personen, die einen anderen Blickwinkel einnahmen. Einer von ihnen war der Philantrop Anson Phelps Stokes, ein US- Bürger, welcher 1942 ein Committee mit dem Titel „Africa, the War, and Peace Aims" organisierte und versuchte, die Sprache aus Churchills „Atlantic Charter" aus dem Jahr 1941 auch auf die eigenständige Selbstverwaltung Afrikas anzuwenden.

Die Briten erwogen als erste Kolonialmacht eine weitgehende Dekolonisation Afrikas. Sie wollten eine allmähliche Machtübergabe an gemäßigte, demokratische Regierungen in die Wege leiten.

In der Evaluierung der Kolonialzeit gibt es, entgegen der allgemein bekannten Einschätzung, aber auch einige Verwerfungen aus Sicht der Unabhängigkeitsbefürworter.

Als die französischen Kolonien 1958 in einem Referendum vor die Wahl gestellt wurden, zog der überwiegende Teil der Bevölkerung eine weitere Anbindung an Frankreich der völligen Eigenständigkeit vor.

Zwei Jahre später jedoch war das französische Kolonialreich Geschichte. Einzig Algerien hatte noch bis zum politischen Sieg der algerischen Befreiungsfront (FLN) 1962 faktisch den Status einer Kolonie, auch wenn es seit mehr als einem Jahrhundert administrativ Teil Frankreichs war.

Nach dem Ende des Algerienkriegs 1962 wandte sich Frankreich endgültig vom Kolonialismus ab.

Der Algerienkonflikt ist nach wie vor Bestandteil der öffentlichen Debatte. Das koloniale Engagement Frankreichs findet noch immer einen starken Nachhall innerhalb der arabischstämmigen Migrantengesellschaft.

Warum erzähle ich Ihnen all das?

Tatsache ist, dass die Historie der Kolonialisierung, die darüber empfundene Schmach, der Mangel an Perspektiven, besonders für die Jugendlichen, auch nach der Unabhängigkeit, den Nährboden für radikale Propaganda, besonders durch radikal islamistisch motivierte Gruppierungen, bilden.

Alte Feindbilder werden zum Leben erweckt. Und wenn ich vorher über den autoritären Charakter gemäß der Lehre Erich Fromms sprach, so gibt es diese Züge selbstverständlich auch bei einigen Einwanderergruppen, welche sich in den Familienstrukturen dieser Gesellschaften wiederfinden und es deren Nachfahren erschweren, sich in eine neue, ungewohnte Gesellschaft zu integrieren.

Es sind aber auch diejenigen politischen Entscheidungsträger, welche sich nach demselben Prinzip weigern, Flüchtlinge in ihr Land zu lassen.

Wiederum einige Länder haben vor der großen Flüchtlingswelle bestritten, dass es bei ihnen ethnische Benachteiligung gab, was daran lag, dass es entweder keine gab oder diese in unqualifizierter Tätigkeit als Feldarbeiter etc. beschäftigt waren und damit quasi in einer einseitig gewollten Parallelgesellschaft lebten.

Jetzt, da sich einige wirtschaftlich schwächere Staaten Europas doch unter dem „Rettungsschirm" der europäischen Gemeinschaft sehen, treten einige Parolen nach außen, welche wesentlich diskriminierender sind als jene, die sie in den Zeiten vor ihrer Eingliederung in die europäische Solidargemeinschaft so bemäkelt haben.

Nach dem Motto: „Diskriminierung ist nur dann nicht adäquat, wenn es einen selbst betrifft." Bedauerlicherweise ist Rassismus aber eben auch unter Migranten verschiedener Herkunft ein Thema - obgleich dieses auch selten zur Sprache kommt.

Lassen Sie uns über die Offenheit Europas gegenüber Fremdkulturen reden.

Mein politisches Interesse begann in den 1970er Jahren, der Hippie-Bewegung. Wie in den USA, interessierten sich auch in Deutschland, quasi über Nacht, die jungen Leute für andere Kulturen, deren Kleidung und Essen, für Räucherstäbchen, Außenpolitik und asiatische Literatur sowie für fernöstliche Religionen und Philosophie.

Wir sind alle eins, egal welcher Hautfarbe oder Religion wir sind." Spirituell bewegten wir uns alle Richtung Fernost, hin zu einer Philosophie des Friedens, wie der des Buddhismus.
Nachdem die Hippies in Länder außerhalb Europas reisten, nach Indien, Tibet und Afrika, rückten diese Länder auch in den Aufmerksamkeitsfokus der breiteren Bevölkerung, insbesondere auch dort, wo keine kolonialen Verbindungen vorhanden waren.

Insgesamt- und abgesehen von den auch negativen Ereignissen dieser Zeit wie den radikalen linken Kräften wie der RAF - trugen die 1960er und 70 er Jahre zu einer Öffnung und einem bemerkenswerten Wandel der Europäischen Gesellschaften in vielerlei Hinsicht bei: in der Wahrnehmung anderer Kulturen als Ganzes, im Bewusstsein über die Natur, die eigene mitinbegriffen.

Diese Zeit war verantwortlich für ein steigendes Interesse an Literatur, Essen, Kleidung etc. aus anderen Ländern, und der Bereitschaft, sich zu öffnen für das Unbekannte.

Es war ein grundlegender Paradigmenwechsel innerhalb der westlichen Gesellschaften, der uns - wenn auch es uns oftmals nicht bewusst ist - noch immer unseren Europäischen way of life, unsere Kultur und politische Wahrnehmung, zumindest vom Grundsatz her, zu einem gewissen Grad beeinflusst.

Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass das Verhältnis der europäischen Gesellschaften gegenüber Fremdkulturen unbelasteter, ja wesentlich freundlicher war, bevor die Diskussion über Integration fast ausschließlich auf der Ebene der Religion geführt wurde.

Fromms Konzept ist ein Prinzip, das auf sämtliche Schichten anwendbar ist und sich im gedanklichen Fundus eines Gelegenheitsarbeiters ebenso manifestieren kann wie auf der politischen Ebene, bei einem Einwanderer ebenso wie bei einem Einheimischen.

Wer seine Identitätsfrage nicht geklärt hat, wird in jeder Gesellschaft ein Außenseiter sein. Eine Gesellschaft, die solche Menschen nicht integriert, wird sich verstärkt mit dem Risiko von terroristischen Anschlägen konfrontiert sehen (müssen), besonders wenn sich die jeweiligen Staaten noch an Auslandseinsätzen in Ländern des Islams beteiligen.

Wer sich, besonders als junger Mensch, unter denen mit orientalisch-islamischen Wurzeln in einer europäisch geprägten Gesellschaft nicht angenommen sieht, befindet sich im Akquise-Raster des IS. Er wird Opfer des autoritären Prinzips, falls er zu dem Schluss gekommen ist, dass geistige Flexibilität, emotionale Offenheit und demokratisches Empfinden für ihn persönlich keinen Nutzen gebracht haben.

Er kämpft dann für ein Kalifat, das mehr eine kriminelle Vereinigung als eine Religionsgemeinschaft darstellt, welche nicht nur in der MENA-Region, sondern auch in den islamisch geprägten subsahara-afrikanischen Ländern und deren in Europa lebenden Diaspora an Raum gewinnen will.

Der IS stellt sich hier als Plattform dar, mittels dieser man vermeintliche oder reale Diskriminierung und gesellschaftliche Benachteiligung überwinden kann und einem durch Racheakte an den sogenannten Unterdrückern eine Art Widergutmachung widerfährt.

Dies stellt eine große Gefahr für orientierungslose Menschen dar, besonders für jene jungen Europäer, die südlichen Kulturkreisen entstammen, denen die innere Balance fehlt, und denen man 70 Jungfrauen verspricht.

Wer sich nicht assimilieren will, sollte zumindest seine Kultur nicht über die Kultur des Gastlandes stellen, aus welchen Gründen auch immer.

Es gewinnen jedoch die geistig freien Gesellschaften, jene, welche sich wenigstens teilweise geöffnet haben, welche in ihren Ländern selbst den Wohlstand zunehmend besser verteilen.

Demokratie mag auch nicht perfekt sein, aber es ist immer ehrgeizig, auf allen Ebenen, während totalitäre und autoritäre Systeme stets nur das eine Ziel verfolgen, nämlich an der Macht zu bleiben.

Dies überträgt sich auch auf deren junge Migranten, besonders aus dem asiatischen Raum. Hier kommt die bereits angesprochene Konnotation mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Ursprungsländer zum Tragen.

So stehen zum Beispiel im Ranking, was Gymnasialabschlüsse anbelangt, Schüler aus vietnamesischen Einwandererfamilien sogar im prozentualen Verhältnis vor ihren deutschen Mitschülern.

Junge Chinesen sind fast überproportional an deutschen Hochschulen, besonders technischen Universitäten, vertreten. Tradition muss kein Karrierehemmnis sein.

Die Italiener blieben ihrer Tradition seit jeher treu, schon bevor und auch nachdem sie der EU beigetreten sind. Weil ihre Kultur seit der Zeit der Römer in weiten Teilen Europas und der Welt bekannt ist, sind sie auch heutzutage Weltmeister darin, die Vorzüge ihrer reichen Kultur, zu vermarkten.

So lehrten sie uns Deutsche beispielsweise nicht nur, zu essen, sondern auch eine Mahlzeit und das Leben zu feiern. La vita e bella und essen ist nicht nur dazu da, den Magen zu füllen, sondern gleicht vielmehr einem Konzert, dirigiert von einem bemühten Kellner oder leidenschaftlichem Restaurantbesitzer.

Das Essen wurde mit Charme und guter Stimmung serviert. Die Italiener erfanden sozusagen die Eventgastronomie, gepaart mit ein wenig „Comedia del Arte."

Auch die Griechen bereicherten unsere Speisekarte. Meine Kinder könnten Ihnen mehr über griechische und römische Geschichte und Sprache erzählen.

Weil ihr Verwandter, Senghor, Professor für Griechisch und Latein an der Universität Sorbonne in Paris war, riet ich ihnen, ein bisschen in die Fußstapfen der Familie zu treten und so besuchten sie ein humanistisches Gymnasium.

Bis zur Schuldenkrise Griechenlands vor wenigen Jahren und den damit entstandenen Diskussionen um ein Ausscheiden des Landes aus der EU („Grexit"), gab es keinerlei kritische Äußerungen über Griechenland oder griechische Einwanderer.

Beim Blick in europäische Kriminalitätsberichte wird man feststellen, dass man nach griechischen Bürgern lange darin suchen muss.

Was die Flüchtlingskrise angeht, braucht Griechenland definitiv unsere Hilfe und Unterstützung.
Frankreich hat eine eigene kulinarische Tradition.

Die englische Küche ist übrigens nicht besonders berühmt. Weder Franzosen, noch Briten, Schweizer, Österreicher oder Bürger aus den Benelux-Ländern wurden in Deutschland oder im restlichen Europa als Migranten angesehen.

Das spiegelt die Behauptung vom Kontext sozialer Akzeptanz wider, ja sogar das kulturelle Ranking von Ausländern und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ihrer Ursprungsländer.

In doppeltem Sinne, würde ich sagen. Nicht nur unsere deutsche Lebensweise wurde geprägt, auch in vielen anderen Bereichen profitierten wir, wie fast alle anderen Länder und Regionen der Erde, von der unglaublichen Kreativität der Migranten.

Wir neigen leider manchmal dazu, das zu vergessen.

Ich war vor meinem politischen Mandat Schauspieler, wiederum der erste „schwarze" Darsteller in einer TV-Serie außerhalb der Vereinigten Staaten. Ich erwähne es einfach einmal so, obwohl mir an diesem Prädikat nicht allzu viel liegt.

Darin war ich von 1984-1996 tätig: als Cop, nicht als Zuhälter oder Drogenhändler. Die Serie hat sich in 60 Länder verkauft.

Ich hatte zuerst einen Vertrag über 4 Episoden. Nach der ersten Ausstrahlung im Fernsehen wurde der Produzent von einer Gruppe Neo-Nazis bedroht, mit dem Hinweis, man möge mich doch nach Afrika zurückschicken.

Die Menschen auf der Straße verhielten sich jedoch ganz anders.

Ich habe in weiteren 120 Folgen mitgespielt. In der Zwischenzeit hatten sich die Verkäufe ins Ausland verdoppelt und auch andere europäische Länder wie Frankreich und Großbritannien entwickelten Serien dieses Formats für Menschen schwarzer Hautfarbe.

Ich bin Jahrgang 1956. Die Nachkriegszeit war auch für uns Menschen mit anderer Hautfarbe nicht immer einfach. Ich erinnere mich an einen Vorfall, wo ein Beamter in meinem bayrischen Ort, selbst ein Flüchtling aus den Ostgebieten, nicht damit leben konnte, dass sein Sohn in der Schule schlechter war als dieser „Negerjunge".

Er versuchte meine Mutter und die Schulleitung davon zu überzeugen, mich nach Portugal zu deportieren, unter dem Vorwand, dass ich doch dort meine Talente besser entwickeln könnte. Man wollte mich also in ein Waisenhaus abschieben. Das Ganze scheiterte nur an dem vehementen Auftritt meiner Großmutter. Meine Geschichte habe ich in einem Buch wiedergegeben.

Ich kann sagen, dass meine Großmutter die Quelle meiner intellektuellen, sozialen und emotionalen Inspiration war, wie dies für einen Großteil der sogenannten „Kriegskinder" der Fall war, deren Väter afro-amerikanische Soldaten während der Zeit der Besetzung waren und die zurückgelassen wurden wie die Fliege im Butterfass.

Für die meisten von ihnen eine psychologisch extrem schwierige Herausforderung, die nicht immer erfolgreich bewältigt werden konnte.

Nun bin ich ein deutscher Politiker.

Mein Weg symbolisiert vielleicht wie der einiger anderskultureller politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsträger, wie dem des CEO der Credit Suisse, Tidjane Thiam, dem des ehemaligen Chefs der Deutschen Bank, Anshu Jain, oder Philipp Rösler, dem ehemaligen deutschen Gesundheits- und Wirtschaftsminister, die Veränderung der europäischen Gesellschaft und ihr Verhältnis zu Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund.

Dies wäre früher nicht möglich gewesen.

Ein gelungenes Miteinander setzt nicht bedingungslosen reziproken Altruismus voraus, wie es der deutsche Philosoph Jürgen Habermas formulieren würde, sondern Wissbegierde.

Dies hat auch ihre Nation groß gemacht.

Wenn man an den persönlichen Willen eines Menschen appellieren muss, dass dieser etwas lerne, ist dies meist ein suboptimaler Weg.

Eine nachhaltig starke Gesellschaft muss, gleich ob Einwanderungsgesellschaft oder nicht, attraktiv sein für diejenigen, die sich von sich aus um eine Ausbildung bemühen und bewerben und die ihre Karriere im Fokus haben und nicht nur das Geld, wo immer dieses auch herkommt.

Wer sich neuen Erfahrungen öffnet, gewinnt, ohne dass er dabei probate Positionen seines Denkens, jene welche sozial verträglich sind, grundlegend verändern muss. Daran müssen sich alle beteiligen.

Eine einfache Formel dazu entspringt zum Beispiel der Bibel: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu." Die sogenannte „Goldene Regel" zieht sich vom Christentum, über den Hinduismus, vom Judentum bis zum Buddhismus.

Bereits Aristoteles hatte darüber geschrieben und Kant hat sie im „Kategorischen Imperativ" behandelt. Im Koran heißt es: „Keiner von euch ist gläubig, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht."

Mit Brüder dürften wohl alle Menschen gemeint sein.

Unsere Kanzlerin Angela Merkel initiierte im Jahr 2006 den ersten Integrationsgipfel. Sie hat über Integration nicht nur geredet, sie hat sie institutionalisiert und dieser Herausforderung eine größere Bedeutung innerhalb der deutschen Gesellschaft beigemessen.

Ihre Aufgeschlossenheit veränderte die Partei und bedeutete einen großen Schritt in Richtung einer Liberalisierung und Modernisierung der deutschen Gesellschaft. Deshalb habe ich mich für die CDU entschieden.

Es gibt ein japanisches Sprichwort: Der Glückliche lernt von der Erfahrung anderer, der Unglückliche von der eigenen.

Ich denke nicht, dass ich zur ersten Kategorie zähle.

Und ich erlaube mir, dem hinzuzufügen, dass wenn immer mich jemand fragen würde, wie ich es bis dahin geschafft habe, wo ich heute stehe, ich ihm antworten würde: Ich habe meinen Blick stets auf die Zukunft gerichtet und nicht auf Perspektiven der Vergangenheit aufgebaut.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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