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Stadtplanung 3.0: Die kollektive Fantasie nutzen

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Bürgerschaftliche Urbanität

Die Probleme, die Herausforderungen und die Möglichkeiten, vor denen die Stadt des 21. Jahrhunderts steht, lassen sich unter zehn Oberbegriffen zusammenfassen. Jedes Thema beeinflusst, wie wir leben, welche Form menschliche Siedlungen annehmen und wie wir wohnen. Gemeinsam bilden sie, was ich Civic Urbanity nenne. Diese "bürgerschaftliche Urbanität" versucht, das explosive Gemisch zentrifugal und zentripetal wirkender Kräfte im Zaum halten, die immer stärker in den Städten zu beobachten sind. Ganz besonders gilt das für größere Städte wie Berlin mit starker Anziehungskraft.

Die Geschichte von Urbanität und Weltgewandtheit ist eine stolze Geschichte. Hier kommen wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische und kulturelle Faktoren zusammen. Doch für das 21. Jahrhundert müssen die besten Aspekte überdacht und neu belebt werden. Urbanität hat eine europäische Tradition und ihr Schwerpunkt liegt genauso auf dem "Recht an der Stadt" wie auf der "Verantwortung für die Stadt". Nach heutiger Lesart entstand Urbanität zuerst in den Stadtstaaten Italiens, und zwar vor allem während der Renaissance. Damals stand sie sinnbildlich für den Trend hin zu einer Leistungsgesellschaft und für die Befreiung des Einzelnen vom Joch des Feudalismus. "Stadtluft macht frei" bringt diese Vorstellung auf den Punkt. Im Laufe der Zeit verkam die Idee der Urbanität jedoch und endete mit dem "Flaneur" - einem Menschen, der das Stadtleben an sich vorüberziehen lässt, sich aber für die Bedürfnisse des Kollektivs nicht interessiert.

Zehn miteinander verknüpfte Konzepte können beeinflussen, wie wir Urbanität neu interpretieren - ganzheitliches Denken, Planen und Handeln; Gemeinschaftsräume; Umweltbewusstsein; gesunde Stadtplanung; Cultural Literacy (kulturelles Bildungswissen); Inklusivität; Generationengerechtigkeit; der ästhetische Imperativ; kreative Stadtplanung und eine lebhafte Demokratie. Gemeinsam bilden sie die Grundlagen für die modernen Vorstellungen zu bürgerschaftlicher Urbanität. Wünsche und Interessen des Einzelnen sollen in Einklang stehen mit einem Gemeinschaftsbewusstsein, bei dem es stärker um "uns" und "unsere gemeinsame Welt/Stadt" geht als um Entscheidungen, die nur "mich" und eigennützigere Bedürfnisse betreffen.

Diese Themen sollten bei der Stadtplanung Vorrang haben, erweisen sich aber häufig als Schauplatz erbitterter Streitigkeiten. Immer wieder gibt es Meinungsverschiedenheiten und Debatten, da sich ältere, festgefahrene Ansichten und Vorgehensweisen hartnäckig halten.

Zehn Themen

Beginnen muss es mit integriertem, weitsichtigem Denken. Nur so können wir Verbindungen und gegenseitige Abhängigkeiten erkennen, nur so können wir die tiefergehende Dynamik der Städte begreifen und erfassen, wie unser Potenzial bestmöglich zu nutzen ist. Das erfordert ein Umdenken und lässt sich nicht einfach verordnen. Doch den Entscheidern wird immer stärker bewusst, dass Silodenken und eine strenge Abteilungsbildung nicht zu den benötigten komplexen Lösungen führt.

Als nächstes gibt es Bedarf für eine aktivere Öffentlichkeit und für Gemeinschaftsräume. Dieser Ansatz steht im Widerspruch zur zunehmenden Egozentrik der öffentlichen Kultur, wirbt er doch für Orte und Räume, von Parkanlagen hin zu kostenlosen, nicht kommerziell orientierten, öffentlichen Büchereien. Mit diesem Ansatz lässt sich auch nachträglich noch das Miteinander und die Solidarität verbessern. So steigen unsere Bindungsfähigkeit und der Aufbau von Sozialkapital.

Nachhaltigkeit ist in jeder Stadt das Schlagwort schlechthin. Und jede Vision spricht davon, die Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen. Von oben betrachtet gibt es in den Städten der Welt viele gute Initiativen. Aber nur wenige Städte treffen die schwierigen Planungsentscheidungen, die nötig sind, um die wirtschaftliche Dynamik, die räumliche Aufteilung und die physikalischen Formen zu neutralisieren, die verhindern, dass Städte nachhaltig werden. Berlin und Deutschland insgesamt haben dagegen ein Umweltbewusstsein entwickelt. Das hat zur Folge, dass beim Bau von Häusern und Bauaktivitäten im Allgemeinen das Cradle-to-Cradle-Konzept und neue intelligente Technologie zum Einsatz kommen werden. Das wiederum wird die wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben, da es den Trend hin zu einer sauberen, schlanken und grünen industriellen Revolution beschleunigt. Natürlich wird sich auch das Verhalten verändern, und ein Diskurs, der Rücksicht auf die Umwelt in einen Zustand des Wünschens einbindet, kann motivierend wirken und zum Handeln aufrufen.

Ungesunde Stadtplanung ist uns vertraut. Landnutzungsrechte werden streng nach Funktionen getrennt vergeben. Mischnutzung, bei der sich Leben, Arbeiten, Einkaufen und Unterhaltung vermischen, verschwindet. Werden Großprojekte in einem Rutsch realisiert, bleiben Feinkörnigkeit, Vielfalt und Abwechslung oftmals auf der Strecke. Hinzu kommen der Glaube an die "Economies of Scale" ("Nur was groß ist, kann auch effizient sein") und natürlich das unvermeidliche Auto, wegen dem wir häufig planen, als sei das Auto König und der Mensch nur Störfaktor. Dieser Planungsansatz wird sich dramatisch verändern, Mischnutzung wird ein starkes Comeback feiern, wenn es wieder ganz normal ist, an ein und demselben Ort zu leben, zu arbeiten und zu spielen. Nahtlose Konnektivität wird von ebenso zentraler Bedeutung sein wie zu Fuß erschließbare Städte, in denen man Zeit und Raum hat, die Stadt emotional zu erfahren. Gesund zu sein, bedeutet nämlich auch, die Sinne zu befriedigen.

Städte wie Berlin sind Schmelztiegel, und diese Vielfalt wird noch zunehmen. Vielfalt nutzt langfristig dem wirtschaftlichen Wachstum, aber es wird auch weiterhin zu Belastungen führen, Unterschiede auszugleichen. Mit Cultural Literacy, Verständnis für den Anderen, können wir mit Unterschieden besser umgehen und besser begreifen, warum wir einer Meinung sind oder eben nicht. Sehen wir durch die Augen der Anderen, können wir uns kompetenter in der modernen urbanen Welt bewegen. Um Ghettoviertel und Gated Communities zu vermeiden, müssen wir interkulturell sein und uns auf Gemeinsamkeiten konzentrieren anstatt auf Unterschiede. Allerdings werden Marktzwänge auch künftig versuchen, die Städte in die falsche Richtung zu drücken.

Bei Städten mit magnetischer Anziehungskraft sind immer stärker Ungleichheiten zu spüren, die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt ständig zu. Das führt zu Spannungen, Neid, unerfülltem Potenzial und sogar zu Unruhen. Orte mit Menschen, die alles haben, und solchen, die nichts haben, nutzen die kollektive Fantasie und Intelligenz ihrer Bürger nicht aus und schlagen kein Kapital aus der Energie und den Wünschen ihrer Bürger. Um die negativen Folgen zu vermeiden, werden kluge Städte mehr Gleichheit und Inklusivität einfordern. Das ist gesellschaftlich und wirtschaftlich gleichermaßen sinnvoll.

Bei allem, was die Städte tun, tickt die demographische Zeitbombe. Es wird Druck geben, die alternde Bevölkerung in Bereiche abzudrängen, wo die Wohnungen an ihre Bedürfnisse angepasst sind. Innovativere Orte werden den Stadtbau von einer generationenübergreifenden Warte aus betrachten und den Wohnungsbau so flexibel gestalten, dass er sich dem Lebenszyklus anpasst.

Der ästhetische Imperativ erinnert uns daran, dass man 360 Grad in die Stadt eintaucht und dass eine Stadt mit jeder Faser ihres Wesens kommuniziert, durch ihre Gebäude, ihre natürlichen Formen, ihre Aktivitäten und ihre Gesamtatmosphäre. Ihre Ästhetik löst emotionale Reaktionen mit psychologischen Folgen aus. Deshalb werden altmodische Begrifflichkeiten wie "Schönheit" und "Hässlichkeit" wieder Einzug halten in die Planungsdebatten.

Städte stehen vor immer komplexer werdenden Themen. Mit herkömmlichen Methoden wird man die auftauchenden Probleme nicht lösen. Fantasie und Kreativität sind Grundvoraussetzung, um die vertrackten städtischen Probleme der Zukunft zu lösen und interessante Möglichkeiten zu erschaffen. Die Kreativität der Bewohner, der Firmen und Institutionen und der Stadt selbst freizusetzen, kann viel in Bewegung bringen. Das Potenzial wird genutzt, es entsteht eine neue Form von Kapital und Währung.

Die meisten Dinge wurden nach ihrer Erfindung noch einmal neu erfunden - sei es die Art und Weise, wie wir Geschäfte machen oder wie wir uns vergnügen. Technologie hat enorme Fortschritte erzielt, doch unsere Formen der repräsentativen Demokratie, unsere Organisationen und unsere Verwaltung sind seit Jahrhunderten kaum verändert. Deshalb ist das bürgerschaftliche Engagement verkümmert. Die Städte der Zukunft werden auf neuen Wegen mit den Bewohnern kommunizieren müssen, um den Bürgergeist neu anzufachen.

Am 13. Mai wird Charles Landry in Berlin bei der degewo-Fachtagung "Stadt 2050 - Ein Blick in die Zukunft" zu Gast sein. Weitere Informationen finden Sie hier.

Charles Landry hat viele Bücher über Städte geschrieben, darunter "The Creative City: A toolkit for urban innovators and The Art of City Making" (Routledge, 2008). Mehr unter www.charleslandry.com

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