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Moscheekontrollen und Imame aus dem Ausland

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MOSQUE GERMANY
Hannibal Hanschke / Reuters
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Die Forderung, Moscheen zu kontrollieren und Imame aus dem Ausland zu verbieten ist nicht neu. Sie wird seit Jahren immer wieder gestellt, sie ist populistisch, bedient bestimmte Zielgruppen und geht an der sozialen Realität vorbei.

In Europa gibt es rund 3000 Moscheen. 2000 davon sind in Deutschland. Etwa 1000 Imame in Deutschland kommen aus der Türkei. Sie sind Beamte des türkischen Staates, werden also von der Republik Türkei bezahlt. Diese Imame waren wichtig für die sogenannten "Gastarbeiter", damit eine authentische Religionsausübung in den Moscheen überhaupt möglich war.

Ausgebildete Theologen hatte man nicht. So unterzeichneten die Türkei und Deutschland 1984 ein Abkommen, welches die Einreise von Imamen für eine bestimmte Aufenthaltsdauer erleichterte.

Bevor die Imame nach Deutschland kommen, besuchen sie in der Türkei einen "Integrationskurs". Sie lernen den Alltag, die Kultur, die Geschichte Deutschlands kennen und erhalten auch einen ersten Crash-Kurs in deutscher Sprache. In Deutschland haben sie dann die Möglichkeit, ihr deutsch zu erweitern. Einige nehmen dies auch in Anspruch.

Immense Arbeit und kaum Wertschätzung

Diese Imame und die zehntausenden Ehrenamtlichen in den Moscheegemeinden leisten tagtäglich immense Arbeit und erhalten dafür kaum bis gar keine Wertschätzung. Ihr Engagement für die Gesellschaft ist weder bekannt noch sichtbar, obwohl sie von unschätzbarem Wert ist.

Um nur eins dieser wertvollen Engagements in den Vordergrund zu stellen: Imame in den Moscheen sind es vor allem, die Radikalisierungen entgegenwirken. Viele Studien belegen, dass die überwältigende Mehrheit der Extremisten und Radikalen vor der Radikalisierung nicht in diesen Moscheegemeinden war, ja sogar diese bewusst meidet.

Mit anderen Worten, die, die in diesen Moscheegemeinden auftauchen, radikalisieren sich nicht. In Moscheegmeinden werden Jugendliche sogar immunisiert weil ausgerechnet die jetzt in der Kritik stehenden Imame einen authentischen, auf Koran und Hadith basierenden Islam vermitteln, während Radikale ihre Mitglieder mit islamfernen Utopien locken. Man sollte also diese Imame nicht unter Generalverdacht stellen, sondern mit ihnen im Kampf gegen die Radikalisierung kooperieren.

Unter Generalverdacht

Mit Forderungen nach "Moscheekontrollen" werden jedoch sowohl die Imame als auch die inzwischen (einschließlich Geflüchteten) sechs Millionen Muslime in Deutschland unter Generalverdacht gestellt. Laut dem Verfassungsschutz gibt es in Deutschland 1100 gewaltbereite muslimische Extremisten aus dem religiösen Milieu.

Zum Vergleich: es gibt 7600 gewaltbereite Linksextreme und 10500 gewaltbereite Rechtsextreme. Religiöse Extremisten machen also 0,001% der Gesamtbevölkerung aus, 0,022% der muslimischen Bevölkerung und 5,73% aller Extremisten. Angesichts dieser Zahlen verbietet sich ein Generalverdacht von selbst.

Es wäre fatal, auf Grund dieser 0,022% der Extremisten sechs Millionen Muslime unter Generalverdacht zu stellen, 2000 Moscheen kontrollieren zu wollen und 1000 Imame in die Türkei abzuschieben.

Forderungen sind verfassungsfeindlich

Hinzu kommt, dass diese Forderungen verfassungsfeindlich sind. Wie kann verlangt werden, alle Moscheen zu kontrollieren, wo doch Religionsfreiheit gilt? In Niedersachsen gab es in der Vergangenheit Moscheekontrollen - Anlasslos und ohne jeglichen Verdacht! Die Muslime wurden nach den Freitagsgebeten von schwerbewaffneten Hundertmannschaften willkürlich kontrolliert und abgestempelt auf dem Handrücken.

Die gesamte Moscheegemeinde wurde in der Nachbarschaft diskreditiert, Misstrauen wurde geschürt obwohl diese Kontrollen kein einziges Mal dazu geführt haben, einen potenziellen Extremisten zu fassen. Die Folgen waren fatal.

Die Kontrollierten entwickeln ein Misstrauen gegenüber dem Rechtsstaat und fühlten sich ausgeschlossen. Erst nachdem mehrere Rechtsgutachten dieser Praxis Verfassungsfeindlichkeit bescheinigte, wurden sie eingestellt. Vor wenigen Wochen hat das Land auch die Rechtsgrundlage für die verdachtsunabhängigen Moscheekontrollen beseitigt.

Religionsfreiheit

Verfassungsfeindlich ist auch die Imam-Forderung. Viele Gotteshäuser - ob Kirchen oder Synagogen - holen Prediger aus dem Ausland. Sie werden aus dem Ausland finanziert und sie predigen in ausländischer Sprache - lateinisch, italienisch, hebräisch. Die Gemeinden können selbst entscheiden, wo sie ihre Prediger herholen und in welcher Sprache und Form sie predigen. Das ist Religionsfreiheit.

Dennoch haben auch viele Muslime den Wunsch, Imame in Deutschland auszubilden. Personen, die hier geboren sind, hier zu Schule gegangen sind, hier sozialisiert wurden und die deutsche Sprache sprechen. Aber die Realität sieht anders aus. Von heute auf morgen ist es nicht möglich, plötzlich 2000 Imame auszubilden und einzusetzen.

Die muslimischen Dachverbände und Theologischen Fakultäten haben gerade erst damit begonnen. Und nicht alle Theologen werden zu Imamen. Da gibt es wieder Unterschiede. Da steckt man also noch in den Kinderschuhen.

Die Frage nach dem Geld

Letztendlich wird am Ende auch die Frage aufkommen, wer die Imame mit deutschem Hochschulabschluss bezahlen soll. Die Moscheegemeinden werden die Mehrbelastung kaum stemmen können, zumal sich die Politik immer noch weigert, den islamischen Religionsgemeinschaften den Status des Körperschafts nicht zugestehen will. Höchstwahrscheinlich werden dann diejenigen, die heute sagen "Keine Imame aus dem Ausland", dann sagen "Wir zahlen nicht. Holt Imame aus dem Ausland!"

Wie es nicht geht und dass das nicht klappt, zeigt uns auch das österreichische Modell, wo die ersten Imame in die Heimat zurückgeschickt werden. Doch woher sollen nun die Imame kommen? Öffnet man somit nicht die Türen für Radikale?

Es zeigt sich also, wie eingangs schon erwähnt, dass solche Forderungen sich nicht mit der sozialen Realität in Deutschland decken. Sie sind daher nur populistische Aussagen und gerade in Zeiten, wo es genug Spalter gibt, kontraproduktiv.

Ihre Verfechter bedienen sich dabei die Methoden der Rechtspopulisten und die Rechtspopulisten bedienen sich dann wiederum dieser Forderungen. Stattdessen sollte man Chancen und Ressourcen der Moscheegemeinden erkennen und diese Produktiv in Problemlösungen einbinden.

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