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Célia Mercier Headshot

Ich wurde vom IS versklavt und vergewaltigt - dann wehrten wir Frauen uns mit einem radikalen Mittel

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Vor dem furchtbaren Angriff auf ihr Dorf steckte Sara mitten in ihren Hochzeitsvorbereitungen. Heute erzählt sie ihre Geschichte mithilfe der Journalistin Célia Mercier, damit sie gehört wird und die Grausamkeiten des IS bekannt werden.


Die ganze Geschichte findet ihr zusammengefasst im Video oben


Wenn ein Daesch-Mann vor mir stünde, würde ich ihn nicht mit einer Kugel ins Gesicht töten. Ich würde ihn ganz langsam sterben lassen, ich würde ihn so leiden lassen, wie er mein Volk leiden ließ. Wenn ich könnte, würde ich in die Berge gehen, um unseren Männern im Kampf zu helfen, vielleicht ihnen Munition bringen. Ich weiß zwar nicht, wie man kämpft, doch ich würde gerne mitmachen. Nachts liege ich schlaflos da und denke an meine kleine Schwester Jasmin, unsere Jüngste.

Sie konnte noch nicht mal ihre Kleidung selbst waschen, so verwöhnt war sie. Heute hält sie ein IS-Mann in Mossul gefangen. Vorher war sie nach Syrien gebracht und dort verkauft worden. Gelegentlich erreichen wir sie per Telefon. Ich weiß nicht, was sie erlitten hat, und sie erzählt es mir nicht. Ich weiß, dass sie zu fliehen versucht hat. Doch sie haben sie wieder geschnappt.

Eine perverse Ideologie

Die Menschen unseres Dorfes haben alles versucht, um den Frieden zu bewahren. Als der IS unsere Waffen verlangte, gaben wir sie ihm. Als er unser Gold verlangte, gaben wir es ihm. Doch am Ende schonten sie niemanden. Ich denke oft an die Männer unseres Dorfes. Der IS hätte sie gefangen nehmen können, keiner von ihnen hatte etwas verbrochen. Die Kämpfer des Kalifats versprachen uns bei ihrem Gott, dass niemand zu Schaden kommen werde.

Doch das war gelogen. Sie waren kalt wie Stein, sie ließen sich nicht einmal von den Tränen junger Mädchen rühren. Eine alte Frau, die sie anflehte, erschlugen sie fast mit einer Eisenstange. Wenn man so etwas mit eigenen Augen gesehen hat, kann man nicht mehr aufhören zu weinen.

Das sind keine Menschen, das sind Tiere. Das Schicksal, das die jesidischen Frauen erlitten haben und noch erleiden, versetzt mich in Angst und Schrecken. Ich denke dabei an die gefangenen Frauen von Tal Afar und Mossul.

Ich weiß noch, was für einen Anblick sie boten, als sie als Vergewaltigte in unser Gefängnis zurückkamen! Stille Tränen liefen ihnen die Wangen hinunter, es war schockierend. Anfangs teilten die Männer des Kalifats den verheirateten Frauen mit: "Sex mit euch ist haram (verboten, abstoßend)." Doch hinterher scherte sie das nicht mehr, sie befriedigten ihre Lust auch an Ehefrauen.

Sie entrissen Müttern ihre jungen Söhne. Alle heulten und schluchzten, doch die Kämpfer schlugen die Mütter und nahmen ihnen ihre Söhne weg. Wohin sie sie brachten, sagten sie nicht.

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In unserem zweiten Gefangenenlager gab es nichts zu essen. Die Kleinkinder heulten unablässig. Wenn Mütter die Wärter um etwas zu trinken für ihre Kinder baten, verspotteten die Männer sie. Das Ausmaß ihrer Barbarei lässt sich mit Worten gar nicht beschreiben. Ihre Ideologie ist völlig pervers. Wie kann man nur so grausam sein?

Und all ihre Verbrechen begehen sie im Namen ihrer Religion. Während meiner Gefangenschaft litt ich fürchterlich. Unablässig musste ich an meinen Vater denken, an meine Mutter, Brüder, an alle Mitglieder meiner Familie. Erging es ihnen vielleicht noch schlechter als mir?

Mein lieber Vater, der so sehr auf seine Gesundheit achtete, wie würde er die Gefangenschaft durchstehen? Ich legte mich auf die Seite; in dieser Position machte mein Vater immer sein Mittagsschläfchen. Ich hing den Zeiten nach, als ich ihm beim Packen half, wenn er verreisen musste. Damals legte ich ihm seine schönsten Kleidungsstücke in den Koffer und hoffte immer, er möge nur schnell wiederkommen.

Mein Verlobter, der Mann, den ich liebte, hat ebenfalls überlebt. Doch momentan kann ich mir nicht mehr vorstellen zu heiraten. Mein Herz ist leer. Ich wünsche mir auf dieser Welt nur noch, meine Familie wieder in die Arme zu schließen.

Keine Gnade, keine Menschlichkeit

Mit ausgebreiteten Armen bete ich morgens und abends zur Sonne und bitte darum, dass meine Familie gesund wiederkehrt. Werden wir eines Tages wieder friedlich auf dem Boden unserer Vorfahren zusammen leben können? (...)

Gegen Abend bricht in der Eingangshalle plötzlich wildes Geschrei aus. Ich stehe auf, um nachzusehen. Eine Frau brüllt: "Sie nehmen die Mädchen!" Unten herrscht totales Chaos. Von oben sehe ich, wie Wachen Töchter aus den Armen ihrer brüllenden und sich wild wehrenden Mütter reißen. Die Wachen drohen mit ihren Waffen und verschleppen Jasmin, die kleine Seve und viele mehr.

"Die Grausamkeit der Männer erschüttert uns. Sie kennen keine Gnade, keine Menschlichkeit."

An den Haaren zerren sie die Mädchen nach draußen. Ich erkenne Miriam an ihren braven Zöpfen und ihrem marineblauen Kleid. Sie sieht mich oben an der Treppe stehen und winkt mir zum Abschied. Miriam ist gerade einmal 13 und wirkt mit ihrem Püppchengesicht und ihrem Kleinmädchenkörper noch jünger.

Mit Taschenlampen durchsuchen die Wachen den Saal. Sie finden Rangeen, die sich hinter dem Rücken ihrer Mutter versteckt hatte. Sie scheuchen die völlig verschreckten Mädchen in zwei Busse, die in der Nacht verschwinden. Wenig später steigen die Wachen in den ersten Stock. Dort verkünden sie: "Wir suchen alle Buben, die älter sind als sechs." Die Mütter protestieren, betteln, heulen wie die Wölfe.

Die Wachen ohrfeigen Schamal, die sich an ihre zwei Söhne klammert. Unten kreischt meine Tante Berivan hysterisch, als man ihr Farhad entreißt: "Nein! Mein Sohn! Rührt meinen Sohn nicht an! Meine Töchter habt ihr mir schon genommen." Sie wehrt sich verzweifelt, doch sie prügeln mit Gewehrkolben auf sie ein, bis sie loslässt. Der zu Tode erschrockene Elfjährige wird nach draußen gezerrt.

Wohin sie die Kinder bringen, erfährt man nicht. Das Klagegeheul der Mütter erfüllt die Nacht. Etwas Herzzerreißenderes habe ich noch nie gehört. Auch die kleinen Kinder brüllen völlig verängstigt. Die Grausamkeit der Männer erschüttert uns. Sie kennen keine Gnade, keine Menschlichkeit.

Wie können sie wehrlose Frauen und Kinder nur so behandeln? Ich wiege Awar in den Armen, um ihn zu beruhigen. Diese Nacht bekomme ich kein Auge zu. Wir sind wilden Tieren, Monstern ausgeliefert. Und das Schlimmste kommt bestimmt erst noch.

Miriams Geschichte: Vom Emir ausgesucht

Miriam blickt zu Boden, als ob sie das unsichtbar machen könnte. Sie spürt den Stoff von Abu Ahmeds Tunika an ihrer Kleidung entlangschleifen. Er geht durch die im Schneidersitz aufgereihte Gruppe von Mädchen und begutachtet jede Einzelne.

Abu Ahmed ist der Kommandant von Mossul. Miriam findet ihn schon auf den ersten Blick abstoßend: etwa 40 Jahre alt, schmächtig und sehr groß, mit ungepflegtem Bart und schrundiger, von Pockennarben entstellter Haut. Ein junger Kämpfer folgt ihm mit umgehängter Waffe und murmelt verächtlich: "Dreckige Jesidinnen, dreckige Huren des Satans."

Mehr zum Thema: Warum die Befreiung von Mossul nicht das Ende des IS sein wird, sondern der Beginn des IS 2.0

Neben Miriam sitzen ihre Cousinen Seve und Jasmin, auch sie starren zu Boden. Nur keinen Blickkontakt aufnehmen! Alle halten den Atem an. Nur nicht seine Aufmerksamkeit erregen! Sich in Luft auflösen. Abu Ahmed geht an Miriam vorbei und setzt seine Inspektion fort.

Busse hatten die Mädchen nach Mossul gebracht, wo sie um drei Uhr morgens ankamen. Die Wachen brachten sie in einem großen Haus unter, dessen Eigentümer geflüchtet waren - den religiösen Symbolen an der Wand zufolge Christen.

Miriam zählte insgesamt 120 Gefangene, halbwüchsige Mädchen und verheiratete, aber noch kinderlose Frauen. Die jüngste mochte gerade einmal neun Jahre alt sein. Es gab nicht einmal genug Platz für den Zustrom immer neuer Mädchen. Dann verlangten die Wachen ihre Ausweise. Nachdem sie registriert waren, konnten die Frauen endlich schlafen.

Doch Miriams Nerven waren zum Zerreißen angespannt, sie konnte nicht schlafen. Sie zählte zwei Wachen im ersten Stock und vier im Erdgeschoss. Eine Flucht war unmöglich. Am Mittag kam der Emir. Jetzt durchmisst er den Raum und deutet mit der Waffe auf ein kleines blondes Mädchen mit blasser Haut: "Du, aufstehen! Geh da hinüber, zum Eingang."

Alle halten den Atem an. Nur nicht seine Aufmerksamkeit erregen! Sich in Luft auflösen.

Dann kehrt er zu Miriam zurück: "Schau mich an! Steh auf!" Mit wackligen Beinen erhebt sich Miriam. Er begutachtet sie und schickt sie zu dem Grüppchen am Eingang. Auch ihre Cousinen und sechs weitere Opfer wählt er aus, insgesamt etwa 30 Mädchen. Sie werden in ein anderes Haus gebracht. Dort lebten früher Schiiten; man konnte das an den gerahmten Gebeten, die den Imam Hussein preisen, erkennen.

Auch ein Familienfoto hängt an der Wand, von einer Pilgerreise in die Stadt Kerbela, die heilige Stätte der Schiiten. Fünf jesidische Mädchen befinden sich bereits im Haus. Traurig und müde blicken sie die Neuankömmlinge an. Zwei von ihnen kennt Miriam: Samia und Meram, zwei Schwestern aus Kocho. (...)

Der einzige Weg, sich zu wehren

In den folgenden Tagen nehmen Abu Ahmed und seine Leute Samia mehrmals mit und bringen sie ein paar Stunden später wieder zurück. Sie wirkt völlig abwesend, ihr Blick geht ins Leere.

Am Boden zusammengekauert döst sie vor sich hin. Sie murmelt, die Männer zwängen sie, große Mengen Betäubungsmittel zu schlucken, damit sie ihren Körper nicht mehr spüre.

Manchmal nehmen die Männer ein anderes Opfer mit. Alle zwei Tage kommt eine Gruppe Soldaten und sucht sich Mädchen aus. Nur Anführer dürfen das, es sind alles ältere Männer. Die Jüngeren haben kein Recht, die Gefangenen anzurühren.

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Miriam fürchtet sich sehr vor Abu Samir, einem kleinen, bulligen Mann mit grausamen Augen. Wenn er den Raum betritt, drücken sich alle Mädchen in die Ecken. Angewidert schimpft Abu Samir: "Ihr seid abstoßend! Könnt ihr euch nicht waschen, ihr dreckigen jesidischen Huren? Ihr Säue!"

Denn die Mädchen haben einen Weg gefunden, sich zu wehren: einen Waschstreik. Sie waschen sich nicht mehr, zerzausen sich die Haare und reiben sich mit Ruß aus dem Küchenherd ein. Eines Tages nehmen die Männer eine Heranwachsende mit, bringen sie aber schon nach wenigen Minuten wieder zurück.

Frustriert schlagen sie mit Kabeln auf sie ein, werfen sie zu Boden und ziehen ab. Lächelnd deutet sie auf ihre nasse Hose und flüstert Miriam zu: "Als sie mich ins Auto gezogen haben, habe ich mich eingepisst, um ihnen den Appetit zu verderben."


Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Sie behandelten uns wie Tiere" von Sara mit Célia Mercier.

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