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"Eigentümer im Wert von 60 Milliarden Euro": Erdogan enteignet die türkische Wirtschaft

23/07/2017 14:10 CEST | Aktualisiert 24/07/2017 10:05 CEST

Ein Unrecht in solch einem Maße wurde in der Türkei gewiss seit ihrer Gründung nicht ausgeübt. Nach dem Putschversuch, den Erdogan als "Geschenk Gottes" bezeichnete, fing für Tausende von Menschen ein schrecklicher Alptraum an.

Über 160.000 Bürger wurden aus dem Staatsdienst entlassen. Davon sind über 50.000 im Gefängnis, darunter 17.000 Frauen in Begleitung von Kindern, deren Zahl mittlerweile weit über 500 ragt. Ihnen wird nicht nur der Anspruch auf eine Kita verwehrt, sondern die ganze Kindheit.

Aber was genau geschah in jener Nacht? Warum wurden die Betroffenen unverzüglich am nächsten Tag verhaftet?

Der Putsch - "ein Geschenk Gottes"

Wie hat es Erdogans Regime geschafft, die angeblich für den Putsch verantwortlichen Menschen bereits am Folgetag ausfindig zu machen und sie zu inhaftieren, ohne dass er die Schuld seiner willkürlich ausgewählten Sündenböcke belegt hatte.

Die Antwort hierfür gaben bereits viele international anerkannten und angesehenen Institutionen wie BND, CIA oder INTCEN: Das sogenannte "Geschenk Gottes" wurde und wird noch immer als Vorwand genutzt, um Ziele zu erreichen, die mit der Rechtsstaatlichkeit nie möglich wären.

Mehr zum Thema: Die Türkei wird immer mehr zur Diktatur - und tausende Türken fliehen nach Deutschland

Es ist nicht nur die Freiheit oder die Heimat, die Erdogan seinen Kritikern seit einem Jahr entnimmt. Auch ihr Hab und Gut ist davon betroffen, wie die Beschlagnahme von jeglichen Unternehmen vor Augen führt.

Per Notstandsdekret kann der türkische Staat seit dem 1. September 2016 Eigentum beschlagnahmen. Zur Enteignung eines Unternehmens reicht ein Vorwurf der politischen Nähe zu dem islamischen Prediger Fethullah Gülen. Ein Einspruch dagegen ist nicht möglich.

Laut der Aussagen eines Wirtschaftsexperten aus Brüssel ist der Wert der enteigneten Eigentümer auf etwa 60 Milliarden Euro zu schätzen. Einige wenige Unternehmer, die sich der Gefahr bewusst wurden, schafften es gerade noch, das Land vor einer eventuellen Festnahme zu verlassen.

Türken beantragen in Deutschland Asyl

Für viele Betroffene hat der Weg nach Deutschland geführt. Hier beantragen sie Asyl, um sich vor der Gefahr, die von Erdogan ausgeht, zu schützen. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als zu fliehen, um dem Überlebenskampf und den Foltern hinter Gittern zu entkommen.

Nichtsdestotrotz sind Erdogans Repressionen auch hier zu spüren. Seine "langen Arme" reichen bis nach Deutschland. Seit dem Putschversuch sind auch die türkeistämmigen Deutschen so gespalten wie noch nie.

Zahllose Unternehmer, die angeblich dem Gedankengut von Fetthula Gülen nahestehen, wurden in der Türkei verhaftet. Mehr als 800 Firmen wurden bereits unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt. Präsident Erdogan vertritt die Ansicht, die Gülen-Bewegung müsse wirtschaftlich zerschlagen werden. Er sieht verdächtige Unternehmen und Firmen als Horte des Terrorismus.

Schon lose Beziehungen genügen, um in Sippenhaft genommen zu werden. Entsprechend zurückhaltend sind die Firmen mit Investitionen. Denn im derzeitigen Klima der Angst und der staatlichen Willkür müssen sie stets damit rechnen, enteignet zu werden.

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Durch die Hassparolen Erdogans beleidigen die einen Muslime die anderen und bezeichnen sie als Ungläubige. Sie verweigern Erdogan-kritischen Muslimen sogar den Eintritt in Moscheen.

Die Unterdrückungen und die Anfeindungen, die sich nun auch auf das Zusammenleben der Muslime in Europa auswirken, haben jegliche Harmonie und das Streben nach einer friedlichen Koexistenz zunichte gemacht.

Es werden Berufe, Eigentümer, Hoffnungen, Freiheiten und Zukunftsvisionen geraubt. All das, was uns und unseren Beitrag für den Frieden ausmacht, wird geraubt. Wir werden beraubt...

Szenen der Festnahmen seht ihr im Video oben.

(jz)

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