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Islam- die verletzte Religion

06/08/2017 06:53 CEST | Aktualisiert 06/08/2017 21:58 CEST
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Der Missbrauch der Religion Islam geht bis auf die Zeiten der Umayyaden zurück. Der Kalif Muaviye hatte den islamischen Glauben damals enorm politisiert und die Gesellschaft gespalten, damit er weiterhin die Macht für sich und seinen Sohn bewahren konnte.

Wie es heutzutage der Fall ist, war es damals ebenso gewöhnlich die politischen Gegner mittels der Predigten in den Moscheen zu verfluchen und zu entwürdigen.

In den folgenden Jahrhunderten wurde der Islam mehrmals - wider seiner Natur - zur Spaltung missbraucht. Zunächst traten die Charidschiten in der Zeit des vierten Kalifs Ali auf, welche alle andersdenkenden Muslime als ungläubig ernannt hatten. Dann entstand der Riss zwischen Sunniten und Schiiten, der die Muslime heute noch stark beeinträchtigt.

Im 15. Jahrhundert schließlich spalteten sich die türkeistämmigen Muslime in zwei Gruppierungen - Aleviten und Sunniten. Ein Blick auf die Gegenwart zeigt, dass es den Muslimen noch immer nicht gelungen ist, diese Vielfalt und die Unterschiede im Islam als Bereicherung anzusehen und jedermann in seinen Vorstellungen zu akzeptieren.

Der Wahhabismus war die dominierende Ideologie des 18. Jahrhunderts in Saudi Arabien, in der die Unterdrückung anderer Muslime nicht ausblieb. Als die Menschheit dann in das 20. Jahrhundert eintrat, war der politische Islam präsent. Politischer Islam war mit seinen kleinen lokalen Unterschieden in vielen Ländern der Welt vertreten, wie z.B. in Pakistan, Saudi Arabien, Ägypten und die Türkei.

Türkische Politiker missbrauchen Religion seit fast 100 Jahren

Letztere ist das Land, in dem die Religion von politischen Akteuren als Staatsreligion seit fast 100 Jahren missbraucht wird. Unmittelbar nach der Gründung der türkischen Republik (1923) rief der Staat die Religionsbehörde Diyanet (1924) ins Leben.

Von nun an richtete sich der türkische Staat lediglich sunnitisch aus und sah über andere religiöse Strömungen innerhalb des Islams und andere Religionen hinweg, obwohl die Bevölkerung von sich aus eine religiöse Vielfalt darlegte.

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Für den Staat jedoch gab es nur eine Religion und eine Konfession, das Sunnitentum. Den Anderen wurden grundlegende religiöse Rechte nicht gewährt, geschweige denn das Praktizieren dieser.

Während sich der sunnitische Islam mehr und mehr in der Türkei etablieren kann, indem Moscheen gebaut und Religionsbeamte angestellt werden, müssen Gläubige anderer Strömungen um ihre Grundrechte kämpfen. Die Ausbildung von Dede's (religiöse Berater im Alevitentum) oder die Eröffnung der Priesterschule auf der Heybeli Insel sind demnach keine Selbstverständlichkeit.

Die Inhalte der Predigten werden von Politikern bestimmt

Als Folge der AKP-Regierung dominiert seit 15 Jahren der politische Islam in der Türkei. Die Religionsbehörde Diyanet war in der türkischen Geschichte noch nie so stark politisiert wie jetzt. Die Inhalte der Predigten werden von den politischen Akteuren bestimmt und nicht von Gelehrten. Sie werden nach den Interessen der Politiker geformt, wann wer als Feind des Islam oder gar der Türkei zu proklamieren ist.

Seit etwa vier Jahren werden die Hizmet-Engagierten Opfer des politischen Islam. Diese unterscheiden sich in ihrem Denken und Handeln enorm von den Vertretern des politischen Islam, denn Hizmet-Engagierte leben und prägen einen zivilen Islam, der Andersgläubige oder Andersdenkende nicht diskriminiert, sondern respektiert.

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In dem Islamverständnis der Hizmet-Engagierten sind diejenigen Werte verankert, die mit den westlichen Werten nicht im Widerspruch stehen. Ganz im Gegenteil - Hizmet-Menschen verkörpern einen mit dem Westen kompatiblen Islam.

Während sich der politische Islam auf das Äußere konzentriert und versucht die Institutionen zu islamisieren, engagiert sich der zivile Islam für die Vervollkommnung des Individuums und für das friedliche Zusammenleben mit den Andersgläubigen.

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Aufgrund dieser grundlegenden Unterschiede hinsichtlich des Islamverständnisses erleben die Vertreter des zivilen Islam (Hizmet-Engagierte) großes Unrecht seitens der Vertreter des politischen Islam (AKP-Regierung).

Dieser Unglimpf geht weit über die territorialen Grenzen der Türkei hinaus. Eine ähnliche Spaltung und Diskriminierung findet auch in Deutschland statt.

Durch importierte Imame aus der Türkei und lokale Lobby-Institutionen der türkischen AKP-Regierung ist auch der deutsche Boden ein großes Potenzial für Unterdrückung vieler muslimischen Mitbürger geworden, denn im Auftrag der türkischen Regierung werden in deutschen Moscheen Andersdenkende diskriminiert und ausspioniert.

Solang wir uns hier in Deutschland nicht vom Einfluss der türkischen Innenpolitik befreien, müssen wir weitere schlechte Erfahrungen mit dem politischen Islam auch hierzulande in Kauf nehmen.

Von Celal Findik, Vorstandsmitglied der Stiftung House of One in Berlin

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