BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Celal Findik Headshot

Mir ist egal, was Erdogan sagt - ich wähle, gerade weil ich Muslim bin

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOGAN
Murad Sezer / Reuters
Drucken

Es ist für mich als muslimischer Mitbürger eine Selbstverständlichkeit an den Wahlen teilzunehmen und mich für die Politik einzusetzen.

Die jüngsten Debatten - ausgelöst von den Äußerungen Erdogans - erinnern mich an meine Jugend und meine Schulzeit auf dem theologischen Gymnasium in der Türkei. Zu dieser Zeit glaubte man - Schüler sowie Lehrer - die Teilnahme an den Wahlen sei unislamisch und würde dazu führen, dass das Land nicht nach islamischen Prinzipien regiert werde.

Für einen Schüler der 9. Klasse eines religiösen Gymnasiums waren das große Worte. Da der Staat aus unserer damaligen Sicht "unislamisch" war, hatten wir uns nie erträumt, Berufe wie Lehrer, Polizist oder Hochschuldozent ergreifen zu können, die nur bei den staatlichen Institutionen ausgeübt werden konnten.

Mehr zum Thema: Ein Wahl-Boykott der Deutschtürken träfe vor allem die SPD hart

Solche Vorstellungen kommen nur zustande, wenn man sich nur Oberflächlich mit dem Islam beschäftigt

In den darauf folgenden Jahren befasste ich mich immer mehr mit der Theologie und plötzlich schien mir diese Sicht völlig absurd. Vorstellungen, wie die Erdogans und meiner Lehrer, kamen nur dann zustande, wenn man sich nur oberflächlich mit den Quellen des Islams beschäftigte.

Setzt man sich jedoch genauer mit dem Leben des Propheten Muhammad auseinander, so wird deutlich, dass er bereits vor seiner Prophetenzeit gesellschaftliche Probleme auf der Tagesordnung hatte.

Im Alter von 20 Jahren nahm er beispielsweise an Versammlungen teil, in denen das Abkommen Hilfül Fudul getroffen wurde. Damit wollte man armen und machtlosen Menschen helfen, die der Hadsch und des Handels wegen nach Mekka reisten.

Ein weiteres Beispiel ist der Medine Vertrag, den er direkt nach seiner Auswanderung mit allen Teilen der Stadt unterzeichnet hatte. Mit dieser Vereinbarung wurden Grundrechte erlassen.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png
Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Umweltschutz war für ihn ebenso ein zentrales gesellschaftliches Thema. Er sagte: Kein Muslim wird einen Baum einpflanzen oder die Saat in die Erde senken, wovon Vögel, Menschen oder Tiere verzehren, ohne dass er dafür (von Gott) den Lohn eines Almosens erhalten wird.

Um die Unwissenheit in der Gesellschaft zu bekämpfen, hatte er außerdem eine Schule errichtet, in der sich Muslime austauschen und eine Ausbildung genießen durften. Ein anderes Beispiel für sein Engagement in der Bildung ist seine Aufforderung, Geiseln nach dem Krieg nur dann freizulassen, wenn sie 10 Menschen das Lesen beibrachten.

Erdogans Äußerungen haben nichts mit dem Glauben zu tun

Man sieht: Der Islam fordert Menschen dazu auf, an der Gesellschaft teilzuhaben und mitzuwirken und sich immer effektiv für die Menschheit einzusetzen.

Ebenso wie bei gesellschaftlichen Themen wird auch bei politischen Ereignissen erwartet, dass sich Muslime dazu äußern und ihre Stimme abgeben.

Nach der Zeit des Propheten wurde der Kalif (Staatsoberhaupt) mit den Stimmen des Volkes gewählt. Dabei wurden weder die Wahl, noch die Entscheidungen der Wähler manipuliert.

Mehr zum Thema: Erdogans Marschbefehl: Wie jetzt alle türkischen Zeitungen gegen die Kanzlerin hetzen

Demzufolge haben die Äußerungen von ausländischen Politikern über die kommenden Wahlen mit dem Glauben oder der Religion nicht zu tun.

Sie verfolgen lediglich ihre eigenen politischen Ziele und Interessen und versuchen, Muslime bei ihrer Wahlentscheidung zu beeinflussen.

Gerade weil ich Muslim bin, wähle ich.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');