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Mein Chef hat mich sexuell belästigt - aber auch Frauen machten mir meinen Job zur Hölle

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DEPRESSED WOMAN AT WORK
kieferpix via Getty Images
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Mit 25 war ich eine junge, zielstrebige Produktionsassistentin. Eines Tages griff mein verheirateter Produzent nach meiner Hand und versuchte mich zu überreden, mit in sein Hotelzimmer zu kommen. Er war ein ziemlich hohes Tier in Hollywood.

Ich erfand eine Ausrede und verließ das Hotel.

Es ist wieder eine Geschichte mit dem Hashtag #metoo. Und es ist nicht meine einzige. Schon oft verschwamm bei einem meiner männlichen Vorgesetzten die Grenze zwischen Arbeit und sexuellen Annäherungsversuchen.

Ich habe meinen Job schließlich hingeschmissen - aber aus einem anderen Grund: Ich wurde von meinen weiblichen Kollegen schikaniert.

Niemand erniedrigte mich mehr als meine weiblichen Kolleginnen

Mobbing zerstörte für mich die Filmindustrie, in der ich 16 Jahre lang mit Leidenschaft gearbeitet habe.

Es mag kontrovers klingen: Egal wie unangenehm die sexuellen Anspielungen von Produzenten und Schauspielerkollegen waren - niemand erniedrigte mich mehr als meine weiblichen Kolleginnen.

Mobbing und sexuelle Belästigung gehen Hand in Hand. Genauso, wie die meisten Schauspielerinnen in ihrer Karriere sexuelle Belästigung erdulden müssen, müssen Produktionsmitarbeiter verbalen Missbrauch erleiden.

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Es ist ein Problem, das es wohl in jedem Produktionsbüro gibt - von Großbritannien bis nach Hollywood.

Wenn du als Freiberufler in der TV Industrie durchhalten willst, musst du robust und clever sein. Die Konkurrenz ist schließlich groß. Hunderte von arbeitslosen Produktionsassistenten ergreifen jede Chance, dich aus dem Weg zu schaffen.

Wer nur ein bisschen Ärger macht, der ist sofort draußen

In diesem harten Geschäft ist es eine große Sache, die Avancen eines Produktionsleiters abzuweisen. Ich fand es allerdings immer besser, zu kämpfen und das schmutzige Verhalten der Vorgesetzten nach Außen zu tragen.

Ein Risiko, denn die Crew bleibt meistens für einige Filmdrehs zusammen. Für den Selbstständigen hat das einerseits Vorteile - es ist ein sicherer Job. Aber wer nur ein bisschen Ärger macht, der ist sofort draußen.

Aber man kann sich auch durchboxen, ohne sich selbst dafür aufzugeben. Ich habe es geschafft. Einstecken musste ich trotzdem einiges.

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Meine Karriere begann als "Laufbursche" am Set eines britischen Films. Das Team hatte nur ein kleines Budget. Also bekam ich nur eine kleine Aufwandsentschädigung - einen richtigen Lohn erhielt ich nicht.

Manchmal schob ich 16-Stunden-Schichten, um mein Busticket für meine Heimfahrt vom Set bezahlen zu können. Und natürlich, um eine gute Beurteilung für meinen Lebenslauf zu bekommen.

An meinem ersten Tag nannte mich meine Produktionsmanagerin vor versammelter Mannschaft eine "verdammte Idiotin", weil ich ein Dokument nicht schnell genug gefaxt habe.

Noch immer kann ich mich an diesen Stich erinnern. In den darauffolgenden drei Monaten nannte sie mich nicht ein einziges Mal beim Namen. Ich war einfach nur die "verdammte Idiotin."

"Beschaffe mir eine Genehmigung, oder du kannst was erleben!"

Mit meiner zweiten weiblichen Chefin hatte ich beim Fernsehen zu tun. Sie sah mich als komplett nutzlos. In ihren Augen war ich nie gut genug gekleidet, was mich sofort für die besten Jobs disqualifizierte.

Sie genoss es, meine Gespräche mit Kollegen zu unterbrechen. Sie lud sie alle zu wichtigen Geschäftsessen ein - ich bekam nicht einmal ein "Hallo" zurück. In diesem Job arbeitete ich drei ganze Jahre. Ich beschwerte mich nie.

Zu guter Letzt war da mein Filmjob vor zwei Jahren. Zu dieser Zeit leitete ich bereits meine eigene Produktionsfirma, die ich mit einem ehemaligen Kollegen vom BBC gegründet hatte.

Für eine amerikanische Show mussten wir geeignete Drehorte in Europa suchen. Als wir die Crew kennen lernten, wurde schnell klar, dass sie keine Ahnung hatten, was sie filmen wollten. Sie lehnten die meisten meiner Vorschläge ab. Irgendwann entschieden sich der Moderator der Show für eine große Einkaufshalle.

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Leider bekam ich trotz meiner Bemühungen keine Genehmigung, dort zu filmen. Anstatt das zu akzeptieren, nahm mich die Produzentin zur Seite und schrie auf mich ein: "Beschaffe mir diese Genehmigung, oder du kannst was erleben!"

In diesem Moment erkannte ich: "Ich brauche das nicht. Ich habe zwei wunderschöne Kinder, die zuhause auf mich warten. Ich vermisse sie wahnsinnig. Mein Leben ist zu kurz."

Ich fühlte mich wie ein missbrauchter Welpe, der immer wieder angekrochen kam

Es stellte sich heraus, dass ich Recht hatte. Im Jahr darauf bekam ich Krebs diagnostiziert.

Die Dreharbeiten wurden beendet und kurz darauf trennte ich mich von der Firma. Meine Tage in der Filmindustrie waren vorbei.

Wenn ich heute auf meine Karriere zurückblicke, wundere ich mich manchmal, wie viel ich einstecken konnte. Vom A Promi, der mit Essen nach mir warf, bis hin zum Schauspieler, der immer meinen Hintern tätscheln musste, wenn ich vorbeiging. Ich fühlte mich wie ein missbrauchter Welpe, der immer wieder angekrochen kam.

Aber es gab auch so viele Gründe bei der Arbeit zu bleiben. Ich bereiste die Welt, fand Freunde fürs Leben und bis jetzt habe ich nichts vergleichbar Magisches erlebt, wie das Gefühl, ein Filmset in Shepperton oder Pinewood zu betreten.

Am Ende des Tages ist die Filmindustrie ein männliches Metier

Ich glaube, dass in anderen Jobs ähnliche Umstände herrschen. Trotzdem sind Kollegen und Vorgesetzte nirgendwo anders so mit mir umgegangen.

Warum waren es immer meine Chefinnen, die mich am stärksten verbal missbrauchten? Vielleicht kompensierten sie damit die sexuellen Belästigungen ihrer Kollegen. Vielleicht war es chronische Unsicherheit. Ich weiß es nicht.

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Am Ende des Tages ist die Filmindustrie immer noch ein männliches Metier. Eine aktuelle Studie ergab, dass gerade einmal 27 Prozent der Mitarbeiter am Filmset weiblich sind.

Vor ein paar Tagen verkündete mir meine sechsjährige Tochter, dass sie Schauspielerin werden wolle. Daraufhin setzte ich mich zu ihr und erzählte ihr bei einem Schokoladenmilchshake das ein oder andere "Highlight" von Mamas ehemaligem Beruf.

Sie möchte jetzt Tierärztin werden.

Der Beitrag erschien zuerst bei HuffPost UK, wurde von Meltem Yurt aus dem Englischen übersetzt und dem Verständnis angepasst.

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