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Revitalisierung von Gebäuden durch Umnutzung

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Revitalisierung von Gebäuden durch Umnutzung: Das ehemalige Stadtbad in Mülheim | © Stefan Schilling

„Form follows function" ist ein berühmtes Prinzip in Architektur und Design, das auf die Chicagoer Schule zurückgeht. Was aber bei der Gestaltung von Gebäuden oder Objekten gilt, ist nicht unbedingt auch im Umkehrschluss richtig. Die Funktion von Gebäuden hängt nicht von ihrer Form ab.

Gebäude können ihre ursprüngliche Nutzungsbestimmung überleben. Die Frage ist, was dann mit ihnen geschieht. Durch Umnutzung lässt sich Gebäuden neues Leben einhauchen. So wurde im Ruhrgebiet beispielsweise eine gesamte Kulturlandschaft verwandelt.

In wenigen Jahrzehnten sind dort die unterschiedlichsten Gebäudeformen neu definiert und umfunktioniert worden. „Aus alt mach neu" lautete das Motto beim Finden neuer Nutzungskonzepte für stillgelegte Fabriken: Wo früher malocht wurde, wird heute designt und gechillt.

Durch gezielte Umstrukturierung wird ein völlig neues Zielpublikum angesprochen. Alte Orte verschwinden dadurch nicht einfach, sondern gehen in einem neuen Konzept auf. Sie wirken nach. Ich spreche in diesem Zusammenhang von der Entstehung von neuen Sehnsuchtsorten, die eine Kommunikation zwischen heute und gestern erlauben.

Erhalt und Erneuerung: Das ehemalige Stadtbad Mülheim


„Stadt am Fluss" ist das Motto von Mülheim an der Ruhr. Wohnen mit Blick auf das Wasser ist nicht nur der Traum von Mülheimern. Der Blick aufs Wasser erfüllt uns als Menschen mit einer Sehnsucht nach Ferne und ist mit Melancholie verbunden. Gleichzeitig geht vom Wasser eine beruhigende und heilsame Wirkung aus.

Im ehemaligen Stadtbad in Mülheim ist Wasser das Leitmotiv. Bis 1998 wurde das 1910 gebaute Bad in seiner ursprünglichen Bestimmung genutzt. Darauf folgten mehrere Jahre der Zwischennutzung, in denen das imposante Gebäude bereits beweisen konnte, dass es weit mehr kann, als nur ein Bad zu sein. Dazu trägt seine Architektur wesentlich bei. Seine Fassade ist der eines Renaissance-Palazzos angelehnt und strahlt damit schon eine gewisse Extravaganz aus.

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An der Außenfassade des ehemaligen Stadtbades wurden Stahlbalkone mit einer unsichtbaren Aufhängung angebracht. | © Stefan Schilling

So viel wie möglich sollte von diesem außergewöhnlichen Gebäude erhalten bleiben, als seine Neukonzeption als Wohngebäude umgesetzt wurde. Denkmalgeschützter Bestand sind die Fassade aus Sandstein und Muschelkalk sowie der zu einer Seite hin geöffnete Bogengang. Die Umnutzung erforderte dennoch einige unverzichtbare Eingriffe.

So musste das Schwimmbecken im Inneren weichen und außen wurden mit einer unsichtbaren Aufhängung Stahlbalkone für die 41 Wohnungen angebracht. Als Ergänzung dazu entstand zudem ein Neubau mit weiteren 24 Wohnungen. Das Ergebnis ist eine harmonische Synthese aus alt und neu, die einen für das Gesicht der Stadt wichtigen Ort dauerhaft erhält.

„Aus alt mach neu - das ist die Grundlage der Revitalisierung von alten Gebäuden durch Umnutzung."

Umnutzung von Gewerbe in Wohnen: „The Henry's" in Düsseldorf


Nicht immer steht bei Umnutzungsprojekten der Erhalt von architektonisch wertvollen Gebäuden im Zentrum. Nichtsdestotrotz lohnt sich oft die Überprüfung, ob eine Umnutzung einen Erhalt rechtfertigt. Auf den ersten Blick ist das nicht immer der Fall: Die Ausgangslage bei der Gewerbeimmobilie in der Schanzenstraße 78 in Düsseldorf war denkbar schlecht: 100% Leerstand von Einzel- und Großraumbüros sowie Lagerraum, die sich auf 6800 m² verteilten.

Die Fassade - kein Schmuckstück. Eine rentable Neuvermietung des Gebäudes von 1973 war sehr unrealistisch. Für eine Umnutzung als Wohngebäude sprach jedoch sehr viel. Die Lage der Immobilie nahe des Zentrums in der renommierten Wohngegend in Oberkassel, seine Bauhöhe von 10 Geschossen sowie die hochwertige Bausubstanz.

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Links vor und rechts nach der Umwandlung vom Bürokomplex in ein Wohngebäude: Das The Henry's in Düsseldorf. | © Stefan Schilling

Für ein Wohngebäude gelten andere gesetzliche Bestimmungen als für Gewerbeimmobilien und seit den 1970er Jahren fand ein Mentalitätswandel hinsichtlich grüner, energetischen Konzepte statt. Die Herausforderungen bei der Umnutzung von einem Büro- in ein Wohngebäude betreffen zudem den Schallschutz, den Brandschutz, die Bauphysik und Statik sowie nicht zuletzt die Ästhetik der entstehenden Räume für die neue Nutzungsbestimmung.

Bei "The Henry's" stehen all diese Aspekte einer Umnutzung miteinander im Einklang. Durch eine energetisch optimierte Fassade mit dena-Gütesigel, die Erweiterung des Wohnraums durch ein Penthouse und die Aktivierung des Souterrains zur Wohnnutzung konnte schließlich eine Vollvermietung erreicht werden.

Eine preußische Kaserne kann der Traum individuellen Wohnens werden: „Projekt Neuer Garten", Düsseldorf


Die Preußische Armee war Ende des 19. Jahrhunderts schon rein zahlenmäßig eine gewaltige Organisation. Das stehende Heer umfasste über 700.000 Mann und jedes Jahr wurden bis zu 300.000 Wehrpflichtige eingezogen. Für so viele Menschen musste eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Die Kasernen boten zum Teil nicht nur den Soldaten, sondern auch ihren Familien Unterkunft. Architektonisch sprechen die preußischen Kasernen eine ähnlich klare Sprache, für die das preußische Militär insgesamt berühmt ist.

Strenge Symmetrien, klare Linienführung und eine entsprechende Größe sind die Merkmale der heute unter Denkmalschutz stehenden Kasernenanlagen. Kaum denkbar, dass eine preußische Kaserne, die bis ins Detail ihrer Formsprache die Einheitlichkeit des militärischen Systems verkörpert, die Grundlage für individuelle Wohnbedürfnisse darstellen kann. Dass genau das geht, stellen wir von msm meyer schmitz-morkramer mit dem Projekt „Neuer Garten" unter Beweis.

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Der alten Kaserne wurden Balkone, Terrassen oder eigene Gärten hinzugefügt. | © HG Esch

Im Projekt „Neuer Garten" wurde die ehemalige preußische Kaserne in Düsseldorf als Wohnanlage revitalisiert. Die für diesen Zweck außergewöhnliche Immobilie beherbergt heute 170 Wohnungen für sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Die Wohnungen haben entsprechend angepasste Größen, die zwischen 35 und 140 Quadratmeter weit gefächert sind.

Die Bedürfnisse der heutigen Bewohner unterscheiden sich erheblich von den ursprünglichen. Die Kaserne wurde von 1895 bis 1898 gebaut und konnte durch gezielte Maßnahmen den neuen Anforderungen angepasst werden: Neue Elemente wie Balkone, Terrassen oder eigene Gärten wurden dem historischen Gebäudebestand hinzugefügt, um modernen Wohnkomfort zu gewährleisten.

Revitalisierung als Perspektive für ungenutzten Bestand


Die große Vielfalt an unterschiedlichen Gebäuden, die auf die ein oder andere Weise umgenutzt werden können, vermag es, mich immer wieder zu faszinieren und herauszufordern. Nicht immer ist es auf den ersten Blick klar, ob ein Projekt funktioniert. Die Ergebnisse zeigen aber, dass sich die Anstrengungen lohnen. Wohnen lässt sich in einem Stadtbad, einer Kaserne oder einer alten Gewerbeimmobilie. Die neuen Räume, die in diesen bestehenden Gebäuden entstehen, sind keineswegs Kompromisse.

„Die Lebensdauer von Hochhäusern ist länger als die ihrer Nutzungskonzepte. Die Lösung: Umnutzung."

In ihrer Gestalt, ihrer technischen Ausstattung und ihrem Wohnkomfort müssen sich diese Revitalisierungs-Projekte nicht hinter Neubauten verstecken. Ich finde, dass diese Gebäude Neubauwohnungen in einer Hinsicht sogar etwas voraus haben: Sie stellen eine Beziehung zur Vergangenheit oder zur Geschichte ihrer Umgebung her und haben das Potenzial, Sehnsuchtsorte zu werden.

Die Erstveröffentlichung meines Beitrags finden Sie auf casparschmitzmorkramer.de

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