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Gute Gründer denken international

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INVESTOR
Ariel Skelley via Getty Images
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Für viele Gründer, Angels und Investoren in Deutschland ist BayStartUP ein wichtiger Ansprechpartner. Zum Jahresauftakt blickt Geschäftsführer Carsten Rudolph zurück, wagt einen Ausblick auf 2016 und beschreibt die Stimmung in der Gründerszene, erfolgreiche Geschäftsmodelle im Digital Age und bessere Rahmenbedingungen für Startups.

Welche Entwicklungen das Jahr 2015 geprägt haben

Ich beobachte eine weitere Verfestigung des Startup-Interesses auf hohem Niveau und ich glaube, dass dieses Interesse auch nicht so schnell abnehmen wird. Der Unterschied zu den Zeiten der New Economy ist, dass es diesmal nicht die rauschhafte Euphorie gibt, sondern seriöse Geschäftsmodelle, Entrepreneure und Investoren und mit der Digitalisierung einen starken Megatrend, was zusammen die Basis für eine dauerhaft gute Stimmung ist.

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Ein Grund dafür dürfte sein, dass seit dem Platzen der Dotcom-Blase die Akteure im Umfeld von Startups gelernt haben, genauer hinzuschauen. Die Neigung, sich nur allzu gern von schönen Visionen täuschen zu lassen, gibt es nicht mehr in dem Maße wie um die Jahrtausendwende, sei es bei den Investoren, den Gründern selbst, aber auch auf Seiten der Medien. Deshalb gibt es keinen entfesselten Hype, sondern eine nachhaltigere Entwicklung.

Kontinuität für 2016

Zumindest die Rahmenbedingungen für Startups werden auch 2016 gut bleiben. In Deutschland haben wir nicht nur gelernt, die Solidität von Geschäftsmodellen genauer zu hinterfragen. Es ist auch mehr Geld bei den Investoren da, die Infrastruktur für Gründer ist ganz anders als zu Zeiten der New Economy. Und was die Technologien angeht: Gründer können die Möglichkeiten des Internets und der Digitalisierung viel besser und vielfältiger für ihr Business nutzen als damals.

Außerdem gibt es wieder mehr Venture-Capital-Fonds hierzulande, auch kleinere. Die Stimmung in dem Bereich ist ganz gut, was auch am immer professionelleren Umfeld für Startups in Deutschland liegt.

Was zum Beispiel das konkrete BayStartUP-Angebot für Gründer angeht, wollen wir 2016 unsere Kontakte in Richtung Mittelstand ausbauen, weil wir da viel Potenzial für Startups erkennen - zum Beispiel mit Blick auf Kooperationen und Partnerschaften.

Digitale Technologien als Treiber für Startups: echter Nutzen gefragt

Erfolgreich sind vor allem die Startups, die echte Visionen mit einer technisch fundierten Basis verbinden können. Eine App, ein neuer Online-Store oder eine neue E-Commerce-Lösung stehen allein nicht mehr für ein gutes Geschäftsmodell. Vielmehr geht es darum zu fragen: Wie nutze ich die Möglichkeiten des Internets und der digitalen Technologien, um echten Nutzen für Kunden zu generieren?

Zum Beispiel wird es im klassischen E-Commerce immer schwieriger, noch etwas bahnbrechend Neues zu machen, etwas, das sich wirklich abhebt. Gründer müssen also ihre Nischen woanders suchen. Zum Beispiel da, wo die Digitalisierung noch weit weg ist und man echten Mehrwert schaffen kann. So macht es zum Beispiel eGym mit der Verbindung von Internet und Fitnesstraining oder Navvis mit seiner Technologie zur Indoor-Kartografie, worauf viele Museen oder Unternehmen mit großen Hallen und Lagern geradezu händeringend gewartet haben.

Exportnation Deutschland - welchen Anteil die Startups haben

Die Startups allein machen natürlich noch keinen Exportweltmeister, aber sie sind ein wichtiger Teil des Ganzen, weniger quantitativ als qualitativ. Man muss auch sehen, dass die guten Gründer von Anfang an international denken. Zu sagen, jetzt habe ich mal fünf Jahre Erfolg in Bayern, und dann internationalisiere ich, funktioniert heute nicht mehr.

Bei denjenigen, die Großes vorhaben, ist die Stimmung gut, weil viele von ihnen auch wirklich vorankommen, zum Beispiel bei der Finanzierung. Es gibt natürlich auch immer welche, die sich beschweren, und sagen, ich kriege keine Finanzierung, niemand unterstützt meine Idee. Aber wenn wir uns dann anschauen, wer sich lauthals und öffentlich beschwert, dann sind das so gut wie nie die Gründer mit den besonders durchdachten Ideen oder Geschäftsmodellen.

Startups als attraktive Arbeitgeber

Inzwischen ist es en vogue, bei einem Startup zu arbeiten. Gleichzeitig verlieren die großen Unternehmen an Attraktivität und können das auch nicht mehr einfach so über mehr Gehalt ausgleichen. Und weil die Finanzierung von Startups sich in den letzten Jahren erheblich verbessert hat, können sich viele Startups inzwischen auch gutes Personal leisten, zum Beispiel Entwickler. Sorge macht mir aber die demografische Entwicklung in den ländlichen Regionen.

Die jungen Leute zieht es ungebrochen in die Städte, das Recruiting außerhalb der Städte wird immer schwieriger. Das betrifft Startups noch stärker als den Mittelstand, weil sie dynamischer sein und schneller agieren müssen. Politik und Gesellschaft müssten versuchen, diesen Trend aufzuhalten, aber das dürfte alles andere als einfach sein.

Bessere Politik für Gründer

Im abgelaufenen Jahr 2015 wurde ja das Schlimmste fürs Erste verhindert, in dem das Anti-Business-Angel-Gesetz der Bundesregierung gestoppt wurde. Das ist ein gutes Signal, aber auf Bundesebene warten wir nun schon seit rund zehn Jahren auf das Venture-Capital-Gesetz.

Von der Politik erwarte ich mir ein klares Signal für Startups in Deutschland auch auf Bundesebene, zum Beispiel dafür, dass Wagniskapital eine sinnvolle Sache ist, wenn man es mit Innovationskultur und Unternehmertum ernst meint. Momentan werden beim Thema Wagniskapital regelmäßig eher die Neidreflexe bedient.

Es könnte ja jemand reich werden. Auf regionaler Ebene ist das anders: Das Interesse ist echt, der Austausch ist intensiv, und es wird meines Erachtens getan, was regional möglich ist.

Was die großen Unternehmen im eigenen Interesse tun sollten, wenn es um ihr Verhältnis zur „Startup-Szene" geht

Die großen etablierten Unternehmen sollten mehr darüber nachdenken, was Startups wirklich brauchen, wenn man an einer gewinnbringenden Zusammenarbeit interessiert ist. Sie müssen nicht den x-ten Inkubator eröffnen, sondern würden gut daran tun, sich wirklich öffnen und sich flexiblere Strukturen geben.

Ein Startup, an dem man interessiert ist, sollte man nicht am ausgestreckten Arm verhungern lassen, sondern auch in der Lage sein, mal für 50.000 Euro bei dem Startup einkaufen zu können - selbst wenn es noch nicht die üblichen Kriterien des Einkaufs erfüllt, etwa eine ISO-Zertifizierung zu haben oder mindestens drei Jahre am Markt zu sein. Die perfekten Prozesse, die uns als Volkswirtschaft stark machen, machen es uns im Falle der Startups schwerer als nötig.

Ein Startup kann im Zweifel nicht über zwei Jahre kostenlose Testläufe durchführen, damit ein Großunternehmen es sich dann am Ende doch anders überlegt. Vorbildliches Beispiel ist für mich hier die Investition von Siemens Innovative Ventures in das Logistik- Startup Magazino im Jahr 2015.

Über welche Themen wir 2016 nicht mehr sprechen wollen

Ich will im nächsten Jahr nicht mehr über Frage „Berlin oder München" reden. Das Thema ist durch, mittlerweile sogar auf politischer Ebene, glaube ich. Nach und nach begreifen die meisten, dass es kein Gegeneinander gibt. Allenfalls ergänzt man sich und lernt voneinander. Es gibt halt zwei starke Startup-Standorte. Und abgesehen davon kann unsere Volkswirtschaft die auch brauchen, da ist sogar noch Platz für weitere.

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