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Startup Nation Israel - Was Hamburg sich jetzt abschauen sollte

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TEL AVIV
silverjohn via Getty Images
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Während wir uns in diesen Spätsommertagen immer wieder wünschen, dass der kleine Oktober doch bitte aus dem August abgeholt werden möge, so werden wir das Wetter hierzulande nur schwer ändern können. Wohl aber können wir uns aufmachen nach Israel. Das Land am östlichen Ende des Mittelmeers bietet derzeit nicht nur deutlich angenehmeres Wetter, sondern auch viele Anregungen für das politische Handeln.

Pro Kopf der Bevölkerung gerechnet, gibt es kein Land auf der Welt, welches mehr Existenzgründungen verzeichnet als Israel. Über 1.000 Unternehmen starten pro Jahr, bei einer Bevölkerung von etwas mehr als sieben Millionen. In Sachen Innovation steht Israel weltweit auf Platz 3 des aktuellen Rankings vom World Economic Forum.

Viele israelische Gründer träumen dabei vom großen Exit. Auf Partys in Tel Aviv steht die Frage nach dem eigenen Unternehmen hoch im Kurs. Dabei wird auch offen über das eigene Scheitern gesprochen, Erfahrungen werden ausgetauscht. Nach internationalen Erfolgsstorys wie ICQ und Waze nimmt die Dynamik Jahr für Jahr zu. Im Silicon Wadi trifft man an allen Ecken Gründer und potentielle Investoren. Exzellente Mitarbeiter und erfahrene Berater sind in der Regel ebenfalls nicht weit entfernt.

Das Gründen wird in Israel bereits in frühen Jahren erlernt. Open University Programme bieten Informatikstudien, Hackathons ziehen bereits Schulkinder magisch an. Während des Militärdienstes sowie an den exzellenten Universitäten des Landes wird diese Ausbildung fortgesetzt.

Kurzum: Unternehmertum und Risikobereitschaft sind positiv behaftete Begriffe. In Hamburg dagegen findet sich eine andere Ausgangslage: Genau zwei Lehrstühle für Entrepreneurship gibt es an den öffentlichen Universitäten und Hochschulen, aber immerhin 18 Professuren, die sich mit Gender Studies beschäftigen. Eine andere Art staatlicher Prioritätensetzung.

Dan Senor und Saul Singer beschreiben in ihrem Buch „Startup Nation Israel" zudem eine weitere zentrale Grundlage des Erfolgs vieler israelischer Gründer: ein großes Maß an Chuzpe. Aus dem Jiddischen übersetzt bedeutet es eine Mischung aus zielgerichteter, intelligenter Unverschämtheit, charmanter Penetranz und unwiderstehlicher Dreistigkeit.

Im schnelllebigen Zeitalter der Digitalisierung und im dynamischen, globalen Wettbewerb sind solche Eigenschaften sicherlich hilfreich. Auf jeden Fall hilfreicher, als der sozialdemokratische Hamburger Anspruch, gut zu regieren, d.h. ordentlich zu verwalten.

Eine weitere Erfolgsgrundlage Israels ist dabei die breite Möglichkeit Risikokapital zur Finanzierung von Ideen einzusammeln. Das Office of the Chief Scientist, eine Einrichtung des israelischen Wirtschaftsministeriums, unterstützt Unternehmensgründungen nicht nur mit vielfältigen Dienstleistungen, sondern eben auch mit Finanzierungsangeboten in Kooperation mit privaten Venture Capital Fonds. Dabei sind auch deutsche Fonds vor Ort aktiv, beispielsweise die ProSieben Sat 1 AG, die sich im Medienbereich engagiert.

Immerhin, hier hat Hamburg versucht einen ähnlichen Schritt zu gehen. Anfang 2016 beschloss die Bürgerschaft die Einrichtung eines städtischen Fonds zur Unterstützung von Startups in der Wachstumsphase. 100 Millionen Euro sollten eingeworben werden, lediglich 10% davon aus dem städtischen Haushalt. Das mediale Interesse war anfangs groß. Ein dreiviertel Jahr später kann der Senat jedoch weder ein Konzept für den Fonds, geschweige denn erste Investoren vorweisen. Bislang bleibt die Idee also nichts als heiße Luft.

Einige deutsche Bundesländer haben die sich bietenden Chancen der Zusammenarbeit mit dem Hochtechnologieland Israel bereits erkannt. Die Berliner Hochschulen nutzen beispielsweise ihre Möglichkeiten und bringen den Standort voran: Das EXIST Startup Germany Programm vernetzt in der ersten Runde fünf israelische Gründerteams mit der deutschen akademischen Gründungslandschaft in der Hauptstadt. In Bayern hat sich derweil der Bavaria Israel Partnership Accelerator etabliert und bringt junge Gründer aus beiden Ländern in München zusammen.

Ähnliche Aktivitäten gibt es in immer mehr deutschen Städten und Bundesländern. Nur Hamburgs rot-grüner Senat, der die Stadt zur Innovationsmetropole machen will, vergibt hier eine große Chance. Auf Nachfrage bezeichnet er Israel derzeit nicht als regionalen Schwerpunkt.

Ohnehin tut man sich in Hamburg politisch schwer damit, die richtigen Rahmenbedingungen für Innovationen und Entrepreneurship zu schaffen. Es verwundert daher nicht, dass Unternehmen wie Google zwar ihre Vermarktungsbüros in Hamburg unterhalten, neue Entwicklungszentren aber beispielsweise in München eröffnen.

Auch hier könnte Hamburg von israelischen Beispielen lernen. So gründete die Deutsche Telekom mit der Ben-Gurion-Universität in Beerscheva bereits vor rund zehn Jahren ein gemeinsames Innovationslabor. Über 50 israelische Wissenschaftler arbeiten heute mit deutschen Fachleuten an Big Data und Internet Security Themen. Ähnliche Projekte finden sich zunehmend in Israel sowie in Deutschland, nur eben nicht in Hamburg. Hier haben die städtischen Behörden nicht mal eine einheitliche Definition für den Begriff Startup.

Bislang kommen die viele Impulse für den Gründerstandort Hamburg aus der Szene selbst. Politische Rahmenbedingungen setzt höchstens die Bundesregierung. Rot-Grün lässt sich hierfür dann auf den eigenen Digitalisierungspartys an Alster und Elbe feiern. Parlamentarische Initiativen der Opposition werden nicht mal zur Diskussion in die Fachausschüsse überwiesen.

Das alleine reicht nicht. Hamburg kann Hafen, Handel und Hightech. Es braucht dafür aber eine Regierung, die Mut zum Handeln aufbringt, gute Ideen zulässt und Initiativen beherzt unterstützt.

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