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Gründerzeit 2.0 - Was sich jetzt an deutschen Hochschulen ändern muss

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Hamburg gilt mittlerweile als eine der deutschen Startup-Hochburgen. Mit 253 Unternehmensgründern je 10.000 Einwohner liegt die Hansestadt im Durchschnitt der letzten drei Jahre knapp vor Berlin (238 Gründer). So ist es dem aktuellen KfW-Gründungsmonitor zu entnehmen. Die private Plattform Hamburg Startups zählt aktuell sogar über 600 Startups an Alster und Elbe.

Klingt vielversprechend, könnte man meinen. Und in der Tat, die Zahlen wirken auf den ersten Blick gut. Viele Gründungen aus Hamburg sind zu international agierenden Unternehmen gewachsen, darunter myTaxi und Xing. Startups wie Kreditech oder Sonormed schreiben diese Erfolgsgeschichte fort. Und nicht ohne Grund haben sich mit Google, Facebook und Twitter führende Digitalunternehmen bei der Standortwahl ihrer Deutschlandzentrale für Hamburg entschieden.

Analysiert man jedoch die Rahmenbedingungen, dann lässt sich ebenso eine andere Erkenntnis gewinnen: die Startup-Szene entwickelt sich trotz rot-grüner Landespolitik beständig weiter, und nicht etwa, weil die aktuelle Regierungskoalition die richtigen Rahmenbedingungen setzt. Das ist leider immer noch typisch für viele Regionen in Deutschland.

Ansätze und Maßnahmen bleiben oft halbherzig oder floppen sogar gänzlich. Im Januar 2016 beschloss beispielsweise die Hamburgische Bürgerschaft mit großer medialer Aufmerksamkeit die Gründung eines städtischen Fonds zur Förderung von Startups. 100 Millionen Euro sollte das Volumen betragen, davon 90 Millionen Euro aus der Privatwirtschaft kommend.

Mehr als 1,5 Jahre später gibt es jedoch weder ein Managementteam noch ein fertiges Konzept, geschweige denn Investoren für den Hamburger Innovations-Wachstumsfonds. Dabei würde der Fonds die Palette an Finanzierungsmöglichkeiten für Hamburger Existenzgründer sinnvoll erweitern, die zuständige städtische Investitions- und Förderbank könnte gar zu einer vergleichbaren Einrichtung wie Israels Innovation Authority ausgebaut werden. Doch fehlen dazu bislang sowohl Engagement und Mut als auch Weitsicht der Landesregierung.

Auch die Vernetzung der Szene ist stark ausbaufähig, vor allem auf internationaler Ebene. Strebt ein Hamburger Startup tatsächlich in die weite Welt, dann will die aktuelle Landesregierung dies „positiv begleiten" hört man auf Nachfrage. Eine eigene Strategie zur Vermarktung des Standorts? Fehlanzeige. Eine Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) regte im Herbst 2016 die Gründung von internationalen Innovationspartnerschaften mit bedeutsamen Startup Hubs an.

Eine kluge Idee, jedoch ist bislang nicht ersichtlich, dass sich die Hamburger Wirtschaftsbehörde, immerhin einer der Auftraggeber der Studie über Gründungsgeschehen und -förderung in Hamburg, diese und weitere Vorschläge der beteiligten Wissenschaftler zu eigen gemacht hätte. Womit wir die wohl größte Baustelle erreicht hätten.

Innovative Ideen müssen überhaupt erst einmal entstehen können. Dafür braucht es starke Universitäten und Forschungseinrichtungen wie die Stanford University im Silicon Valley oder Technion, Tel Aviv University und IDC Herzliya im israelischen Silicon Wadi.

Innovationsregionen wie Aachen, Braunschweig, Karlsruhe oder München zeigen, dass eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft auch in Deutschland funktionieren kann. Warum nicht auch in Hamburg? Die Hansestadt verfügt über eine Vielzahl von staatlichen und privaten Universitäten und Hochschulen. Über 100.000 Studenten sind hier mittlerweile immatrikuliert. Der Talentpool ist also da, doch fehlen die entsprechenden Rahmenbedingungen zur Förderung von Unternehmensgründungen aus der Wissenschaft.

So kommt es, dass alleine an der (kleinen) Leuphana Universität Lüneburg mit 55 Gründungen pro Jahr mehr Unternehmen entstehen, als an allen Hamburger Hochschulen zusammen. Die magere Bilanz von 14 in Hamburg verzeichneten Ausgründungen wird dabei auch nicht besser, wenn die Wissenschaftsbehörde darauf pocht, man würde ja nicht alle Gründungen verzeichnen. Vielmehr verdeutlicht es, dass in Hamburg gehörig etwas schief läuft.

Berlin zeigt, dass es auch in großen Metropolen anders gehen kann: die Hochschulen der Bundeshauptstadt verzeichnen rund siebenmal mehr Ausgründungen im Rahmen des EXIST-Programms der Bundesregierung als es in Hamburg der Fall ist. Ausgründungen sind für die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit unserer Städte und Regionen von zentraler Bedeutung, da sie den Wissenstransfer aus Forschung und Wissenschaft in die Gesellschaft voranbringen. Dies ist Bestandteil der sogenannten Third Mission akademischer Einrichtungen.

Hochschulen müssen fruchtbarer Nährboden für Unternehmensgründungen sowie technische und soziale Innovationen sein, die sich mit den wirtschaftlichen Aktivitäten ihrer Region in ihren verschiedentlich organisierten Clustern verzahnen. Professoren und Wissenschaftler müssen dafür mit passenden Anreizen und Strukturen ermuntert werden, innovative Ideen in unternehmerische Aktivitäten zu transferieren.

Immerhin, die Technische Universität Hamburg fördert mit ihrem erfolgreichen Startup Dock im Hamburger Süden innovative Unternehmensgründer aus dem Hochschulbereich. An der Universität Hamburg fehlt es dagegen bislang selbst an den Grundlagen: Deutschlands drittgrößte Universität hat nach wie vor keine Transferstrategie, Lehrstühle für Entrepreneurship oder eine strukturierte Beratung und Förderung von gründungswilligen Studenten und Wissenschaftlern sucht man ebenso vergebens.

Am Beispiel von Hamburg zeigt sich deutlich, was sich jetzt an deutschen Hochschulen ändern muss. Es gilt, was schon die oben genannte HWWI-Studie im vergangenen Herbst feststellte: Hamburg ist bei Gründungsintensitäten trotz Herausforderungen noch vorne dabei. Die Frage ist nur, wie lange noch.

Der rot-grüne Senat hat bereits die Hälfte der Legislatur verstreichen lassen, ohne die Rahmenbedingungen der Startup-Szene nachhaltig zu verbessern und dabei insbesondere die Universitäten und Hochschulen als Keimzellen der Gründerszene zu stärken.

Noch ist es nicht zu spät, auch in Hamburg eine Gründerzeit 2.0 zu etablieren. Es ist nur dringend Zeit zum Handeln.

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