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Das Paarmonster erklärt: Zu hohe Ansprüche

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WOMAN CHAMPAGNE
Simon Winnall via Getty Images
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Ich liebe es, mit Menschen über Beziehungen zu sprechen. Mit Menschen, die eine Beziehung haben, mit denen, die keine mehr haben, und natürlich auch mit denen, die keine wollen. Mit jedem Gespräch über Wünsche, Ängste, Schwärmereien, Warnhinweise und Träume festigt sich das Bild, das ich selbst von meiner zukünftigen Beziehung habe ein bisschen mehr.

Dabei finde ich es immer wieder besonders spannend, wie Menschen, die in einer Beziehung leben, darüber sprechen. Quintessenz dessen ist vordergründig die Annahme, meine Ansprüche seien zu hoch. Aber was heißt das eigentlich?

Zu hohe Ansprüche

Mit meinen Eltern spreche ich nicht über mein nicht existentes Beziehungsleben, ich weiß auch nicht genau, warum. Wahrscheinlich weil ich weiß, dass Mutti heimlich Angst hat, dass ich niemals einen abbekomme.

Die Momente, in denen wir über Partnerschaft sprechen, sind rar gesät, und scheinbar habe ich doch, in einem schwachen Moment, ihr gegenüber einen Kommentar fallen lassen, der so was sagte wie:

„Eigentlich will ich doch nur einen Mann, der ein bisschen so ist wie Papa!"

Aufschrei! Vaterkomplex! Quatsch. Ich liebe meinen Papa, und zwar am meisten dafür, dass er so geerdet ist, unkompliziert, aufmerksam, respektvoll und einem auch mal Kontra geben kann. Und er kann super kochen. Und ja, das sind tatsächlich Eigenschaften, die ich in einem Mann suche, wenn man es mal auf den Punkt bringt.

Zur Beruhigung der Gemüter räume ich ein, dass ich wohl vorerst auf das Kochtalent verzichten könne.

An Weihnachten, im heimischen Wohnzimmer, nach ein paar Gläsern Wein, sprachen wir also tatsächlich über Beziehungen. Irgendwie wollte ich das Thema vom Tisch haben. Und wie sich herausstellte, hat auch Mutti Angst, meine Ansprüche an einen Partner seien zu hoch - wenn auch sie mich für meine Selbstständigkeit immer wieder beglückwünscht.

"Vielleicht kannst du nicht alles haben, Schatz" sagt sie. "Einen Mann, der gut aussieht, nett ist UND kochen kann...!" Ich schmunzle. Zur Beruhigung der Gemüter räume ich ein, dass ich wohl vorerst auf das Kochtalent verzichten könne, schließlich kann 'Mann' das ja lernen, wenn nötig.

Aufatmen. Es besteht noch Hoffnung. Ab wann sind Ansprüche eigentlich zu hoch und vor allem ... wer legt das fest? Bin ich das? Sind das erfahrene Paare in meiner Umgebung? Oder der große Anspruchsrat der Singlebewegung?

Was will ich?

Um herauszufinden, ob meine Ansprüche an einen Partner, und die Beziehung zu ihm zu hoch sind, darf erst mal auf den Tisch gelegt werden, was diese Ansprüche überhaupt sind. Wobei ich sagen möchte, dass mir das Wort 'Ansprüche' ganz und gar nicht gefällt, denn es klingt ganz schlimm nach DIN-Norm, nach einer Liste, die abgehakt wird.

Ansprüche sind so unflexibel in meiner Welt. Ich nenne es lieber Vorstellung, denn die kann nach Bedarf angepasst werden, so wie wenn ich mir ein blaues neues Auto in meiner Garage vorstelle und dann wird es doch ein weißes und es gefällt mir trotzdem super. Ihr wisst schon.

Wie ich mir meinen Partner vorstelle, habe ich ja schon angeschnitten. Ich denke, am wichtigsten von allen sind mir Respekt und Aufmerksamkeit. Für mich gibt es wohl kaum etwas Schöneres und Beeindruckenderes, als wenn ein Mann aufmerksam gegenüber meinen Wünschen und Aussagen ist, denn es zeigt, dass er mich hört, mich sieht. Und genau das ist es, was ich brauche.

Und wie stelle ich mir meine Beziehung vor? Ich stelle sie mir schön vor, harmonisch, liebevoll und auf Augenhöhe. In meiner Beziehung möchte ich reden können, über alles was mich bewegt, und dass mit mir geredet wird.

Offenheit und respektvoller Umgang miteinander dürfen nicht fehlen. So soll sie sein, die Beziehung, die ich mir vorstelle. Beim Gedanken daran freue ich mich schon darauf, und in meiner Welt soll das so sein.

Ja, aber ...

Da bin ich nun also und stelle mir diese schöne Beziehung vor, die ich mal haben werde. Für meinen Teil möchte ich mir schon mal dafür selber auf die Schulter klopfen, dass ich weiß, was ich will, und nicht nur, was ich nicht will. Bravo, Carrie!

Und dann kommt da das Paarmonster (ich nenne es Klaus) um die Ecke gewankt. Schnaufend setzt es sich neben mich, seufzt tief und sagt: „Carrie, Schatz, wir müssen reden!". Ein bisschen naiv sei diese Vorstellung von einer Beziehung ja schon.

Beziehungen sind nicht immer schön, nein ganz und gar nicht. Beziehungen sind schwierig, bedeuten viel Arbeit und Kompromisse, es sei nicht immer alles heiter Sonnenschein, ja wo kämen wir denn da hin?

"Wirklich?", frage ich, "das war mir nun ganz und gar nicht bewusst! Erzähl mir mehr!" Ich lerne, ich darf Abstriche machen. Das was ich da suche, gäbe es nicht. Das dürfe ich ruhig glauben, sagt Klaus, denn schließlich spräche ich hier mit jemandem, der im Gegensatz zu mir schon ein bisschen mehr Erfahrung auf diesem Gebiet habe.

Ja denkt er denn wirklich, ich sei so naiv anzunehmen, eine Beziehung sei eine nonstop Fahrt im Rosa-Wolken-Express?

Am Anfang, da sei alles wunderbar. Aber die Verliebtheit, die verschwindet (und das ist gewiss), und dann heißt es Arbeit, Arbeit, Arbeit. Man müsse eben viel wegstecken in einer Beziehung, Dinge tun, die man eigentlich nicht will, die aber sein müssen, wenn man die Beziehung behalten will.

Ein aufmerksamer Partner? Das sei Wunschdenken. Vielleicht zu Beginn, wenn die Wolken noch rosa sind, aber längerfristig? Come on! Einen Partner würde ich mit dieser Vorstellung nie finden, denn ich jage einem Traumbild hinterher, das es nicht gibt.

Ich müsse vorab schonmal ein paar Kompromisse eingehen, sonst werde das nicht klappen. „Das ist Liebe, meine kleine Carrie, jetzt weißt du es" sagt Klaus, schnaubt zufrieden, klopft mir nochmal mitfühlend auf die Schulter und zieht davon.

Halt Stop!

Das soll Liebe sein? Ich sehe Klaus erhobenen Hauptes von dannen ziehen, stolz darauf, einem naiven Mädchen ein Stück Wahrheit geschenkt zu haben. Ich bin gekränkt. Ja denkt er denn wirklich, ich sei so naiv anzunehmen, eine Beziehung sei eine nonstop Fahrt im Rosa-Wolken-Express?

Dass eine Beziehung auch bedeutet, dass ich Kompromisse eingehen darf, mich mit meinem Partner auseinandersetze und die ein oder andere Hürde gemeinsam mit ihm meistere, weiß ich doch. Ich bin zwar Single, aber nicht vollkommen realitätsfremd.

Doch warum soll ich mir meine zukünftige Beziehung denn, schon bevor ich sie habe, schwierig vorstellen? Was gibt es denn dann, auf das ich mich freuen kann? Klaus hat den Eindruck, als würde ich aus allen Wolken fallen, wenn ich mal mit meinem Partner streite, und ihn am besten gleich verlasse, weil ich mir eine Beziehung so nicht vorgestellt habe. Quatsch mit Soße!

Auch ich hatte schon Beziehungen und weiß, wie der Hase läuft. Nur bin ich mittlerweile glücklich genug mit mir selbst, dass ich nicht mehr bereit bin, so große Abstriche zu machen, dass ich am Ende nicht mehr glücklich bin, denn dann kann ich genauso gut weiterhin Single bleiben.

Eine Beziehung sollte mein Leben noch erfüllter, noch glücklicher machen, und nicht das Gegenteil. Ich finde das logisch. Über den Moment, in dem ich eine Beziehung führen würde, nur um nicht alleine zu sein, bin ich lange hinaus.

Mein Glück ist mir das höchste Gut, und drauf bin ich stolz. Wenn ein Mann kommt, der dieses Glück noch größer machen kann, dann ist es der, mit dem ich eine Beziehung eingehen möchte.

Ich gehe rüber zu Klaus, der auf einer Parkbank sitzt und in die Ferne starrt. "Bist du glücklich?" frage ich ihn. "Geht so" sagt er und lächelt. "Ich bin zufrieden ... besser als alleine zu sein." Ich setze mich neben ihn. "Siehst du, Klaus, das unterscheidet uns. Ich bin lieber glücklich als nur zufrieden."

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