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Psychologin: Gebt euren Kindern endlich die Möglichkeit, ihre angeborenen Fähigkeiten zu entwickeln

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHILD PLAYING
Marc Romanelli via Getty Images
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Ich habe gerade das Buch von Céline Alvarez "Les lois naturelles de l'enfant" (Die natürlichen Gesetze der Kindesentwicklung) gelesen. Und ich bin wirklich beeindruckt angesichts ihres starken Engagements, ihrer großen Aussagekraft und ihres Willens, das enorme Potential unserer Kinder zu belegen.

Dieses Potential ist unter der Voraussetzung gegeben, dass das Kind in einer Umgebung aufwächst, in der es sich als Individuum entfalten kann und in welcher die natürlichen Gesetze der Kindesentwicklung respektiert werden.

Ihre Worte bringen eine rebellische Geisteshaltung zum Ausdruck, die ich voll und ganz teile.

Es ist höchste Zeit, die Alarmglocken zu läuten!

Jeden Tag empfange ich in meiner Beratungspraxis Kinder, die in der Schule versagen, Lernschwierigkeiten haben, gestresst sind und weinen, weil sie nicht in die Schule gehen wollen.

Es ist an der Zeit, wie die Autorin sehr treffend bemerkt, "die Ärmel hochzukrempeln und sich dafür stark zu machen, dass diese einfachen Wahrheiten der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden, denn ignorieren wir sie, laufen wir alle Gefahr, vom Weg abzukommen".

Das Gehirn eines Kindes verfügt in seiner Grundstruktur über die zehnfache Anzahl von Verknüpfungen im Vergleich zum World Wide Web

Es gibt Beweise und Forschungsergebnisse, die belegen, dass das Gehirn über die Fähigkeit verfügt, Nervenverknüpfungen herzustellen.

Du denkst vielleicht, dass das World Wide Web über mehr Verknüpfungen als der menschliche Organismus verfügt? Da liegst du falsch.

Das Internet allein verfügt über ungefähr 100.000 Milliarden Hyperlinks, das Gehirn eines Erwachsenen hat die dreifache Anzahl von Verknüpfungen, nämlich 300.000 Milliarden. Und das Gehirn eines Kindes hat in dem Vergleich sogar die zehnfache Anzahl von Verknüpfungen, nämlich über eine Billiarde Verbindungen zwischen den Nervenzellen.

Was kann man also tun, um die Entwicklung der Neuronen zu fördern, die sich größtenteils zurückbilden, wenn sie während der ersten beiden Lebensjahre des Kindes keinen Reizen ausgesetzt werden?

Die Synapsen sollen stimuliert werden

Je früher die Synapsen des Säuglings bzw. des Kleinkindes stimuliert werden, "desto schneller, einfacher und spielerischer erfolgt der Lernprozess, zumal das Kind die Erfahrungen umsetzen kann, die es sich durch seine Intelligenz angeeignet hat."

"Wenn die Verknüpfungen nicht früh genug entstehen, geht der spätere Lernprozess des Kindes mit einer fortwährenden, wiederholten und zwingenden Anstrengung einher, weil die Synapsen des Gehirns viel weniger formbar sind".

Ein Säugling muss ab dem Zeitpunkt der Geburt Reizen ausgesetzt werden

Säuglinge und Kleinkinder müssen gefordert werden. "Im Grunde sind die ersten Umgebungen, in denen das Kleinkind aufwächst, ausschlaggebend für die Entwicklung seines Intelligenzpotentials und emotionalen Potentials."

Das bedeutet: Je öfter du deinem Baby ab dem Zeitpunkt der Geburt bzw. später deinem Kleinkind die Möglichkeit gibst, sich zu bewegen, die Welt mit allen Sinnen zu erforschen und alles anzufassen, je mehr du mit ihm sprichst und ihm zulächelst, je mehr es rennt, klettert, hüpft, singt, malt, mit seinen Händen formt, mit Papier bastelt, Origami faltet, zeichnet, tanzt, frei spielt, Musik macht, lacht, reist, schwimmt, Tiere und die Natur beobachtet, draußen spielt und Hütten im Wald baut oder sich einfach mal die Zeit nimmt, nichts zu tun und vor sich hinzuträumen, desto eher entwickelt dein Kind das, was Céline Alvarez "exekutive Kompetenzen" nennt und desto besser wird es allmählich auf das Lernen im Rahmen der Schule vorbereitet.

Sind diese Kompetenzen grundlegend entwickelt, kann sich das Kind Informationen merken, es kann sich organisieren, seine Gefühle kontrollieren und ausdrücken, Situationen analysieren, den Stress bewältigen, Fehler wahrnehmen und sie korrigieren, und es kann "situationsabhängig innovative Lösungen finden und Ausdauer unter Beweis stellen".

Kinder müssen diese Kompetenzen erst entwickeln

In der Tat bilden sich diese Kompetenzen nicht automatisch mit dem Älterwerden des Kindes heraus. Es ist wichtig zu wissen, dass "das Kind Aktivitäten braucht, genauso wie ein Schmetterling nach dem Nektar einer Blume sucht".

Wenn das Kind im frühen Alter nicht genügend Reize bekommen hat, wenn es sich nicht ausreichend bewegen konnte und nicht genügend Bewegungsvariationen erfahren hat, ist es weder auf der emotionalen noch auf der intellektuellen Ebene bereit, eingeschult zu werden.

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Lernkompetenzen sich nicht dadurch erwerben lassen, dass wir unseren Kindern Rechnen oder Lesen beibringen, sondern dass sich die Kompetenzen ab dem Zeitpunkt der Geburt durch Bewegung und sensorische Stimulation entwickeln.

children playing

"Die Forschung weist darauf hin, dass in diesen Phasen die Grundlagen für die Entwicklung und Verfeinerung der künftigen Kompetenzen des Kindes gelegt werden. Genau wie die Stabilität eines Hauses durch die Qualität des Fundaments bestimmt wird, legt das Kind durch diese formbaren Verknüpfungen den Grundstein für die Herausbildung seiner künftigen Fähigkeiten."

Einen weiteren Beweis liefert ein Bericht des Center on the developing child der Universität Harvard, in dem es heißt: "Für die Kinder ist es wichtiger, bei der Einschulung über eine solide Grundlage exekutiver Kompetenzen zu verfügen, als die Buchstaben und Zahlen zu kennen."

Kindergehirne brauchen Reize

Es wird deutlich, dass "eine Umgebung, die dem Kind wenig Reize bietet, dramatische Auswirkungen auf die Herausbildung des kindlichen Gehirns hat". Das Gehirn entwickelt sich auf der Grundlage dessen, was es empfängt. Wenn es keinen Input erhält, entwickelt es sich schlecht.

Die Autorin weist außerdem darauf hin, wie wichtig es ist, das eigenständige Handeln des Kindes zu fördern (Schnürsenkel binden, Dinge ordnen und zusammenlegen, putzen, Gartenarbeit machen, kochen), damit es lernt, Fehler zu machen und einen erneuten Versuch zu wagen. Als Eltern oder Erzieher sollte man keine Angst davor haben, dass das Kind fällt und sich weh tut oder dass es Fehler macht.

Mach ihm Mut und hilf ihm: "Dieser spontane Elan der Unabhängigkeit ist die äußere Manifestation einer inneren Reife, die viel Schöpferpotential hat und sich in schnellen Rhythmen bemerkbar macht."

Aus eigener Erfahrung würde ich sogar Folgendes hinzufügen: Lege das Kind während der ersten Zeit so lange wie möglich auf den Rücken, dann zunehmend auf den Bauch und gib ihm den Freiraum, sich eigenständig zu entwickeln. Freu dich nicht, falls dein Baby die Krabbelphase überspringt, denn dieses Stadium ist wichtig für die Entwicklung des Gehirns.

Jedes Kind entwickelt sich anders, aber zwinge dein Kind nicht dazu, zu laufen oder zu sitzen, wenn sein Körper noch nicht soweit ist.

Kinder brauchen Raum, um sich zu entfalten

Céline Alvarez schreibt am Ende ihres Buches: "Geben Sie den Kindern Zeit, sich Ihnen zu offenbaren. Ihre Ausstrahlung wird Sie überraschen. Ihre Kreativität, ihre Freude, ihre Liebe und Großzügigkeit sind überwältigend! Sobald ein Kind beginnt, sein Inneres, seine universellen menschlichen Eigenschaften und seine individuelle Einzigartigkeit zu entfalten, kommt es einem Sonnenaufgang gleich!"

"Wir müssen dem Kind lediglich den Raum geben, sich auszudrücken, und es mit tiefster Bewunderung und Respekt führen. Das menschliche Wesen wartet nicht, sein Potential muss jetzt freigesetzt werden und in voller Pracht erstrahlen."

Beim Lesen dieser letzten Zeilen fühle ich, wie mein Herz höher schlägt, da ich diese Überzeugung voll und ganz teile.

Ich hoffe, dass ich es meinerseits geschafft habe, dich davon zu überzeugen, dass dieses enorme Potential in jedem Kind steckt und dass es wichtig ist, das Potential ab dem frühen Alter zu stimulieren und es in den Lernprozess einzubeziehen, um das Kind zu motivieren und seine Kompetenzen so weit wie möglich zu entwickeln.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post Frankreich erschienen und wurde von Dr. Sirmula Halkiopoulou aus dem Französischen übersetzt.

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(lm)