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Dieses Urteil macht das Leben von Scheidungskindern noch schwerer

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DEPRESSED CHILD
fiorigianluigi via Getty Images
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Welche Eltern kennen das nicht? Die Kinder haben sich einen gehörigen Unsinn in den Kopf gesetzt und sind mit Argumenten einfach nicht zu erreichen?

Leider kommt das manchmal auch unter Erwachsenen vor - gerade beim Thema Scheidung. Der Bundesgerichtshof wollte dem offenbar gegensteuern und hat nun in einem Urteil eine nicht ganz unumstrittene Lösung gefunden.

Das Wechselmodell, bei dem die Betreuungszeiten der Kinder gleichmäßig auf Vater und Mutter aufgeteilt sind, soll künftig auch gegen den Willen eines Elternteils gerichtlich angeordnet werden können. Dieses Urteil trägt jedoch nicht gerade zu einer gesunden Kindesentwicklung bei - mehr noch, es kann sogar traumatisch enden.

Der Haken bei der Sache

Ich denk mir: Was soll's, ich bin nicht betroffen, mir tut es nicht weh. Früher oder später werdet ihr schon sehen, dass das nicht funktionieren kann. Aber in diesem Fall hat das Prinzip "Wer nicht hören will, muss fühlen" einen Haken:

Diejenigen, die nicht hören wollen, müssen später nicht fühlen. Es sind die Kinder die traumatisiert werden! Bis diese Folgen für die Gesellschaft spürbar werden, ist schon viel zu viel kaputt gegangen.

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Widersprüchlichkeit lässt hoffen

Außerdem zeigt die Widersprüchlichkeit des kürzlich veröffentlichten BGH-Urteils, dass noch gar nicht alles verloren ist. Im Gegenteil. Es ist nämlich nicht so, dass die Argumente nicht gehört werden, nein, sie sind einfach noch gar nicht angekommen.

Das ist auch verständlich, weil die Zeiten der Universalgelehrten schon lange vorbei sind und es unmöglich ist, im eigenen Fachbereich alles zu wissen - von gänzlich unverwandten Disziplinen ganz zu schweigen.

Die wichtigsten 10 Argumente

Nennt mich einen unverbesserlichen Optimisten, aber vielleicht gelangen diese 10 wichtigsten Argumente für ein Wechselmodell auf rein freiwilliger Basis an die richtige Adresse.

  1. "Kinder leiden nicht unter der Scheidung ihrer Eltern, sondern unter schlechten Beziehungen", sagt Remo Largo, renommierter Kinderarzt und Autor.
  2. Bei einem Wechselmodell per Gerichtsbeschluss sind sich die Eltern nicht einig. Das bedeutet für das Kind, regelmäßig eine Grenze zwischen zwei sich bekriegenden Feinden zu passieren und damit sind wir wieder bei Punkt 1.
  3. Residenzmodell heißt auch, dass das andere Elternteil, wenn alle damit einverstanden sind, mehrmals die Woche sein Kind sehen kann. Warum auch nicht? Wenn das nicht klappt, dann liegt es nicht am Modell, sondern an der Strittigkeit der Eltern und schon sind wir erneut bei Punkt 1.
  4. Kinder hat man nicht im Sinne von Besitz. Die Besonderheit der elterlichen Liebe liegt darin, dass man dem Kind alles gibt - nicht um es zu behalten, sondern damit es uns verlässt. (Psychologies.com = A) Eltern sind also nicht zwei Besitzer, die im Trennungsfall "logischerweise" ihre Hälfte des Kindes beanspruchen. Oder?! Wenn nun jemand vor Gericht seine Hälfte vom Kind beansprucht, stellt sich zumindest mir die Frage, ob er seine Aufgabe als Elternteil missverstanden hat.
  5. Mehr zum Thema: Warum Eltern Frühförderung vergessen sollten!

  6. Aus der Entwicklungspsychologie weiß man: Ein Baby hat zunächst keinen Bezug zu sich selbst. Es existiert nur im Bezug zu seiner Mutter - oder über die Person, die die Mutterfunktion erfüllt. Wenn die Mutter aus seinem Umfeld verschwindet, kann es sehr schnell das Gefühl bekommen, es wird sie nie wiedersehen. Für seine Verhältnisse gleicht eine Woche ohne Mutter einer Entwurzelung, denn das Kind verliert nicht nur die Mutter, sondern es verliert sich selbst. (A)
  7. Diese traumatischen Erfahrungen der Entwurzelung haben vor allem für kleine Kinder schwerwiegende Folgen, die sich in Angstzuständen, Identitätsproblemen, Schlafstörungen und/oder Aufmerksamkeitsdefiziten zeigen. (Bild der Wissenschaft =B)
  8. Erlebnisse, wie der Verlust der Mutter bzw. von sich selbst, sind eindeutig traumatisierend, haben sogar noch weitreichendere Folgen. Denn sie können das Erbgut umprogrammieren. Beispielsweise wird das FKBP5-Gen derart verändert, dass es überaktiv ist, wodurch die Produktion des Stress-Hormons Cortison auf Hochtouren läuft. Die Betroffenen befinden sich im Dauerstress - mit allen physiologischen und psychischen Konsequenzen. Das veränderte FKBP5-Gen wird an die Nachkommen weitergegeben, die ebenfalls - ohne selbst traumatisiert zu sein - vermehrt das Stress-Hormon Cortison ausschütten. (B)
  9. Traumatische Erlebnisse verringern sogar die Lebenserwartung. Denn die Schutzkappen am Ende der Erbinformation - die Telomere - verkürzen sich, wenn die Seele der Kinder leidet. Dadurch erhöht sich ihr Krankheitsrisiko, und ihre Lebenserwartung sinkt. Stress macht Kinder - genetisch gesehen - also zu Greisen, während ihr Körper noch im Wachsen ist (B).
  10. Auch bei der Entwicklung des Gehirns wurden nach traumatischen Erfahrungen in der Kindheit Veränderungen nachgewiesen: Der Mandelkern, der als Angstzentrum im Gehirn gilt, ist überaktiv und der Stirnlappen, der dieses Angstzentrum kontrollieren soll, verkleinert sich. Ein sensibles Angstzentrum und einen verkleinerten Gedächtnismotor findet man übrigens auch bei Patienten mit Depressionen, Schizophrenie und Borderline-Störung. (B) Das sollte uns zu denken geben!
  11. "Wesentlicher Aspekt ist zudem der vom Kind geäußerte Wille, dem mit steigendem Alter zunehmendes Gewicht beizumessen ist", ist in dem BGH-Urteil zu lesen. Was sich zunächst gut anhört, erweist sich bei genauerer Betrachtung als äußerst problematisch. Man weiß, dass Kinder oft meinen, sie seien an der Trennung ihre Eltern schuld, obwohl sie nichts dafür können. Man stelle sich die Schuldgefühl eines Kindes vor, das sagen muss: "Ich will nicht zur Hälfte bei meinem Vater leben oder andersrum?" Die Kinder nach ihrer Meinung zu fragen, ist nicht in ihrem Interesse und es ist sogar sehr brutal für sie. Es ist der Vorschlag von Erwachsenen, die übersehen (oder übersehen wollen), wie ein Kind tickt. Es ist also nicht Sache des Kindes zu sagen wo es hin will, gerade, weil es ein Kind ist! (A)

Mehr zum Thema: Elternzeit planen und vorbereiten: Das müssen Mütter und Väter wissen

Ich finde, das sind 10 Argumente, die man sich zu Herzen nehmen sollte, wenn man darüber nachdenkt, jemandem das Wechselmodell aufzuzwingen.

Das Unterschreiben der Petition "Wir protestieren gegen das BGH Urteil zum Wechselmodell!" ist eine Möglichkeit, sich klar zu positionieren.

Lesenswert:

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