BLOG

Umgang mit der Flüchtlingskrise: Konstruktive Debatte oder unendliche Schuldzuweisung?

27/02/2016 14:47 CET | Aktualisiert 27/02/2017 11:12 CET
dpa

Kürzlich erschien hier bei The Mig Post ein Artikel mit dem Titel "Es muss sich jetzt etwas ändern, damit Sachsen nicht die Schande Deutschlands bleibt". Der Beitrag beinhaltet ein Videostatement von Cihan Sügür, gleichzeitig Verfasser des Beitrags, zu den jüngsten Ereignissen in Sachsen.

Anlass zu diesem Videostatement gab unter anderem die Protestaktion in Clausnitz, bei der eine wütende Menschengruppe unter tosendem "Wir sind das Volk!"-Rufen gegen die Ankunft von Flüchtlingen in einer Unterkunft im Ort klagte. Dieser Beitrag und die Reaktionen darauf haben mich zum Nachdenken gebracht.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Wir brauchen Integrationskurse in #Sachsen, damit es nicht zum Schandfleck Deutschlands wird. Meine jüngste Videobotschaft. Freue mich, wenn sie euch gefällt.#strassenpolitiker #mundaufmachen #clausnitz

Posted by Cihan Sügür on Sonntag, 21. Februar 2016

Hören wir uns noch gegenseitig zu oder grölen wir nur noch?

Nachdenklich stimmt mich die Art und Weise, wie wir mittlerweile zum Thema Flüchtlinge in Deutschland und Europa gegeneinander kommunizieren und damit jegliche Grundlage für mögliche Lösungen verbauen. Man schaue sich nur die Kommentare direkt unter dem Video an.

Natürlich sind solche Aktionen wie sie in Clausnitz und anderswo in Sachsen, Deutschland, Österreich, Mazedonien, Griechenland, im Mittelmeer oder sonst wo in Europa im Zusammenhang mit Flüchtlingen geschehen absolut traurig. Nichtsdestotrotz wird es denjenigen, die Empathie mit Flüchtlingen empfinden und etwas an der aktuell miserablen Situation ändern möchten, nichts bringen, den gleichen Hass mit dem rechts gesinnte gegen Flüchtlinge vorgehen an den Tag zu legen.

Aktuell befinden wir uns meiner Beobachtung nach in einem Teufelskreis, der eine immer größere Kluft zwischen zwei Parteien reißt.

Nämlich zwischen denjenigen, die die Hilfesuchenden Flüchtlinge unterstützen wollen und jenen Leuten, die gegen die Zuwanderung dieser sind. Gutmenschen gegen besorgte Bürger. Vaterlandsverräter gegen braunen Mob.

Cihan Sügürs Videostatement und die Reaktionen darauf zeigen mir, dass selbst jene Leute, die dem gegenwärtig weit verbreiteten Hass fremdenfeindlicher Menschen entgegenwirken möchten, oftmals selbst zu Hass und verbalen Angriffen greifen.

Cihan Sügürs Forderung basierend auf der Protestaktion des "rechten, braunen und wütenden Mobs" in Clausnitz: Integrationskurse für in Sachsen lebende Menschen, damit Sachsen nicht der "Schandfleck" Deutschlands wird.

Hierzu ein befürwortender Kommentar auf der Facebookseite von The Mig Post:

Solche Menschen sind nicht gesellschaftsfähig! Solche Menschen müssten verurteilt werden das Doppelte ihrer angerichteten Schäden als Zwangsarbeit über Jahrzehnte ohne Lohn wieder aufzubauen. Und zwar nicht in einer JVA unsichtbar für die Außenwelt "Weintüten kleben/Schrauben sortieren" ...NEIN öffentlich als 50cent-Kräfte das Doppelte ihres Zerstörungsvolumina wieder aufbauen. Darüber hinaus wird ihr gesamtes Eigentum/Vermögen staatlich beschlagnahmt. Und wenn es bis Renteneintritt geht...Eine Schande für ein Land, welches sich als "Motor Europas" darstellt! o tempora o mores !!!!!! Und man bedenke viele der Häuser im Osten wurden durch den Solidarpakt 1+2/ Wohnungsbau finanziert! Dafür wurden im Westen Gelder zurückgefahren...damit "der Osten blühen möge"...heute brennt er lichterloh.... Das ist NICHT "das Volk", sondern "VANDALISMUS" gepaart mit Respektlosigkeit vor dem Eigentum Anderer. Wie soll man den Menschen, die im Niedriglohnsektor solche Objekte auf-/ausbauen-instandhalten-renovieren-sanieren etc. solch ein Verhalten erklären? Kleiner Exkurs aus dem Grundgesetz: Artikel 01 (1;2) - Artikel 02 - Artikel 03 (1): wer das als deutscher Staatsbürger nicht kapiert, der hat sich klar und deutlich gegen ein gesellschaftliches Miteinander zum Wohle Aller gestellt. Artikel 14 Grundgesetz (3) ivm Artikel 18 Grundgesetz erlaubt die Beschneidung der Grundrechte bei Verstoß! Nach fast über 13.846 einschlägigen Delikten aus 2015 darf dies ggf. mal geprüft werden. Ex iniuria ius non oritur......

Nicht gesellschaftsfähig. Müssen verurteilt werden. Zwangsarbeit. Eigentum/Vermögen staatlich beschlagnahmen.

Eines Vorweg, damit an dieser Stelle keine Missverständnisse entstehen: Ich kann absolut nachempfinden, wie solche Statements und Forderungen entstehen. Ich bin absolut entsetzt und traurig darüber, was Menschen, die aus dem Krieg flüchten hierzulande gerade durchmachen müssen. Soviel steht fest.

Und woran es auch nichts zu rütteln gibt, ist, dass jene Leute, die anderen Menschen in welcher Form auch immer, Schaden zufügen entsprechende rechtliche Konsequenzen erfahren müssen. In dieser Hinsicht vertraue ich und verlasse ich mich auf den deutschen Rechtsstaat.

Auch bin ich eigentlich jemand, der gerne die Dinge beim Namen nennt. Trotzdem stelle ich mir die Frage, kommen wir mit dieser Form der Kommunikation weiter? Lässt sich ein fremdenfeindlicher Mensch, vom Unsinn seiner Weltanschauung überzeugen, indem ich ihm die Pest an den Hals wünsche? Oder entfernt man sich nicht dadurch nur noch weiter voneinander?

Gefährliche Gleichgültigkeit

Und was ist eigentlich mit all den Menschen in Deutschland, die sich absolut gar nicht für das Thema Flüchtlingsdebatte interessieren? Wir sollten nicht vergessen, dass es abseits des lauten politischen und gesellschaftlichen Getöses zwischen Flüchtlingsunterstützern und Flüchtlingsgegnern eine große Masse an Leuten gibt, denen das Thema auf gut deutsch gesagt am Arsch vorbei geht.

Ich spreche von jenen Leuten, die bei jedem neuen Beitrag über Flüchtlinge in ihrer Facebook Timeline genervt mit den Augen rollen. Jene Leute die sagen: "Boah bin ich froh, wenn das Thema endlich durch ist. Ich kann's nicht mehr hören!" Das sind die Leute, die mittlerweile aus Überdruss bei dem Thema gleich abschalten.

Deutschland und Europa haben mit der Flüchtlingskrise eine riesige Aufgabe zu stemmen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Flüchtlingsdebatte zu einem unendlich andauernden verbalen Schlagabtausch wird, bei dem sich eine Vielzahl von Menschen abwendet, statt zur Problemlösung beizutragen.

Dafür ist zwingend notwendig, dass wir, die etwas positives hinsichtlich der Flüchtlingskrise bewirken wollen, uns nicht zu einer verbalen Schlammschacht verleiten lassen. Gleichgültigkeit und Vernachlässigung können den Schaden der direkten Abneigung vergrößern, indem nichts unternommen wird.

Vielleicht bin ich aber auch nur der romantischen Vorstellung verfallen, dass wir alle noch die Möglichkeit haben, wie zivilisierte Menschen zu agieren und uns gegenseitig im Positiven zu bestärken. Ich hoffe diese Vorstellung bestätigt sich bald.

Auch auf HuffPost:

Thierse behauptet: Darum ist der Osten fremdenfeindlicher als der Westen

Lesenswert

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.