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Verschleppt, gefoltert und zum Islam gezwungen: Wie ich in Gefangenschaft der al Nusra-Terroristen geriet

06/10/2017 12:45 CEST | Aktualisiert 07/10/2017 11:08 CEST

Die Tür zur Unfreiheit dröhnt und bebt, bebt in den Angeln und dröhnt in meinem Kopf. Ein Stockbett, IKEA-Schränke und eine kleine Holzkiste, vermutlich für Kinderspielzeug: Das ist alles, was mir bleibt, als an diesem verfluchten 17. Februar die Türe ins Schloss fällt.

Oben im Video: Carl Campeau berichtet über seine Erfahrungen als Geisel von Islamisten

Was ich in dem Augenblick noch nicht weiß: Sechs Monate lang wird das meine Welt sein, nur kurz von kleinen Zwischenspielen unterbrochen. Sechs Monate, und ich habe noch keine Ahnung, dass ich so lange in dieser kleinen, muffigen Zelle mit den hässlich braun-gelben Wänden und dem fleckigen Fußboden bleiben werde.

Hätte ich es gewusst, wäre ich geschockt gewesen - oder froh darüber, dass ich nach sechs Monaten überhaupt noch am Leben sein würde? Und das alles nur wegen meines verdammten Trips nach Damaskus. (...)

Ursprünglich hatte ich ein gepanzertes Auto haben wollen und bereits Tage vor diesem Sonntag, dem 17. Februar, deswegen angefragt. Im Normalfall standen uns Zivilisten zwei Fahrzeuge dieses Typs zur Verfügung. Man hatte mir gesagt, dass einige philippinische Soldaten das Auto am Samstag zurückbringen würden.

Oft machten UNDOF-Mitarbeiter am Freitag nach der Arbeit Ausflüge in das israelische Gebiet der Golanhöhen, wo manche es vorzogen zu leben statt im Camp. Doch am Samstag war keiner der beiden Wagen da, und so beschloss ich, mit einem leichteren Fahrzeug und meiner kugelsicheren Weste zu fahren, die Erlaubnis dafür wurde mir ohne Zögern erteilt. (...)

Mehr zum Thema: Eine ehemalige ISIS-Geisel spricht über das Martyrium

Die Straße war alles andere als ein friedliches Idyll

Ich besuchte nur noch den diensthabenden Offizier, der für uns Zivilisten und unsere Sicherheit verantwortlich war. Ich fragte ihn, ob die Straße frei sei. Er antwortete: "Die Straße ist frei." Welche Straße ich meinte, das fragten weder er noch ich. Es gab zwei nach Damaskus. (...) Direkt nach dem Checkpoint bei Sasa bieten sich zwei Möglichkeiten an, nach Damaskus zu fahren.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, nicht die Hauptstraße zu nehmen, sondern eine kleinere, etwas verschlungenere. Doch irgendwie hatte ich nicht aufgepasst und befand mich plötzlich doch auf der Hauptstraße. Als ich das begriff, war ich schon am Beginn von Khan Al-Shih angelangt, an einem Checkpoint der syrischen Armee, direkt am Stadteingang.

Der Soldat, der hier Wache schob, erschien mir seltsam gestresst, fast ängstlich. Nun gut, die Straße hier war auch alles andere als ein friedliches Idyll, und Soldat der Assad-Armee zu sein nicht gerade der sicherste Job in diesen Zeiten. Aber so ängstlich? Oder wusste er etwas, was ich nicht wusste? (...)

Ich fuhr eine breitere, scharfe Kurve nach rechts, beschleunigte ein wenig um sie herum. Die Läden hier waren schon geschlossen, es sah leerer aus. Wenige Meter weiter vor mir befand sich ein altes syrisches Auto, vielleicht ein Sham. Ein älterer Mann war gerade dabei, den Kofferraum zu öffnen. Rechts neben dem Auto stand eine junge Frau, vielleicht seine Tochter, mit einem Kopftuch. Auf beide waren Gewehre gerichtet.

Ich war direkt in einen Überfall geraten.

Ich sollte aussteigen und mich auf den Boden legen

Vielleicht hätte ich in diesem Augenblick mit einem gepanzerten Wagen entkommen können. So aber konnte ich nicht einfach wenden, ohne zu riskieren, dass Kugeln mein Gefährt durchdrangen. Denn in dem Augenblick, als ich um die Kurve kam und hart bremste, zielten die Männer nicht mehr auf den Mann und seine Tochter, sondern auf mich und mein Auto. Zwei mit langen, dicht wuchernden Bärten rannten sofort auf mich zu und gestikulierten wild.

Ihr arabisches Geschrei konnte ich nicht verstehen, aber ihre Zeichen waren eindeutig: Ich sollte aussteigen und mich auf den Boden legen. Ich handelte instinktiv und fingerte vierhundert Dollar heraus, die ich in meinem Mantel hatte. Ich hielt sie den zwei Bewaffneten hin und hoffte inständig, dass sie einfach nur Straßenräuber wären, die sich damit zufrieden gäben. Aber

sie waren keine Straßenräuber.

Und mit dem Geld gaben sie sich, wie es schien, auch nicht zufrieden. Ich bewegte mich keinen Millimeter. Einerseits war ich erstarrt, andererseits rasten meine Gedanken. Hatte ich etwas übersehen? Hätte ich auf meine Frau hören sollen? Es gab noch viele andere Blitze, die durch meinen Kopf schossen, aber nicht greifbar waren. Der eine Mann, er trug Militärkleidung, und sein Gesicht war verhüllt, drehte sein Gewehr um und machte eine Bewegung, als ob er mich durchs offene Fenster hindurch mit dem Schaft erschlagen wollte.

Der andere, im Anzug, ohne Krawatte und das Gesicht unverhüllt, dessen Spitznamen Osama ich später noch zu Genüge hören sollte, stoppte ihn gerade noch. Ich zuckte zurück, obwohl er mich nicht getroffen hatte. Ich versuchte keinen Zweifel daran zu lassen, dass ich mich nicht wehren und auch nicht versuchen wollte, zu fliehen. Ansonsten, so viel war mir klar, würde ich hier nicht irgendeine Geldsumme zurücklassen, sondern mein Leben.

Ich tat nichts und hoffte einfach nur: Im besten Fall würden sie mir alles abnehmen und mich laufen lassen. Doch auch das war nicht der Fall. Der verhüllte Mann packte mich und zwang mich auszusteigen. Er zerrte mich hinten um meinen Wagen herum und stieß mich auf den Rücksitz auf der rechten Seite. Ich hatte keine Ahnung, was das sollte. Vielleicht war er selbst

nervös oder einfach nur ungeschickt.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

Mein Leben, das begriff ich auf einmal,

war nicht einmal mehr einen Dollar wert

Er stieß mich noch einmal, und ich kauerte hinter dem Fahrersitz. Ich ließ alles über mich ergehen. Ich spürte mein Adrenalin am Anschlag, mein Puls war am Explodieren, und ich versuchte mit allen mentalen Techniken, die ich erlernt hatte, runterzukommen. Keine Chance.

Die Spannung war an der Oberkante und bei den Wegelagerern vielleicht sogar noch höher als bei mir. Der vermummte Gangster saß neben mir, die Mündung seiner Waffe in meinen Rippen. Mein Leben, das begriff ich auf einmal, war nicht einmal mehr einen Dollar wert. Falls überhaupt so viel. (...)

Ich konnte nicht sehen, wohin wir fuhren, weil mir der Vermummte neben mir immer wieder auf den Nacken schlug; mein Kopf sollte unten bleiben. Sie wollten nicht, dass ich den Weg erkennen konnte, und auch nicht, dass man sah, dass sie in dem großen Auto mit UN-Abzeichen auch noch einen Westler hatten, ganz offensichtlich ein Entführungsopfer.

Die Fahrt war hektisch, immer wieder bogen wir ab, jedoch dauerte es nicht lang, höchstens zehn Minuten. Mein Bewacher gab offensichtlich die Richtung vor, er schien sich besser auszukennen als Osama. Ich sollte ihn später nicht mehr oft sehen, er wurde im Gefecht getötet. Jetzt aber war er der Mann, der mich mit in die Hölle nahm.

Ich habe später viele, viele Momente durchlitten, in denen ich bereute, in denen ich mich dafür verfluchte, dass ich nicht versucht hatte, mich während dieser kurzen Fahrt zu befreien. Es waren doch nur zwei Leute gewesen, und einer davon saß sogar am Steuer. Was wäre passiert, wenn ich die Waffe des Vermummten einfach weggestoßen und sie ihm dann entwendet hätte?

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Wenn ich ihn damit niedergeschlagen und auf den Fahrer geschossen hätte? (...) Die kurze Höllenfahrt durch verwinkelte Gassen von Khan Al-Shih endete, als wir an einer Villa ankamen. Eine Gruppe von Männern, die am Boden saßen, jubelte, als wir auf das Gelände fuhren. Sie hatten ganz offensichtlich das Gebäude besetzt und waren außer sich, als sie das UN-Auto sahen. Man stieß mich aus dem Wagen, meinen Nacken noch immer nach unten gedrückt.

Ich fühlte mich wie ein Opferlamm, nur dass das wenigstens erhobenen Hauptes zur Schlachtbank geführt wird. So stelle ich es mir zumindest vor. Ich blickte auf die Schuhe oder Füße vor mir und zählte ungefähr fünfundzwanzig Männer. Mir war klar, dass es sich hierbei nicht um gewöhnliche Kleinkriminelle handelte. (...)

Es hätte nicht schlimmer kommen können

Ich betrat es, stieg einige Stufen nach oben und wurde in einen Raum gebracht, der mir das Badezimmer oder eine Toilette zu sein schien, jedenfalls hörte ich Wasser tropfen. Sie rissen mir meine kugelsichere Weste herunter und meine teure Uhr, sie nahmen mir mein Geld und meinen UN-Reisepass ab. Dann musste ich meine Hosen herunterlassen. Sie durchsuchten mich, fanden aber anscheinend nichts mehr, was sie beunruhigte. Sie setzten mich auf einen Stuhl und schlossen die Tür und drehten den Schlüssel um. (...)

Eine halbe Stunde saß ich dort, umhüllt vom Dunkel und der Angst. Dann kamen meine Entführer zurück und schleppten mich aus dem Raum in einen anderen. In den Raum mit den IKEA-Schränken und dem Stockbett, aber das konnte ich in diesem Moment noch nicht sehen. Ich musste mich auf das untere Bett setzen, während die Männer am Schloss der Tür herumfingerten, sie schienen etwas auszuprobieren.

Dann hörte ich Geschleife und Geziehe, als ob schwere Möbel verrückt wurden. Dann sagte eine Stimme, relativ nahe an meinem Kopf: "Osama bin Laden oder Baschar al-Assad?" Ich zuckte zusammen, weil die Stimme so nah war. Vom Akzent her war der Mann nicht von hier, ein Ausländer, vielleicht Pakistani. Aber was wollte er? Wollte er wissen, auf welcher Seite ich stand?

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Ob ich für Regimeführer Assad war oder doch für den Terrorfürsten bin Laden? Wunderbare Alternativen. Vor allem schien damit klar, dass die Männer Dschihadisten und Anhänger oder Verbündete Al-Qaidas waren, denn für Assad waren sie sicher nicht. Es hätte nicht schlimmer kommen können.

Die Frage hing noch in der Luft, als man meine Augenbinde herunterriss. Als meine Sicht etwas klarer wurde, bemerkte ich, dass vor das Fenster zwei schwere Schränke geschoben worden waren. Damit war ich sogar vom Tageslicht abgeschnitten. Vor mir eine ganze Gruppe von Männern in Kampfanzügen und mit Waffen. Einer der Männer setzte sich neben mich, seine Kalaschnikow auf dem Knie.

"Don't worry", knarzte er. "Keine Sorge." Lustig. Der Mann schnarrte weiter, erzählte, er habe mich schon einmal gesehen, bei dem Dorf Jabatha auf den Golanhöhen, dort hatte die UNDOF einen Beobachtungsposten. Das konnte sogar stimmen, ich hatte dort öfter eine Einsatzgruppe angeführt, die Bewohnern medizinische Hilfe brachte.

Doch warum war er dort gewesen? Es wurde immer unheimlicher. Die Gruppe verschwand, und die Tür fiel ins Schloss, dröhnend.

Der Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Meine Seele kriegt ihr nie" von Carl Campeau.

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