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Verschleppt, gefoltert und zum Islam gezwungen: Wie ich in Gefangenschaft der al Nusra-Terroristen geriet

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Die T├╝r zur Unfreiheit dr├Âhnt und bebt, bebt in den Angeln und dr├Âhnt in meinem Kopf. Ein Stockbett, IKEA-Schr├Ąnke und eine kleine Holzkiste, vermutlich f├╝r Kinderspielzeug: Das ist alles, was mir bleibt, als an diesem verfluchten 17. Februar die T├╝re ins Schloss f├Ąllt.

Oben im Video: Carl Campeau berichtet ├╝ber seine Erfahrungen als Geisel von Islamisten

Was ich in dem Augenblick noch nicht wei├č: Sechs Monate lang wird das meine Welt sein, nur kurz von kleinen Zwischenspielen unterbrochen. Sechs Monate, und ich habe noch keine Ahnung, dass ich so lange in dieser kleinen, muffigen Zelle mit den h├Ąsslich braun-gelben W├Ąnden und dem fleckigen Fu├čboden bleiben werde.

H├Ątte ich es gewusst, w├Ąre ich geschockt gewesen - oder froh dar├╝ber, dass ich nach sechs Monaten ├╝berhaupt noch am Leben sein w├╝rde? Und das alles nur wegen meines verdammten Trips nach Damaskus. (...)

Urspr├╝nglich hatte ich ein gepanzertes Auto haben wollen und bereits Tage vor diesem Sonntag, dem 17. Februar, deswegen angefragt. Im Normalfall standen uns Zivilisten zwei Fahrzeuge dieses Typs zur Verf├╝gung. Man hatte mir gesagt, dass einige philippinische Soldaten das Auto am Samstag zur├╝ckbringen w├╝rden.

Oft machten UNDOF-Mitarbeiter am Freitag nach der Arbeit Ausfl├╝ge in das israelische Gebiet der Golanh├Âhen, wo manche es vorzogen zu leben statt im Camp. Doch am Samstag war keiner der beiden Wagen da, und so beschloss ich, mit einem leichteren Fahrzeug und meiner kugelsicheren Weste zu fahren, die Erlaubnis daf├╝r wurde mir ohne Z├Âgern erteilt. (...)

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Die Stra├če war alles andere als ein friedliches Idyll

Ich besuchte nur noch den diensthabenden Offizier, der f├╝r uns Zivilisten und unsere Sicherheit verantwortlich war. Ich fragte ihn, ob die Stra├če frei sei. Er antwortete: "Die Stra├če ist frei." Welche Stra├če ich meinte, das fragten weder er noch ich. Es gab zwei nach Damaskus. (...) Direkt nach dem Checkpoint bei Sasa bieten sich zwei M├Âglichkeiten an, nach Damaskus zu fahren.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, nicht die Hauptstra├če zu nehmen, sondern eine kleinere, etwas verschlungenere. Doch irgendwie hatte ich nicht aufgepasst und befand mich pl├Âtzlich doch auf der Hauptstra├če. Als ich das begriff, war ich schon am Beginn von Khan Al-Shih angelangt, an einem Checkpoint der syrischen Armee, direkt am Stadteingang.

Der Soldat, der hier Wache schob, erschien mir seltsam gestresst, fast ├Ąngstlich. Nun gut, die Stra├če hier war auch alles andere als ein friedliches Idyll, und Soldat der Assad-Armee zu sein nicht gerade der sicherste Job in diesen Zeiten. Aber so ├Ąngstlich? Oder wusste er etwas, was ich nicht wusste? (...)

Ich fuhr eine breitere, scharfe Kurve nach rechts, beschleunigte ein wenig um sie herum. Die L├Ąden hier waren schon geschlossen, es sah leerer aus. Wenige Meter weiter vor mir befand sich ein altes syrisches Auto, vielleicht ein Sham. Ein ├Ąlterer Mann war gerade dabei, den Kofferraum zu ├Âffnen. Rechts neben dem Auto stand eine junge Frau, vielleicht seine Tochter, mit einem Kopftuch. Auf beide waren Gewehre gerichtet.

Ich war direkt in einen ├ťberfall geraten.

Ich sollte aussteigen und mich auf den Boden legen

Vielleicht h├Ątte ich in diesem Augenblick mit einem gepanzerten Wagen entkommen k├Ânnen. So aber konnte ich nicht einfach wenden, ohne zu riskieren, dass Kugeln mein Gef├Ąhrt durchdrangen. Denn in dem Augenblick, als ich um die Kurve kam und hart bremste, zielten die M├Ąnner nicht mehr auf den Mann und seine Tochter, sondern auf mich und mein Auto. Zwei mit langen, dicht wuchernden B├Ąrten rannten sofort auf mich zu und gestikulierten wild.

Ihr arabisches Geschrei konnte ich nicht verstehen, aber ihre Zeichen waren eindeutig: Ich sollte aussteigen und mich auf den Boden legen. Ich handelte instinktiv und fingerte vierhundert Dollar heraus, die ich in meinem Mantel hatte. Ich hielt sie den zwei Bewaffneten hin und hoffte inst├Ąndig, dass sie einfach nur Stra├čenr├Ąuber w├Ąren, die sich damit zufrieden g├Ąben. Aber
sie waren keine Stra├čenr├Ąuber.

Und mit dem Geld gaben sie sich, wie es schien, auch nicht zufrieden. Ich bewegte mich keinen Millimeter. Einerseits war ich erstarrt, andererseits rasten meine Gedanken. Hatte ich etwas ├╝bersehen? H├Ątte ich auf meine Frau h├Âren sollen? Es gab noch viele andere Blitze, die durch meinen Kopf schossen, aber nicht greifbar waren. Der eine Mann, er trug Milit├Ąrkleidung, und sein Gesicht war verh├╝llt, drehte sein Gewehr um und machte eine Bewegung, als ob er mich durchs offene Fenster hindurch mit dem Schaft erschlagen wollte.

Der andere, im Anzug, ohne Krawatte und das Gesicht unverh├╝llt, dessen Spitznamen Osama ich sp├Ąter noch zu Gen├╝ge h├Âren sollte, stoppte ihn gerade noch. Ich zuckte zur├╝ck, obwohl er mich nicht getroffen hatte. Ich versuchte keinen Zweifel daran zu lassen, dass ich mich nicht wehren und auch nicht versuchen wollte, zu fliehen. Ansonsten, so viel war mir klar, w├╝rde ich hier nicht irgendeine Geldsumme zur├╝cklassen, sondern mein Leben.

Ich tat nichts und hoffte einfach nur: Im besten Fall w├╝rden sie mir alles abnehmen und mich laufen lassen. Doch auch das war nicht der Fall. Der verh├╝llte Mann packte mich und zwang mich auszusteigen. Er zerrte mich hinten um meinen Wagen herum und stie├č mich auf den R├╝cksitz auf der rechten Seite. Ich hatte keine Ahnung, was das sollte. Vielleicht war er selbst
nerv├Âs oder einfach nur ungeschickt.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr f├╝r alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur ├╝ber sie geredet wird.

Mein Leben, das begriff ich auf einmal, war nicht einmal mehr einen Dollar wert

Er stie├č mich noch einmal, und ich kauerte hinter dem Fahrersitz. Ich lie├č alles ├╝ber mich ergehen. Ich sp├╝rte mein Adrenalin am Anschlag, mein Puls war am Explodieren, und ich versuchte mit allen mentalen Techniken, die ich erlernt hatte, runterzukommen. Keine Chance.

Die Spannung war an der Oberkante und bei den Wegelagerern vielleicht sogar noch h├Âher als bei mir. Der vermummte Gangster sa├č neben mir, die M├╝ndung seiner Waffe in meinen Rippen. Mein Leben, das begriff ich auf einmal, war nicht einmal mehr einen Dollar wert. Falls ├╝berhaupt so viel. (...)

Ich konnte nicht sehen, wohin wir fuhren, weil mir der Vermummte neben mir immer wieder auf den Nacken schlug; mein Kopf sollte unten bleiben. Sie wollten nicht, dass ich den Weg erkennen konnte, und auch nicht, dass man sah, dass sie in dem gro├čen Auto mit UN-Abzeichen auch noch einen Westler hatten, ganz offensichtlich ein Entf├╝hrungsopfer.

Die Fahrt war hektisch, immer wieder bogen wir ab, jedoch dauerte es nicht lang, h├Âchstens zehn Minuten. Mein Bewacher gab offensichtlich die Richtung vor, er schien sich besser auszukennen als Osama. Ich sollte ihn sp├Ąter nicht mehr oft sehen, er wurde im Gefecht get├Âtet. Jetzt aber war er der Mann, der mich mit in die H├Âlle nahm.

Ich habe sp├Ąter viele, viele Momente durchlitten, in denen ich bereute, in denen ich mich daf├╝r verfluchte, dass ich nicht versucht hatte, mich w├Ąhrend dieser kurzen Fahrt zu befreien. Es waren doch nur zwei Leute gewesen, und einer davon sa├č sogar am Steuer. Was w├Ąre passiert, wenn ich die Waffe des Vermummten einfach weggesto├čen und sie ihm dann entwendet h├Ątte?

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Wenn ich ihn damit niedergeschlagen und auf den Fahrer geschossen h├Ątte? (...) Die kurze H├Âllenfahrt durch verwinkelte Gassen von Khan Al-Shih endete, als wir an einer Villa ankamen. Eine Gruppe von M├Ąnnern, die am Boden sa├čen, jubelte, als wir auf das Gel├Ąnde fuhren. Sie hatten ganz offensichtlich das Geb├Ąude besetzt und waren au├čer sich, als sie das UN-Auto sahen. Man stie├č mich aus dem Wagen, meinen Nacken noch immer nach unten gedr├╝ckt.

Ich f├╝hlte mich wie ein Opferlamm, nur dass das wenigstens erhobenen Hauptes zur Schlachtbank gef├╝hrt wird. So stelle ich es mir zumindest vor. Ich blickte auf die Schuhe oder F├╝├če vor mir und z├Ąhlte ungef├Ąhr f├╝nfundzwanzig M├Ąnner. Mir war klar, dass es sich hierbei nicht um gew├Âhnliche Kleinkriminelle handelte. (...)

Es h├Ątte nicht schlimmer kommen k├Ânnen

Ich betrat es, stieg einige Stufen nach oben und wurde in einen Raum gebracht, der mir das Badezimmer oder eine Toilette zu sein schien, jedenfalls h├Ârte ich Wasser tropfen. Sie rissen mir meine kugelsichere Weste herunter und meine teure Uhr, sie nahmen mir mein Geld und meinen UN-Reisepass ab. Dann musste ich meine Hosen herunterlassen. Sie durchsuchten mich, fanden aber anscheinend nichts mehr, was sie beunruhigte. Sie setzten mich auf einen Stuhl und schlossen die T├╝r und drehten den Schl├╝ssel um. (...)

Eine halbe Stunde sa├č ich dort, umh├╝llt vom Dunkel und der Angst. Dann kamen meine Entf├╝hrer zur├╝ck und schleppten mich aus dem Raum in einen anderen. In den Raum mit den IKEA-Schr├Ąnken und dem Stockbett, aber das konnte ich in diesem Moment noch nicht sehen. Ich musste mich auf das untere Bett setzen, w├Ąhrend die M├Ąnner am Schloss der T├╝r herumfingerten, sie schienen etwas auszuprobieren.

Dann h├Ârte ich Geschleife und Geziehe, als ob schwere M├Âbel verr├╝ckt wurden. Dann sagte eine Stimme, relativ nahe an meinem Kopf: "Osama bin Laden oder Baschar al-Assad?" Ich zuckte zusammen, weil die Stimme so nah war. Vom Akzent her war der Mann nicht von hier, ein Ausl├Ąnder, vielleicht Pakistani. Aber was wollte er? Wollte er wissen, auf welcher Seite ich stand?

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Ob ich f├╝r Regimef├╝hrer Assad war oder doch f├╝r den Terrorf├╝rsten bin Laden? Wunderbare Alternativen. Vor allem schien damit klar, dass die M├Ąnner Dschihadisten und Anh├Ąnger oder Verb├╝ndete Al-Qaidas waren, denn f├╝r Assad waren sie sicher nicht. Es h├Ątte nicht schlimmer kommen k├Ânnen.

Die Frage hing noch in der Luft, als man meine Augenbinde herunterriss. Als meine Sicht etwas klarer wurde, bemerkte ich, dass vor das Fenster zwei schwere Schr├Ąnke geschoben worden waren. Damit war ich sogar vom Tageslicht abgeschnitten. Vor mir eine ganze Gruppe von M├Ąnnern in Kampfanz├╝gen und mit Waffen. Einer der M├Ąnner setzte sich neben mich, seine Kalaschnikow auf dem Knie.

"Don't worry", knarzte er. "Keine Sorge." Lustig. Der Mann schnarrte weiter, erz├Ąhlte, er habe mich schon einmal gesehen, bei dem Dorf Jabatha auf den Golanh├Âhen, dort hatte die UNDOF einen Beobachtungsposten. Das konnte sogar stimmen, ich hatte dort ├Âfter eine Einsatzgruppe angef├╝hrt, die Bewohnern medizinische Hilfe brachte.

Doch warum war er dort gewesen? Es wurde immer unheimlicher. Die Gruppe verschwand, und die T├╝r fiel ins Schloss, dr├Âhnend.

Der Beitrag ist ein gek├╝rzter Auszug aus dem Buch "Meine Seele kriegt ihr nie" von Carl Campeau.

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