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Die verlorene Generation

22/02/2017 16:58 CET | Aktualisiert 24/02/2017 11:55 CET
zeynepogan via Getty Images

Am 19. Dezember im letzten Jahr geschah vor meiner Haustür eine unerwartete Tragödie. Ein psychisch gestörter Mensch nahm etlichen Menschen das Leben. Viele solcher Tragödien gelten als terroristische Taten, die in der aktuellen global-politischen Lage keine Überraschung sind.

Alle Taten sind furchtbar. Der einzige Unterschied ist, dass ich den Sirenen, Absperrungen, Tränen der Betroffenen und dem Blut auf der Straße nicht ausweichen konnte. Ich konnte nicht wie sonst immer von den Tagesthemen zu Big Bang Theory wechseln. Der Sender außerhalb meines Fensters war eine Dauerschleife.

Der Morgen nach der Verwundung war für mich persönlich eine Verwunderung. Skeptische Blicke trafen mich gehäuft. Anstatt wie zuvor nur von wenigen angestarrt zu werden, ist die Gewohnheit des Anstarrens mehr in die Mitte der Gesellschaft angelangt.

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Ich verstehe es nicht. Ich bin in Deutschland geboren. Ich denke auf Deutsch, rede auf Deutsch, träume auf Deutsch. Ich bin doch Deutsch. Allerdings sagten mir die Blicke etwas Anderes. Ich darf nicht Deutsch sein.

Die schwarzen Haare und die braune Haut wecken die Erinnerung an das Fahndungsfoto eines tunesischen Attentäters. Skeptische Blicke bestimmen nun vermehrt meinen Alltag. Die ungeschriebene Vereinbarung unseres Gesellschaftsvertrages wurde fristlos aufgelöst. Starren statt Lächeln. Murren statt Grüßen.

Ich bin ein Teil der verlorenen Generation

Nach den wiederholenden Reaktionen wurde es mir bewusst. Ich bin ein Teil der verlorenen Generation. Ich kann die Türkei nicht als Heimat sehen und leider darf ich Deutschland nicht als Heimat sehen. Ich stecke zwischen den Ländern im Mittelmeer ohne Möglichkeit auf Rettung fest.

Ich habe keine Statistik und keine Belege darüber, wie viele Menschen mich aufgrund meines Äußeren skeptisch anschauen. Täglich beweisen müssen, ein „guter Ausländer" zu sein, laugt jedoch aus. Natürlich stören mich auch die aktuellen Tendenzen im Einwanderungsland Deutschland.

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Die Flüchtlingspolitik und der Umgang mit kriminellen Gästen aus dem Ausland bewegen mich genauso und gehören ganz nach oben auf der politischen Agenda. Ja, es ist gesamtgesellschaftlich zu klären, wer in diesem Land eine Gefahr für den inneren Frieden ist und wer unsere Liberalität durch Ignoranz gefährdet. Sei es Ignoranz aus Seiten der rechten Strömungen oder auch Ignoranz aus Seiten sozialer Parteien.

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Mein Alltag hat sich nach den dramatischen Ereignissen verändert. Ich fühle mich verstärkt heimatlos. Die Wahrnehmung trifft nicht nur auf mich zu. Sie steht beispielhaft für viele unterschiedliche Menschen. Ein gemeinsames Miteinander sollte doch gar nicht so schwer sein.

Unsere kanadischen Freunde machen es vor. Die zwischenmenschliche Freundlichkeit der Kanadier ist ihre Grundlage für eine gesellschaftliche Harmonie. Wir brauchen auch mehr sichtbare Freundlichkeit.

Trauen Sie sich! Wir können gerne streiten, uns auseinandersetzen und Sie können mich gerne weiterhin anstarren- aber bitte mit einem Lächeln. Lassen Sie uns ein Zeichen setzen! Lassen Sie uns mehr lächeln statt starren und grüßen statt murren!

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