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Menschen starben wenige hundert Meter von dem Restaurant, in dem wir eingeschlossen waren

15/11/2015 15:51 CET | Aktualisiert 15/11/2016 11:12 CET
dpa

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PARIS - Ein Freitagabend in Paris. Ein Freitag, der 13., der uns alles andere als Glück brachte. Jeder sucht nach einer Gelegenheit, etwas essen zu gehen. Die Pariser sind in der Stadt unterwegs. Wie wir. Mein Ehemann und ich suchen nach einem Restaurant. Wir denken darüber nach, ins „Petit Cambodge" zu gehen, wo wir - wie viele andere auch - oft essen.

Dann kommen wir am „Bastille" vorbei. Es ist 21.00 Uhr. Wir halten kurz beim „Belle Equipe" an, an der Ecke zur Straße Faidherbe; die Terrasse ist brechend voll. Wir zögern: Zu viele Menschen. Ich denke innerlich, dass dieser Ort mir gefällt. Die Menschen auf der Terrasse rauchen und lachen laut. Es ist brechend voll.

Eine Stunde später werden diese Menschen erschossen!

"Es ist ein furchtbarer Anschlag passiert"

Letztendlich landen wir in einem kleinen Restaurant in der Straße St. Bernard, parallel zur Nachbarschaft St. Antoine. Alles ist prima. Um 22.00 Uhr erhält der Besitzer einen Anruf. „Ich muss das Restaurant schließen, nur wenige Meter von hier ist ein furchtbarer Anschlag passiert!"

Mein Körper beginnt zu zittern, ich verstehe nicht, was los ist. Ich bin wie versteinert, bis mein Ehemann schreit: „Eine blutüberströmte Frau ist eben auf der Straße vorbeigelaufen!" Mein Ehemann und der Besitzer des Restaurants bekommen Panik und eilen los, um die hölzernen Fensterläden des kleinen italienischen Restaurants zu schließen, und ich bleibe wie versteinert.

Von überall hören wir Sirenen und Schüsse auf der Straße. Es geht wieder los. Menschen klopfen an die Tür: sie bitten uns um Unterschlupf. Wir öffnen die Türen und lassen sie herein. Ungefähr zehn von uns kauern sich im Inneren dieses kleinen Restaurants zusammen. Ich gehe hinab in den Keller. Dort bleiben wir sechs Stunden lang.

Wir müssen alle Lichter ausschalten und ruhig sein. Im Dunkeln bei Kerzenschein versuchen wir, Becher mit hartem Alkohol hinunterzukippen, aber nichts scheint uns dabei helfen zu wollen, zu vergessen, dass wir nicht sicher sind - und dass wenige hundert Meter entfernt von uns soeben Menschen ums Leben gekommen sind.

Die Panik ergreift uns

Solch eine einladende Umgebung wird fremd und beängstigend. Ich fühle mich an diesem Ort gefangen, in der erdrückenden Enge des Ganzen. Handys funktionieren nicht sonderlich. Pariser in unserem Alter besuchen und durchstreifen diese Straßen eher. Jeder schickt uns Nachrichten: „Gib Bescheid, ob du sicher bist." Das war´s dann, sie haben gewonnen: Die Panik ergreift uns.

Ich hasse es, mich in meinem eigenen Land, meiner eigenen Stadt, nicht sicher zu fühlen. Meine Stadt ist binnen weniger Stunden ins Chaos verfallen - meine Stadt, in der unschuldige Menschen, die an einem Freitagabend auf der Terrasse eines Restaurants sitzen, erschossen wurden.

Wie sollen wir jetzt weiterleben?

Dieses Gefühl, dass es überall und jederzeit passieren könnte, auf irgendeiner Terrasse, in irgendeiner Nachbarschaft... Während ich mich bemühe, meine Familie in Südfrankreich zu beruhigen, versuchen wir, nach einer Lösung zu suchen, um nicht die ganze Nacht im Restaurant verbringen zu müssen.

Es ist Mitternacht. Ich habe solche Angst. Ich weiß nicht, was draußen passiert. Ich gehe vom Schlimmsten aus, von etwas, das schlimmer ist als das Schlimmste. Ich denke an meine Freunde.

Zusammengekauert im Keller erhalten wir diverse Nachrichtenfetzen, jeder beängstigender als der andere zuvor. Alle fangen an, Unsinn zu reden. Ich bitte meine Mutter, den Sender BFM anzuschalten, um herauszufinden, was direkt über unseren Köpfen passiert.

Überall Polizei - wir können nicht nach Hause

Ich denke, dass es sehr viel Zeit und Hilfe bedarf, damit wir wieder auf die Beine kommen und wieder lernen, normal in Paris zu leben. Um 1.00 Uhr nachts entscheiden wir, das Restaurant zu verlassen - angsterfüllt.

Im Radio und über unsere Handys hören wir, dass sie Angriffe auf die Bataclan-Konzerthalle starten. Wir entscheiden uns, zu gehen. Wir nehmen jede Einbahnstraße, um schneller voranzukommen und flüchten uns zum 500 Meter entfernt gelegenen Haus meines Cousins. Wir können nicht nach Hause zum Platz der Republik, denn dort ist überall Polizei.

Dieser Beitrag erschien im Original bei der HuffPost Frankreich. Er wurde ins Englische übersetzt und zum Zwecke der Verständnissicherung bearbeitet. Die englische Fassung erschien bei The HuffPost World und wurde von Ramona Biermann ins Deutsche übersetzt.

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