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Meine Freundin zeigte ihren Chef wegen Vergewaltigung an - der Prozess wurde zum Albtraum

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In der Woche vor Weihnachten hatte ich ziemlich viele festliche Dinge auf meiner To-Do-Liste stehen. Geschenke kaufen, den Baum schmücken, Familienbesuche vorbereiten. Aber ich tat nichts davon.

Stattdessen begleitete ich eine enge Freundin vor Gericht. Sie klagte gegen den Mann, der sie mutmaßlich vergewaltigt hat.

Gegen ihren Arbeitgeber John* lagen zehn Anzeigen wegen sexueller Straftaten von drei jungen Arbeitnehmerinnen vor. Die drei entschlossen sich dazu, auszusagen. Zwei von ihnen waren noch Teenager.

John bot meiner Freundin, einer wunderschönen 18-jährigen, gleich einen Job an. Sie hatte sich nicht einmal beworben - sie hatte nur zufällig einen Freund besucht, der im selben Gebäude arbeitete. Sie nahm das Angebot an - sie freute sich über diese Chance und die Aussicht darauf, ihren ersten richtigen Job zu beginnen und unabhängig von ihrer Familie zu sein.

Ihre Aussage begann meine Freundin mit der Schilderung, dass das Arbeitsverhältnis zunächst freundschaftlich war und dass sie ihren Chef als Vaterfigur betrachtete. Anfangs machte er ihr, aus ihrer Sicht, recht harmlose Komplimente über ihr Aussehen und ihre Figur.

18 Monate lang vergewaltigt

Nach einer Zeit aber waren die Komplimente unerwünscht, weil sie offensichtlich sexuell waren. Einmal sagte er zu ihr: "Ich wette, deine M***** sieht großartig aus unter diesem Rock." Die Situation eskalierte, als er seinen Penis aus seiner Hose holte und anfing, vor ihr zu masturbieren.

Meine Freundin saß Tag für Tag im Gerichtssaal und musste immer wieder detailreich erzählen, wie ihr Vertrauen missbraucht wurde, um sexuelle Handlungen von ihr zu erzwingen, wie sie manipuliert und schließlich vergewaltigt wurde von einem 30 Jahre älteren Mann, und das 18 Monate lang.

Die Situation eskalierte, als er seinen Penis aus seiner Hose holte und anfing, vor ihr zu masturbieren.

Sie musste ein bösartiges Kreuzverhör über sich ergehen lassen von dem Top-Anwalt ihres reichen Chefs, der versucht hat, sie und ihren Charakter zwei volle Tage lang auseinander zu nehmen. Er meinte, sie hätte ihren Chef verführt. Sie würde sich alles nur ausdenken.

Ihre sexuelle Beziehung bestünde im gegenseitigen Einverständnis. Sie wäre besessen von ihm - diesem Mann, der ihr Vater sein könnte - obwohl sie einen Freund hatte (mittlerweile ist er ihr Ehemann). Johns Anwalt meinte sogar, ihre Argumente wären von ihrer Geldgier getrieben und sie würde ihren Chef verklagen, weil er ihr kein extravagantes Apartment kaufen wollte.

Am Ende des zweiten Tages war meine Freundin so fertig, dass sie nicht mehr alleine zur Opferberatungsstelle gehen konnte.

Ich saß hinten im Gerichtssaal und erlebte alles mit. Ich hörte, wie der Angeklagte meinte, jede dieser drei, attraktiven jungen Opfer hätten dem sexuellen Kontakt mit ihm zugestimmt und ihn sogar gesucht. Es war zum Verrücktwerden. Am Weihnachtstag rief mich meine verzweifelte Freundin an, um mir das Urteil mitzuteilen. Nicht schuldig, außer in einem Fall, der eine andere Teenagerin involvierte.

Meine Freundin war verständlicherweise am Boden zerstört. Sie fragte sich, warum sie sich durch diese langjährige Tortur gequält hat, während sie an post-traumatischen Belastungsstörungen litt und versuchte, die kleinen Teile ihres zerbrochenen Lebens aufzusammeln, offensichtlich für nichts.

Mehr zum Thema: Ein offener Brief gegen die sprachliche Verharmlosung von sexueller Gewalt

Vor einer Woche wurde Johns Urteil verkündet. Der Richter hatte mitbekommen, dass er einen neuen Job in Aussicht hatte - aber nur unter der Bedingung einer Strafminderung. Also kam der Richter ihm entgegen und der Mann, der "mutmaßlich" meine Freundin und mehrere andere Frauen vergewaltigt hatte, kam mit einer Geldbuße von 5000 Dollar davon - Kleingeld für einen so reichen Mann wie ihn - und hatte sogar noch einen neuen Job in der Tasche.

Opfer haben Angst davor, über die Verbrechen, die ihnen angetan wurden, zu sprechen, weil sie eher ein schlechtes Licht auf sie werfen, als auf den Mann, der sie vergewaltigt hat.

Und hey, natürlich wollen sie nur Ruhm oder Aufmerksamkeit oder haben Spaß an einem langen Kampf vor Gericht, wo sie genüsslich immer und immer wieder die Details ihrer Vergewaltigung vor einem Raum voller Fremder erzählen dürfen, während es dem Verteidiger frei steht, sie auf aggressive Weise auseinander zu nehmen und ihnen einredet, am traumatischsten Erlebnis ihres Lebens selbst Schuld zu sein.

Facebook wollte ein Video von einer Gruppenvergewaltigung eines weinenden jungen Mädchens nicht löschen, weil es nicht gegen die Nutzungsregelungen verstoßen würde.

Diese jämmerlichen Männer greifen Frauen und Kinder mit absoluter Selbstsicherheit an und vergewaltigen sie, denn sie wissen, sie können ungestraft davon kommen. Auch, wenn sie Fotos vom Vergewaltigungsakt hochladen, die zeigen, wie ihre jugendlichen Opfer sich übergeben, können sie dem Gefängnis noch entkommen.

Facebook wollte ein Video von einer Gruppenvergewaltigung eines weinenden jungen Mädchens nicht löschen, weil es nicht gegen die Nutzungsregelungen verstoßen würde.

Eine regelrechte Vergewaltigungskultur

Vergewaltigungskultur ist, wenn ein Vergewaltiger zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt wird, obwohl sein junges Opfer Selbstmord begangen hat.

Es ist, wenn ein Mann angeklagt wird, weil er seine Tochter vergewaltigt und geschwängert hat und ohne Gefängnisstrafe davon kommt, weil er "ansonsten einen guten Charakter hat."

Mehr zum Thema: Weil er sie "bekehren" will: Vater vergewaltigt seine lesbische 16-jährige Tochter

Es ist, wenn einem 16-jährigen Opfer eine Gefängnisstrafe angedroht wird, weil sie die Namen ihrer Vergewaltiger getweetet hat, die zuvor Fotos der Tat ins Netz gestellt haben.

Es ist, wenn Hacker veröffentlichen, dass die Vergewaltiger von Steubenville eine längere Gefängnisstrafe absitzen müssen als die jungen Männer, die eine Schülerin vergewaltigt haben, während die Medien betonen, dass die Täter gute Studenten mit einer "vielversprechenden Zukunft" wären.

Es ist dieses System, dass minderjährige Opfer dafür beschuldigt, älter auszusehen oder sich reifer zu verhalten, als sie eigentlich sind, womit sie ihre erwachsenen Vergewaltiger offensichtlich anspornen.

Wir wissen doch alle, dass Frauen weniger wert sind als Wohnmobile.

Es ist ein Australier, dessen Urteil wegen der Vergewaltigung einer Frau aufgeschoben wird, der aber schließlich eine Gefängnisstrafe von drei Jahre erhält, weil er ein Wohnmobil gestohlen hat. Wir wissen doch alle, dass Frauen weniger wert sind als Wohnmobile. Ich könnte ewig so weiterreden.

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Ich wusste schon, dass das "Rechtssystem" kaputt war - dass Frauen sich selten trauten, sexuelle Gewalt zu melden, dass Anklagen selten zu einer Verurteilung führten, dass "nicht schuldig" nicht automatisch unschuldig heißt, sondern nur, dass die Schuld in einem Gerichtssaal nicht bewiesen werden konnte, und dass die meisten Vergewaltiger niemals ein Gefängnis von innen sehen werden, weil die Opfer sich nicht trauen, ihre Stimmen zu erheben.

Ich wusste all das schon seit Jahren, aber es war noch mal etwas anderes, meine Freundin in dieser Situation zu beobachten, während sie verzweifelt ihren Kopf in meinem Schoß bettete und ich ihre Haare streichelte, um sie zu trösten.

"Wir werden den Rest unseres Lebens Schmerzen, Ängste und psychische Folter erleiden müssen für das, was er uns angetan hat... wir müssen nun die kleinen Teile unseres zerbrochenen Lebens aufsammeln", sagte meine Freundin.

Und ich weiß nicht, was ich antworten soll.

*Name wurde geändert.

Dieser Text erschien ursprünglich auf Feminist Current.

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