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Von Freiheit und Frausein: Geständnisse einer Smoothie-Zicke

07/08/2015 10:31 CEST | Aktualisiert 07/08/2016 11:12 CEST

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Ich bin die Frau, die den Westen in den Abgrund treibt.

Ich bin das Phänomen, das "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner um den Schlaf bringt. Eine Smoothie trinkende, Hosen tragende, berufstätige Frau ohne Absicht, jemals ein Kind großzuziehen.

Als ich 20 Jahre alt war, habe ich junge, frische Eizellen an wohlhabende Paare mit verzweifeltem Kinderwunsch verkauft. Fünf Jahre später sind mindestens drei neue Leben auf der Welt, die meine DNA in sich tragen. Aber ich bin nicht ihre Mutter.

Ich lebe auf einem anderen Kontinent und folge meinen Träumen, die größtenteils daraus bestehen, ständig zu arbeiten, teuren Kaffee zu trinken und den Planeten zu erkunden. Ich habe die Schwangerschaft, das Gebären und die Erziehungsaufgabe delegiert und lebe unbekümmert weiter. Wagners Albtraum.

Wenn der Herr Kolumnist seine Beschwerden in Sachen Geburtenrate formuliert, tut er dies auf ungewohnt direkte Art und Weise - obwohl seine Argumente in schmalzigen Klischees verpackt sind.

Explizit nennt er weder die sozialpolitischen Stichworte vom Rentensystem und Generationenvertrag, noch bleibt er allzu lange bei den rechtspopulistischen Ängsten vor dem Aussterben des deutschen Volkes. Er kommt zum Punkt und widmet seine Kritik den Betroffenen - den Frauen, die sich weigern.

Und dennoch: Der Löwenteil seiner Tirade beschäftigt sich nicht mit den Frauen, die keine Kinder bekommen, sondern mit denjenigen, die doch Mütter werden und es danach wagen, ein ausgewogenes Leben zu führen.

Sie machen ehrgeizig Karriere, sie gehen diszipliniert ins Fitnessstudio, sie erheben Anspruch auf eine Identität jenseits der Fürsorgerrolle - und sie bekommen kein Lob für diese Akrobatenleistung, sondern Beschimpfungen. "Sie sind keine Mütter mehr", schlussfolgert der Kolumnist - weil sie wie Männer seien.

Schämen Sie sich, Herr Wagner.

Ich persönlich lasse seine Vorwürfe auf mir sitzen. Ich bin keine Mutter, obwohl ich mich fortgepflanzt habe. Das trifft zu. Ist objektiv egal, weil die Kinder trotzdem liebende, engagierte Mütter haben - aber das ist nicht der Punkt.

Mich entsetzt, dass er gerade den Frauen ihr Muttersein abspricht, die die Geburtswehen durchleiden, die Kinder nach jeweiliger Neigung und Aufgabenteilung erziehen, zur finanziellen Sicherheit der Familie beitragen und den Kleinen ein hervorragendes Beispiel von Fleiß und Leidenschaft vorleben. Hier ist sein Urteil ungerecht, widerlich und kontraproduktiv.

Ich habe übrigens eine Schwester, die als Meeresbiologin arbeitet, die Triathlon macht und Berge ersteigt, die mit ihrem Mann in jeder Hinsicht gleichgesetzt ist. Irgendwann wollen die beiden Kinder bekommen. Da prophezeie ich schon mal: Sie werden hervorragende Eltern sein.

Sie werden keine verwöhnten Prinzen großziehen, die dazu verleitet werden, ihre Mama als persönliche Sklavin zu betrachten, sondern kleine Menschen, die Unabhängigkeit lernen, die Vielfältigkeit des Lebens schätzen - Kinder, die wissen, dass alles erreichbar ist, wenn man oder frau sich anstrengt. Und eine Beleidigung wie "sie ist keine Mutter" ist bei solchen Powerfrauen unzulässig.

Im vielsagenden Interview mit einer "Welt"-Reporterin machte Wagner geltend, dass seine eigene Mutter mit ihm vor der Roten Armee geflohen und immer für ihn da gewesen sei. Er wünsche sich eine Frau wie sie.

Naja. Bei dieser Messlatte überrascht es nicht, dass seine Beziehungen mit Frauen nicht so ausgehen, wie er es sich vorstellt - insbesondere, weil er immerhin die Freiheit für sich selbst beansprucht. Lieber segeln oder Motorrad fahren zu gehen - kein Verbrechen. Aber da sollte er sich nicht wundern, dass auch manche Frauen lieber Spaß haben, als am Herd zu bleiben.

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Frauen sind keine Menschen zweiter Klasse

Die kinderlose Reporterin sei schon zum Teil eine schlechte Frau, so Wagner.

Sie regte sich verständlicherweise auf und fragte, was sie falsch gemacht habe, im Vergleich zu ihm. Aber gerade hier liegt das Problem: Er begreift offenbar nicht, dass Frauen keine Menschen zweiter Klasse sind, keine hirnlosen Wesen aus Männerrippe, keine Homo sapiens light.

Versteht nicht, oder will es nicht verstehen, dass der Uterus den Zweck des Lebens nicht definieren muss. Bei so einer Einstellung kommt man mit dem Vergleich nicht weiter.

Dabei ist das Konzept ganz einfach. Wie auch Männer mehr als Sperma zu bieten haben, können Frauen Dienste für die Gesellschaft erbringen, die mit dem Gebären nichts zu tun haben. Hätten Frauen wie Marie Curie, Ada Lovelace und Florence Nightingale ihre Talente, den scharfen Verstand, aufgrund ihres Geschlechts verkümmern lassen, wäre die Menschheit heute ärmer.

Die eigene Abwesenheit während der Kindheit seiner Tochter entschuldigte Wagner übrigens mit dem Verweis auf seine Karriere sowie der Erklärung, Männer hätten damals keine Kinderwagen vor sich geschoben. An der Vergangenheit festzuhalten, ist aber nicht zielführend.

Menschen in Schubladen zu stopfen, ist keine Lösung

Die Welt hat sich weiterentwickelt. Er verkennt die Tatsache, dass seine Traumwelt auch Männer unglücklich gemacht hat. Beziehungsweise, er gibt zu, die verpasste Gelegenheit bereut zu haben - zieht aber die falschen Konsequenzen daraus.

Er wolle nämlich die Frauen davor bewahren, die Fehler ihrer Väter zu machen und abwesend zu sein. Wie wäre es aber damit, wenn Frauen und Männer das Elternsein gleichberechtigt und kooperativ angehen und niemand dazu gezwungen wird, entweder das Leben der Kinder zu verpassen oder die eigenen Interessen aufzugeben?

Menschen in Schubladen zu stopfen, ist keine Lösung. Männern sollten wir die emotionalen Kompetenzen sowie die Chance auf enge Beziehungen zum Nachwuchs nicht absprechen. Frauen sollten wir die Ambitionen und Daseinsberechtigung als eigene Personen nicht leugnen. Wenn wir das Problem mit der Geburtenrate lösen wollen, ist es der falsche Ansatz, berufstätige Mütter anzugreifen.

Ich glaube, dass der gute Herr Wagner schlichtweg Angst vor starken Frauen hat. Er reagiert, wie die Biologie das bestimmt: Er will die Quelle der Angst beseitigen. Er wolle keine Hero-Frauen, erklärte er. Schade drum. Egal ob es ihm gefällt oder nicht, wir Frauen sind alle die Helden unserer eigenen Geschichten, wie jeder Mann auch. Wenn das Kinderkriegen zur individuellen Erzählung gehört, dann braucht keine Frau das Urteil eines Herrn Wagners darüber, ob sie es richtig macht.

Und weil er so nett fragt, ob diese Generation der "Smoothie-Zicken" glücklich ist, kann ich gerne berichten: Mir geht's blendend, vielen Dank. Vielleicht bin ich in seinen Augen eine schlechte Frau. Dafür aber ein vielseitiger, freier Mensch. Und das wird wohl ausreichen müssen.

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